{"id":11256,"date":"2021-02-07T19:48:55","date_gmt":"2021-02-07T19:48:55","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11256"},"modified":"2023-02-09T16:47:35","modified_gmt":"2023-02-09T15:47:35","slug":"apostelgeschichte-8-26-39-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/apostelgeschichte-8-26-39-3\/","title":{"rendered":"Apostelgeschichte 8, 26-39"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">6. Sonntag nach Trinitatis, 23. Juli 2006<br \/>\nPredigt zu Apostelgeschichte 8, 26-39, verfasst von Antje Marklein<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Manchmal setzt Gott alle Hebel in Bewegung, um Menschen ins Gespr\u00e4ch zu bringen. Manchmal w\u00e4hlt er ungew\u00f6hnliche Wege, damit wir einander begegnen.<br \/>\nH\u00f6ren wir aus der Apostelgeschichte die Geschichte von der Begegnung eines Finanzministers aus \u00c4thiopien mit dem Diakon Philippus,<\/p>\n<p>Der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach S\u00fcden auf die Stra\u00dfe, die von Jerusalem nach Gaza hinabf\u00fchrt und \u00f6de ist. Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Mann aus \u00c4thiopien, ein K\u00e4mmerer und M\u00e4chtiger am Hof der Kandake, der K\u00f6nigin von \u00c4thiopien, welcher ihren ganzen Schatz verwaltete, der war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten. Nun zog er wieder heim und sa\u00df auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja. Der Geist aber sprach zu Philippus: Geh hin und halte dich zu diesem Wagen! Da lief Philippus hin und h\u00f6rte, da\u00df er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest? Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen. Der Inhalt aber der Schrift, die er las, war dieser (Jesaja 53,7-8): \u00abWie ein Schaf, das zur Schlachtung gef\u00fchrt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufz\u00e4hlen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen.\u00bb Da antwortete der K\u00e4mmerer dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem? Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Wort der Schrift an und predigte ihm das Evangelium von Jesus. Und als sie auf der Stra\u00dfe dahinfuhren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der K\u00e4mmerer: Siehe, da ist Wasser; was hindert&#8217;s, da\u00df ich mich taufen lasse? Und er lie\u00df den Wagen halten, und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der K\u00e4mmerer, und er taufte ihn. Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entr\u00fcckte der Geist des Herrn den Philippus, und der K\u00e4mmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Stra\u00dfe fr\u00f6hlich.<\/p>\n<p>Manchmal w\u00e4hlt Gott ungew\u00f6hnliche Wege, damit wir einander begegnen.<br \/>\nEine ziemlich unwahrscheinliche Geschichte. Ein Afrikaner hat schon vom Evangelium geh\u00f6rt, bevor es nach Europa gekommen ist? Ein reicher Finanzminister betet und liest in der Bibel? Zuf\u00e4llig kommt ein Diakon vorbei? Und eine der seltenen Wasserstellen ist auch gerade am Weg. Eine ziemlich unwahrscheinliche Geschichte. Vielleicht ist sie deshalb so gut?<\/p>\n<p>Eine Begegnung auf dem Weg. Zwei Menschen auf der Suche. Der eine kommt ganz aus Afrika und sucht Antworten auf die Fragen des Lebens: \u201eWas soll ich glauben in dieser Welt? Was kann ich glauben?\u201c<br \/>\nDer andere kommt aus Jerusalem. Er ist einer der sieben ersten Diakone der christlichen Urgemeinde. Auch er auf der Suche. Er sucht Menschen. Er will erz\u00e4hlen von seinem Glauben. Von dem, was seit Pfingsten die Menschen erf\u00fcllt. Er will erz\u00e4hlen von dem, was sein Leben tr\u00e4gt.<br \/>\nEine Begegnung auf dem Weg.<br \/>\nZwei Fremde sto\u00dfen aufeinander, werden aneinander gewiesen:<br \/>\n\u201eVerstehst du, was du liest?\u201c<br \/>\n\u201eWie kann ich es verstehen, wenn mir es niemand erkl\u00e4rt? Sag mir: Meint der Prophet mit dem, der unschuldig verurteilt worden ist, sich selbst oder einen anderen Menschen?\u201c<br \/>\n\u201eEr meint Jesus Christus.\u201c<br \/>\nEine Begegnung auf dem Weg.<br \/>\nSie werden viel mehr geredet haben in ihrer Kutsche auf der staubigen Stra\u00dfe zwischen Jerusalem und Gaza. Weggef\u00e4hrten f\u00fcr eine kurze Zeit. Sie sind sich vorher nie begegnet und sicher danach auch nicht mehr. Fragen und Antworten. Aber vor allem dies: Zwei Menschen auf der Suche, die einander begegnen, wahrnehmen, ernstnehmen.<br \/>\nUnd dann die Taufe. Ein Ereignis auf dem Weg. Keine Kirche, kein Taufspruch, keine Kerze. Eine Wasserstelle am Weg. Er tauft ihn. Die Taufe besiegelt ihr Gespr\u00e4ch. Und beide geraten in Bewegung. Der eine verschwindet so r\u00e4tselhaft wie er gekommen war. Und der andere? Er zieht seine Stra\u00dfe fr\u00f6hlich. Und sein Leben sortiert sich neu.<\/p>\n<p>Eine Begegnung auf dem Weg, die Menschen ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte Ihnen von drei anderen Begegnungen auf dem Weg erz\u00e4hlen, Begegnungen von Menschen, die (auch) auf der Suche sind.<\/p>\n<p>Auf dem gro\u00dfen Sportplatz neben dem FIFA-Stadion treffen sich Feuerwehrleute der Berufsfeuerwehr und Notfallseelsorger. Sie verbringen Stunden miteinander in Bereitschaft f\u00fcr den Ernstfall. So ist viel Zeit zum Reden. Schnell beginnt der \u00fcbliche flapsige Schlagabtausch \u00fcber Kirche, \u00fcber Frommsein und Glauben. Die Sprache der Feuerwehr ist eine ganz eigene! Mit einem Mal sagt einer der Feuerwehrleute, ein \u00e4lterer, erfahrener, der schon viele Tote bergen musste: \u201eIch k\u00f6nnte das nicht, was ihr da macht, ihr Seelsorger. Das w\u00fcrde ich nicht \u00fcberstehen, den Schock, die Tr\u00e4nen, die Not. Ich glaub, ich w\u00fcrde zusammenbrechen.\u201c So oft arbeitet er an der Grenze zwischen Leben und Tod, und doch kann er das Leid und den Schmerz nicht ertragen. Der Bemerkung dieses Mannes folgt ein langes Gespr\u00e4ch \u00fcber Trauer und Trost, \u00fcber das, was tr\u00e4gt, wenn nichts mehr tr\u00e4gt. Die Sprachlosigkeit ist ein Thema, die Angst auch, das Falsche zu sagen; der Wille, Menschen da zu begegnen, wo das Schicksal sie gerade hingeworfen hat; der Wunsch, dazu beizutragen, dass es sie nicht v\u00f6llig aus der Bahn wirft. Glaube wird angesprochen und neu buchstabiert, elementar und griffig, f\u00fcr Feuerwehrmenschen eben. Es ist, als ob sich der Heiligen Geist in Feuerwehruniform unter uns gesellt hat. Eine Begegnung auf dem Weg. Menschen auf der Suche, die einander begegnen, wahrnehmen, ernst nehmen. Eine Begegnung, die etwas ver\u00e4ndert im Leben und Denken der Feuerwehrleute und der Notfallseelsorger. Und sie ziehen ihre Stra\u00dfe fr\u00f6hlich.<\/p>\n<p>Vor ein paar Wochen hatte ich die Gelegenheit, eine 5. Klasse durch unsere Kirche zu f\u00fchren. Der Lehrer erteilt in dieser Klasse einen kombinierten Unterricht aus Religion und Werte und Normen. Also waren nicht nur evangelische Kinder in der Klasse. Lange haben wir in einer Gruppe vor dem Altar gestanden; viele Fragen bewegten die Kinder. Einer fragte dann: Wenn ich jetzt eine Seite hier aus der Bibel rausrei\u00dfe, bestraft mich Gott dann? Erwartungsvoll wurde ich angeschaut. Ich holte weit aus, um die Begriffe Vergebung, Gerechtigkeit und Gnade zu erkl\u00e4ren, da unterbrach mich ungeduldig ein kleiner muslimischer Junge: \u201eBei uns ist das anders. Da gibt es richtig \u00c4rger und auch Strafen.\u201c Richtig stolz klang er, und sein klares Gottesbild hat mich beeindruckt. Im Gespr\u00e4ch dort am Altar haben wir dann versucht, dem nachzusp\u00fcren, was unsere unterschiedlichen Religionen uns bedeuten k\u00f6nnen, und auch, wie wir voneinander lernen und uns bereichern k\u00f6nnen mit der Vielfalt der Religionen. Gemeinsam haben wir dann Kerzen angez\u00fcndet in der kleinen Kapelle nebenan. Ich habe lange nicht eine solche Atmosph\u00e4re erlebt wie dort mit diesen vielen Kindern. Auch hier war wohl der Heilige Geist ganz nah, und hat dieser Begegnung auf dem Weg eine besondere Tiefe verliehen. Ich jedenfalls musste noch lange nachdenken \u00fcber die Worte des Jungen. Und einiges hat sich in meinem Denken neu sortiert. Eine Begegnung auf dem Weg. Menschen auf der Suche, Menschen die einander begegnen, wahrnehmen, ernstnehmen. Und sie ziehen ihre Stra\u00dfe fr\u00f6hlich.<\/p>\n<p>Im Krankenhaus auf der inneren Abteilung liegt eine 35-j\u00e4hrige Frau. Mehrmals schon wurde sie operiert, und immer wieder liegt sie hier, manchmal f\u00fcr Wochen. Auch jetzt ist sie wieder da, seit einer Woche schon. Heute kommt ein Neuzugang, eine 50-j\u00e4hrige Frau mit einer Thrombose. Die Unruhe steht ihr im Gesicht geschrieben, sie h\u00e4lt es kaum aus, auf dem Bett liegen zu bleiben. Immer wieder greift sie zum Telefon, organisiert, verabredet, plant, damit das Leben drau\u00dfen weitergeht. Bald schon kommen die beiden Frauen ins Gespr\u00e4ch. Die \u00e4ltere Frau fragt immer wieder vorsichtig nach. Sie sch\u00fcttelt ungl\u00e4ubig sie den Kopf, als sie h\u00f6rt, wie lange, wie oft die andere schon hier gelegen hat. \u201eUnd die Familie? Und Ihre Arbeit? Wie kann das weitergehen ohne Sie? Die Bettnachbarin l\u00e4chelt m\u00fcde: \u201eEs geht!\u201c Sie haben viel Zeit miteinander, die Beiden in ihrem Krankenhauszimmer. Besonders Abends, wenn Ruhe einkehrt auf der Station. Dann erz\u00e4hlen sie sich von dem, was sie sich vorgenommen haben im Leben, und wie sich vieles immer wieder neu sortiert. Weil es doch anders kommt. Weil die Krankheit Raum braucht und Zeit. Nach zwei Wochen wird die 50-J\u00e4hrige entlassen. Gel\u00f6st wirkt sie, weil sie endlich wieder aufstehen darf. Gel\u00f6st auch, weil eine innere Ruhe in ihr eingekehrt ist. Beim Abschied umarmen sie sich. Fast zieht sie ihre Stra\u00dfe fr\u00f6hlich.<\/p>\n<p>Kennen Sie solche Begegnungen auch? Zuf\u00e4llige Begegnungen mit Menschen, die sie vielleicht gar nicht kennen? Gespr\u00e4che im Wartezimmer, in der Bahn, oder auch Gespr\u00e4che anl\u00e4sslich einer kirchlichen Feier in der Familie? Und die Situation bringt es mit sich, dass sie in ein tiefes Gespr\u00e4ch kommen. Es ist, als ob der Heilige Geist seine Hand mit im Spiel hat.<br \/>\nUnd auch wenn nicht immer gleich eine Taufe stattfindet: manchmal ist es wirklich so: Das Leben sortiert sich neu nach solch einem Gespr\u00e4ch. Menschen ziehen ihre Stra\u00dfe fr\u00f6hlich<br \/>\nManchmal setzt Gott alle Hebel in Bewegung, um Menschen ins Gespr\u00e4ch zu bringen. Manchmal w\u00e4hlt er ungew\u00f6hnliche Wege, damit wir einander begegnen So lernen wir, mit den Krisen und den Freuden des Lebens umzugehen. Ich glaube, Gott verkn\u00fcpft unsere Lebenswege, damit auch wir unsere Stra\u00dfe fr\u00f6hlich ziehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Antje Marklein, Pastorin<br \/>\nW\u00f6hlerstr. 18<br \/>\n30163 Hannover<br \/>\n<a href=\"mailto:Antje.Marklein@evlka.de\">Antje.Marklein@evlka.de<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>6. Sonntag nach Trinitatis, 23. 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