{"id":11287,"date":"2021-02-07T19:49:01","date_gmt":"2021-02-07T19:49:01","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11287"},"modified":"2023-02-06T12:21:31","modified_gmt":"2023-02-06T11:21:31","slug":"jeremia-1-4-10-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jeremia-1-4-10-2\/","title":{"rendered":"Jeremia 1, 4-10"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">9. Sonntag nach Trinitatis, 13. August 2006<br \/>\nPredigt zu Jeremia 1, 4-10, verfasst von Helmut Liebs<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\nwas w\u00e4re wenn\u2026Was w\u00e4re, wenn Sie nach diesem Gottesdienst noch einen wunderbar entspannten Sonntag erleben, so dass Sie am morgigen Montag gut erholt zur Arbeit gehen, vergn\u00fcgter Dinge Ihr B\u00fcro aufschlie\u00dfen, wie \u00fcblich Terminkalender, Zeitung und Vesperbox auspacken, zugleich den Computer starten, darin routinem\u00e4\u00dfig Ihre E-Mails anklicken und pl\u00f6tzlich lesen Sie folgendes Schreiben:<\/p>\n<p>\u201eGuten Morgen, Herr Fr\u00f6hlich, wir h\u00e4tten da einen neuen Auftrag f\u00fcr Sie. Wie Sie wissen, erreicht unser Werk in Malaysia seit Monaten nur unbefriedigendes Niveau, und zwar sowohl in den St\u00fcckzahlen als auch in der Qualit\u00e4t. Schon lange tr\u00e4gt sich der Vorstand mit dem Gedanken, Sie dort einzusetzen. Das war zwar erst in einigen Jahren vorgesehen, doch nach Lage der Dinge haben wir beschlossen: Sie m\u00fcssen sofort dorthin. R\u00e4umen Sie mal ordentlich auf in Malaysia. F\u00fcr jegliche R\u00fcckfrage stehe ich gerne zu Verf\u00fcgung. Mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen. Ihr Vorstandsvorsitzender.\u201c<\/p>\n<p>Was w\u00e4re wenn\u2026Was w\u00e4re, wenn Sie solch ein E-Mail mit solch einem Auftrag am fr\u00fchen Montagmorgen lesen w\u00fcrden? (Allen, die des Computers unkundig sind, sei kurz erkl\u00e4rt: E-Mails sind von Computer zu Computer verschickte Briefe.) Was w\u00e4re, wenn Sie von jetzt auf gleich Ihre Koffer packen sollten, um einen Auftrag in einem Land zu erledigen, das eine halbe Weltreise entfernt liegt und nicht gerade als Hort der Stabilit\u00e4t gilt?<\/p>\n<p>Unser Herr Fr\u00f6hlich jedenfalls war gar nicht mehr fr\u00f6hlich. Denn dieser Auftrag passte ihm \u00fcberhaupt nicht. Er hatte zahlreiche Gr\u00fcnde und Argumente, den Auftrag abzulehnen, und in Gedanken formulierte er in etwa so:<br \/>\nAngesichts der Aufgaben, die ich hier zu erledigen habe, bin ich doch g\u00e4nzlich unabk\u00f6mmlich.<br \/>\nEs l\u00e4uft gerade so angenehm; ich habe mir eine gute Position erarbeitet, die riskiere ich nicht f\u00fcr einen Job, an dem man eigentlich nur scheitern kann.<br \/>\nIch bin gar nicht ausgebildet daf\u00fcr, denn ich habe nie mit der Produktion zu tun gehabt.<br \/>\nAls ob die dort auf einen wie mich warten; die werden mich ausbremsen, wo sie nur k\u00f6nnen.<br \/>\nUnd was f\u00fcr ein Aufwand, hier alles aufzul\u00f6sen, denn wenn ich erst in Malaysia bin, werden aus ein paar Wochen schnell ein paar Jahre. Ich muss also die Wohnung samt Einrichtung verkaufen, ebenso das Auto und unser Wochenendh\u00e4uschen.<br \/>\nZieht meine Familie mit um oder bleibt sie hier?<br \/>\nWie ist das Klima dort, bestimmt hei\u00df und schw\u00fcl, das vertrage ich nicht.<br \/>\nUnd wie wirkt sich der Wechsel auf mein Gehalt aus?<br \/>\nBei allem Respekt, lieber Herr Vorstandsvorsitzender: Ihr Auftrag ist nichts f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>Ob unser Herr Fr\u00f6hlich, alle diese Argumente seinem Vorstandsvorsitzenden wirklich vortragen w\u00fcrde? Wir kommen sp\u00e4ter darauf zur\u00fcck. Denn jetzt verlassen wir Herrn Fr\u00f6hlich f\u00fcr einen Moment und wenden uns einem anderem Menschen zu; der hat ebenfalls einen \u00fcberraschenden Auftrag erhalten. Es handelt sich um den Propheten Jeremia, dessen Geschichte im Alten Testament erz\u00e4hlt wird. Jeremia schildert seine Beauftragung r\u00fcckblickend folgenderma\u00dfen \u2013 Buch des Jeremia, Kapitel 1 \u2013 :<\/p>\n<p>\u201eUnd des Herrn Wort geschah zu mir, wie folgt: Ich, Gott, kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und ich weihte dich, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten f\u00fcr die V\u00f6lker.\u201c<\/p>\n<p>Das war\u00b4s schon, liebe Gemeinde, das war schon die ganze Beauftragung beziehungsweise Berufung des Jeremia durch Gott. Wir wissen von Jeremia nicht allzu viel. Er wurde in der Mitte des 7. Jahrhunderts vor Christus geboren, in einem kleinen Ort nahe Jerusalem, sein Vater war Priester, ob Jeremia auch, ist unbekannt. Bekannt sind jedoch das Jahr seiner Berufung, n\u00e4mlich 626 vor Christus, und die Zeit seines prophetischen Wirkens, n\u00e4mlich 40 Jahre lang. Und zu diesem 40j\u00e4hrigen Wirken als Prophet kam es, indem Gott sagte: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und ich weihte dich, ehe du von der Mutter geboren wurdest; dich kennend und weihend, bestellte ich dich zum Propheten f\u00fcr die V\u00f6lker.<\/p>\n<p>In diesen Worten, die Gott zu Jeremia spricht, sp\u00fcren wir eine innigliche N\u00e4he. Es ist eine N\u00e4he, die nicht nur dem Jeremia gilt, sondern exemplarisch verdeutlicht, wie Gott sich zu jedem Menschen verh\u00e4lt. Zun\u00e4chst: Gott kennt seine Menschen. Bevor ein Menschenleben gezeugt wird, wei\u00df Gott schon darum. Er macht sich schon ein Bild von uns, ehe irgendjemand eine Vorstellung von dem hat, was kommen wird. Es ist kein beliebiges Bild, das Gott im Blick auf das k\u00fcnftige Leben zu verwirklichen beabsichtigt, sondern wie es in der Sch\u00f6pfungsgeschichte hei\u00dft: \u201eZu seinem Bilde schuf er den Menschen\u201c. Als Abbild, Ebenbild, Spiegelbild, als vollwertiges Pendant, als w\u00fcrdiges Gegen\u00fcber ist der Mensch gedacht, ehe wir etwas denken. Damit ist zugleich gesagt, dass alles, was wir sind, nicht von uns her, sondern von Gott her definiert ist und definiert bleibt. Unsere Identit\u00e4t, unsere W\u00fcrde, unser Personsein sind gottgegeben und bleiben es bis zum Ende der Welt und dar\u00fcber hinaus. Gott kennt seine Menschen.<\/p>\n<p>Zum zweiten, so erkl\u00e4rt Gott dem Jeremia \u2013 und exemplarisch jedem Menschen: insofern Gott uns Menschen kennt, hat f\u00fcr eine jede und einen jeden eine besondere Bestimmung. Das im hebr\u00e4ischen Text verwendete Wort f\u00fcr diese gottgewollte Bestimmung des Menschen meint so viel wie: wir werden von Gott geweiht, geheiligt, gewidmet, erw\u00e4hlt, auserkoren. Und das geschieht, ehe wir geboren sind. Solche Rede wirkt durchaus befremdlich, vielleicht sogar bedrohlich. Man k\u00f6nnte einwenden, dass man es gar nicht sch\u00e4tzt, wenn von anderer Seite \u00fcber einen verf\u00fcgt wird. Man k\u00f6nnte das Recht auf Selbstbestimmung und den Willen zur Selbstverwirklichung gegen diese Wahl und Weihe Gottes ins Feld f\u00fchren. Man kann aber auch \u2013 im Vertrauen darauf, dass Gott uns wohl besser kennt, als wir uns selbst \u2013 sagen: \u201eIch wei\u00df, mein Gott, dass all mein Tun und Werk in deinem Willen ruhn; von dir kommen Gl\u00fcck und Segen; was du regierst, das geht und steht auf rechten, guten Wegen.\u201c (Evangelisches Gesangbuch 497,1). Wenn wir uns Gottes Willen anvertrauen, dann \u201eruhen\u201c wir in diesem, wie in kleines Kind in den Armen seiner Mutter und seines Vaters. Kraft dieser glaubensvollen Ruhe k\u00f6nnen wir es zulassen, dass uns Gott mit einem besonderen Auftrag ausstattet.<\/p>\n<p>Doch dann, wenn man diesen Auftrag \u00fcbernimmt, wird es unruhig. Das war auch Jeremia sogleich klar. Was ein Prophet zu tun hat, das wusste Jeremia nat\u00fcrlich. Dass Gott ihn zum Propheten bestimmte, das bedeutete, sich von dem gem\u00fctlichen Leben in seinem Heimatdorf zu verabschieden. Familie und Freunde, Haus und Hof w\u00fcrde er verlassen m\u00fcssen. St\u00e4ndig w\u00fcrde er den Einsatzort wechseln, mit immer neuen, fremden Verh\u00e4ltnissen w\u00e4re er konfrontiert, und Begeisterungsst\u00fcrme w\u00fcrde er auch nicht gerade ernten, wenn er seine prophetischen Botschaften verk\u00fcnden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>\u201eAch\u201c, antwortete Jeremia deshalb auf Gottes Worte der Berufung, \u201each, Herr Gott, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.\u201c Etwa anders \u00fcbersetzt: \u201eAch, Herr Gott, ich kenne gar nicht die Worte, die ich zu sprechen habe, denn ich bin nur ein Knabe.\u201c<\/p>\n<p>Ich kann mir den Jeremia wirklich gut vorstellen. Da spricht Gott zu ihm, der gro\u00dfe allwissende Gott, der ihn in- und auswendig kennt, und er, Jeremia, kennt nicht einmal die richtigen Worte. Da spricht der allm\u00e4chtige Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat zu ihm, und er, der er vom Land ist und kaum aus seinem Dorf herausgekommen ist, soll in die Stadt Jerusalem gehen und sonst wohin. Von Kleinauf hat er gelernt, Respekt vor \u00e4lteren Menschen zu zeigen, und in deren Gegenwart, wenn sie reden, zu schweigen. Er soll nun vor K\u00f6nigen und V\u00f6lkern auftreten, und hat keinen Schimmer, was er sagen soll und wie er es sagen soll. Welch eine Zumutung.<\/p>\n<p>Eine Zumutung war es ja auch, mit der sich Herr Fr\u00f6hlich konfrontiert sah. Sie wissen noch: Herr Fr\u00f6hlich ist der mit dem E-Mail-Auftrag, hier alles Hals \u00fcber Kopf zu verlassen und im fernen Osten Ordnung zu schaffen. Der ist inzwischen gedanklich schon etwas weiter als Jeremia, und \u00fcberlegt sich, entgegen seinen anf\u00e4nglichen Bedenken, wie er mit dem Auftrag klar komme k\u00f6nnte. Was k\u00f6nnte ihm, die Entscheidung erleichtern, den Auftrag anzunehmen? H\u00f6ren wir mal kurz rein in Herrn Fr\u00f6hlichs Kopf:<\/p>\n<p>\u201eJemand mir Vertrautes m\u00fcsste mich begleitet. Beruflich sollte das mein Kollege sein, mit dem ich sehr gut kann, und privat meine Familie. Da br\u00e4uchte ich aber ein bisschen Zeit, das zu organisieren. Und um unsere Wohnung, die wir hier aufgeben, soll sich das Unternehmen k\u00fcmmern. Auch die neue Wohnung dort, nein, besser: das Haus und mit einem gro\u00dfz\u00fcgigen Garten, muss mir das Unternehmen besorgen. Auch sollte ich zuvor eine Fortbildung machen d\u00fcrfen, und eine Bef\u00f6rderung samt Gehaltserh\u00f6hung muss mit dem Wechsel einhergehen.\u201c<\/p>\n<p>Wir wissen nicht, ob Herr Fr\u00f6hlich mit diesen Vorschl\u00e4gen bei seinem Vorstandschef Erfolg hatte. Was wir aber wissen, wie Gott auf Jeremias Einw\u00e4nde \u201ekann nicht predigen; bin zu jung\u201c reagierte.<\/p>\n<p>Gott lie\u00df Jeremias Argumente schlicht nicht gelten. Dass der sich nur als Knabe f\u00fchlt, ist uninteressant. Dass er keinen Rhetorikkurs an der Berufsakademie belegt hat, ist unerheblich. Dass er nur geringe Ortskenntnisse hat, ist unbedeutend. Deshalb bekommt Jeremia folgendes zu h\u00f6ren:<br \/>\n\u201eSage nicht: Ich bin zu jung, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. F\u00fcrchte dich nicht vor ihnen, denn ich bin bei dir und will dich erretten.\u201c<\/p>\n<p>H\u00f6ren Sie, liebe Gemeinde, den gleicherma\u00dfen kraftvollen wie f\u00fcrsorglichen Zuspruch Gottes? H\u00f6ren Sie den Zuspruch, so als w\u00e4re er nicht nur dem Jeremia gesagt, sondern einem jeden von uns? Gott sagt:<\/p>\n<p>Du bist noch jung? Damit brauchst Du mir nicht zu kommen, denn das wei\u00df ich. Ich kenne Dich schlie\u00dflich l\u00e4nger, als Du Dich selbst kennst, und ich wei\u00df von Dir mehr, als Du selbst wei\u00dft. Du sorgst Dich um Deine mangelnde Ortskenntnis? Das braucht Dich nicht zu k\u00fcmmern. Ich war Dir schon immer nahe und ich bleibe Dir nahe, indem ich Dich an die richtigen Orte sende! Du fragst Dich, was Du predigen sollst? Das lass meine Angelegenheit sein. Ich habe Dich schlie\u00dflich zum Propheten auserw\u00e4hlt, dann werde ich dir auch die Worte gebieten, die Du sprechen sollst. Du hast Angst unterzugehen? Die Angst sollst Du nicht haben. Denn ich habe Dich ins Leben gerufen und ich erhalte Dich am Leben. Ich bin bei Dir!<\/p>\n<p>Ja, aber\u2026h\u00f6re ich dennoch den einen oder anderen heimlich sagen. \u201eJa, die Worte h\u00f6re ich wohl, aber mir fehlt der Glaube. Und meine Angst ist trotzdem noch nicht fort. Ich sollte Gottes \u201eIch bin bei Dir\u201c nicht nur h\u00f6ren, sondern auch sp\u00fcren.\u201c<\/p>\n<p>Und tats\u00e4chlich l\u00e4sst sich Gottes \u201eIch bin bei Dir\u201c sp\u00fcren. Es gibt etwas, wodurch uns Gott seine N\u00e4he sp\u00fcren l\u00e4sst. Wir alle haben es und tragen es mit uns. Vielleicht haben sie es gerade in ihrer Jackentasche oder es ruht auf dem Gesangbuch oder liegt auf der Bank: Es ist Ihre Hand! Schlicht Ihre Hand beziehungsweise Ihre H\u00e4nde. Schauen Sie sich ruhig ihre H\u00e4nde an. Denken sie daran, was Ihren H\u00e4nden verm\u00f6gen. Wir k\u00f6nnen einander zur Hand gehen. Wir k\u00f6nnen miteinander Hand in Hand gehen. Wir k\u00f6nnen einander freie Hand lassen. Wir k\u00f6nnen etwas von Hand zu Hand geben. H\u00e4nde reichen wir einander zur Begr\u00fc\u00dfung oder zum Abschied oder zur Vers\u00f6hnung. H\u00e4nde streicheln, massieren, klopfen anerkennend auf die Schulter. H\u00e4nde schreiben Briefe, packen Geschenke, basteln, t\u00f6pfern, malen. H\u00e4nde \u00fcbernehmen Lasten, bauen H\u00e4user und Br\u00fccken, weisen jemandem den Weg, f\u00fchren jemanden \u00fcber die Stra\u00dfe, tragen uns auf unserem letzten Weg. H\u00e4nde nehmen Angst und schenken Kraft. H\u00e4nde sind das Mittel schlechthin, einander N\u00e4he sp\u00fcren zu lassen.<\/p>\n<p>Von daher ist es gar nicht so \u00fcberraschend, wenn wir in der Geschichte von Jeremias Berufung zum Propheten lesen, dass auch Gott seine Kraft per Hand \u00fcbertrug. Jeremia erz\u00e4hlt es so:<\/p>\n<p>Und der Herr streckte seine Hand aus und r\u00fchrte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute \u00fcber V\u00f6lker und K\u00f6nigreiche, dass du ausrei\u00dfen und einrei\u00dfen, zerst\u00f6ren und verderben sollst \u2013 und bauen und pflanzen.\u201c<\/p>\n<p>Dadurch, dass Gottes Hand den Mund Jeremias ber\u00fchrt, \u00fcbernimmt Jeremia von Gott die Worte Gottes und die Kraft Gottes. Jetzt hat der Prophet sowohl die sprachliche als auch die inhaltliche F\u00e4higkeit, seinem Auftrag gerecht zu werden. Denn die Ber\u00fchrung durch Gottes Hand bedeutet, dass die Worte des Propheten nicht nur gesagt werden, sondern auch in Erf\u00fcllung gehen. Der Prophet wird Pflanzungen ausrei\u00dfen, so dass sie verderben. Er wird H\u00e4user einrei\u00dfen, so dass sie zerst\u00f6rt sind. Aber er wird auch neue H\u00e4user bauen, so dass neue Gemeinschaft m\u00f6glich ist, und er wird neues Gr\u00fcn pflanzen, so dass alles, was lebt, Nahrung findet.<\/p>\n<p>Wie genau und wem und warum Jeremia dies tut und wie die K\u00f6nige und V\u00f6lker auf ihn reagieren, das wird in den 52 Kapiteln erz\u00e4hlt, die der Berufungsgeschichte folgen. Kurz sei angedeutet, dass der Prophet im Wesentlichen ein absurd widerspr\u00fcchliches Verhalten anklagte: Einerseits betete das Volk fremde G\u00f6tter an und andererseits pilgerte das Volk in Scharen wieder und wieder in den Tempel Gottes in Jerusalem, in der Hoffnung, dadurch das G\u00f6tzentum wettmachen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Stellt sich nat\u00fcrlich die Frage, was ein Prophet heute zu beklagen h\u00e4tte?<\/p>\n<p>Sind es die uns\u00e4glichen Kriege in zahllosen L\u00e4ndern dieser Erde? Ist es die Ausbeutung verarmter Landbev\u00f6lkerung durch Gro\u00dfgrundbesitzer? Ist es das Nichtwahrhaben und Nicht\u00e4ndernwollen der zunehmenden \u00d6kologiekrise? Ist es die Unzul\u00e4nglichkeit der Ma\u00dfnahmen gegen die Arbeitslosigkeit und gegen die Perspektivlosigkeit vor allem junger Menschen? Ist es das Leid der Fl\u00fcchtlinge? Das Leid der Hungernden? Das Leid der Oppositionellen in den Gef\u00e4ngnissen der Diktaturen? Ja, das ist alles zu beklagen und anzuklagen \u2013 und noch viel mehr.<\/p>\n<p>Doch wie kommen wir dahin, das zu \u00e4ndern? Wie holen wir uns Kraft, dagegen vorzugehen? Keiner kann einem anderen vorschreiben: tu Du etwas. Es muss jede und jeder selbst entdecken, wozu man berufen ist und wohin man gesandt ist. Und das ist gar nicht so einfach. Siehe unseren Herrn Fr\u00f6hlich, siehe unseren Jeremia. Doch aus der Berufungsgeschichte des Jeremia d\u00fcrfen wir \u2013 so unterschiedlich die Verh\u00e4ltnisse sind und abgesehen davon, dass uns die ganze Geschichte ermutigen will \u2013 eines mitnehmen: ein winziges W\u00f6rtchen, das uns hilft. Es ist das W\u00f6rtchen \u201each\u201c. Diese einzige Silbe \u201each\u201c: sie reicht f\u00fcr den Anfang. Denn \u201each\u201c war das allererste Wort des Jeremia, als Gott zu ihm gesprochen hat. Es ist ein Wort, das wir Gott gegen\u00fcber immer wieder sagen d\u00fcrfen. \u201eAch!\u201c. Ein Wort des Staunens, der Klage, der Sorge, des Schmerzes. Ein Hilferuf, ein Seufzen, ein Flehen, ein Hauchen, eine fast sprachlose Bitte um Beistand. \u201eAch!\u201c Ein vorsichtiges Zustimmen, ein tastendes Jasagen, ein zupackendes Hoffen und am Ende: ein erleichtertes Danken. \u201eAch! Es ist geschafft!\u201c<\/p>\n<p>Mit einem kleinen Wort kann ein gro\u00dfes Werk beginnen.<br \/>\nAus dem kurzen \u201each?\u201c kann ein langes \u201eaaah! werden.<\/p>\n<p>Ach, Gott, ich wei\u00df nicht wohin. \u2013 Ich sende Dich!<br \/>\nAch, Gott, ich wei\u00df nicht was sagen. \u2013 Ich lege Dir die Worte in dem Mund!<br \/>\nAch, Gott, ich habe Angst. \u2013 Ich bin bei Dir!<br \/>\nAch, Gott, ich werde sterben. \u2013 Du wirst leben!<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p><strong>Pfarrer Helmut Liebs<br \/>\nStuttgart<br \/>\n<a href=\"mailto:Helmut.Liebs@elk-wue.de\">Helmut.Liebs@elk-wue.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>9. Sonntag nach Trinitatis, 13. August 2006 Predigt zu Jeremia 1, 4-10, verfasst von Helmut Liebs Liebe Gemeinde, was w\u00e4re wenn\u2026Was w\u00e4re, wenn Sie nach diesem Gottesdienst noch einen wunderbar entspannten Sonntag erleben, so dass Sie am morgigen Montag gut erholt zur Arbeit gehen, vergn\u00fcgter Dinge Ihr B\u00fcro aufschlie\u00dfen, wie \u00fcblich Terminkalender, Zeitung und Vesperbox [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":7872,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[23,468,1,2,727,157,853,114,1196,467,349,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-11287","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-jeremia","category-9-so-n-trinitatis","category-aktuelle","category-at","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-helmut-liebs","category-kapitel-01-chapter-01-jeremia","category-kasus","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11287","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11287"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11287\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16586,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11287\/revisions\/16586"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7872"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11287"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11287"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11287"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=11287"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=11287"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=11287"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=11287"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}