{"id":11310,"date":"2021-02-07T19:49:10","date_gmt":"2021-02-07T19:49:10","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11310"},"modified":"2023-01-30T10:29:34","modified_gmt":"2023-01-30T09:29:34","slug":"lukas-7-36-50-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-7-36-50-7\/","title":{"rendered":"Lukas 7, 36-50"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">11. Sonntag nach Trinitatis, 27. August 2006<br \/>\nPredigt zu Lukas 7, 36-50, verfasst von Arne \u00d8rtved (D\u00e4nemark)<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>(Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung)<\/p>\n<p>Ist die Liebe heimatlos in dieser Welt? Oder ist diese Erde ihr rechtes Element? Etwas spricht f\u00fcr beides. Und die beste Illustration daf\u00fcr finden wir im Text von heute. Da sto\u00dfen die beiden Behauptungen hart aufeinander. Liebe, die heimatlos ist, und Liebe, die sich entfaltet!<\/p>\n<p>Sowohl Matth\u00e4us als auch Johannes erz\u00e4hlen dieselbe Episode; aber sie haben eine v\u00f6llig andere Pointe. Erstens ist bei ihnen nicht von einer S\u00fcnderin die Rede, sondern nur von einer Frau bei dem einen und bei dem anderen von \u201eMaria in Betania\u201c, von der Maria, die das gute Teil erw\u00e4hlt hatte. Jesus mochte sie doch so gern. In den beiden Geschichten entsteht Ver\u00e4rgerung \u00fcber die Verschwendung der Frau, denn die Salbe h\u00e4tte ja verkauft und das Geld an die Armen verteilt werden k\u00f6nnen. Aber Jesus verteidigt die Frau und sagt: <em>Die Armen habt ihr ja allezeit bei euch<\/em>. Zugleich wird die Salbung zu einer Vorbereitung seines Begr\u00e4bnisses einige Tage danach.<\/p>\n<p>Davon steht nichts im Text von heute, der ja vom Evangelisten Lukas geschrieben ist. Hier wird sogleich ein scharfer Gegensatz zwischen dem Hausherrn, dem Pharis\u00e4er Simon, und einer S\u00fcnderin, was vermutlich bedeutet: einer Prostituierten, aufgestellt. Sie vertreten wirklich jeweils auf ihre Weise die heimatlose Liebe. Die Pharis\u00e4er mit ihrem strengen Gerechtigkeitssinn und ihrer Sucht, zu tadeln. Die S\u00fcnderin, die von der feinen Gesellschaft ausgeschlossen ist und sich keinerlei Hoffnung machen kann, jemals wieder in sie aufgenommen zu werden. Sie verkauft sich selbst und ihren K\u00f6rper, eben weil die Liebe heimatlos ist und ihren Trost in der denkbar lieblosesten Begegnung zwischen Mann und Frau findet.<\/p>\n<p>Aber der Pharis\u00e4er hat trotzdem den starken Ausgesandten der Liebe, Jesus, zum Essen in sein Haus eingeladen. Es ist eine gro\u00dfe Geste, weil die gemeinsame Mahlzeit eine Art Bruderschaft zwischen ihnen bedeutete. Es war keine blo\u00dfe H\u00f6flichkeitsgeste, sondern man teilte faktisch Leben und Schicksal miteinander, wenn man zusammen a\u00df. Man band sich sozusagen aneinander.<\/p>\n<p>Deshalb ist es auch f\u00fcr den feinen Pharis\u00e4er ein Schock, als die S\u00fcnderin pl\u00f6tzlich in den Raum tritt. Die Tradition will wissen, dass es Maria Magdalene ist, aber das steht denn doch nicht direkt so geschrieben. Da steht sie nun, diese anziehende Frau mit ihrem Alabastergef\u00e4\u00df im Arm. Sie hob den Kopf ein wenig, um ihre Verlegenheit zu verbergen.<\/p>\n<p>Der Duft des Narden\u00f6ls verbreitet sich im Raum. Eine kostbare Salbe. Das wei\u00df jeder. Einen Jahreslohn eines gew\u00f6hnlichen Arbeiters konnte solch ein Glas voll leicht kosten. Aber Frauen dieser Art verdienen vielleicht gut! Es mag auch eine andere Erkl\u00e4rung geben: Ein jedes junges M\u00e4dchen sammelte solche Salbe f\u00fcr ihre Hochzeit. Ihr Br\u00e4utigam sollte f\u00fcr die Brautnacht damit gesalbt werden. Es war eine Liebesgeste; und je mehr Salbe, desto mehr Liebe. Vielleicht hatte die Frau die Salbe gesammelt, ehe sie eine gefallene Frau wurde. Vielleicht ist sie gefallen, weil sie von ihrem fr\u00fcheren Geliebten verlassen oder weil sie vergewaltigt worden ist. Wenn eine Frau versto\u00dfen werden sollte, fragte man nicht nach Gerechtigkeit, um von Liebe ganz zu schweigen. Es ging nur um die Sucht zu tadeln.<\/p>\n<p>Da steht sie nun. Nur einen kurzen Augenblick, der sich wie eine Ewigkeit ausnimmt. Dann bewegt sie sich durch den Raum auf den Platz zu, auf dem Jesus liegt. Was wird geschehen? Warum greift niemand ein? Wer soll eingreifen? Als sie zu Jesus hinkommt, kniet sie nieder, zerbricht das Gef\u00e4\u00df und beginnt, ihn zu salben. Es ist zugleich sch\u00f6n und schamlos. Was bildet sie sich ein? Den Meister von Nazareth mit Salbe zu \u00fcbergie\u00dfen \u2013 und damit auch mit Liebe. Und sie ist v\u00f6llig aus dem H\u00e4uschen. Sie weint ihre Tr\u00e4nen \u00fcber seinen F\u00fc\u00dfen und trocknet sie mit ihrem langen, sch\u00f6nen, gl\u00e4nzenden Haar. Und es geht weiter mit allen Zeichen der Hingabe, die der privaten Sph\u00e4re der Brautnacht angeh\u00f6ren. Die Liebe hat eine Heimst\u00e4tte in unserer Welt gefunden.<\/p>\n<p>Da muss der Pharis\u00e4er Simon endlich eingreifen. Eine derartige St\u00f6rung der \u201e\u00f6ffentlichen Ordnung\u201c, wenn man das so ausdr\u00fccken kann. Da hat er sich das lange \u00fcberlegt und sich herbeigelassen und Jesus zu einer Mahlzeit in sein Haus eingeladen; und da erweist sich Jesus selbst als v\u00f6llig unqualifiziert. Was soll man dazu sagen? Simon wagt jedoch nicht, laut zu sprechen, er murmelt es vor sich hin: <em>Wenn dieser Mann ein Prophet w\u00e4re, dann w\u00fcsste er, wer und was f\u00fcr eine Frau das ist, die ihn ber\u00fchrt, n\u00e4mlich eine S\u00fcnderin! <\/em><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann Jesus es h\u00f6ren. Simon h\u00e4tte es eigentlich nur zu denken brauchen, damit Jesus wusste, was da geschah. Jetzt soll die Liebe wiederum ge\u00e4chtet werden. Wie schon so oft zuvor. Oh, diese eifernden Menschen, die ihre Moral so wichtig nehmen und die die Menschen so gern in Gute und Schlechte, Richtige und Verkehrte, Erl\u00f6ste und Verdammte einteilen. K\u00f6nnen sie sich denn nie einfach nur hingeben?<\/p>\n<p>Und nun erz\u00e4hlt Jesus das sehr einfache Gleichnis von den beiden Schuldnern, denen ihre Schuld geschenkt wird. Der eine schuldete 50 Denare, der andere 10 mal so viel. Wer von ihnen wird den Herrn am meisten lieben? Da ist doch kein Zweifel m\u00f6glich! Ist das Leben wirklich so einfach? Sind die Gesetze der Liebe wirklich so einfach? Ja, so einfach ist es. Und sie alle sind just Zeugen daf\u00fcr gewesen: die Frau hat Jesus gegen alle Vorurteile gesalbt.<\/p>\n<p>Die Liebe<em> hat<\/em> eine Heimst\u00e4tte in unserer Welt. Dort, wo Hingebung und Vergebung ist. Dort, wo man all seinen Hochmut, seine Rechte, seine moralischen Vorurteile aufgibt. Dort, wo die S\u00fcnden vergeben werden. Ja, dies ist doch die Frage: K\u00f6nnen die S\u00fcnden vergeben werden? Gibt es jemanden, der S\u00fcnden vergeben kann? Ist Jesus der, der die Macht dazu besitzt? S\u00fcnden vergeben ist nicht nur eine Frage von Nachsicht und einem freundlichen Schlag auf die Schulter. Es ist nicht nur eine Frage, wie man ein paar Worte sagt, die man daherleiern kann, weil man sie irgendwo und \u2013wann einmal gelernt hat.<\/p>\n<p>Recht besehen kann nur Gott S\u00fcnden vergeben, weil es um das Leben des Menschen geht. Frei gestellt zu werden, um zu leben. Alles Alte hinter sich zu lassen. Nich nur sich zu verbessern, wie man etwa mit dem Rauchen aufh\u00f6rt. Sondern das Alte zu verlassen. Die Scham. Das Gewissen. Die Hoffnungslosigkeit. Das Ausgesto\u00dfensein. Von Neuem zu beginnen. Nicht auf Grund zuf\u00e4lliger Menschen Gnade und Barmherzigkeit, sondern auf Grund von Gottes Gnade und Barmherzigkeit. Dies ist so wichtig: Danach schuldet man nur einem seinen Dank: Gott.<\/p>\n<p>Er ist es allezeit, der neues Leben schafft. Wir anderen k\u00f6nnen es nur leben. Es ist auch nicht so wenig, denn das Leben, das er schafft, ist ja gerade das Leben der Liebe. Er macht unsere Erde zur Heimst\u00e4tte der Liebe. So war es auch am Anfang, aber wir zerst\u00f6ren es die ganze Zeit mit all unseren kleinen und gro\u00dfen Nummern. Wir meinen, das Leben solle sich nach unseren Bedingungen entfalten.Wir meinen, wir k\u00f6nnten es besser als Gott, der allzu nachl\u00e4ssig sei. Allzu gro\u00dfz\u00fcgig. Nein, lasst uns da mal dran. Mit unserer Ordung und unserer Gerechtigkeit. Zwar gibt es immer Leute, die sich nicht einordnen wollen, aber die m\u00fcssen dann auch daf\u00fcr b\u00fc\u00dfen. Zwar begehen wir hin und wieder Fehler; und es mag schwer sein, alle die kleinen Nummern hinter den Gardinen, hinter den Floskeln, hinter den frommen Masken, hinter den edlen Motiven, hinter den strengen Regeln zu registrieren. Aber Ordung muss sein, wo k\u00e4men wir denn sonst hin? Un wo ist im \u00dcbrigen Gott?<\/p>\n<p>Ja, er ist auf jeden Fall nicht dort! Er ist nur da, wo die Liebe auch eine Heimst\u00e4tte gefunden hat. Er ist da, wo sich der Nardenduft der S\u00fcnderin im Raum ausbreitet und die Mahlzeit zu einer Liebesmahlzeit macht. M\u00f6ge dies nur f\u00fcr uns geschehen, wenn wir gleich an den Tisch des Herrn treten, dass die Liebe ihre Heimst\u00e4tte in unserer s\u00fcndigen Welt finden kann.<\/p>\n<p>Amen!<\/p>\n<p class=\"Stil1\">Pastor Arne \u00d8rtved<br \/>\nBirkeb\u00e6k 8<br \/>\nDK-7330 Brande<br \/>\nTlf.: ++ 45 \u2013 97 18 10 98<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:ortved@mail.dk\">ortved@mail.dk<\/a><\/p>\n<p align=\"left\"><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>11. Sonntag nach Trinitatis, 27. August 2006 Predigt zu Lukas 7, 36-50, verfasst von Arne \u00d8rtved (D\u00e4nemark) (Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung) Ist die Liebe heimatlos in dieser Welt? Oder ist diese Erde ihr rechtes Element? Etwas spricht f\u00fcr beides. Und die beste Illustration daf\u00fcr finden wir im Text von heute. 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