{"id":11336,"date":"2021-02-07T19:49:09","date_gmt":"2021-02-07T19:49:09","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11336"},"modified":"2023-01-30T15:38:12","modified_gmt":"2023-01-30T14:38:12","slug":"1-thessalonicher-11-10","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-thessalonicher-11-10\/","title":{"rendered":"1. Thessalonicher 1,1-10"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3>1. Thessalonicher 1,1-10 | <strong>Heiko Na\u00df |<\/strong><\/h3>\n<p><em>1 Paulus und Silvanus und Timotheus an die Gemeinde in Thessalonich in Gott, dem Vater, und dem Herrn Jesus Christus: Gnade sei mit euch und Friede!<\/em><br \/>\n<em>2 Wir danken Gott allezeit f\u00fcr euch alle und gedenken euer in unserm Gebet<\/em><br \/>\n<em>3 und denken ohne Unterlass vor Gott, unserm Vater, an euer Werk im Glauben und an eure Arbeit in der Liebe und an eure Geduld in der Hoffnung auf unsern Herrn Jesus Christus. <\/em><br \/>\n<em>4 Liebe Br\u00fcder, von Gott geliebt, wir wissen, dass ihr erw\u00e4hlt seid;<\/em><br \/>\n<em>5 denn unsere Predigt des Evangeliums kam zu euch nicht allein im Wort, sondern auch in der Kraft und in dem heiligen Geist und in gro\u00dfer Gewissheit. Ihr wisst ja, wie wir uns unter euch verhalten haben um euretwillen.<\/em><br \/>\n<em>6 Und ihr seid unserm Beispiel gefolgt und dem des Herrn und habt das Wort aufgenommen in gro\u00dfer Bedr\u00e4ngnis mit Freuden im heiligen Geist,<\/em><br \/>\n<em>7 so dass ihr ein Vorbild geworden seid f\u00fcr alle Gl\u00e4ubigen in Mazedonien und Achaja.<\/em><br \/>\n<em>8 Denn von euch aus ist das Wort des Herrn erschollen nicht allein in Mazedonien und Achaja, sondern an allen Orten ist euer Glaube an Gott bekannt geworden, so dass wir es nicht n\u00f6tig haben, etwas dar\u00fcber zu sagen.<\/em><br \/>\n<em>9 Denn sie selbst berichten von uns, welchen Eingang wir bei euch gefunden haben und wie ihr euch bekehrt habt zu Gott von den Abg\u00f6ttern, zu dienen dem lebendigen und wahren Gott<\/em><br \/>\n<em>10 und zu warten auf seinen Sohn vom Himmel, den er auferweckt hat von den Toten, Jesus, der uns von dem zuk\u00fcnftigen Zorn errettet.<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Viele Menschen bewahren ihre Briefe auf. Einige haben daf\u00fcr verzierte Schachteln oder Schatullen. Andere schn\u00fcren sie zusammen, geb\u00fcndelt nach Jahr oder Absender, sorgf\u00e4ltig verziert mit einer Schleife, hinterlegt in Schreibtisch, Koffern oder Schr\u00e4nken. Dieses H\u00fcten und Bewahren \u2013 es ist ein Ausdruck daf\u00fcr, dass Briefe doch etwas Besonderes, Kostbares bedeuten.<\/p>\n<p>Ich geh\u00f6re nicht zu denen, die alle ihre Briefe behalten. Irgendwann wohl mehr aus Platznot habe ich mich dazu durchgerungen, die allermeisten Briefe, nachdem sie eine Zeit bei mir neben dem Schreibtisch eine Bleibe gefunden haben, doch zu zerrei\u00dfen und \u2013 auch wenn ich jedes Mal z\u00f6gere &#8211; in den Papierkorb zu geben. Nur einige habe ich aufbewahrt und ich freue mich daran, wenn sie mir wieder einmal in die Hand geraten. Ein Brief meines Gro\u00dfvaters, der schon viele Jahre verstorben ist. Es ber\u00fchrt mich, seine unnachahmlich kunstvolle, H\u00f6he und Tiefe jeder Zeile ausschreibenden Handschrift zu sehen und dar\u00fcber die Pers\u00f6nlichkeit dieses Menschen wieder in den Gedanken bei mir zu haben. Auch Briefe, die Menschen mir an wichtigen Stationen ihres oder meines Lebens schrieben, oder solche mit den ganz besonderen, vom Augenblick erf\u00fcllten Zeilen des Lebens geh\u00f6ren zu meinen Sch\u00e4tzen dazu.<\/p>\n<p>Erinnerungen kommen n\u00e4her beim Lesen heran, beinahe meint man die Stimme des Absenders wieder zu h\u00f6ren, es verkn\u00fcpft sich der geschichtliche Faden von damals und heute.<\/p>\n<p>Auch unser heutiger Predigttext ist ein solcher Brief. Er enth\u00e4lt Zeilen von gro\u00dfer Menschlichkeit und Tiefe: die Erinnerung an eine gegl\u00fcckte gemeinsame Beziehung, das herzliche Interesse am Wohlergehen des anderen und den Dank an Gott in dem Wissen, dass Geben und Gelingen in seiner und nicht in unserer Macht steht.<\/p>\n<p>Diesen Brief schreibt der Apostel Paulus. Es ist der \u00e4lteste uns \u00fcberlieferte Brief der Christenheit, aufbewahrt nun beinahe schon zweitausend Jahre lang. Paulus schreibt an die Gemeinde in Thessaloniki.<\/p>\n<p>Er hatte selbst diese Gemeinde zusammen mit Timotheus gegr\u00fcndet. Ein halbes Jahr hatte er dort in der griechischen Hafenstadt gelebt. Er kannte jeden einzelnen dort aus pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4chen. Die Zeilen des Briefes atmen die lebendige Erinnerung an diese gl\u00fcckliche gemeinsam geteilte Zeit. <em>Wir denken ohne Unterlass vor Gott, unserm Vater, an euer Werk im Glauben und an eure Arbeit in der Liebe und an eure Geduld in der Hoffnung auf unsern Herrn Jesus Christus, <\/em>schreibt Paulus.<\/p>\n<p>Er wusste er sehr wohl, dass es nicht einfach war, sich in der damaligen Gesellschaft zu Christus zu bekennen. Die neue kleine Gruppe von Christinnen und Christen wurde sowohl in der j\u00fcdischen Synagogengemeinschaft wie in griechischen Nachbarschaft kritisch be\u00e4ugt. Deshalb war Paulus nach seinem Abschied in einer steten Sorge, ob die Gemeinde noch weiter bestehen oder sich doch vielleicht wieder zerstreuen w\u00fcrde. Weil er selbst die Unruhe nicht aushalten konnte, sandte er schlie\u00dflich Timotheus zur\u00fcck. Eine ganze Zeit sp\u00e4ter trifft er ihn wieder. Er bringt gute Kunde: der Gemeinde geht es wohl, ja sie strahlt sogar aus auf andere christlichen Gemeinden in Griechenland. \u2013 Unter dem Eindruck dieser Nachricht schreibt Paulus seinen Brief. Noch heute sp\u00fcren wir die gro\u00dfe Freude, die sich schon in der ersten Zeile ausspricht: <em>wir danken Gott allezeit f\u00fcr euch alle. <\/em><\/p>\n<p>Da redet jemand, der sein Herz gebunden hat. Es wird sp\u00fcrbar, wie der Apostel die Menschen in seiner Gemeinde zu erreichen sucht. Lebendige Gesichter hat er vor Augen, w\u00e4hrend er seine Zeilen schreibt.<\/p>\n<p>In gewisser Weise ist die Gemeinde in Thessaloniki sein Kind. Jetzt muss er sie ihre eigenen Wege gehen lassen. Nur aus der Ferne kann er mit einem Brief sich selbst dort Gegenwart verleihen und ausdr\u00fccken, was er empfindet.<\/p>\n<p>Ich f\u00fchle mich beim Lesen dieser Zeilen erinnert an Briefe, die Menschen an ihre Kindern oder Patenkinder schrieben, um ihnen eine Botschaft f\u00fcr ihre Zukunft mit auf den Weg zu geben. Denken Sie an den Brief, den Matthias Claudius an seinen \u201elieben Sohn, Johannes\u201c schrieb und der mit den ber\u00fchmten Zeilen beginnt:<br \/>\n<em>Gold und Silber hab ich nicht;<br \/>\n<\/em><em>Was ich aber habe, gebe ich dir, <\/em><\/p>\n<p>Darum geht es in dem Brief bei dem Apostel Paulus wie auch bei Matthias Claudius, etwas davon weiter zu geben, was man im Leben als wert und wahr erfahren hat. Denn <em>ich habe die Welt l\u00e4nger gesehen als du, <\/em>schreibt Matthias Claudius<em>. <\/em>Aus der Erkenntnis \u00fcber Zufall und die Herausforderungen im Leben, versucht er, die Summe an Wahrheit aufzuschreiben, die seinen Sohn auch ohne ihn und nach ihm sicher seinen Weg f\u00fchren wird. <em>Die Wahrheit richtet sich nicht nach uns, lieber Sohn, sondern wir m\u00fcssen uns nach ihr richten. <\/em>Es ist eine kunstvoll schlichte Sprache, aber sie wirkt, weil ihre Demut ehrlich ist.<\/p>\n<p>Ich habe mich gefragt, was ich selbst schreiben w\u00fcrde, wenn ich heute meinen Kindern oder Patenkindern oder einem sonstigen lieben Menschen in einem Brief etwas von dem anvertrauen m\u00f6chte, was mir wichtig ist. Ich merke, dass ich dabei aufpassen muss, um nicht allzu altersweise oder oberlehrerhaft zu sein. Ich w\u00fcnsche nur, dass meine Erfahrungen meinen Briefgegen\u00fcber an seine Erfahrungen erinnern werden. Aber gleichzeitig m\u00f6chte ich ihm die Freiheit lassen, zustimmend oder ablehnend zu sein.<\/p>\n<p>Mir ist es wichtig, Augenblicke zu haben, an denen ich zur Ruhe kommen kann. Wer, wie wir, das Gl\u00fcck hat, am Meer zu wohnen, wei\u00df nachzusp\u00fcren, wie wohltuend sich der Blick hinaus in die Weite auf den eigenen inneren Rhythmus auswirkt. Es ist so, als passte sich der Herzschlag den Bewegungen des Wassers an, an <em>das Schlurfen der kleinen Steine in langen Wellen, <\/em>wie Erich Fried es in einem Gedicht \u00fcber das Meer beschreibt, um <em>aufh\u00f6ren zu sollen und nichts mehr wollen wollen <\/em>als nur das Meer.<\/p>\n<p>Ich empfinde, dass eine solche Ruhe auch dort kommt, wo wir Zeit teilen k\u00f6nnen wie beim Sitzen um einen gemeinsamen Tisch. Solche Momente sind viel zu selten. Wir sind heute von Terminen sehr in Anspruch genommen und jeder ist die Woche \u00fcber in seine eigene kleine Lebenswelt zerstreut. Zum gemeinsamen Sammeln bleibt da oft wenig Zeit und die Augenblicke, die dem vorbehalten sind, sind darum auch besonders.<\/p>\n<p>Ich freue mich auch, wenn ich Kirchenglocken l\u00e4uten h\u00f6re. Ganz besonders sch\u00f6n empfinde ich das Stadtgel\u00e4ut am Vorabend des Sonntags oder auch das sonnt\u00e4gliche Gel\u00e4ut der Glocken, das zum Gottesdienst ruft. Auch wenn nur noch ein kleiner Teil unserer Bev\u00f6lkerung sich durch diesen Ruf in die Gottesh\u00e4user einladen l\u00e4sst, so wei\u00df doch immerhin noch beinahe jeder, mit den Glocken eine Kirche zu verbinden. Darum kommt es darauf an, dass es Menschen gibt, die die Botschaft der Glocken in das Leben und das Miteinander hinein \u00fcbersetzen. Es ist gut, wenn wir uns um Augenblicke der Ruhe und inneren Sammlung bem\u00fchen, so wie ich es mit den Stimmungen am Meer oder der Gemeinschaft bei Tisch zu beschreiben versucht habe. Es gibt sicherlich auch andere Orte und M\u00f6glichkeiten, Entspannung und Atemholen zu finden. Aber das sind jeweils nur Orte f\u00fcr sich. Wichtiger ist, dass wir nicht den Zusammenhang aus den Augen verlieren. An diesen Zusammenhang erinnern uns die Glocken, an die Botschaft, dass das Leben ein Ziel hat und wir gut daran tun, wenn unsere Seele sich von diesem Ziel ber\u00fchren l\u00e4sst. Davon will ich reden, wenn ich erz\u00e4hlen m\u00f6chte, was mir wichtig ist.<\/p>\n<p>Auch Paulus richtet seine Gedanken in seinem Brief am Ende unseres Abschnittes nach vorne. Hatte er zuerst an die gemeinsam geteilte Zeit erinnert, so legt er nun seinen Briefempf\u00e4ngern die Bitte ans Herz, weiter auf das Ziel hin ausgerichtet zu sein, das er mit folgenden Worten beschreibt: <em>zu dienen dem lebendigen und wahren Gott und zu warten auf seinen Sohn vom Himmel, den er auferweckt hat von den Toten, Jesus, der uns von dem zuk\u00fcnftigen Zorn errettet<\/em>. Paulus schreibt in dem dankbaren Bewusstsein, dass die Wege nicht auseinander sondern in die gleiche Richtung f\u00fchren, wenn sie sich hier wie dort von Gott in den Dienst nehmen lassen. Er ist \u00fcberzeugt, dass Gottes unsichtbare und doch lebendige Gegenwart Menschen verbindet, in dem er sie ausrichtet auf ein gemeinsames Ziel, das den Namen Jesus Christus tr\u00e4gt. Auf Jesus und sein Kommen, das Kommen seines Reiches, zu warten, hei\u00dft nicht, die Hand in den Scho\u00df zu legen, sondern verwirklicht sich \u2013 mit den Worten Dietrich Bonhoeffers gesprochen \u2013 im Beten und im Tun des Gerechten. Sich von Gott in den Dienst nehmen zu lassen, f\u00fchrt uns dazu, einander als N\u00e4chste wahr zu nehmen, sich in die Schuhe eines anderen stellen zu k\u00f6nnen und zu sehen, was er am n\u00f6tigsten hat. Es macht uns aufmerksam darauf, wo jemand Trost und Zuspruch braucht oder auch ganz konkrete materielle Hilfe. Seine Hoffnung zu setzen auf das Kommen Jesu hei\u00dft, sich von seinen Worten zum Frieden ber\u00fchren zu lassen. Nichts ist heute wichtiger als der Friede zwischen den V\u00f6lkern und Religionen, der eben dadurch gr\u00f6\u00dfer ist als alle Vernunft, dass er nur von innen heraus wachsen kann, durch Zuh\u00f6ren und Verstehen, durch Verzeihen und die Liebe, die jemanden anderen annimmt, wie er ist und nicht voraussetzt, dass er sich erst \u00e4ndern soll.<\/p>\n<p>Der Brief des Paulus, auf den wir heute geh\u00f6rt haben, ist eine gute Ermutigung, sich selbst zu fragen, was wir weitergeben m\u00f6chten und womit wir uns mit anderen verbunden sehen. Und wenn wir uns tats\u00e4chlich die Zeit nehmen, uns hinzusetzen und die vielleicht gefundene Antwort f\u00fcr einen anderen festzuhalten, dann haben nicht nur wir etwas Bleibendes davon.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastor Heiko Na\u00df<br \/>\nReferent der Kirchenleitung der Nordelbischen Kirche<br \/>\n<a href=\"mailto:hnass.nka@nordelbien.de\"> hnass.nka@nordelbien.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. 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