{"id":11299,"date":"2021-02-07T19:48:55","date_gmt":"2021-02-07T19:48:55","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11299"},"modified":"2023-02-09T17:02:50","modified_gmt":"2023-02-09T16:02:50","slug":"matthaeus-11-16-24-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-11-16-24-2\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 11, 16-24"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">10. Sonntag nach Trinitatis, 20. August 2006<br \/>\nPredigt zu Matth\u00e4us 11, 16-24, verfasst von Kirsten B\u00f8ggild (D\u00e4nemark)<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>MELANCHOLIE<\/p>\n<p>Wir haben euch aufgespielt,<br \/>\nund ihr wolltet nicht tanzen.<br \/>\nWir haben Klagelieder gesungen,<br \/>\nund ihr wolltet nicht weinen.<\/p>\n<p>Die Vorw\u00fcrfe h\u00e4ngen in der Luft. Dieses Geschlecht hat die Aufforderung zum Tanz nicht angenommen. Dieses Geschlecht ist von einem sonderbaren Unwillen gekennzeichnet. Es gibt nichts oder niemanden, der es zufriedenstellen k\u00f6nnte. Johannes der T\u00e4ufer, der ein Asket war, wird als abweichend und wahnsinnig betrachtet. Jesus, der kein Asket ist, sondern mit den Menschen isst und trinkt, mit denen die meisten nicht verkehren wollen, Jesus l\u00f6st Ver\u00e4rgerung aus. Dieses Geschlecht h\u00e4lt sich selbst au\u00dfen vor, betrachtet die Ereignisse aus der Distanz. Und was es auch sein mag, es weckt seinen Unwillen. Es kritisiert \u2013 und damit verbleibt es auf Distanz. Enth\u00e4lt sich jeder Einmischung. Besch\u00fctzt sich selbst vor verpflichtender Begeisterung. Gegen Teilnahme am gemeinsamen Leben. Es ist wie mit dem Fernsehzuschauer unserer Zeit: Da ist nichts, was etwas auf sich h\u00e4tte, aber man m\u00f6chte es doch gern von der gem\u00fctlichen Tiefe des Sessels aus im Fernsehen sehen. Aus der Distanz zu den Ereignissen selbst. Selbst will man seinen Ort au\u00dferhalb des Gangs der Welt haben. Au\u00dferhalb dieses ganzen Dramas, das man als Unterhaltung betrachtet. Jetzt wo die Trag\u00f6dien der Welt zu Unterhaltung auf dem Bildschirm geworden sind. Man glaubt vielleicht, man w\u00e4re nicht beteiligt, obwohl man in Wirklichkeit sehr wohl beteiligt ist. Denn w\u00e4hrend die Welt ihren schiefen Gang geht und du es dir in deinem Sessel gem\u00fctlich machst, unternimmst du nichts, um zu verhindern, dass sich die Dinge in eine falsche Richtung bewegen.<\/p>\n<p>Passiv zuzusehen ist eine moderne Lebensweise. Das gemeinsame Leben \u2013 Gesellschaft, Umwelt, Demokratie, Globalisierung \u2013 das alles ist so kompliziert und unhandlich geworden, so un\u00fcberschaubar f\u00fcr den Einzelnen, dass man versucht ist, sich aus dem allem abzumelden und passiv zuzuschauen, als w\u00e4re das Ganze reine Unterhaltung, die meine Beteiligung, meinen Einsatz nicht verlangt. Einerseits ist die Aufkl\u00e4rung \u00fcber den Zustand der Welt und die Not der Menschen, \u00fcber Krieg und Hunger und Krankheit umfassender als jemals zuvor. Andererseits ist die M\u00f6glichkeit des Einzelnen, etwas zu unternehmen, verschwindend gering. So erleben wir den Zustand der Welt durch die Medien \u2013 und das macht uns passiv. Wir werden zu Pessimisten ohne Hoffnung. Nicht alle! Aber es ist eine Tendenz, und es ist eine einleuchtende Tendenz. Nur hilft das \u00fcberhaupt nichts! Die Welt wird nicht dadurch besser, dass wir passiv sind. Und wir selbst werden zu elenden Menschen, wenn wir uns nicht am gemeinsamen Leben beteiligen. Denn was ist ein Mensch? Wie wird ein Mensch er selbst? Er tut es, indem er Verantwortung auf sich nimmt f\u00fcr seinen Mitmenschen, mit dem zusammen zu leben ihm aufgegeben ist \u2013 und zwar nicht nur im engsten, sondern im umfassendsten Sinne. Die Verantwortung ist grenzenlos, es geht nur darum, dass du irgendwo anf\u00e4ngst, an deinem Ort \u2013 und dann deinen Blick weitest in der Zeit und im Raum. Hinaus in die wunderbar geschaffene Welt, und dass du sie mit dir selbst und mit deinem Leben bewahrst.<\/p>\n<p>Warum wollte dieses Geschlecht denn nicht tanzen? Nicht trauern? An nichts teilnehmen? Was ist das f\u00fcr eine Melancholie, die die Menschen der Zeit kennzeichnet? Darauf kann man gewiss viele Antworten geben, aber im Grunde ist Melancholie genauso unerkl\u00e4rlich wie Liebe. Dieser nach innen gewandte Sinn, dieses verschlossene Wesen, diese Schwarzseherei bis zum Wahnsinn. Schwermut, die im Widerspruch steht zu der Freude, die der Sinn alles Lebendigen ist. Wenn ein Mensch seinem Mitmenschen immer den R\u00fccken kehrt, immer zu Boden sieht und wegsieht und an dem anderen Menschen vorbeisieht. Wenn er immer blo\u00df seines Weges geht, seine T\u00fcr verschlie\u00dft, die Gardinen vorzieht. Es ist so selbstzerst\u00f6rerisch, dass es unerkl\u00e4rlich ist. Melancholie ist genauso sinnlos, wie Liebe und Freude sinnvoll sind. Die passive Gefangenschaft in der eigenen Welt ist genauso lebensfeindlich, wie die aktive, nach au\u00dfen gerichtete Tatkraft in der gemeinsamen Welt Lebensfreude bezeugt. Nur ist das gar nicht so einfach. Melancholie ist eine Seite des menschlichen Wesens, eine dunkle Seite, mit der wir leben und k\u00e4mpfen, weil sie ihre eigene Macht hat. Ihre \u00dcbermacht bek\u00e4mpfen wir nur, wenn wir sie ernst nehmen und fortlieben. Allein Liebe vermag sie zu \u00fcberwinden. Und deshalb sehnt sie sich auch unbewusst nach Liebe. Aber nun ist sie so paradox, dass sie vor ihr fl\u00fcchtet, sich vor ihr versteckt, sich gegen sie wendet. Sie will nicht tanzen, wenn die Liebe aufspielt. Sie will nicht trauern, wenn die Liebe Klagelieder singt. Sie zieht sich scheu in sich selbst zur\u00fcck und verbleibt dort. Der Liebevolle kann dort nicht hineingelangen.<\/p>\n<p>Was Jesus immer kritisiert hat, war die Art und Weise, wie Menschen sich zueinander verhalten. Die K\u00e4lte, die zwischen ihnen herrschen konnte. Die Gleichg\u00fcltigkeit, die Unterdr\u00fcckung und Ausnutzung, die Lust zur Verurteilung. Die Eigenliebe in allen ihren Schattierungen. Auch die Melancholie hat einen egoistischen Aspekt. Unfreiwillig vielleicht, aber eine Folge davon, dass man in seiner eigenen inneren Welt verharrt, mit eigenen Empfindungen und Problemen besch\u00e4ftigt, innerhalb der eigenen vier W\u00e4nde mit der Welt da drau\u00dfen, eine Folge davon kann sein, dass man den Menschen auf der anderen Seite der Wand nicht wahrnimmt. Ob er gl\u00fccklich oder ungl\u00fccklich ist? Ob er Hilfe braucht oder nicht? Wenn wir nicht aufmerksam sind, wenn wir nicht interessiert sind, \u00fcberlassen wir einander der Einsamkeit. \u2013<\/p>\n<p>Was hat das mit dem Text von heute zu tun, m\u00f6gen wir nun fragen. Ja, das vernichtende Urteil, das Jesus \u00fcber sein Volk, seine Zeit f\u00e4llt, ist eine Verurteilung ihres Mangels an Glauben an ihn. Und das hei\u00dft: Mangel an Mitgef\u00fchl. Wenn er dazu auffordert, dass man seinen N\u00e4chsten lieben soll wie sich selbst, dann geht es um Mitgef\u00fchl mit dem Menschen au\u00dferhalb der Mauern, die einen umgeben. Und wenn die Zeitgenossen nicht nach seiner Melodie tanzen wollen, dann bedeutet das, dass sie an seine Botschaft nicht glauben wollen, dass wir einander vorbehaltlos lieben sollen. Stattdessen kehrt man sich in sich selbst und fragt sich: Wie kann ich mich selbst am besten lieben? Als w\u00e4re man dem Individualismus ganz und gar ausgeliefert.<\/p>\n<p>Jesus wanderte in dem Land umher und verk\u00fcndete das Wort Gottes \u2013 wie es die Propheten vor ihm getan hatten. Aber er sprach auf seine Weise. Er kam mit der Barmherzigkeit Gottes, seiner Vergebung der S\u00fcnden. Und er hielt sich nicht streng nur an die Juden, seine eigenen Landsleute. Seine Botschaft war universal. Er wollte, dass die Leute an das Recht der Barmherzigkeit glauben sollten. Dass niemand au\u00dferhalb der Reichweite der Liebe Gottes stand, und deshalb sollte auch niemand au\u00dferhalb der Reichweite der Liebe von Menschen stehen. Aber was die Leute gern f\u00fcr sich haben wollten: Gottes Vergebung, das wollten sie anderen nicht g\u00f6nnen und schon gar nicht denen, die in einem anderen Land wohnten und eine andere Religion hatten. Die Inspiration aus der Verk\u00fcndigung des Reiches Gottes mit der Vergebung der S\u00fcnden wurde nicht angenommen. Sie wirkte nicht auf die Anf\u00fchrer des Volkes, dem Jesus angeh\u00f6rte. Es ist eine Inspiration, die das Verst\u00e4ndnis eines Menschen von seinem Gottesverh\u00e4ltnis dahin \u00e4ndern will, dass es auch sein Verh\u00e4ltnis zu dem anderen Menschen umfasst. Eine Wandlung von einem individuellen Verh\u00e4ltnis zu einem sozialen und mitmenschlichen. Aber die Inspiration wurde abgelehnt. Das geschieht, wenn wir nicht wollen. Wenn wir nicht vergeben wollen, wenn wir nichts mit dem anderen Menschen zu tun haben wollen.<\/p>\n<p>Und das Urteil ist hart. So hart, dass es schwer ist, Gottes Barmherzigkeit gegen\u00fcber dem Menschen zu sehen, der sie ablehnt. Aber das Urteil ist eine gnadenlose Aufdeckung der Ablehnung. Man ist gezwungen, seiner Eigenliebe in die Augen zu sehen. Man sieht das Ergebnis der K\u00e4lte des Herzens und der Passivit\u00e4t des Geistes. Aller Welt Not und Elend, Tr\u00e4nen, die nie versiegen, Sehns\u00fcchte, die nie erf\u00fcllt werden, Einsamkeit bis zum Wahnsinn. Alles zieht an dem inneren Blick vorbei in einem letzten hoffnungslosen Schrecken angesichts all des eigenen Versagens. Der Prophet Jesus spricht Worte des letzten Gerichts, wie es die Propheten vor ihm getan haben. Und sollen wir sie mit unserem eigen Leben in Verbindung bringen, dann formulieren sie die Furcht, als ein gef\u00fchlskaltes unmenschliches Wesen zu enden, das seinen Mitmenschen nichts Gutes tut. Die Worte des Gerichts sind eine Warnung, aufzuwachen und sich selbst und seinem Leben in die Augen zu sehen, &#8211; ehe es zu sp\u00e4t ist.<\/p>\n<p>Ja, aber ist Gott so hart, dass etwas \u00fcberhaupt jemals zu sp\u00e4t sein kann? In diesem Leben sorgen wir selbst daf\u00fcr, viele Lebensm\u00f6glichkeiten zu zerst\u00f6ren. Wir sind selbst schuld, wenn es f\u00fcr etwas zu sp\u00e4t geworden ist \u2013 und wenn wir im letzten Augenblick unseres Lebens erkennen, dass wir nie andere geliebt haben als uns selbst, dann ist das im menschlichen Sinn zu sp\u00e4t. \u2013 Was ist dann die Vergebung der S\u00fcnden, Gottes Barmherzigkeit in all dem? Vor allem nimmt das Urteil das Menschenleben ernst, sowohl den Menschen, der nicht geliebt hat, als auch den Menschen, der auf die Liebe eines anderen Menschen hat verzichten m\u00fcssen. Gott ist es nicht einfach egal. Und dieser Ernst im Verh\u00e4ltnis zu beiden Menschen, ist dieser Ernst nicht eine Verhei\u00dfung, dass Gott in seiner Ewigkeit das, was wir Menschen nicht verm\u00f6gen, n\u00e4mlich uns selbst zu vergeben, dass Er es vermag? Jesus verk\u00fcndete nicht Hoffnungslosigkeit, sondern er verk\u00fcndete Hoffnung \u00fcber eine jede Grenze hinweg.<\/p>\n<p>Amen!<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastor Kirsten B\u00f8ggild<br \/>\nThun\u00f8gade 16<br \/>\nDK-8000 \u00c5rhus C<br \/>\nTel. +45 86124760<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:kboe@km.dk\">kboe@km.dk<\/a><\/p>\n<p>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>10. Sonntag nach Trinitatis, 20. 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