{"id":11332,"date":"2021-02-07T19:48:57","date_gmt":"2021-02-07T19:48:57","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11332"},"modified":"2023-02-08T20:17:58","modified_gmt":"2023-02-08T19:17:58","slug":"matthaeus-20-20-28","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-20-20-28\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 20, 20-28"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">13. Sonntag nach Trinitatis, 10. September 2006<br \/>\nPredigt zu Matth\u00e4us 20, 20-28, verfasst von Arne \u00d8rtved (D\u00e4nemark) <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>(Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung)<\/p>\n<p>Es ist manchmal gar nicht so leicht, Mutter zu sein. Es ist ja nicht nur dies, dass es schwer und schmerzvoll ist, das Kind zu erwarten und zur Welt zu bringen und die meiste Zeit f\u00fcr das Kind dazusein, solange es noch klein ist. Sondern es geht auch darum, dass man so eng an seine Kinder gebunden ist. Vielleicht ist es bei M\u00fcttern von der Hand des Sch\u00f6pfers so gemacht; vielleicht entsteht es w\u00e4hrend der Zeit des Wartens und bei der Geburt. Jedenfalls sind Mutter und Kind gef\u00fchlsm\u00e4ssig so eng miteinander verbunden, dass das Band zwischen ihnen fast nicht zerrissen werden kann.<\/p>\n<p><em>Muttergef\u00fchl<\/em> hei\u00dft das mit einem popul\u00e4ren Wort; aber es ist sehr viel mehr als ein Gef\u00fchl; es ist auch eine fast unendliche F\u00fcrsorge und ein Sich-Sorgen-machen weit \u00fcber das hinaus, was notwendig w\u00e4re, weil die Kinder doch in der Regel irgendwann einmal selbst\u00e4ndig werden. Sie <em>k\u00f6nnen<\/em> nicht nur auf eigenen Beinen stehen, so <em>sollen<\/em> es auch.<\/p>\n<p>Es ist notwendig, dass sich die Kinder, wenn es an der Zeit ist, von ihrer Mutter losrei\u00dfen, und dass die Mutter sie losl\u00e4sst. F\u00fcr beide Seiten ist das oft ein harter Prozess. Und manchmal geht es so schief, dass es nicht gelingen will. Mutter und Kind bleiben fortgesetzt abh\u00e4ngig voneinander, so dass das Kind nie erwachsen wird und sich nie wirklich einem anderen Menschen zuwenden und ihn von ganzem Herzen lieb gewinnen kann. Daraus kann viel Ungl\u00fcck entstehen, das oft sogar auch Unschuldige trifft.<\/p>\n<p>Dachte Jesus nicht genau daran, als er einmal in einer Diskussion \u00fcber Ehe und Scheidung sagte, dass ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und sich an seine Ehefrau halten soll, und dass die beiden ein Fleisch sein sollen? Die m\u00fctterliche F\u00fcrsorge, die f\u00fcr kleine Kinder so gut und notwendig ist, kann sich zu einer unertr\u00e4glichen und gef\u00e4hrlichen Tyrannei entwickeln. Auch viele Volksm\u00e4rchen handeln von dieser Problematik.<\/p>\n<p>M\u00fctter sind ja nicht b\u00f6se, wenn sie so handeln. Ganz im Gegenteil; es ist beinahe so, dass sie <em>zu<\/em> gut sind. Es beherrscht sie und wird zu einer Art Besessenheit. Sie wollen die Kinder nicht entlassen, denn dann m\u00fcssten sie f\u00fcrchten, nichts mehr zu haben, wof\u00fcr sie leben sollten. Sie klammern sich an die Mutterrolle.<\/p>\n<p>Es beginnt mit der Liebe zwischen einer Mutter und ihren Kindern. Und es ist doch gerade der Sinn des Lebens, dass man seinen N\u00e4chsten lieben soll anstatt sich selbst; und der allern\u00e4chste N\u00e4chste, den eine Frau haben kann, ist ihr eigenes Kind. Aber dann hat sie Angst vor ihrer eigenen Liebe, weil sie so gro\u00df und so anspruchsvoll ist, und sie verwandelt sich in ihr Gegenteil, \u2013 nicht in Hass, sondern in Macht. Und M\u00fctter haben gro\u00dfe Macht, denn sie k\u00f6nnen den Kindern ein anhaltendes Schuldgef\u00fchl einfl\u00f6\u00dfen, wenn sie immer und ewig zu h\u00f6ren bekommen, wieviel ihre liebe Mutter f\u00fcr sie getan habe. Sie tragen allm\u00e4hlich an einer un\u00fcberschaubaren Schuld ihr gegen\u00fcber; und ihre Tr\u00e4nen sind immer so berechtigt.<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnten sich meine Gedanken vielleicht so anh\u00f6ren, als h\u00e4tte ich etwas gegen M\u00fctter. Im Gegenteil! Ich finde, dass M\u00fctter eine der besten Erfindungen des Sch\u00f6pfers sind. Nein, ich sage dies alles nur, um zu zeigen, wie unermesslich schwer es ist, Mutter zu sein; und gl\u00fccklicherweise bew\u00e4ltigen die meisten die Aufgabe auf die allerbeste Art und Weise. Zugleich k\u00f6nnen wir besser verstehen, warum die Mutter der Zebed\u00e4uss\u00f6hne mit ihren beiden erwachsenen S\u00f6hnen zu Jesus kommt, um ihnen einen Platz im Himmel in der N\u00e4he Gottes zu sichern. Hier ist das Ma\u00df der m\u00fctterlichen F\u00fcrsorge gewiss \u00fcberschritten. Die S\u00f6hne sind doch erwachsen; und nicht einmal die Kraft einer Mutter w\u00fcrde reichen, um nach dem Tode und der Endzeit f\u00fcr ihre Kinder zu sorgen.<\/p>\n<p>Man kann sich wohl ein bisschen dar\u00fcber wundern, dass dieses kleine Ereignis der Nachwelt \u00fcberliefert worden ist, denn es ist doch etwas peinlich, sowohl f\u00fcr die Mutter als auch f\u00fcr die beiden S\u00f6hne und nicht zuletzt auch f\u00fcr die J\u00fcnger, die nachher unwillig sind \u00fcber den Versuch der Mutters\u00f6hnchen, sich in der k\u00fcnftigen Seligkeit einen Vorsprung zu verschaffen. Aber der Bericht steht also da; und am heutigen Sonntag h\u00f6ren wir ihn, wir, die wir all das sehr wohl kennen, was sich da zwischen ihnen abspielt.<\/p>\n<p>Ja! Wir! \u2013 Viele M\u00fctter sind heute in der Kirche \u2013 und viele S\u00f6hne \u2013 und viele eifers\u00fcchtige J\u00fcnger. Es k\u00f6nnte faktisch kaum besser sein. Hier ist alle Aufmerksamkeit konzentriert auf eine recht emsige Mutter, auf ein paar S\u00f6hne, die ihre alte Mutter vorschieben, und auf einige kleinliche Kameraden, die Angst haben, dass ihnen etwas entgeht. Was sagt Jesus zu ihnen? Was sagt er zu uns?<\/p>\n<p><em>Ihr wisst nicht, was ihr bittet! K\u00f6nnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde? <\/em>\u2013 Wenn wir das in unsere moderne Welt \u00fcbersetzen, bedeutet das: <em>K\u00f6nnt ihr das durchmachen, was ich durchmachen werde mit Kreuzigung und Tod? <\/em>Ja! \u2013 Nein, aber danach haben wir ja gar nicht gefragt. Nein, aber es geh\u00f6rt trotzdem zur Sache, denn wir k\u00f6nnen nichts von hier mitnehmen, wenn wir einst sterben m\u00fcssen. Weder Geld noch Verhei\u00dfungen, heimliche Absprachen, Verdienste, Frommigkeit, Ehre, Charme und womit wir uns sonst noch schm\u00fccken k\u00f6nnen oder worauf wir uns hier auf Erden st\u00fctzen k\u00f6nnen. \u2013 Alles das wird mit uns vergehen, wenn wir sterben. Nichts k\u00f6nnen wir mit uns nehmen; nichts k\u00f6nnen wir Gott gegen\u00fcber oder im Reich der Liebe, das am selben Ort ist, gebrauchen.<\/p>\n<p>Das sagt Jesus zu der lieben Mutter. Nicht einmal die Liebe einer Mutter kann etwas bewirken, weil die Pl\u00e4tze im Reich Gottes gegen keinen Preis k\u00e4uflich sind, nicht einmal f\u00fcr etwas so Gro\u00dfes wie die Mutterliebe. Nicht einmal Jesus selbst kann diese Pl\u00e4tze jemandem versprechen, und zwar nicht, weil er keine Macht oder keinen Einflu\u00df im Reich seines Vaters h\u00e4tte; sondern weil dort nichts nach derartigen Regeln vor sich geht, wo man Vorabsprachen und andere Vorteile erlangen kann.<\/p>\n<p>Im ersten Augenblick kann man leicht entt\u00e4uscht sein, ja, vielleicht sogar b\u00f6se, wenn man das h\u00f6rt. Ich meine: Wo kommen wir denn da hin? Dann w\u00fcrde es ja \u00fcberhaupt nichts n\u00fctzen, dass man getauft ist und in die Kirche geht und sich ordentlich benimmt und mit Jesus gut Freund ist und ganz stark an ihn glaubt! \u2013 Nein, das n\u00fctzt keine Spur; man kann gar nichts machen.<\/p>\n<p>Aber wenn man sich dann die Sache \u00fcberlegt und sich selbst und seine eigenen Vorz\u00fcge oder seinen Mangel an Vorz\u00fcgen etwas genauer betrachtet, mag es wohl so kommen, dass man pl\u00f6tzlich sehen kann, dass er sehr gut so ist, dass die Dinge im Reich Gottes nicht nach gew\u00f6hnlichen Regeln vor sich gehen; sondern dass wir Ihn \u00fcber die Pl\u00e4tze und alles andere dort souver\u00e4n bestimmen lassen.<\/p>\n<p>Es gibt eine andere Art, Menschen zu betrachten, als die unsrige, eine andere Art, sie zu beurteilen, als nach Verdienst. Es gibt eine andere Art, ein Reich einzurichten, als das Reich, in dem man sich auf gesetzlichem und ungesetzlichem Wege Rechte verschafft. Es gibt eine andere Art, miteinander zu leben, als die, bei der man immerzu den anderen zuvorkommen und sich selbst Position, Macht, Vorteile schaffen muss.<\/p>\n<p>Das Reich Gottes <em>ist<\/em> v\u00f6llig anders als unser Reich. In jeglichem Punkt. Alles ist auf ganz andere Weise eingerichtet und funktioniert ganz anders, n\u00e4mlich nach der Gesinnung und dem Ma\u00dfstab Gottes. Dort ist alles von Liebe durchdrungen; deshalb wei\u00df man auch nie, wer die Ehrenpl\u00e4tze bekommt; nur Gott wei\u00df es, wenn die Zeit gekommen ist. Dort geht es darum, sich immer selbst zu vergessen in der Inanspruchnahme durch den anderen Menschen; es geht darum, zu dienen, anstatt sich dienen zu lassen.<\/p>\n<p>Das bringt keinerlei Vorteile mit sich, es sei denn f\u00fcr die Kleinen. F\u00fcr die, die hier in unserer Welt allzeit au\u00dfenvor gehalten werden oder im Kampf um Vorteile und Macht unterlegen sind. Vielleicht sehen wir jetzt ein, welch wunderbare Erleichterung es sein muss, alle verbissene Energie abzulegen in einem Reich, in dem man das Leben nur um seiner selbst willen leben kann, ohne etwas zu erreichen, ohne sich vorzudr\u00e4ngeln, sondern in dem man sich freim\u00fctig und heiteren Sinnes seinem N\u00e4chsten zuwenden und das Leben mit ihm oder mit ihr in Liebe teilen kann.<\/p>\n<p>So ist es im Reich Gottes. Und es hat bereits begonnen, wenn wir hier den Mut und das Vertrauen bekommen, unser Eigenes aufzugeben und uns Christus anzuvertrauen, der sein ganzes Leben unter diesen Bedingungen gelebt hat, und mit dem zusammen Tag und Nacht zu leben und zu sterben wir getauft sind.<\/p>\n<p>Amen!<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastor Arne \u00d8rtved<br \/>\n<\/strong> <strong>Birkeb\u00e6k 8<br \/>\n<\/strong><strong>DK-7330 Brande<br \/>\n<\/strong><strong>Tlf.: ++ 45 \u2013 97 18 10 98<br \/>\n<\/strong><strong>E-mail: <a href=\"mailto:ortved@mail.dk\">ortved@mail.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p align=\"left\"><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>13. Sonntag nach Trinitatis, 10. September 2006 Predigt zu Matth\u00e4us 20, 20-28, verfasst von Arne \u00d8rtved (D\u00e4nemark) (Text der d\u00e4nischen Perikopenordnung) Es ist manchmal gar nicht so leicht, Mutter zu sein. 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