{"id":11290,"date":"2021-02-07T19:49:05","date_gmt":"2021-02-07T19:49:05","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11290"},"modified":"2023-02-04T08:49:00","modified_gmt":"2023-02-04T07:49:00","slug":"060813-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/060813-4\/","title":{"rendered":"Lukas 18,6-8"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><strong>Predigt zu Lukas 18,6-8<\/strong><\/h3>\n<h3><strong>verfasst von Bischof Niels Henrik Arendt<\/strong><\/h3>\n<hr \/>\n<p>(Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung)<\/p>\n<p><em>6\u00a0Da sprach der Herr: H\u00f6rt, was der ungerechte Richter sagt! 7\u00a0Sollte aber Gott nicht Recht schaffen seinen Auserw\u00e4hlten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er bei ihnen lange warten? 8\u00a0Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in K\u00fcrze. Doch wenn der Menschensohn kommen wird, wird er dann Glauben finden auf Erden?<\/em><\/p>\n<p>Das Evangelium von heute endet mit einer sehr direkten Frage:<\/p>\n<p>Wird Jesus, wenn er kommt, \u00fcberhaupt Glauben auf Erden finden? Jesus stellt die Frage seinen J\u00fcngern. Sie muss weh getan haben. Sie meinten doch von sich selbst, dass sie glaubten.<\/p>\n<p>Die Frage schmerzt genauso, wenn sie uns gestellt wird: Gibt es den Glauben bei uns, ist da \u00fcberhaupt etwas, was der Rede wert w\u00e4re? Hat das, was wir als unseren Glauben betrachten, \u00fcberhaupt etwas mit Glauben zu tun? Wenn es unser Glaube ist, der auf der Waagschale liegt, schl\u00e4gt die Waage dann \u00fcberhaupt aus? S\u00f6ren Kierkegaard, der nicht viel Vertrauen zu dem Ernst im Glauben vieler Menschen besa\u00df, gr\u00fcbelte einmal \u00fcber die Frage Jesu nach, ob er zu gegebener Zeit Glauben auf Erden finden werde. Kierkegaard sah voraus, dass der Abfall vom Christentum immer gr\u00f6\u00dfer werden w\u00fcrde. Am Ende w\u00fcrden nicht mehr eigentliche Christen \u00fcbrig sein, als es ganz am Anfang gegeben hatte (aber nat\u00fcrlich viele sogenannte Christen). Der einzige Trost, den Kierkegaard in dieser Misanthropie zu sehen vermochte, bestand darin, dass die allerletzte Zeit nicht mehr fern sein konnte \u2013 gemessen an dem Abfall, den er in seiner eigenen Zeit beobachtete.<\/p>\n<p>Es ist wirklich eine ernste Frage, die Jesus stellt, eine schmerzliche, provozierende Frage. Stellen wir sie uns im Ernst selbst, dann wird uns klar, dass wir mit ganz uns gar nichts aufwarten k\u00f6nnen. Wir sollten sie vielleicht etwas \u00f6fter an uns selbst richten \u2013 jedesmal dann, wenn wir anfangen, uns ein wenig besser vorzukommen als andere, jedesmal dann, wenn wir uns selbst zu Richtern aufwerfen, wenn wir glauben, alles besser zu wissen, oder wenn wir \u00fcberzeugt sind, dass wir Recht haben? W\u00fcrde Jesus \u00fcberhaupt irgendetwas wie Glaube an uns wiedererkennen k\u00f6nnen, wenn wir vor ihm stehen?<\/p>\n<p>Nun ist die Frage gestellt. Aber wenn wir weiterkommen wollen, m\u00fcssen wir uns Klarheit schaffen, was Jesus unter Glauben versteht. Und davon gibt er uns selbst ein genaues Bild mit seiner kleinen Erz\u00e4hlung von der bittenden Witwe. Stellen wir die Gegenfrage: was ist dieser Glaube?, wenn Jesus nach unserem Glauben fragt, dann lautet die Antwort: Es war eine Witwe&#8230; Sie, die allen Grund hatte, aufzugeben, zu sagen: jetzt gibt es niemanden mehr, der helfen k\u00f6nnte, \u2013 sie gab nicht auf. Sie hielt aus. Daher wissen wir dies vom Glauben. Glaube ist Ausharren.<\/p>\n<p>Die Witwe ist ein Bild des wahren Glaubens. Der ungerechte Richter dagegen ist kein Bild von Gott. Denn Jesus f\u00e4hrt fort und sagt, wenn der Ungerechte so handeln kann, wie viel mehr sollte da nicht Gott, der Gerechte, seinem Kind zu Hilfe kommen. Das ist das Zweite, was wir \u00fcber den Glauben lernen: er ist <em>Zutrauen<\/em> zu Gott. Glaube ist nicht, wenn man meint, es gebe gewiss irgendwo einen Gott. Was bedeutet \u00fcberhaupt so eine Aussage in unserem Leben? Es geht nicht um Meinungen, sondern darum, Gott zu glauben, wenn er verspricht, uns beizustehen. Glaube ist: etwas ganz Bestimmtes von Gott zu glauben \u2013 n\u00e4mlich das, was Jesus \u00fcber ihn erz\u00e4hlt. Und das macht einen gro\u00dfen, einen entscheidenden Unterschied in unserem Leben aus. Deshalb ist Glaube an Gott auch dies, dass wir Jesus f\u00fcr glaubw\u00fcrdig halten in dem, was er \u00fcber Gott zu erkennen gibt. An Gott glauben und Jesus in dem glauben, was er sagt, diese beiden Dinge lassen sich im Christentum nicht voneinander trennen.<\/p>\n<p>Ausharren und Vertrauen \u2013 das ist der Glaube, von dem Jesus \u00fcberlegt, ob er ihn finden wird. Und es ist gar nicht so merkw\u00fcrdig, dass er sich diese Frage stellt, denn wir wissen ja nur zu gut, dass wir genau hier unsere Schwierigkeiten haben k\u00f6nnen. Wir sind nicht so stark, wir geben leicht auf, geben dem Missmut freien Lauf.<\/p>\n<p>Am schlimmsten ist es nachts. Ich glaube, viele kennen das. Da tun wir uns schwer, am Glauben festzuhalten. Wir machen uns Sorgen. Wir denken, sei es im Verh\u00e4ltnis zu unserer Familie oder im Verh\u00e4ltnis zu unserer Arbeit oder im Verh\u00e4ltnis zur Welt oder im Verh\u00e4ltnis zu uns selbst \u2013 wir denken: wie soll es nur gehen? wie kann das gut enden? h\u00e4ttest du vielleicht anders handeln sollen \u2013 und warum hast du es dann nicht getan? Man liegt da und versteigt sich immer mehr in seinen Gedanken, man wird immer bedr\u00fcckter, mutloser. Ich zweifle nicht, dass auch die Dunkelheit eine Rolle spielt in solchen Schicksalsstunden, und ich finde, es gibt immer mehr davon, je \u00e4lter man wird.<\/p>\n<p>Abendlicher Seufzer, n\u00e4chtliches Weinen, Ratlosigkeit, seelische Qual \u2013 unser Liederdichter Grundtvig kannte diese Ph\u00e4nomene. Das Aufgeben, die Schwermut.<\/p>\n<p>Wenn es einem so geht, hat man zwei M\u00f6glichkeiten. Man kann sich dem hingeben. Man kann die Nacht sein Herz umlagern lassen. Man kann der M\u00fcdigkeit und Mutlosigkeit den Sieg \u00fcberlassen und einfach nur weiterspekulieren, man d\u00e4mmert so dahin und schl\u00e4ft am Ende ein, weil der K\u00f6rper gl\u00fccklicherweise sein Recht verlangt. Die zweite M\u00f6glichkeit ist, nicht aufzugeben, nicht m\u00fcde zu werden \u2013 und zu beten. Und um nicht missverstanden zu werden: die Finsternis, der Missmut k\u00f6nnen uns auch am hellichten Tage \u00fcberw\u00e4ltigen. Jesus erz\u00e4hlt sein Gleichnis ja gerade Menschen, denen es so geht. Er erz\u00e4hlte, sie sollten immer beten und nie m\u00fcde werden, sagt Lukas. Jesus muss gewusst haben, wie unglaublich kurz der Weg ist vom Ruf des Glaubens: nun habe ich nur dich, mein Gott, aber wenn ich nur dich habe&#8230; bis zu dem Seufzer des Unglaubens: ich habe niemanden, der mir hilfen will. Und es kann wohl in beide Richtungen gehen. Es ist, als handele es sich nur um zwei Seiten derselben Ratlosigkeit, und man kann nicht sagen, welche Seite die Oberhand gewinnt.<\/p>\n<p>Ausharren und Vertrauen, Misstrauen und Aufgeben \u2013 wo soll das enden? Nun aber ist die Botschaft an uns, dass Jesus also nicht unber\u00fchrt ist von unserem unsicheren und ratlosen Vorw\u00e4rtstaumeln. Er will mit gro\u00dfer Macht die schwachen Keime der Ausdauer und des Vertrauens in uns f\u00f6rdern. Wird er Glauben bei uns finden?, so wird gefragt. Aber wenn wir heute genau hinh\u00f6ren, dann h\u00f6ren wir, dass er selbst an ihm festzuhalten sucht. Wir d\u00fcrfen Gott bitten, im Vertrauen auf ihn und das Leben bewahrt zu werden. Und schon damit, dass wir das tun, haben wir das Richtige getan, sind wir auf wunderbare Weise schon den gr\u00f6\u00dften Teil des Weges gegangen.<\/p>\n<p>Das Evangelium von heute ist wahrhaftig eine Quelle des Freimuts und Lobgesangs. Dass wir Tag und Nacht mit Vertrauen und Zuversicht der Zukunft entgegensehen k\u00f6nnen. Gott ist da. Anstatt zu fragen: wie soll das ein gutes Ende nehmen, hat die Frage zu lauten: wie kann das anders enden als gut?<\/p>\n<p>Und wenn der Text die direkte Frage stellt: gibt es \u00fcberhaupt das Ausharren und das Vertrauen bei uns, das Jesus Glauben nennt, ja, dann braucht selbst diese Frage in all ihrem Ernst uns nicht zu veranlassen, aufgebend den Kopf zu sch\u00fctteln. Gott gibt uns, was n\u00f6tig ist \u2013 er gibt uns die Macht, die die Witwe den ungerechten Richter gegen\u00fcber besa\u00df. Glauben wir Jesus auf sein Wort, dann haben wir das Recht, auf Gott mit all dem einzust\u00fcrmen, womit wir selbst nicht fertig werden zu k\u00f6nnen meinen. Er, der alle Macht im Himmel und auf Erden hat, gibt uns Macht \u00fcber sich selbst. Das Ausharren und das Vertrauen sind keine Charaktereigenschaften oder besondere F\u00e4higkeiten \u2013 sie sind Waffen, die uns in die Hand gegeben sind, die wir gebrauchen k\u00f6nnen und mit denen wir den St\u00e4rksten auf unserer Seite haben.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Bischof Niels Henrik Arendt<br \/>\nRibe Landevej 37<br \/>\nDK-6100 Haderslev<br \/>\nTel.: +45 74 52 20 25<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:nha@km.dk\">nha@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p align=\"left\"><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Lukas 18,6-8 verfasst von Bischof Niels Henrik Arendt (Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung) 6\u00a0Da sprach der Herr: H\u00f6rt, was der ungerechte Richter sagt! 7\u00a0Sollte aber Gott nicht Recht schaffen seinen Auserw\u00e4hlten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er bei ihnen lange warten? 8\u00a0Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":15916,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[38,1,727,853,114,141,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-11290","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lukas","category-aktuelle","category-archiv","category-bibel","category-deut","category-kapitel-18-chapter-18","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11290","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11290"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11290\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16432,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11290\/revisions\/16432"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/15916"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11290"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11290"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11290"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=11290"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=11290"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=11290"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=11290"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}