{"id":11263,"date":"2021-02-07T19:48:58","date_gmt":"2021-02-07T19:48:58","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11263"},"modified":"2023-02-07T22:30:12","modified_gmt":"2023-02-07T21:30:12","slug":"apostelgeschichte-8-26-39-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/apostelgeschichte-8-26-39-2\/","title":{"rendered":"Apostelgeschichte 8, 26-39"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><strong>Predigt zu Apostelgeschichte 8, 26-39, verfasst von Pastor Mirko Peisert<br \/>\n<\/strong><\/h3>\n<p><strong>\u201eWie werde ich Christ!\u201c \u2013 Eine Filmkritik<\/strong><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Wie werde ich Christ?<br \/>\nWas muss ich daf\u00fcr tun?<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte Lust, zu dieser Frage einmal einen Film zu drehen. So einen kurzen Werbespott zum Beispiel f\u00fcr die Kinowerbung. Ein Kurzfilm, der dar\u00fcber aufkl\u00e4rt: Wie werde ich Christ. Denn viele Menschen wissen das gar nicht mehr.<\/p>\n<p>\u00dcberlegen sie doch einmal: Wie k\u00f6nnte so ein Film aussehen? Was w\u00fcrden sie filmisch, daraus machen aus dem Thema: Wie werde ich Christ?<\/p>\n<p>Vielleicht einen Film, der durch seine gro\u00dfartigen Bilder aus alten gotischen Kirchen \u00fcberw\u00e4ltigt und mit bewegender Kirchenmusik im Hintergrund tief ins Herz trifft; gro\u00dfes Gef\u00fchlskino, nach dem einem die Tr\u00e4nen in den Augen stehen?<\/p>\n<p>Oder denken sie eher an einen Action-Streifen? Etwas Spannendes mit zahlreichen \u00dcberraschungseffekten und vielleicht auch ein wenig Erotik? Sicherlich w\u00fcrde sich das zumindest am besten verkaufen.<\/p>\n<p>Oder schwebt ihnen doch ein stillerer Film vor, ein Film der ins Nachdenken bringt. Vielleicht ein Film der die Lebensgeschichte eines Christen erz\u00e4hlt?<\/p>\n<p>Wie s\u00e4he ihr Film aus?<\/p>\n<p>Ich will ihnen mal ein m\u00f6gliches Drehbuch vorstellen, das mich \u00fcberzeugt hat, auch wenn es urspr\u00fcnglich gar nicht als Drehbuch gedacht war.<br \/>\nDer Evangelist Lukas hat es geschrieben. Von ihm stammt der heutige Predigttext aus der Apostelgeschichte im 8. Kapitel.<\/p>\n<p>Und vielleicht schlie\u00dfen sie einfach einmal die Augen, wenn ich ihnen jetzt diesen Drehbuch-Text vorlese. Versuchen sie sich schon mal ihren Film dazu vorzustellen!<\/p>\n<p>Lukas berichtet:<\/p>\n<p><em>Aber der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach S\u00fcden auf die Stra\u00dfe, die von Jerusalem nach Gaza hinabf\u00fchrt und \u00f6de ist.<br \/>\nUnd er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Mann aus \u00c4thiopien, ein K\u00e4mmerer und M\u00e4chtiger am Hof der Kandake, der K\u00f6nigin von \u00c4thiopien, welcher ihren ganzen Schatz verwaltete, der war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten.<br \/>\nNun zog er wieder heim und sa\u00df auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja.<br \/>\nDer Geist aber sprach zu Philippus: Geh hin und halte dich zu diesem Wagen!<br \/>\nDa lief Philippus hin und h\u00f6rte, dass er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest?<br \/>\nEr aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen.<br \/>\nDer Inhalt aber der Schrift, die er las, war dieser (Jesaja 53,7-8): \u00bbWie ein Schaf, das zur Schlachtung gef\u00fchrt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf.<br \/>\nIn seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufz\u00e4hlen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen.\u00ab<br \/>\nDa antwortete der K\u00e4mmerer dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem?<br \/>\nPhilippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Wort der Schrift an und predigte ihm das Evangelium von Jesus.<br \/>\nUnd als sie auf der Stra\u00dfe dahinfuhren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der K\u00e4mmerer: Siehe, da ist Wasser; was hindert&#8217;s, dass ich mich taufen lasse?<br \/>\nUnd er lie\u00df den Wagen halten und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der K\u00e4mmerer, und er taufte ihn.<br \/>\nAls sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entr\u00fcckte der Geist des Herrn den Philippus und der K\u00e4mmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Stra\u00dfe fr\u00f6hlich.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Konnten sie sich die Geschichte als einen Kurzfilm vorstellen?<\/p>\n<p>Der exotische, fremde Reisende auf dem Weg nach \u00c4thiopien. Die Begegnung mit Philippus und die spannende Diskussion um die Bibel.<br \/>\nSchlie\u00dflich die Taufe\u2026<\/p>\n<p>Vielleicht sind sie entt\u00e4uscht: Das ist doch langweilig! So was will heute doch keiner mehr sehen! Viel zu wenig Action!<\/p>\n<p>Ich gebe zu, das Drehbuch von Lukas ist schon etwas anspruchsvoller, aber es ist ja auch schon ziemlich alt.<\/p>\n<p>Dennoch bin ich sicher, Lukas h\u00e4tte heute ganz bestimmt diese Geschichte verfilmt und einen anregenden Filmstreifen draus gemacht. Deshalb m\u00f6chte ich mir diesen Predigttext auch als ein Drehbuch noch etwas genauer anschauen.<\/p>\n<p><strong>1. Die Hauptdarsteller<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Das erste, was mir auff\u00e4llt: Lukas konzentriert sich sehr auf einen Hauptdarsteller, den K\u00e4mmerer, M\u00e4chtiger am Hof der Kandake, der K\u00f6nigin von \u00c4thiopien. Das Drehbuch erz\u00e4hlt seine Geschichte und auf ihn kommt es an:<\/p>\n<p>Er macht sich auf den Weg ins ferne Jerusalem.<br \/>\nEr ist neugierig und studiert die Bibel.<br \/>\nEr l\u00e4dt den fremden Prediger ein zu sich in den Wagen.<br \/>\nEr bittet Philippus um Hilfe und stellt ihm Fragen.<br \/>\nEr entscheidet sich am Ende sich taufen zu lassen.<\/p>\n<p>Lukas hat diesen Hauptdarsteller \u00e4u\u00dferst geschickt gew\u00e4hlt: Ein erfolgreicher Mann, wahrscheinlich im mittleren Alter, Single und Finanzminister. Er stellt etwas dar.<br \/>\nSolche M\u00e4nner kommen bei uns in der Gemeinde kaum vor und das war damals bestimmt gar nicht anders. Ich bin sicher seine Geschichte, die w\u00fcrde viele andere ins Nachdenken bringen und beeindrucken.<\/p>\n<p>Ich denke, Lukas konzentriert sich aber auch auf einen Hauptdarsteller, weil der Glaube auch eine ganz pers\u00f6nliche Entscheidung ist. Im Glauben steht jeder f\u00fcr sich allein, da muss und darf nur jeder f\u00fcr sich entscheiden.<br \/>\nUnd deshalb gef\u00e4llt mir, wie sehr Lukas sich ganz auf diese eine Person und seine Geschichte konzentriert.<\/p>\n<p>Wer nun ein bisschen genauer schaut, der kann erkennen, dass es noch einen zweiten, ebenso wichtigen Darsteller gibt. Lukas macht das sehr geschickt, denn der andere tritt pers\u00f6nlich gar nicht in Erscheinung und dennoch scheint er im Hintergrund die F\u00e4den zu ziehen.<\/p>\n<p>Das ist der Heilige Geist.<\/p>\n<p>Der Heilige Geist ist es n\u00e4mlich, der Philippus \u00fcberhaupt erst auf den Weg bringt. Er beauftragt ihn. Er f\u00fchrt die beiden M\u00e4nner zusammen. Er schenkt Philippus die richtigen Worte zum richtigen Zeitpunkt. Und der Heilige Geist beendet auch die Geschichte.<\/p>\n<p>Glaube das ist eine ganz pers\u00f6nliche Entscheidung \u2013 das ist das eine \u2013 doch zugleich ist der Glaube auch ein Geschenk. Denn Gottes Geist schafft die richtigen Bedingungen, dass der Glaube entstehen kann.<\/p>\n<p><strong>2. Der Dialog<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Einige von ihnen haben vielleicht beim H\u00f6ren des Predigttextes gedacht: Wo bleibt denn das Gef\u00fchl in diesem Drehbuch? Das ist doch wieder eine typische M\u00e4nnergeschichte, die Lukas sich ausgedacht hat. Es wird diskutiert und gelesen, alles dreht sich um den Verstand. Der Kopf arbeitet, doch das Herz bleibt au\u00dfen vor.<br \/>\nAber ist Glaube nicht eine Gef\u00fchlssache. Eine Herzensangelegenheit. Und: L\u00e4sst sich das Evangelium \u00fcberhaupt mit dem Verstand fassen?<\/p>\n<p>Ich gebe zu, es w\u00e4re kein gro\u00dfes Gef\u00fchlskino, was man aus Lukas Drehbuch machen k\u00f6nnte. Eher wohl ein Film, der durch seine Dialoge \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p>Der K\u00e4mmerer liest neugierig in der Bibel. Aber er versteht nicht, was er liest. Philippus hilft ihm und unterrichtet ihn. \u201ePhilippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Wort der Schrift an und predigte ihm das Evangelium von Jesus.\u201c Und durch Philippus Hilfe f\u00e4ngt der fremde Finanzminister an, die Geschichte Jesu zu verstehen.<\/p>\n<p>Ich bin sicher, ohne ein solches Verstehen kann auch kein Glaube wachsen. Die Geschichte unsere Gottes ist kein gro\u00dfes Geheimnis, dass dunkel und undurchdringlich ist. Ich soll meinen Verstand nicht an der T\u00fcr abgeben, wenn ich in de Kirche gehe.<br \/>\nDie Botschaft von Jesus Christus, die muss sich auch alle kritischen Fragen gefallen lassen.<br \/>\nF\u00fcr manche Fragen braucht man dann sogar auch mal einen Experten, so wie den Philippus. Ja, f\u00fcr manche Fragen braucht man auch jemanden, der Theologie studiert hat, denn vieles in der Bibel ist tats\u00e4chlich nicht leicht zu verstehen.<\/p>\n<p><strong>3. Die Schlussszene<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Jetzt aber zur Schlussszene: Was sagen sie zu dieser Taufszene?<\/p>\n<p>Kein Taufbecken, keine Paten, keine Taufkerze, noch nicht mal ein Taufspruch oder eine christliche Gemeinde. Was ist das f\u00fcr eine Taufe?<\/p>\n<p>Ich habe mit meinen Konfirmanden in der letzten Woche einmal gesammelt, was ich f\u00fcr eine Taufe ben\u00f6tige. Die Liste war zuerst lang, aber dann wurde sie immer k\u00fcrzer. Am Ende blieb nur noch 1.) der T\u00e4ufling, 2.) das Wasser und 3.) jemand der die Taufe vollzieht. Wie hier bei Lukas!<\/p>\n<p>F\u00fcr uns in der Gemeinde steht die Taufe ja meist f\u00fcr den Anfang. Wenn ein Kind getauft wird, dann steht die Taufe am Anfang, vor den ersten eigenen Schritten im Glauben. Die Taufe ist der erste Schritt.<\/p>\n<p>Hier bildet die Taufe eher einen Abschluss. Die Taufe steht am Ende einer pers\u00f6nlichen Auseinandersetzung mit dem Glauben. Ja, die Taufe steht am Abschluss einer Suche nach Gott. Die Taufe ist ein Bekenntnis des eigenen Glaubens.<\/p>\n<p>Taufe ist nicht der Anfang, sondern die Besiegelung des Glaubens.<\/p>\n<p>Ich will damit nicht sagen, dass es nicht gut und richtig w\u00e4re, wenn wir kleine Kinder taufen. Und sicherlich werden beim K\u00e4mmerer auch wieder ganz neue Fragen aufgetaucht sein. Aber Lukas erinnert mich daran, dass die Taufe auch eine bewusste, pers\u00f6nliche Entscheidung ist. Die Taufe ist auch Ausdruck des eigenen Glaubens.<\/p>\n<p><strong>4. Mein Film<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Ich hoffe, ich konnte ihnen das Drehbuch von Lukas ein wenig schmackhaft machen.<\/p>\n<p>Sicherlich s\u00e4he ihr Drehbuch noch ganz anders aus! Vielleicht steht dann nicht ein einzelner, sondern die Gemeinschaft im Mittelpunkt. Vielleicht m\u00f6chten sie auch viel mehr das Gef\u00fchl und die innere Begeisterung betonen. Und vielleicht spielt ihre Taufszene in einem festlichen Osternachgottesdienst. Bei Kerzenschein.<\/p>\n<p>Wie werde ich Christ?<\/p>\n<p>Ich kann mir ganz unterschiedliche Filme dazu vorstellen. Genauso unterschiedlich, wie die Wege die uns zu Gott gef\u00fchrt haben.<\/p>\n<p>Nur eins bleibt gleich.<\/p>\n<p>Gott f\u00fchrt die Regie.<\/p>\n<p>AMEN.<\/p>\n<p><strong>Pastor Mirko Peisert<br \/>\nEv.-luth. Neust\u00e4dter Kirchengemeinde St. Marien<br \/>\nS\u00fclbecksweg 31<br \/>\n37574 Einbeck<br \/>\n05561-3377<br \/>\n<a href=\"mailto:Mirko.Peisert@evlka.de\">Mirko.Peisert@evlka.de<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Apostelgeschichte 8, 26-39, verfasst von Pastor Mirko Peisert \u201eWie werde ich Christ!\u201c \u2013 Eine Filmkritik Liebe Gemeinde! Wie werde ich Christ? Was muss ich daf\u00fcr tun? Ich h\u00e4tte Lust, zu dieser Frage einmal einen Film zu drehen. So einen kurzen Werbespott zum Beispiel f\u00fcr die Kinowerbung. 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