{"id":11335,"date":"2021-02-07T19:48:52","date_gmt":"2021-02-07T19:48:52","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11335"},"modified":"2023-03-06T22:38:15","modified_gmt":"2023-03-06T21:38:15","slug":"1-thessalonicher-1-2-10-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-thessalonicher-1-2-10-3\/","title":{"rendered":"1. Thessalonicher 1, 2-10"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"font-size: 18px;\"><span style=\"font-family: Arial;\"><span style=\"color: #0000a0;\">14. Sonntag nach Trinitatis, 24. September 2000<\/span><br \/>\n<b>Predigt \u00fcber 1. Thessalonicher 1, 2-10, <\/b><\/span><span style=\"font-family: Arial;\"><b>verfa\u00dft von Henry von Bose<\/b><\/span><\/span><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>\u201eGro\u00dfes beginnt mit einem Brief.\u201c Das ist in der Schweiz an den Briefk\u00e4sten der Post zu lesen. Wie mag es manchen dabei ergehen, wenn sie einen Brief einwerfen? Vermutlich beantworten etliche den Satz mit einem Schulterzucken: so weit ist es mit diesem Brief gerade nicht her, eher eine beil\u00e4ufige Korrespondenz. Mitunter aber nimmt der Werbespruch: \u201cGro\u00dfes beginnt mit einem Brief\u201c den erh\u00f6hten Herzschlag der Absender wohl doch auf; wenn Liebe im Spiel ist, noch recht am Anfang, und die Hoffnung w\u00e4chst, dass Sehnsucht in Erf\u00fcllung geht.<\/p>\n<p>Vom ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Thessalonich l\u00e4sst es sich mit Bestimmtheit sagen: mit ihm hat Gro\u00dfes begonnen. Dieser Brief ist das \u00e4lteste Schriftst\u00fcck, das uns von Paulus \u00fcberliefert ist; damit zugleich ist er der \u00e4lteste Teil des Neuen Testaments.<\/p>\n<p>In der heiligen Schrift Belesene kennen den ersten Satz der gesamten Bibel: \u201eAm Anfang schuf Gott Himmel und Erde.\u201c Den Beginn des Neuen Testaments, dem historischen Ursprung nach, zu kennen, kann ebenfalls Wirkung tun. Es ist der Gru\u00df an die Gemeinde in Thessalonich: \u201eGnade sei mit euch und Friede!\u201c Und dann liegt Paulus zuerst der Dank f\u00fcr den vorbildlichen Glauben der Gemeinde am Herzen.<\/p>\n<p>Das ist das Urgestein des Neuen Testaments, der tragende Grund der Schriften des Evangeliums von Jesus Christus. Gnade und Friede werden gew\u00fcnscht und es wird gedankt. Von Anfang an also geht es beim Reden vom christlichen Glauben darum, Beziehungen zu pflegen, sorgsam aufeinander Acht zu geben und sich des angemessenen Verstehens zu vergewissern.<\/p>\n<p>Schon aus diesem ersten Abschnitt ist grundlegend zu erschlie\u00dfen, was Christen vom Glauben wissen sollen: wie er entsteht, woran er sich erweist und wo er sich zu bew\u00e4hren hat. Klingt das noch wie die knappe Entfaltung einer Lehre vom rechten Glauben, wird zugleich un\u00fcberh\u00f6rbar deutlich, wie tief der christliche Glaube Menschen mit neuer Lebenskraft erf\u00fcllt, mit bis dahin ungeahnter Freiheit beschenkt.<\/p>\n<p>\u201eLiebe Br\u00fcder, von Gott geliebt, wir wissen, dass ihr erw\u00e4hlt seid.\u201c (Vers 4)<\/p>\n<p>Bereits in diesem ersten kurzen Brief, am Anfang seines umfangreichen literarischen Werks, begr\u00fcndet Paulus seine Sicht des Menschen aus der Mitte seiner theologischen Grund\u00fcberzeugung. Die Rechtfertigung des Menschen allein aus Gnade ist der Kern der Botschaft des Apostels. Mit ihr tr\u00e4gt er die Verk\u00fcndigung des Heils hinaus in die Welt seiner Zeit. Sp\u00e4ter tut es in seiner Tradition die Kirche in aller Welt.<\/p>\n<p>Jesus Christus hat mit seinem Leben, seinem Tod und seiner Auferstehung Rettung gebracht, ewige Bewahrung. Er hat neuen Grund gelegt f\u00fcr die F\u00fchrung wirklichen Lebens \u2013 voller Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Er hat das alles aus purer Liebe f\u00fcr die Menschen getan, im Namen Gottes und der Kraft des Heiligen Geistes.<\/p>\n<p>Mit seiner unersch\u00fctterlichen Bejahung der Menschen hat er sein Werk f\u00fcr sie vollbracht. Von ihm, von Gottes Sohn, empf\u00e4ngt der einzelne Mensch sein Urteil: er erkl\u00e4rt ihn f\u00fcr recht. Das geschieht aus Gnade allein, ohne Zutun, ohne eine besondere Leistung des Menschen. Nach evangelischem Verst\u00e4ndnis ist und bleibt ein Mensch lebenslang f\u00fcr die Anerkennung bei Gott auf diese Gnade angewiesen: das macht ihn um Christi willen zum rechten Menschen. Gott verhei\u00dft ihm in seiner Treue: ich bleibe dein gn\u00e4diger Gott.<\/p>\n<p>So erkl\u00e4rt Paulus in seinen Predigten und dann in seinen Briefen, was Jesus Christus f\u00fcr die Menschen getan hat. Die Lehre der Rechtfertigung sagt es allgemein theologisch: Gott ist gn\u00e4dig. Vergebung der S\u00fcnde und Gerechtigkeit vor Gott erlangen Menschen nicht durch Verdienst, Werk und Genugtuung \u2013 hei\u00dft es im Augsburgischen Bekenntnis (Artikel 4). Vor Gott gerecht werden sie aus Gnade um Christi willen durch den Glauben.<\/p>\n<p>Diese S\u00e4tze sind zwar theologisch zweifelsfrei richtig, sie sollen aber auch das Herz des einzelnen Menschen erreichen und w\u00e4rmen. Sie werden zum Zuspruch, zu tr\u00f6stlicher Gewissheit, wenn der einzelne glauben kann: sie gelten mir, auch ich bin gemeint. Ich bin von Gott anerkannt, ich bin ihm recht. Er vergibt mir und nimmt alles weg, was mich von ihm trennen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die allgemein formulierte Lehre wird zu meiner konkreten, pers\u00f6nlichen Wahrheit: so geschieht mir Gnade. So w\u00e4chst und lebt in mir das Bewusstsein, Gottes Wahl ist auf mich gefallen, er hat mich aus seiner unergr\u00fcndlichen Liebe erw\u00e4hlt. Der feste Grund daf\u00fcr, dass ich Christ bin, liegt hier: in Gottes Erw\u00e4hlung.<\/p>\n<p>Von diesem Grundverst\u00e4ndnis pers\u00f6nlicher Glaubenserfahrung schreibt Paulus an die von ihm gegr\u00fcndete Gemeinde in Thessalonich. Er bekr\u00e4ftigt ihnen in seinem Brief aus Athen was er ihnen erkl\u00e4rt hat, als er bei ihnen war. Er verbindet was er den Glaubensgeschwistern sagen will mit einer starken eigenen Anteilnahme.<\/p>\n<p>Er betont deshalb zu Beginn seine Dankbarkeit. Sie haben seine Predigten so h\u00f6ren k\u00f6nnen, dass ihnen das Herz f\u00fcr den Glauben erschlossen wurde. Das verdanken sie wie jeder Mensch der Kraft des Heiligen Geistes: dass sie glauben k\u00f6nnen, sich von ihren ehemaligen G\u00f6ttern zu Gott, dem Vater bekehrten, dass sie die ihnen er\u00f6ffnete Freiheit zur Liebe in den Dienst an ihre Mitmenschen stellen und all ihre Hoffnung auf den Herrn richten.<\/p>\n<p>Glaube, Liebe, Hoffnung: auch dieses Motiv zieht sich von hier aus, also von Anfang an wie ein roter Faden durch die paulinischen Briefe.<\/p>\n<p>Der von Gottes eigener Kraft gewirkte Glaube erweist sich in der t\u00e4glichen liebevollen M\u00fche um die Bed\u00fcrfnisse der N\u00e4chsten. Darin bew\u00e4hren sich die Gemeindeglieder in Thessalonich vorbildlich. Sie folgen dem Beispiel ihres Apostels und richten sich nach seinen konkreten Hinweisen.<\/p>\n<p>So weit es in ihrer Macht steht, weisen sie Unordentliche zurecht, tr\u00f6sten sie Kleinm\u00fctige und tragen Schwache (5,14). Nach aller M\u00f6glichkeit h\u00fcten sie sich davor, zu weit zu gehen und andere im Handel zu \u00fcbervorteilen (4,6).<\/p>\n<p>Solche anspruchsvollen Regeln machen anschaulich, warum Paulus betont: dem Beispiel des Herrn folgen, bedeutet, das Wort Gottes gelten zu lassen sowohl in guter Zeit als auch in Bedr\u00e4ngnis.<\/p>\n<p>An seinem eigenen Beispiel weist Paulus auf solche Bedr\u00e4ngnis hin. Er wei\u00df wie schwer es ist, an der Treue im Glauben, der Arbeit in der Liebe und der geduldigen Hoffnung festzuhalten, wenn Menschen einen dabei ablehnen und sogar verdr\u00e4ngen wollen, ja verfolgen. Paulus ist in seinem ganzen \u00f6ffentlichen Wirken von Anfechtung begleitet gewesen. Nur wenige Menschen haben ihm zun\u00e4chst die T\u00fcren und die Herzen ge\u00f6ffnet. Er hat sich f\u00fcr seine neue Lehre verteidigen m\u00fcssen, in den j\u00fcdischen Gemeinden und den religi\u00f6s ganz anders gepr\u00e4gten Gemeinschaften seiner Zeit ist er stark angefeindet worden.<\/p>\n<p>Nicht anders ergeht es der jungen Gemeinde, die er in Thessalonich gegr\u00fcndet hat. Sie hat den Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Christus in einer der neuen Lehre befremdet gegen\u00fcberstehenden Atmosph\u00e4re zu behaupten, &#8211; in einer bl\u00fchenden Hafenstadt mit regem kulturellem Leben, einer ausgepr\u00e4gten Verehrung des Fruchtbarkeitsgottes Dionysos und den \u00e4gyptischen Gottheiten Isis, Sarapis und Osiris. Die Christen in Thessalonich haben es in ihrer Stadt mit dem Glauben an das Kreuz und die Auferstehung Christi genauso schwer wie mit ihrer Lebensf\u00fchrung nach Gottes Geboten. Deshalb schickt Paulus der Gemeinde seinen Begleiter Timotheus zur Unterst\u00fctzung. Er soll sie st\u00e4rken, damit sie in ihren Bedr\u00e4ngnissen nicht wankend werden (3,2f).<\/p>\n<p>Paulus wird sp\u00e4ter an diesen seinen Mitarbeiter selbst schreiben: \u201eAlle, die fromm leben wollen in Jesus Christus, m\u00fcssen Verfolgung leiden\u201c (2. Tim 3,12). Immer wieder bedeutet, dem Beispiel Jesu folgen, im Schatten seines Kreuzes stehen und wegen des Glaubens an ihn Leid tragen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Verfolgung wegen des Glaubens kennen wir in unserer Gesellschaft hier im Westen seit 60 Jahren nicht mehr. In der ehemaligen DDR war das bis vor 17 Jahren noch ganz anders. Wer Erfahrungen aus der \u00d6kumene hat, in S\u00fcdamerika, in Asien, wei\u00df dagegen durchaus von Beispielen bitterer Verfolgung bekennender Christen auch heute.<\/p>\n<p>Bedr\u00e4ngt f\u00fchlen sich aber nat\u00fcrlich auch Menschen hier bei uns, die daran tragen, dass sie trotz ihres Glaubens und aller Treue im Alltag unverst\u00e4ndlich Schweres zu erleiden haben. Die Erfahrung, glauben zu k\u00f6nnen, geht nicht mit aneinander gereihten Erfolgserlebnissen einher. Ganz gewiss aber mit Anfechtungen und Belastungen, die tragen zu m\u00fcssen, viele als sehr anstrengend erleben, die immer wieder auch tragen zu k\u00f6nnen, sie zugleich aber als eine ganz eigene Gnade erfahren.<\/p>\n<p>Die Demenzerkrankung des Ehepartners nach jahrzehntelanger Lebensgemeinschaft mit allen schrecklichen Begleiterscheinungen aushalten m\u00fcssen; die schier aussichtslose Arbeitslosigkeit des eigenen Kindes und die mit ihr zerst\u00f6rten Hoffnungen nicht \u00fcberwinden k\u00f6nnen; mit den Folgen eines verh\u00e4ngnisvollen Fehlers, ob nun schuldhaft oder mit gutem Glauben begangen, leben zu m\u00fcssen \u2013 immer wieder gelingt es einzelnen, solche Last in einem Ma\u00df mit dem Glauben zu verbinden und Trost trotz allem zu empfinden, dass andere sich das zum Vorbild nehmen. Sie geben Anlass, daf\u00fcr zu danken, dass sie bei aller Not auf Gottes Wort h\u00f6ren, neu Geduld in der Hoffnung finden und Mur zur Arbeit in der Liebe.<\/p>\n<p>Treu sein k\u00f6nnen in Bedr\u00e4ngnis: das geh\u00f6rt zum Leben mit dem Glauben in der Reife der zunehmenden Jahre.<\/p>\n<p>Treu sein k\u00f6nnen in guter Zeit, nicht weniger. Zur Zeit des eigenen Wohlergehens das Danken nicht vergessen und ebenso wenig ohne Not die Bedr\u00e4ngten, das erfordert einen selbstkritischen Umgang mit meinen eigenen Begabungen des Glaubens.<\/p>\n<p>\u201eGro\u00dfes beginnt mit einem Brief\u201c. Die Werbung der Schweizer Post um mehr Schriftlichkeit best\u00e4tigt eine Urerfahrung des christlichen Glaubens. Mit den Briefen des Apostels nimmt sie ihren Anfang.<\/p>\n<p>Zuerst geht es im Glauben immer um den Dank. Dankbarkeit ist eine der st\u00e4rksten Kr\u00e4fte des Glaubens: ich wei\u00df, dass Gott selbst mit seinem Geist die Freiheit zum Glauben, zur Liebe und zur Hoffnung gibt.<\/p>\n<p>Ein anderer Satz aus der Schweiz, ein Hausspruch in Chur aus dem 18. Jahrhundert sagt: \u201eDem, den Gott liebt, er auch ein Herz zum Danken gibt.\u201c<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Henry von Bose, Kirchenrat<br \/>\nMitglied im Vorstand des Diakonischen Werks W\u00fcrttemberg<br \/>\nc\/o <a href=\"mailto:Jaud.C@Diakonie-Wuerttemberg.de\">Jaud.C@Diakonie-Wuerttemberg.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>14. Sonntag nach Trinitatis, 24. September 2000 Predigt \u00fcber 1. Thessalonicher 1, 2-10, verfa\u00dft von Henry von Bose Liebe Gemeinde, \u201eGro\u00dfes beginnt mit einem Brief.\u201c Das ist in der Schweiz an den Briefk\u00e4sten der Post zu lesen. Wie mag es manchen dabei ergehen, wenn sie einen Brief einwerfen? 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