{"id":11286,"date":"2021-02-07T19:48:58","date_gmt":"2021-02-07T19:48:58","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11286"},"modified":"2023-02-08T11:35:07","modified_gmt":"2023-02-08T10:35:07","slug":"jeremia-14-10-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jeremia-14-10-2\/","title":{"rendered":"Jeremia 1,4-10"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><strong>Predigt zu Jeremia 1,4-10, verfasst von Peter Schuchardt<br \/>\n<\/strong><\/h3>\n<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder!<\/p>\n<p>Da stand der kleine Junge vor mir am Startblock im Schwimmbad. 7,8 Jahre war er alt. Er stand da, zittern vor K\u00e4lte und vor Angst und schrie wie am Spie\u00df: \u201eNein! Nein! Ich will nicht!\u201c Seine Mutter wartete im Wasser auf seinen Sprung. \u201eDarf ich jetzt duschen? Mir ist kalt.\u201c, bat er zitternd. Jedes Mal, wenn sein Mutter ihn wieder zum Sprung ermunterte, schrie er wieder: \u201eNein, nein, ich will nicht!\u201c Er tat mit leid, und auch mir wurde langsam kalt. Mir fiel seine Badehose auf. Hellblau, mit einem rot-gelben Abzeichen. \u201eSupermann\u201c war da zu lesen. \u201eTja,\u201c dachte ich, \u201edie Badehose hat dir nichts gen\u00fctzt. Nicht \u00fcberall, wo Supermann drauf steht, ist auch ein Supermann drin \u2013 manchmal eben nur ein kleiner Junge, der Angst davor hat, ins tiefe Wasser zu springen.\u201c Ob er sich die Badehose selbst ausgesucht hat, ob er selbst \u201eSupermann\u201c sein wollte, oder ob seine Eltern ihren Jungen gerne gr\u00f6\u00dfer und mutiger, eben wie \u201eSupermann\u201c sehen wollten, es blieb bei mir der Eindruck: das passt nicht zusammen.<\/p>\n<p>So geht es ja oft im Leben, liebe Schwestern und Br\u00fcder, wenn eine Aufgabe an uns herangetragen wird. Manchmal sagen wir beherzt \u201eJA!\u201c -und sp\u00fcren gleich darauf die Unsicherheit: Kann ich das \u00fcberhaupt? Wir ahnen schon: o nein, das ist zu gro\u00df, zu viel, zu schwer f\u00fcr mich. Und dann stehen wir fast so wie der Junge am Startblock und wollen nur noch weg. Ein anderes Mal z\u00f6gern wir. Wir sehen genau: \u201eDas werde ich nicht schaffen!\u201c \u2013 und doch haben wir F\u00fcrsprecher an unserer Seite, die uns ermutigen, die uns das zutrauen. Und dann wage wir es, springen nicht nur vom Startblock, sondern wachsen an einer Aufgabe, die uns vorher zu gro\u00df erschien. Oftmals denken wir dann im R\u00fcckblick: \u201eIch h\u00e4tte nie gedacht, dass ich das kann \u2013 und doch hat es geklappt.\u201c<\/p>\n<p>Der heutige Predigttext erz\u00e4hlt von der Berufung des Propheten Jeremia. \u00c4hnlich wie der Junge vor dem Startblock wehrt er anfangs ab: \u201eNein, das kann ich nicht!\u201c Doch h\u00f6ren wir erst einmal aus dem 1. Kapitel des Jeremiabuches die Verse 4 bis 10:<br \/>\n<em>4 Und des HERRN Wort geschah zu mir:<br \/>\n5 Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten f\u00fcr die V\u00f6lker.<br \/>\n6 Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.<br \/>\n7 Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: \u00bbIch bin zu jung\u00ab, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.<br \/>\n8 F\u00fcrchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.<br \/>\n9 Und der HERR streckte seine Hand aus und r\u00fchrte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.<br \/>\n10 Siehe, ich setze dich heute \u00fcber V\u00f6lker und K\u00f6nigreiche, dass du ausrei\u00dfen und einrei\u00dfen, zerst\u00f6ren und verderben sollst und bauen und pflanzen.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Die Berufung des Jeremia zum Propheten steht ganz am Anfang seines Buches. Und so unvermittelt, wie die ersten Verse es andeuten &#8211; \u201eUnd des HERRN Wort geschah zu mir\u201c \u2013 so unvermittelt treffen sie auch den jungen Jeremia und ver\u00e4ndern sein Leben. Er wird eine der ganz gro\u00dfen Gestalten des Alten Testaments. Kaum ein Prophet hat so gelitten unter seinem Amt, Gottes Wort offen und frei den Menschen zu sagen. Das zeichnet einen Propheten ja aus. Er hat das getan in schwierigster Zeit, in einer Zeit der Bedrohung, der Zerst\u00f6rung und des Untergangs f\u00fcr das Volk Israel. Alles das aber ist noch Zukunft, als er den Ruf Gottes h\u00f6rt, als des HERRN Wort an ihm geschieht. Um berufen zu werden, muss ich erst einmal hinh\u00f6ren, ich muss den Ruf h\u00f6ren. Das macht Jeremia. Doch was er h\u00f6rt, klingt unglaublich in seinen Ohren. \u201eNoch bevor du von deiner Mutter geboren warst,\u201c sagt die Stimme, von der Jeremia sofort wei\u00df: es ist Gott selbst, der zu ihm redet,\u201c ja, noch mehr: bevor du \u00fcberhaupt entstanden bist, habe ich dich gekannt, bevor irgendein Mensch an dich gedacht hat, wusste ich: Dieser Jeremia, noch nicht gezeugt, noch nicht geboren, soll mein Prophet f\u00fcr die V\u00f6lker sein.\u201c<\/p>\n<p>Wie alt ist Jeremia, als er diese Worte h\u00f6rt? Wir wissen es nicht genau, doch wir wissen, wie er sich f\u00fchlt: zu jung und \u00fcberhaupt nicht geeignet! Welche Tr\u00e4ume mag der junge Jeremia f\u00fcr sein Leben gehabt haben? Wir erfahren nichts dar\u00fcber. \u201eIch tauge nicht zu predigen\u201c, sagt er, \u201eich kann das gar nicht, was du mit mir vorhast, Gott! Das passt nicht zu mir!\u201c Jeremia sp\u00fcrt \u2013 und muss es sp\u00e4ter zum Teil leidvoll erfahren: Gottes Ruf stellt meine Lebensw\u00fcnsche in den Hintergrund. <em>Prophet f\u00fcr die V\u00f6lker<\/em> soll er sein, und er wird es auch. Doch bisweilen droht er unter der Last seiner Aufgabe zu zerbrechen. Ob er das schon ahnt, als er sich gegen seine Berufung wehrt?<\/p>\n<p>Gott nimmt behutsam, aber bestimmt seine Einw\u00e4nde auf. Zu jung? Nein, das l\u00e4sst er nicht gelten. Wenn Gott ruft, gibt es kein zu alt oder zu jung. Nicht das ist entscheidend, was wir von uns denken, sondern was Gott in uns sieht. Das nennt die Bibel <em>Gnade<\/em>. \u201eDas passt nicht zu dir? Doch! Ich sah von Anfang an, dass dein Lebenskleid diese Aufschrift tr\u00e4gt: <em>Prophet f\u00fcr die V\u00f6lker<\/em>. Meine Gnade sieht in dir viel mehr, als du von dir wei\u00dft. Predigen sollst und wirst du, was ich dir sage. Die Aufgabe ist gro\u00df, aber f\u00fcrchte dich nicht, hab keine Angst, ich bin bei dir und ich werde dich erretten.\u201c Wen Gott beruft, den l\u00e4sst er nicht allein, diese Erfahrung haben viele Boten Gottes gemacht. Jeremia h\u00f6rt diese Worte als tr\u00f6stlichen Zuspruch an dieser Lebenswende. Und das ist auch n\u00f6tig, denn nun sp\u00fcrt er Gottes Hand an seinem Mund: \u201eIch lege dir meine Worte in den Mund. Heute setze ich dich \u00fcber V\u00f6lker und K\u00f6nigeiche. Niemand steht \u00fcber dir, du stehst \u00fcber allem. Und das ist deine Aufgabe: du sollst ausrei\u00dfen und einrei\u00dfen, zerst\u00f6ren und verderben und bauen und pflanzen.\u201c Wem, liebe Schwestern und Br\u00fcder, w\u00fcrde nicht mulmig werden bei diesem Auftrag: zerst\u00f6ren, ausrei\u00dfen, verderben? Vieles l\u00e4uft verkehrt in Israel damals, das muss raus, muss verschwinden an Missst\u00e4nden. Jeremia wird vor allem das Verh\u00e4ltnis Israels zu seinem Gott beklagen. Das wiegt sich in falschen Sicherheiten, l\u00e4uft anderen G\u00f6ttern hinterher, taktiert lieber politisch, als dass es auf Gottes Wort h\u00f6rt. Alles das beklagt der Prophet Jeremia. Er k\u00fcndigt das Strafgericht Gottes an. Ausrei\u00dfen und zerst\u00f6ren will er mit seinen Worten den G\u00f6tzendienst, die M\u00f6chtegernpropheten, die das Volk einlullen. Alles raus, mit Stiel und Stumpf. Es hat manche dieser Zerst\u00f6rer im Namen Gottes gegeben, die in blindem Hass um sich schlagen. Richtig dabei ist: Wenn etwas v\u00f6llig vom Kurs abgekommen ist ist, dann muss ein neuer Anfang gemacht werden. Wenn ein neuer Anfang geschehen soll, dann muss das verfahrene Alte erst einmal raus. Doch da, wo diese Fanatiker auch heute nur Zerst\u00f6rung anrichten, ist f\u00fcr Jeremia erst der halbe Auftrag getan. Er soll auch noch pflanzen und bauen. Das bleibt in all den Wirren und Schrecken der Zeit Jeremias der gro\u00dfe Trost: Gott gibt sein Volk nicht verloren, selbst als ein Gro\u00dfteil nach Babel verschleppt wird. Nein, das ist nicht das Ende. Nach der Katastrophe wird Gott einen neuen Anfang machen. Dort, wo Zerst\u00f6rung herrscht, soll neu gepflanzt und gebaut werden.<\/p>\n<p>O ja, es ist ein gro\u00dfer, ein schwerer Auftrag, der Jeremia auf den Schultern liegt. Von keinem anderen Propheten h\u00f6ren wir, wie sehr er unter seinem Auftrag leidet. \u201eAch, w\u00e4re ich doch nie geboren worden!\u201c, so ruft er einmal unter Qualen aus (Jer 20, 14-18). Denn nat\u00fcrlich wird er angefeindet. Sein kritisches Wort will niemand h\u00f6ren. Viele verspotten ihn oder erkl\u00e4ren ihn zu einem L\u00fcgner, andere trachten ihm nach dem Leben. Er klagt \u00fcber seine Einsamkeit. Und doch: neben der Klage und dem drohenden Gericht ist auch immer wieder von der Hoffnung zu h\u00f6ren. Ja, und es scheint auch immer die Zuversicht durch: \u201eWas ich auch tue, was andere mir auch antun: Der Herr ist bei mir wie ein starker Held! Was er mir bei meiner Berufung zugesagt hat, das erlebe und sp\u00fcre ich immer wieder: \u201eF\u00fcrchte dich nicht! Ich bin bei dir und will dich erretten.\u201c\u201c Wie ein Schutzanzug legen sich diese Worte um Jeremia; in allen Anfeindungen, selbst in allen Zweifeln wei\u00df er sich von Gott gehalten und getragen. Von Jeremia wurde vieles wurde gefordert, doch ihm war auch viel gegeben und anvertraut. Gott fordert nie \u00fcber Geb\u00fchr. Auch wenn er Jeremia bis an die Grenze f\u00fchrte, was er leisten konnte \u2013 er f\u00fchrte nie \u00fcber die Grenze hinaus.<\/p>\n<p>\u201eWem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.\u201c Dieses Wort aus dem Lukasevangelium, das uns in die neue Woche begleiten soll, bringt uns wieder zur\u00fcck in unsere Zeit. Die Erz\u00e4hlung von Jeremias Berufung fragt uns heute: Was ist uns gegeben? Wozu sind wir berufen? Nun, zuallererst sollen wir auf Gottes Wort h\u00f6ren. Wir sollen wachsam und aufmerksam sein f\u00fcr das, was er mit uns vorhat. Zum Christsein geh\u00f6rt die Bereitschaft, sich rufen, sich be-rufen zu lassen. Martin Luther hat ja das Wort <em>Beruf<\/em> erst gebildet im Bewusstsein: wo immer du auch bist, wo immer du arbeitest, dort sollst du Christus bezeugen. \u201eMeine Gnade sieht in dir viel mehr, als du von dir wei\u00dft.\u201c Was Gott mit einem jeden von uns vorhat, da d\u00fcrfen wir auf manche \u00dcberraschung gefasst sein. Ich denke an die Frau aus der Gemeinde, die vor Jahren sch\u00fcchtern beim Kindergottesdienst anfing und heute selbstbewusst Konfirmandenunterricht gibt. Ich denke an Jugendliche, die nach der Konfirmation eine eigene Kindergruppe betreuen. Ich denke an den Mann, der sich, obwohl es ihn viel Kraft kostet, beim Hospizverein engagiert.<\/p>\n<p>Niemand sollte von sich meinen, er sei zu jung, zu alt oder gar zu gering f\u00fcr Gott. In unserer Taufe hat sich Christus fest mit uns verbunden. Als neuer Mensch kommen wir aus dem Taufwasser, sagt die Bibel, und bekommen durch Gottes Wort ein neues Gewand. Es ist wohl keine Supermannbadehose dabei. Aber auf uns warten vielf\u00e4ltige Aufgaben, zu denen Gott uns ruft.<\/p>\n<p>Aber es ist auch deutlich: die Aufgaben, die Gott uns zugedacht hat, sind oft schwer. Dietrich Bonhoeffer hat dies in besonderer Weise erfahren. Er wurde wirklich an die Grenze dessen gef\u00fchrt, was ein Mensch tragen kann. Und doch sagt er: \u201eIch bin gewiss, dass Gott uns immer die Kraft gibt, die wir brauchen. Aber er gibt sie uns nie im Voraus, damit wir uns in allem auf Gott allein verlassen.\u201c Welche Aufgaben auch immer auf uns warten, alle werden getragen von der Zusage, aus der auch Jeremia Kraft und Zuversicht sch\u00f6pft: \u201eF\u00fcrchte dich nicht vor dem, was auf dich zukommt. Ich bin bei dir.\u201c So k\u00f6nnen wir getr\u00f6stet und getragen tun, was Gott von uns will. Auch den kleinen Jungen aus dem Schwimmbad, der so ver\u00e4ngstigt war, wird das Taufgewand gut kleiden \u2013 und es wird ihn nicht \u00fcberfordern! Ich bin gespannt, von welchen Startbl\u00f6cken des Lebens er wirklich springen soll.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p><strong>Pastor<br \/>\nPeter Schuchardt<br \/>\nBahnhofstrasse 18<br \/>\n25821 Bredstedt<br \/>\ne-Mail: <a href=\"mailto:pw-schuchardt@versanet.de\"> pw-schuchardt@versanet.de<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Jeremia 1,4-10, verfasst von Peter Schuchardt Liebe Schwestern und Br\u00fcder! Da stand der kleine Junge vor mir am Startblock im Schwimmbad. 7,8 Jahre war er alt. Er stand da, zittern vor K\u00e4lte und vor Angst und schrie wie am Spie\u00df: \u201eNein! Nein! Ich will nicht!\u201c Seine Mutter wartete im Wasser auf seinen Sprung. 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