{"id":11296,"date":"2021-02-07T19:48:57","date_gmt":"2021-02-07T19:48:57","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11296"},"modified":"2023-02-08T14:11:49","modified_gmt":"2023-02-08T13:11:49","slug":"jesaja-62-6-12-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-62-6-12-2\/","title":{"rendered":"Jesaja 62, 6-12"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">10. Sonntag nach Trinitatis, 20. August 2006<br \/>\nPredigt zu Jesaja 62, 6-12, verfasst von Heinz Behrends <\/span><\/b><\/h3>\n<p>Vorbemerkung<\/p>\n<p>Der Israelsonntag setzt die Themen \u201eErw\u00e4hlung Israels\u201c und die \u201eGeschichte der Schuld der Christen gegen die Juden\u201c. Der ungel\u00f6ste Konflikt der Israelis und der Pal\u00e4stinenser und der latente Antisemitismus in unserem Land lagen in den vergangenen Jahren als aktuelle Anforderungen an den Prediger, die Predigerin immer darunter.<\/p>\n<p>Der Libanon-Krieg schafft in diesem Jahr eine v\u00f6llig neue homiletische Situation f\u00fcr die Auslegung des Textes, die Frieden f\u00fcr die Stadt Jerusalem verhei\u00dft. Die Predigt darf an ihr nicht vorbeigehen. Ein harmonischer, seelsorgerlich orientierter Gottesdienst ist nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>\u201eMan wird sie nennen \u201eHeiliges Volk\u201c und \u201eErl\u00f6ste des Herrn\u201c. Du h\u00e4ltst bei diesem Prophetenwort angesichts der Bilder der letzten vier Wochen die Luft an. Wo ist Erl\u00f6sung sichtbar?<\/p>\n<p>Fast 400.000 israelische Soldaten und Reservisten unter Waffen im nicht erkl\u00e4rten Krieg der Guerilla im Libanon. H\u00e4user in Haifa in Tr\u00fcmmern. Zum ersten Mal dringt der Krieg durch Raketen \u00fcber die Grenzen ins Heilige Land. Krankenh\u00e4user \u00fcberf\u00fcllt. Das allt\u00e4gliche Leben steht still. \u201eErl\u00f6ste des Herrn\u201c? Israel greift unerbittlich an. Der S\u00fcden Beiruts, Paris des Orients, in Schutt und Asche. Die wunderbare Bade-K\u00fcste vom \u00d6l verseucht. Der Libanon, von dem das Hohelied noch singt: \u201eKomm mit mir, meine Braut, vom Libanon\u201c. Der Libanon, in der Poesie der Bibel ein Ort der Liebe, jetzt ein Hort der Gewalt.<\/p>\n<p>\u201eSiehe, dein Heil kommt\u201c. Ja, wo denn?<\/p>\n<p>Ich halte die Luft an. Diese Spannung zwischen der Verhei\u00dfung des Propheten aus den Jahren um 500 vor Christus und der aktuellen Politik der letzten Wochen.<\/p>\n<p>Ich war die letzten Wochen in Urlaub und habe sehr intensiv die Zeitungen \u00fcber den Konflikt in Israel gelesen. Ich war hin- und hergerissen. Auf der ersten Seite fast jeden Tag ein gro\u00dfes Foto von betroffenen Menschen. Der Vater beweint seinen toten Sohn, die israelische Soldatin mit Gewehr und einer Tr\u00e4ne auf ihrer Wange, die alte Frau, die auf den Tr\u00fcmmern des Hochhauses herumirrt. Auf Seite 2-4 die Berichte von den K\u00e4mpfen, Worte der Politiker, der Kampf ums \u00dcberleben, das Machtspiel der Gro\u00dfen, die Friedensbem\u00fchungen der anderen. Kommentare der Experten.<\/p>\n<p>Israel hat vor 5 Jahren das Gebiet jenseits ihrer Grenzen im Libanon und im Gaza frei gegeben. Die Antwort: Raketenbeschuss der Hisbollah. Israels Verhalten verstehe ich. Doch die Bomber nehmen keine R\u00fccksicht und machen alles platt, weil sie die Hisbollah in den Wohnh\u00e4usern w\u00e4hnen. Die Bomben sind das Recht der Bedrohten, nein, das ist gegen jedes V\u00f6lkerrecht.<\/p>\n<p>Der Iran steckt dahinter. Er will sich als Gro\u00dfmacht etablieren. Das f\u00fcrchten alle Araber und schreiten nicht ein. Ja, das hatten wir schon einmal. Als der Tempel zerst\u00f6rt war und die Perser die Babylonier aus dem Heiligen Land vertrieben, wurde Kyros, der K\u00f6nig der Perser, als Retter Israels gefeiert.<\/p>\n<p>Als der Sch\u00fcler des Jesaja seine Verhei\u00dfung \u00fcber Jerusalem schreibt, sind die Perser aber Besatzungsmacht in Israel. \u201eWir werden Israel von der Landkarte radieren,\u201c sagt der Pr\u00e4sident in Teheran heute.<\/p>\n<p>Wir kommen als Retter und sortieren den Nahen Osten neu und bringen die Demokratie, sagt der Pr\u00e4sident in Washington, der keinen Arbeitstag ohne Gebet und Losung beginnt und sich einer \u00c4u\u00dferen Mission verpflichtet f\u00fchlt.<\/p>\n<p>Die Motive der christlichen und muslimischen Fundamentalisten erscheinen verwandt.<\/p>\n<p>Ich bin hin- und hergerissen. Worum wird gek\u00e4mpft im Libanon? Kampf um Vorherrschaft ? Kampf um \u00d6l? Terror der sich unterbewertet f\u00fchlenden Moslems? Auf jeden Fall ein \u00dcberlebenskampf Israels.<\/p>\n<p>Ich sehe das alles und denke: Am Ende ist es wieder der sogenannte Kleine Mann, der betroffen ist, Familie und sein Haus verliert und fl\u00fcchten muss. Als Christ wei\u00df ich,<\/p>\n<p>Gott hat sein Volk Israel erw\u00e4hlt. 1.900 Jahre waren sie seit Christi Geburt ohne Heimat, obwohl doch Gott seine Verhei\u00dfung an Raum und Zeit gebunden hat. 1917 entstand die Idee, dass Juden in Pal\u00e4stina wieder siedeln und friedlich mit Pal\u00e4stinensern zusammenleben, die Kolonialm\u00e4chte Frankreich und England schaffen neue Staaten. Irak, Syrien, Jordanien, Libanon.1948 wurde die Staatsgr\u00fcndung Israels wahr. Frieden hat es bisher aber nie gegeben. Die Erw\u00e4hlung hat Krieg gebracht bis heute.<\/p>\n<p>\u201eSiehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her!\u201c Ich k\u00f6nnt den Kopf sch\u00fctteln \u00fcber die Verhei\u00dfung des Propheten.<\/p>\n<p>K\u00f6nnte den Kopf sch\u00fctteln, wenn ich nicht w\u00fcsste, dass er in einer Situation spricht, die von Leid und Besatzungsmacht gepr\u00e4gt ist, von \u00dcberlebenskampf und Hoffnung auf das Friedensgebet im wiedererrichteten Tempel.<\/p>\n<p>Er antwortet auf die hin- und hergerissenen Seelen, auf die zertr\u00fcmmerten H\u00e4user und verbrannten Leiber mit einer Vision. \u201eDer Herr hat geschworen bei seinem starken Arm.\u201c Ihr werdet den Wein, den ihr gepflanzt habt, selber ernten und trinken.\u201c \u201eDein Heil kommt.\u201c<\/p>\n<p>Die Vision entwirft immer ein Gegenbild. Die Bibel entwickelt ihre Kraft zur Hoffnung immer aus dem Leid. Ein sattes Volk hat keine Visionen.<\/p>\n<p>So haben die Leute den Propheten damals nicht anders geh\u00f6rt als wir heute. Ambivalent, kritisch ungl\u00e4ubig oder aufgerichtet.<\/p>\n<p>Ich nehme mit den Bildern des zerst\u00f6rten Libanon und des aufgeschreckten Israel im Kopf drei Worte des Propheten besonders auf.<\/p>\n<p>\u201eIch habe W\u00e4chter \u00fcber deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht schweigen sollen.\u201c<\/p>\n<p>Der Friede braucht W\u00e4chter. Er braucht Menschen, die Gottes Wort erinnern, sagen, die unbequem sind. Du kannst solch ein W\u00e4chter sein, der die Friedensbilder des Propheten lebendig h\u00e4lt. Wenn selbst wir sie verschweigen, sieht es b\u00f6se aus.<\/p>\n<p>\u201eMacht Bahn, r\u00e4umt die Steine hinweg.\u201c<\/p>\n<p>R\u00e4umt die Steine, die den Frieden hindern, hinweg. Wir Christen wissen, was dem Frieden dient. Selbstbewusstsein, Wahrheit und Gewaltlosigkeit.<\/p>\n<p>Wer wei\u00df, wer er ist und was er wert ist, muss keine Konkurrenz f\u00fcrchten. Wer sich seiner W\u00fcrde vor Gott bewusst ist, muss andere nicht abwerten. Das Selbstbewusstsein.<\/p>\n<p>Und die Wahrheit. Ein Mensch muss \u00fcber sich Bescheid wissen. Er muss sich schonungslos in seinen St\u00e4rken und Schw\u00e4chen kennen. Unfriede w\u00e4chst, wo Menschen sich was vormachen, wo Interessen verschleiert werden.<\/p>\n<p>Und die Gewaltlosigkeit. Der K\u00f6rper des Menschen geh\u00f6rt zu seiner Identit\u00e4t. Er ist ein unverzichtbarer Teil unserer Ganzheit. Er darf nicht willentlich versehrt werden.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, das l\u00f6st den Konflikt in Pal\u00e4stina nicht. Aber wir d\u00fcrfen nicht zu denen geh\u00f6ren, die irgendwo auf der Welt Steine in den Weg der Vers\u00f6hnung r\u00e4umen.<\/p>\n<p>\u201eLasst Gott keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichtet.\u201c<\/p>\n<p>Betet. Erinnert den Herrn, fallt ihm auf die Nerven. In gefalteten H\u00e4nden ist kein Platz f\u00fcr Schwert, Gewehr oder Raketenabschussknopf.<\/p>\n<p>\u201cGeht ein durch die Tore, bereitet dem Volk den Weg\u201c<\/p>\n<p>Jerusalem bleibt die Stadt schlechthin, Symbol f\u00fcr den Frieden der Welt. Alle Toren \u00f6ffnen sich, alle V\u00f6lker kommen, um in ihr zu wohnen. Es wird kein Leid noch Geschrei mehr sein. Mit diesem gro\u00dfen Bild der Stadt schlie\u00dft unsere Heilige Schrift, die mehr von Leid und Krieg wei\u00df, als wir jemals erfahren oder gesehen haben.<\/p>\n<p>\u201eN\u00e4chstes Jahr in Jerusalem,\u201c so ist der Abschiedsgru\u00df der Juden. Errichtete Mauern werden abgebaut, die Tore sind f\u00fcr alle ge\u00f6ffnet. F\u00fcr diese Zukunft lohnen sich die bittersten Tr\u00e4nen.<\/p>\n<p><strong>Heinz Behrends<br \/>\nSuperintendent<br \/>\nEntenmarkt 2<br \/>\n37154 Northeim<br \/>\n<a href=\"mailto:Heinz.Behrends@evlka.de\"> Heinz.Behrends@evlka.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>10. Sonntag nach Trinitatis, 20. August 2006 Predigt zu Jesaja 62, 6-12, verfasst von Heinz Behrends Vorbemerkung Der Israelsonntag setzt die Themen \u201eErw\u00e4hlung Israels\u201c und die \u201eGeschichte der Schuld der Christen gegen die Juden\u201c. 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