{"id":11269,"date":"2021-02-07T19:49:05","date_gmt":"2021-02-07T19:49:05","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11269"},"modified":"2023-02-03T22:32:50","modified_gmt":"2023-02-03T21:32:50","slug":"matthaeus-10-24-31-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-10-24-31-5\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 10, 24-31"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">7. Sonntag nach Trinitatis, 30. Juli 2006<br \/>\nPredigt zu Matth\u00e4us 10, 24-31, verfasst von Arne \u00d8rtved (D\u00e4nemark) <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Die Angt ist ein merkw\u00fcrdiges Ph\u00e4nomen. Pl\u00f6tzlich ist sie da. Oft ohne erkennbare Ursache. Man kann sie nicht selbst zuwege bringen; und man kann sich auch nicht ohne Weiteres von ihr befreien. Man kann zwar selbstverst\u00e4ndlich mit ihr k\u00e4mpfen, aber im Ernst nichts dagegen machen. Auch andere Menschen k\u00f6nnen nichts dagegen machen. Sie k\u00f6nnen einen ein wenig tr\u00f6sten; aber das wirkt oftmals genau in die falsche Richtung, so dass man noch mehr Angst hat als vorher.<\/p>\n<p>Und so ist es faktisch auch mit der Freude. Sie macht sich auch zum Herrn \u00fcber einen, und man kann singen und tanzen, und alles ist lauter Freude! Missmut und Angriffe anderer Menschen prallen von einem ab, weil man meint, sie seien so bedeutungslos verglichen mit der Freude, die einen beherrscht. Die Freude kommt \u00fcber einen \u2013 oder sie <em>widerf\u00e4hrt <\/em>einem, wie man in alter Zeit mit einem sch\u00f6nen Wort sagte.<\/p>\n<p>Wann lernt ein Mensch die Angst kennen? Das geschieht sehr fr\u00fch! Vielleicht bereits im Mutterleib; aber jedenfalls im Augenblick der Geburt. Es ist ein m\u00e4chtiger Schock f\u00fcr einen Menschen, geboren zu werden, und dann ist die Angst da. Aus gutem Grund wissen wir nicht viel dar\u00fcber, wie sie wirkt. Wir k\u00f6nnen nur die Reaktionen registrieren. Aber kann man nicht beobachten, dass die Angst die Kleinen schon ganz am Anfang ihres Lebens heimsucht? Pl\u00f6tzlich sch\u00fcttelt sich ihrer kleiner K\u00f6rper aus unerkl\u00e4rlichen Gr\u00fcnden, und sie brechen in Tr\u00e4nen aus. Oder die Seligkeit kommt \u00fcber sie, und sie murmeln zufrieden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sie allm\u00e4hlich gr\u00f6\u00dfer werden, wird es deutlicher: Die Angst, allein zu sein. Die Angst vor der Dunkelheit, vor dem Wasser, vor der H\u00f6he, vor dem L\u00e4rm, vor der Stille, vor dem Unvorhergesehenen, vor dem Tod. Die Kindheit ist voller Angst, und es ist eine Form kr\u00e4ftiger Verdr\u00e4ngung, wenn man sagt, die Kindheit sei gl\u00fccklich und harmonisch.<\/p>\n<p>Ein Mensch kennt die Angst seit dem Augenblick seiner Geburt. Sie ist sozusagen in das Leben mit eingebaut, nicht als Gefahr in unserer Umgebung, sondern als ein Erlebnis von etwas Bedrohendem und Zerst\u00f6rendem, gegen das wir wehrlos und dem wir ausgeliefert sind. Wir k\u00f6nnen die Angst nicht absch\u00fctteln und ihr nicht entfliehen. Sie ist nicht dasselbe wie bange zu sein, denn da kann man in der Regel die Adresse angeben, wovor man bange ist, und vielleicht kann man die Ursachen auch beseitigen.<\/p>\n<p>Aber das kann man nicht mit der Angst. Man kann nat\u00fcrlich das Licht anmachen, wenn man vor der Dunkelheit Angst hat. Aber die Dunkelheit lauert trotzdem hinter dem Licht. Denn es ist ja nicht die Dunkelheit selbst, die uns Angst macht, sie hat nur die Angt in einem hervorgerufen. Die Angst vor dem Gef\u00e4hrlichen, dem Lauernden, dem Zerst\u00f6rerischen. Ja, letzten Endes ist es wohl die Angst vor dem Tode! Oder ist es vielleicht in Wirklichkeit die Angst vor Gott? Dass Er, der mir aus der Dunkelheit drau\u00dfen das Leben geschenkt hat, es pl\u00f6tzlich wieder zur\u00fcckziehen will.<\/p>\n<p>Erwachsen werden ist nicht, dass man die Angst kennen lernt; sondern dass man die Verantwortung f\u00fcr sein Leben \u00fcbernimmt; und das verleiht der Angst eine besondere Perspektive. Mit der Angst entdeckt man n\u00e4mlich, dass es Dinge gibt, die man nicht in den Griff bekommt, wie erwachsen und t\u00fcchtig und stark und ausgebildet man auch sein mag. Die Anst ist Gottes Schranke zwischen ihm selbst und den Menschen. Bevor das Wort <em>Angst<\/em> erfunden wurde, hie\u00df das <em>Gottes-Furcht<\/em>.<\/p>\n<p>Im Alten Testament wird an vielen Stellen beschrieben, was geschieht, wenn der Mensch sich Gott n\u00e4hert oder umgekehrt. Menschen beben vor Schreck und Erwartung. Sie wissen, dass die Kraft Gottes gewaltig ist; und sie enth\u00e4lt sowohl Sch\u00f6pfung als auch Vernichtung. Deshalb darf kein Mensch Gott sehen. Wir lesen, wie Menschen sich auf die Erde werfen, wenn sie die N\u00e4he Gottes h\u00f6ren oder ahnen. Man denke nur an Mose vor dem brennenden Dornenbusch.<\/p>\n<p>Auch von religi\u00f6sen Mythen und Erz\u00e4hlungen anderer V\u00f6lker kennen wir die Gottesfurcht. Also das Erlebnis, dass eine Kraft von den G\u00f6ttern ausgeht, die den Menschen in einen Zustand der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins versetzt. Erst in moderner Zeit haben wir angefangen, die Gottesfurcht wegzuerkl\u00e4ren, indem wir sie Angst nennen. Die Psychologie hat sich der Sache angenommen. Man ist der Auffassung, die Angst habe mehr oder weniger nat\u00fcrliche Ursachen und sei heilbar. Aber kann man etwas heilen, was zum Menschsein geh\u00f6rt?<\/p>\n<p>Der Prediger sagte es so, nachdem er zun\u00e4chst alle Freuden und Widrigkeiten des Lebens aufgez\u00e4hlt hatte: <em>Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen: Er hat alles gut und richtig gemacht zur rechten Zeit, er hat auch den Gang der Welt den Menschen ans Herz gelegt, jedoch ohne dass sie irgend etwas von dem, was Gott tut, ergr\u00fcnden k\u00f6nnten.<\/em> Ja, wir k\u00f6nnen das Leben wahrlich durch unsere Spekulationen und Erkl\u00e4rungen und Vertuschungen schwierig machen. Gewiss ist uns der Gang der Welt ans Herz gelegt, aber damit haben wir doch nicht den Auftrag erhalten, alle R\u00e4tsel des Daseins zu l\u00f6sen, und ganz bestimmt nicht, Gott abzuschaffen.<\/p>\n<p>Jesus macht alle Spekulationen zunichte, die seit den Tagen Adams und Evas an der Tagesordnung gewesen sind: <em>F\u00fcrchtet euch nicht! Kauft man nicht zwei Sperlinge f\u00fcr einen Groschen? Dennoch f\u00e4llt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Aber nun sind alle Haare auf eurem Haupt gez\u00e4hlt. Darum f\u00fcrchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.<\/em><\/p>\n<p>Es gibt also nichts mehr zu diskutieren oder zu bef\u00fcrchten. Die Angst gibt es, und sie ist offenbar nicht zu umgehen. Im Gegenteil! Durch sie lernen wir die Bedingungen unseres Lebens erst wirklich kennen. Dass wir sterben m\u00fcssen. Das Leben hat seinen starken und unumg\u00e4nglichen Gegensatz im Tod. Er lauert hinter allen Dingen und kann seinen kalten Schatten in das Licht des Lebens werfen. Die Angst ist gewiss eine Tatsache; aber Gott ist gr\u00f6\u00dfer als die Angst und als der Tod. Und der Mensch ist sein liebstes Wesen. So aufmerksam folgt er uns, dass selbst unsere Haare auf dem Kopf gez\u00e4hlt sind. Ein Bild der unendlichen F\u00fcrsorge und Aufmerksamkeit. \u2013<\/p>\n<p>Aber woher k\u00f6nnen wir denn wissen, dass das mit der F\u00fcrsorge richtig ist? Sollen wir wirklich daran glauben, nur weil Jesus es sagt? Gibt es etwas, das darauf hindeuten kann, dass Jesus Recht hat? Dass wir Menschen nichts zu f\u00fcrchten haben? dass wir blo\u00df jeden Tag leben k\u00f6nnen, als ob es weder Tod noch Vernichtung g\u00e4be? und dass wir, wenn die Angst uns \u00fcberkommt, es nur Gott \u00fcberlassen sollen, uns so schnell wie m\u00f6glich da herauszuhelfen, weil es ja keinen Grund zur Angst gibt?<\/p>\n<p>Ja, das sollen wir. Wir sollen es glauben, obschon alles dagegen spricht und obwohl es keinerlei Zeichen oder Beweis gibt, dass Jesus Recht hat. Aber wie stellt man sich an, um zum Glauben an diese Worte: <em>F\u00fcrchtet euch nicht<\/em> zu kommen? Wir sollen die Worte h\u00f6ren, sie annehmen, uns ihnen anvertrauen. Das ist unsere einzige M\u00f6glichkeit. Entweder er oder die Angst! Entweder hat Jesus die Macht und Vollmacht, zu sagen: <em>F\u00fcrchtet euch nicht!<\/em> , oder Kirche und Taufe und Christentum sind ein einziger Bluff. Und dann haben wir im Ernst Grund, etwas zu f\u00fcrchten.<\/p>\n<p>Unsere einzige Chance besteht darin, wie die Kinder zu werden. Nicht kindlich oder kindisch. Denn wir sind doch erwachsene Menschen mit Verantwortung f\u00fcr alles, was unser ist. Sondern wir sollen im Glauben wie die T\u00e4uflinge sein, die in all ihrer Wehrlosigkeit daliegen und das Zeichen des Kreuzes als Zeugnis empfangen, dass sie dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn Jesus Christus angeh\u00f6ren. Wir sollen erkennen, dass wir also auch hier im Leben mitten in unserem ganzen Erwachsensein wie die Kinder sind. Wir sind Gott v\u00f6llig preisgegeben und brauchen das Zeichen des Kreuzes.<\/p>\n<p>Aber Gott will unser Bestes. Er meint, wie sind mehr wert als viele Sperlinge, und er hat unsere Haare auf dem Kopf gez\u00e4hlt. Er ist der Gott der Liebe; und der, der uns heute zu \u00fcberreden versucht, dass wir die Angst aufgeben, ist sein eigener Sohn, der es selbst erfahren hat, dieses ausgesetzte Leben zu f\u00fchren und mit dem Tod zu enden. Aber mit ihm folgt auch die starke Botschaft der Auferstehung: Trotz der Angst und des Todes geht es an zu leben; ja, mehr als das: es ist eine unvergleichliche Gabe und Aufgabe, zu leben. Auf dem Grund des Wortes: <em>F\u00fcrchtet euch nicht! <\/em>k\u00f6nnen wir der Angst und dem Tod Trotz bieten und diese Leben in Glauben und Liebe leben.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p class=\"Stil1\"><strong>Pastor Arne \u00d8rtved <\/strong><br \/>\n<strong>Birkeb\u00e6k 8 <\/strong><br \/>\n<strong>DK-7330 Brande <\/strong><br \/>\n<strong>Tlf.: ++ 45 \u2013 97 18 10 98 <\/strong><br \/>\n<strong>E-mail: <a href=\"mailto:ortved@mail.dk\">ortved@mail.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00dcbersetzung aus den D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>7. Sonntag nach Trinitatis, 30. Juli 2006 Predigt zu Matth\u00e4us 10, 24-31, verfasst von Arne \u00d8rtved (D\u00e4nemark) Die Angt ist ein merkw\u00fcrdiges Ph\u00e4nomen. Pl\u00f6tzlich ist sie da. Oft ohne erkennbare Ursache. Man kann sie nicht selbst zuwege bringen; und man kann sich auch nicht ohne Weiteres von ihr befreien. 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