{"id":11311,"date":"2021-02-07T19:49:05","date_gmt":"2021-02-07T19:49:05","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11311"},"modified":"2023-02-03T11:07:04","modified_gmt":"2023-02-03T10:07:04","slug":"galater-2-15-21-dialog-mit-paulus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/galater-2-15-21-dialog-mit-paulus\/","title":{"rendered":"Galater 2, 15-21 \u2013 Dialog mit Paulus"},"content":{"rendered":"<h3 align=\"left\"><b><span style=\"color: #000099;\">1. Sonntag nach Trinitatis, 27. August 2006<br \/>\nPredigt zu Galater 2, 15-21, verfasst von Hans-Georg Babke<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<div align=\"left\">\n<p align=\"left\">Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>&#8211; \u201ePaulus\u201c, m\u00f6chte man am liebsten sagen und in ein Gespr\u00e4ch mit ihm eintreten, \u201edas sind dogmatisch-formelhafte Aussagen, die du hier machst. Manches davon glaube ich zu verstehen, schon deshalb, weil es in der Reformationszeit eine Wirkungsgeschichte ausgel\u00f6st und zur Neugr\u00fcndung einer Kirche gef\u00fchrt hat. Aber vieles bleibt mir in seinem Sinn und seiner Logik verborgen. Mit meinem Leben hat das nichts zu tun.\u201c<\/p>\n<p>&#8211; Und vielleicht w\u00fcrde Paulus antworten:<br \/>\n\u201eDie Aussagen, die du da von mir zitiert hast, sind ja auch aus dem Zusammenhang gerissen. Zumindest aus dem Zusammenhang meiner konkreten Situation. Da habe ich Gemeinden in Galatien, im Zentrum Kleinasiens, gegr\u00fcndet. Menschen sind durch meine Predigten Christen geworden. Menschen, die vorher andere G\u00f6tter verehrt haben, Zeus, Diana, Dionysos. Die hatten ihre Religion gewechselt. Diejenigen Christen aber, die vorher Juden waren, gingen ganz selbstverst\u00e4ndlich davon aus, dass die griechischen Christen zun\u00e4chst einmal Juden werden, d.h. dass sich die M\u00e4nner beschneiden lassen m\u00fcssen, dass die j\u00fcdischen Speisegebote eingehalten werden m\u00fcssen und die j\u00fcdischen Feier- und Festtage. Viele Griechen wollten das nicht, insbesondere nicht das mit der Beschneidung, obwohl sie gern Christen sein wollten. Und da habe ich ihnen gesagt, dass sie sich nicht beschneiden lassen m\u00fcssten und auch sonst die rituellen Vorschriften des Judentums nicht einzuhalten brauchten. Und ich habe das nicht gesagt, um mich ihnen anzubiedern. Sondern weil ich ja selbst erkannt hatte, dass das mit Jesus etwas ganz anderes war als das mit dem Gesetzesgehorsam. Au\u00dferdem hatte es in dieser Frage bereits einen Konsens zwischen allen Aposteln gegeben. Ich hatte den Eindruck, dass die Heidenchristen, wie sie genannt wurden, froh dar\u00fcber waren. Jetzt aber sind andere Missionare in diese Gemeinden gekommen und fordern erneut die Einhaltung der j\u00fcdischen Rituale und die Einhaltung der j\u00fcdischen Fest- und Feiertage. Sie werfen mir vor, kein richtiger Apostel zu sein, weil ich Jesus nicht pers\u00f6nlich gekannt habe und keiner von seinen J\u00fcngern war. Sie machen Stimmung gegen mich und sprechen mir meine theologische Kompetenz ab. Und wie es aussieht, scheinen sie damit auch gro\u00dfen Erfolg zu haben.\u201c<\/p>\n<p>&#8211; \u201eEntschuldige, Paulus, wenn ich dich unterbreche. Aber war denn dieser Streit \u00fcberhaupt n\u00f6tig, wegen solch nebens\u00e4chlicher Fragen des Kults. Viele Leute drau\u00dfen werden ohnehin nur verst\u00e4ndnislos den Kopf gesch\u00fcttelt und den Streit als Theologengez\u00e4nk abgetan haben. In unserer Zeit wird auch aus den Reihen der Kirche selbst immer wieder ein eindeutig erkennbares christliches Profil gefordert, das die Kirche nach au\u00dfen haben muss. Wir reden vom Corporate-Identity-Bewusstsein, dass alle Mitarbeitenden in der Kirche haben sollten. Damit die Kirche identifizierbar bleibt in einer pluraler werdenden Gesellschaft. Ist da ein interner Streit nicht eher kontraproduktiv. M\u00fcsste nicht der Erkennbarkeit nach drau\u00dfen eine geistige Formierung nach innen korrespondieren? Tendenziell gilt bei uns die Devise: Die Einheit hat Vorrang vor der Kl\u00e4rung von Wahrheitsfragen.\u201c<\/p>\n<p>&#8211; Darauf Paulus: \u201eNein, die Einheit rangiert nicht vor der Wahrheit, schon gar nicht bei Fragen, in denen es um das gelingende oder misslingende Leben geht. Man kann doch nicht den Streit um die Wahrheit unterdr\u00fccken. Ein erzwungener Konsens h\u00e4tte ohnehin nicht langel Bestand. Und eine geistige Formierung passt nicht zum christlichen Glauben, in dem jeder Einzelne Verantwortung f\u00fcr seinen Glauben tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Ich war vor meinem Beitritt zum Christentum selbst ein praktizierender Jude, noch dazu ein strenger. \u00dcber die Ma\u00dfen habe ich das Religionsgesetz studiert und mich bem\u00fcht, seine Gebote zu halten. Aber dann habe ich erkannt, dass die S\u00fcnde gegen\u00fcber Gott nicht darin bestand, dass ich die Gebote nicht hinreichend erf\u00fcllte. Vielmehr in meiner Eigenm\u00e4chtigkeit. In meinem Willen, aus eigener Kraft zu leben, um dadurch die Anerkennung anderer Menschen und Gottes zu verdienen. Ich erkannte, dass die an sich guten Gebote Gottes durch die Art und Weise meines Umgangs mit ihnen in den Sog meiner Eigenm\u00e4chtigkeit gerieten. Sie wurden zum Instrument, zur Funktion meiner Selbst\u00fcberhebung, als k\u00f6nnte ich selbst mir durch ihre Befolgung ein gerechtfertigtes und gelingendes Leben sichern. Meine Eigenm\u00e4chtigkeit hat mich immer weiter nach vorn getrieben. Ich wollte immer besser werden. Und doch ahnte ich bereits, dass sich der angestrebte Erfolg nicht einstellen w\u00fcrde. Ich kam mir vor wie Sisyphos aus der griechischen Sagenwelt. Immer wieder neu rollte ich den Felsen den Berg hinauf, ohne jemals dort anzukommen. Niemals hatte ich das Gef\u00fchl, dass mein Dasein in dieser Welt und vor Gott endg\u00fcltig gerechtfertigt war. Aber dann ist mir ein Licht aufgegangen. Mir wurde bewusst: Du musst ja deine Daseinsberechtigung gar nicht erleisten. Du bist doch schon l\u00e4ngst gewollt und gemocht. Du darfst schon leben. Du wurdest nicht einfach ungefragt in die Welt geworfen, um nun, einmal da, diese Daseinsberechtigung durch deine Taten nachtr\u00e4glich zu rechtfertigen. Das war bereits gekl\u00e4rt. Diese Gewissheit hatte ich. Und die andere: dass mir meine vorherige Eigenm\u00e4chtigkeit vergeben war. Durch Christus. F\u00fcr diese Gewissheit brauchte ich nun keine Vorbedingungen mehr zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Dieser Einstellungswechsel war nicht leicht. Ich musste meine Eigenm\u00e4chtigkeit, den Wunsch, mich selbst und mein Leben zu kontrollieren, eintauschen gegen Ohnmacht. Musste mein Ich aufgeben und meinen Kopf in den Scho\u00df Gottes legen, mich auf die Zusage eines anderen verlassen. Wenn sich solch eine nicht leichte Einstellungs\u00e4nderung vollzieht, dann kann man doch nicht einfach schweigen, wenn andere den als falsch erkannten Weg neu propagieren. In Fragen des gelingenden und misslingenden Lebens hat die Wahrheit immer Vorrang vor der Einheit.<\/p>\n<p>&#8211; \u201ePaulus, du hast vorhin gesagt, dass deine Gegner dir nicht nur deine Autorit\u00e4t als Apostel streitig machen, sondern auch noch deine theologische Kompetenz anzweifeln. Was hei\u00dft das konkret?\u201c<\/p>\n<p>&#8211; \u201eSie werfen mir vor, ich w\u00fcrde die Gnade Gottes in der Geschichte Israels und seine besondere Gnade im j\u00fcdischen Gesetz f\u00fcr ung\u00fcltig und nichtig erkl\u00e4ren. Nichts davon ist wahr. Nicht die Gebote Gottes sind schlecht, sondern unser Umgang mit ihnen. Dass wir sie in unsere Eigenm\u00e4chtigkeit einziehen . Hier gibt es nur die Alternative: entweder die nachtr\u00e4gliche Selbstrechtfertigung aus den eigenen guten Leistungen und Taten oder aber das Vertrauen auf das gn\u00e4dige Urteil Gottes, dass wir l\u00e4ngst gerechtfertigt sind. Beides zusammen geht nicht. Wenn die Daseinsrechtfertigung durch uns selbst geschehen kann, dann ist Christus umsonst gestorben.<\/p>\n<p>Und sie sagen, dass Christus die S\u00fcnde billige, wenn er sie vergibt. Sie haben ein sehr verd\u00fcnntes Verst\u00e4ndnis von dem, was \u201eS\u00fcnde\u201c bedeutet. Es ist im tiefsten jene Eigenm\u00e4chtigkeit: der Wille, sein eigener Gott sein zu wollen, das Leben aus eigener Kraft zu f\u00fchren, die selbstm\u00e4chtige Selbstrechtfertigung. Derjenige, der sich dessen gewiss sein kann, dass er l\u00e4ngst gerechtfertigt ist, gibt doch diese Eigenm\u00e4chtigkeit auf, nimmt Abschied davon. Nicht mehr das eigenm\u00e4chtige Ich macht diesen Menschen aus, sondern das Vertrauen auf Gott, dass er l\u00e4ngst gerechtfertigt ist. Ich werde nicht in meinem eigenm\u00e4chtigen Sein best\u00e4tigt, sondern im Gegenteil davon getrennt. Deshalb habe ich gesagt: \u201eIch lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.\u201c Christus w\u00e4re nur dann ein Diener der S\u00fcnde, wenn man sich damit tr\u00f6sten w\u00fcrde, dass man zwar ges\u00fcndigt hat, dass nun aber alles vergeben ist und man weiter bleibt, was man war. Wenn die Gnade keine Bu\u00dfe zur Folge h\u00e4tte.\u201c<\/p>\n<p>&#8211; An dieser Stelle w\u00fcrde ich Paulus unterbrechen und sagen:<br \/>\n\u201eAber, lieber Paulus, die Geschichte hat dir doch Recht gegeben. Die judenchristliche Phase des Christentums war Episode. Die Beschneidung hat sich im Christentum nicht durchgesetzt. Es hat sich eine vom Judentum unabh\u00e4ngige christliche Kultur und Spiritualit\u00e4t durchgesetzt. Meinst du wirklich, dass die innerkirchlichen Konflikte deiner Zeit uns heute noch etwas angehen?\u201c<\/p>\n<p>&#8211; Und Paulus w\u00fcrde ein letztes Mal wohl mit Gegenfragen antworten:<br \/>\n\u201eBist du dir da wirklich so sicher, dass in deiner Welt nicht auch die Lebenseinstellung vorherrscht, dass der Lebenssinn erst das Ergebnis von Lebensleistungen ist? Meine Zeit war von Religion und Religionen bestimmt. Das Religi\u00f6se war die Megaphilosophie, der alles umfassende Denk- und Lebenshorizont. Daher muss ich dir widersprechen, wenn du vorhin gesagt hast, dass Kultfragen nur nebens\u00e4chliche Fragen waren. Welches ist die Megaphilosophie deiner Zeit? Vielleicht die Wissenschaft oder die Wirtschaft? Wer verhei\u00dft gelingendes Leben? Und welches sind die Bedingungen daf\u00fcr, das Menschen Wert und W\u00fcrde zugesprochen wird? Ihre N\u00fctzlichkeit? Auch in deiner Zeit ger\u00e4t die herrschende Megaphilosophie in den Sog der Eigenm\u00e4chtigkeit und entwickelt dadurch eine knechtende Macht. W\u00e4re es nicht eine frohe Botschaft f\u00fcr die Menschen, dass sie vom Krampf der Selbstherstellung ihrer Existenzberechtigung befreit werden k\u00f6nnten? Wenn man ihnen sagen k\u00f6nnte: Du brauchst nicht wie Sisyphos st\u00e4ndig und immer wieder neu den Fels den Berg hoch zu rollen, um leben zu d\u00fcrfen. Du darfst leben von Anfang an, weil du gewollt bist. Wie entlastend das wohl f\u00fcr sie w\u00e4re, sich dessen gewiss sein zu k\u00f6nnen, dass der Empfang von Wert und W\u00fcrde jeder Leistung vorangeht. Voraussetzung jeder Lebensgeschichte und nicht das angestrebte und doch niemals erreichbare Ergebnis. Zu dieser Freiheit hat euch Christus befreit, lasst euch nun nicht mehr unter das Joch der eigenm\u00e4chtigen Selbstherstellung eurer Daseinsberechtigung zwingen.\u201c<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dr. Hans-Georg Babke<br \/>\nARPM Wolfenb\u00fcttel<\/strong><br \/>\n<a href=\"mailto:Hans-Georg.Babke@t-online.de\"><strong>Hans-Georg.Babke@t-online.de<\/strong><\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Sonntag nach Trinitatis, 27. August 2006 Predigt zu Galater 2, 15-21, verfasst von Hans-Georg Babke Liebe Gemeinde! &#8211; \u201ePaulus\u201c, m\u00f6chte man am liebsten sagen und in ein Gespr\u00e4ch mit ihm eintreten, \u201edas sind dogmatisch-formelhafte Aussagen, die du hier machst. 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