{"id":11337,"date":"2021-02-07T19:49:06","date_gmt":"2021-02-07T19:49:06","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11337"},"modified":"2023-02-03T10:19:08","modified_gmt":"2023-02-03T09:19:08","slug":"1-thessalonicher-1-2-10-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-thessalonicher-1-2-10-2\/","title":{"rendered":"1. Thessalonicher 1, 2-10"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">14. Sonntag nach Trinitatis, 17. September 2006<br \/>\nPredigt zu 1. Thessalonicher 1, 2-10, verfa\u00dft von Gerlinde Feine <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p><em>Am Gottesdienst nehmen Angeh\u00f6rige des Jahrgangs 1926\/27 teil, die an diesem Sonntag ihre sog. \u201e80er-Feier\u201c begehen. Der gemeinsame Kirchgang ist als Kasus zu ber\u00fccksichtigen. <\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>da\u00df in dieser Woche der beinahe 80j\u00e4hrige Papst Benedikt XVI. auf den Spuren seiner deutschen Vergangenheit unterwegs gewesen ist, hat die Berichterstattung in den Medien so sehr bestimmt, da\u00df selbst der f\u00fcnfte Jahrestag der Anschl\u00e4ge auf das World Trade Center dar\u00fcber in den Hintergrund geraten ist. Stattdessen ist auf einmal der Glaube in Deutschland das wichtigste Thema der Nachrichtensendungen, \u201eder Aufmacher\u201c, wie man so sagt, und sonst so kritische Journalisten betreiben vatikanische Hofberichterstattung.<\/p>\n<p>Am vergangenen Dienstag wurde es wenigstens dem Heute Journal dann doch zuviel: Es thematisierte in einem Beitrag die Probleme im Bistum Regensburg, wo die Gestaltungsm\u00f6glichkeiten von Laien durch den Bischof seit einiger Zeit schon massiv beschnitten wurden. Durch einen Beitrag des WDR erfuhr ich \u00fcber Finanzprobleme der Di\u00f6zese Essen, die sich \u00fcber den Verkauf von Kirchen Gedanken machen mu\u00df, und den eklatanten Priestermangel erleben wir hier im Steinlachtal bei jeder \u00f6kumenischen Pfarrerdienstbesprechung, wenn der katholische Kollege gleich 13 landeskirchlichen Pfarrerinnen und Pfarrern gegen\u00fcbersitzt. Als wir im Rahmen einer Fortbildung zu Gast waren im Bisch\u00f6flichen Ordinariat Rottenburg, h\u00f6rten wir dem Generalvikar mit immer gr\u00f6\u00dferem Erstaunen zu: Was er \u00fcber Kirchenaustritte und Motivationsprobleme, \u00fcber die Aufgaben und Sorgen im Bereich der ambulanten Dienste, der Beratungsstellen und der Gemeindeorganisation erz\u00e4hlte, \u00e4hnelte dem, was in Stuttgart \u00fcberlegt und beraten wird, auf ganz frappierende Weise. Nein, m\u00f6chte man glauben, es steht gar nicht gut um die Kirchen in unserem Land, die r\u00f6misch-katholische wie die evangelischen.<\/p>\n<p>Und doch sind die Bilder beeindruckend, die da von dem \u201eFest des Glaubens\u201c in M\u00fcnchen, Regensburg und Marktl \u00fcbertragen werden: Es kann doch gar nicht schlecht um das Gottesvolk stehen, wenn so viele zusammenkommen, miteinander singen und beten, wenn Pilger und Politiker gemeinsam ein Vaterunser sprechen, und Alt und Jung in das Glaubensbekenntnis einstimmt. So mutmachend und feierlich ist das, so wohltuend, wenn wir sp\u00fcren, da\u00df es stimmt, was der Bischof von Rom erz\u00e4hlt \u2013 \u201ewer glaubt, ist nie allein\u201c &#8211; , da\u00df sich auch unsere evangelischen Amtstr\u00e4ger gerne ein wenig dazustellen m\u00f6chten: Pl\u00f6tzlich sieht man KollegInnen mit dem Collar, dem Priesterhemd mit dem steifen Kragen, liturgische Gew\u00e4nder stehen hoch im Kurs auch bei denen, die gar nicht wissen, was man wann tr\u00e4gt (und vor allem, warum), und katholische Pr\u00e4laten machen sich heute noch lustig \u00fcber den evangelischen Bischof einer benachbarten Landeskirche, der sich bei einem offiziellen Anla\u00df bei ihnen erkundigte, wo er denn so ein \u201eScheitelk\u00e4ppchen\u201c kaufen k\u00f6nne. Aber selbst ohne diese textile Ann\u00e4herung an die r\u00f6mischen Geschwister gibt es vieles, f\u00fcr das wir uns nicht verstecken m\u00fcssen: Die Kirchentage erfreuen sich ungebrochener Attraktivit\u00e4t; beim Landesposaunentag in Ulm herrscht dasselbe feeling wie auf dem Islinger Feld. Bei der Diskussion um Werte und Bildung hat die Stimme der Kirchen Gewicht und erf\u00e4hrt gro\u00dfe Anerkennung.<\/p>\n<p>Sie, liebe Frauen und M\u00e4nner vom Jahrgang 1926\/27, sind ebenfalls heute, an Ihrem Festtag, zuerst in die Kirche gekommen, und dabei spielt die Verbundenheit mit diesem Gotteshaus, spielen Heimatgef\u00fchle und Erinnerungen an die Kindheit bestimmt eine ebenso wichtige Rolle wie die grunds\u00e4tzliche Wertsch\u00e4tzung der Gemeinde und die pers\u00f6nliche Verwurzelung im Glauben. Dabei verf\u00fcgen Sie \u00fcber ausreichend Lebenserfahrung, um auch die andere Seite zu kennen \u2013 Sie haben die Kirche an ihrem Tiefpunkt erlebt, gerade, als Sie jung waren und noch zur Schule gingen oder als KonfirmandInnen auf den vorderen B\u00e4nken sa\u00dfen. Sie haben den damaligen Pfarrer in Offiziers-Uniform auf dieser Kanzel predigen erlebt und wurden \u2013 weil schon Krieg war \u2013 von einem l\u00e4ngst pensionierten Kollegen konfirmiert. Sie haben erkannt und (manchmal auch erst im nachhinein) verstanden, wie Christen aneinander schuldig geworden sind, und Sie haben sich st\u00fctzen und st\u00e4rken lassen von der Gemeinschaft der Glaubenden. All das wissen Sie, und Ihr Altersgenosse auf dem Papstthron, der wei\u00df das auch und versteht es noch mehr, denn Joseph Ratzinger ist ein ebenso kluger wie realistischer Mann, der die Kirche und ihre Probleme kennt.<\/p>\n<p>Und doch h\u00e4lt er es mit jenem anderen Gelehrten, jenem Mann, der viel lieber Professor an der Jerusalemer Tempelhochschule geworden w\u00e4re, als durch die ganze Welt zu reisen, um das Evangelium vom menschgewordenen Gott zu verk\u00fcnden, und der in seinem allerersten Lehrschreiben, dem 1.Thessalonicherbrief so innig von der Liebe redet \u2013 mit Paulus, der seine Gemeinde kennt, ihre Probleme ganz realistisch sieht und sie dennoch lobt, dankt und ehrt.<\/p>\n<p>Dabei richtet er sich nicht an gro\u00dfe Menschenmassen: In Thessalonich waren von den rund 100.000 Einwohnern damals vielleicht drei\u00dfig oder vierzig Christen, und die d\u00fcrften im \u00f6ffentlichen Leben dieser Provinzhauptstadt kaum aufgefallen sein. Der Hafen mit allem, was dazugeh\u00f6rt, mit Warenumschlagplatz, Vergn\u00fcgungsviertel und Verwaltung, der war viel wichtiger, und wer Gesch\u00e4fte machen wollte, dem war Religion eher zweitrangig. Und dazwischen diese kleine Gemeinde, die sich erst finden musste und deren Mitglieder sicher auch manchmal Schwierigkeiten hatten miteinander, die Formen gemeinsamen Lebens finden und verwirklichen mussten, die auch angefochten waren von der Liberalit\u00e4t ihrer Umgebung. Da gab es vieles, was man h\u00e4tte anmahnen und kritisieren h\u00e4tte k\u00f6nnen. Da w\u00e4re so manche Warnung angebracht oder Impulse zur Verbesserung des Programms, strategische Missionsziele, Evangelisationsprojekte, zu denen Paulus aufrufen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Aber er sagt den Thessalonichern eben nicht, was ihnen noch fehlt in ihrem Angebot. Er spricht nicht von den Dingen, die man noch verbessern k\u00f6nnte, ganz im Gegenteil: er lobt, genau und pr\u00e4zise, und vielleicht deshalb so \u00fcberzeugend.<\/p>\n<p>Paulus spricht nicht wie ein Handelsvertreter, der durch gro\u00dfartige Spr\u00fcche das Wohlwollen seines Publikums erhalten will. Er schw\u00e4tzt nicht wie einer, der blo\u00df einen Wackelkandidaten vor dem Kirchenaustritt bewahren will, nicht wie ein Moralapostel, der den Seinen ein \u201eWir sind doch eigentlich die Wahren, Frommen und Guten\u201c zuruft. Sondern er bedankt sich f\u00fcr die freundliche Aufnahme. F\u00fcr warme Mahlzeiten. F\u00fcr einen Platz zum Schlafen. So, wie wir Kinder und Nachgeborenen uns einmal bei denen bedanken sollten, die die Gemeinde und den Ort vor 60 Jahren wieder aufgebaut haben. Die daf\u00fcr gesorgt haben, da\u00df ihre Kinder in Wohlstand, Freiheit und Frieden gro\u00dfwerden konnten. Es ist an uns, uns bei den 80ern zu bedanken daf\u00fcr, da\u00df Sie an sich gearbeitet und sich frei gemacht haben von den Spuren der Erziehung in der Diktatur, da\u00df Sie die Demokratie in unserem Land mit aufgebaut haben und trotz allergr\u00f6\u00dfter Schwierigkeiten &#8211; wir haben \u00fcber Schulabschl\u00fcsse und Bildungsn\u00f6te gesprochen &#8211; in unserer Stadt und unserem Land einen Wohlstand geschaffen haben, der heute so selbstverst\u00e4ndlich ist, da\u00df wir nur auf seine Kehrseite schauen und nur zu gerne Ihnen die Last der Verantwortung f\u00fcr \u00d6kologische Krise, Rohstoffmangel und Globalisierung auflegen w\u00fcrden. Aber nein, heute ist Zeit zum Loben. Und da will ich besonders die Frauen loben, die Frauen des Jahrgangs 1926\/27, die erk\u00e4mpft haben, was wir heute f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich nehmen, n\u00e4mlich Gleichberechtigung, die nicht blo\u00df auf dem Papier steht. Ich habe mir sagen lassen, da\u00df gerade die Damen viel gemeinsam unternehmen, und wenn ich Sie mir so betrachte, so flott und lebensbejahend, so selbst\u00e4ndig und aktiv, dann macht mir das schon auch ein bi\u00dfchen Mut f\u00fcrs eigene Alter!<\/p>\n<p>Ich will den Faden des Dankes weiterspinnen, den Paulus in seinem Brief an die Thessalonicher gekn\u00fcpft hat aus den drei Str\u00e4ngen, die wir aus seinem anderen gro\u00dfen Text \u00fcber die Liebe kennen, aus Glaube, Liebe und Hoffnung. Und ja, wir haben allen Grund, dankbar zu sein f\u00fcr das \u201eWerk im Glauben\u201c, das von der weltweiten \u00d6kumene ausgeht, f\u00fcr das Zeugnis der Geschwister in anderen L\u00e4ndern, auch daf\u00fcr, da\u00df wir uns immer wieder neu zusammenraufen m\u00fcssen, da\u00df wir herausgefordert werden, zu \u00fcberdenken und zu begr\u00fcnden, was wir glauben, um so in Toleranz und Freiheit anderen Religionen gegen\u00fcberzutreten. Freilich, noch mancher Wunsch nach voller Gemeinschaft beim Abendmahl, nach Anerkennung der \u00c4mter oder nach Geschlechtergerechtigkeit bleibt offen \u2013 aber wie vieles gelingt schon im gemeinsamen Dienst der Verk\u00fcndigung, weil wir wissen, da\u00df wir im Glauben unter dem Kreuz beieinander sind.<\/p>\n<p>Die \u201eArbeit in der Liebe\u201c ist da das beste Beispiel und ein guter Grund, dankbar zu sein: f\u00fcr diakonische Zuwendung zu anderen, sei es in der h\u00e4uslichen Krankenpflege oder beim Besuchsdienst, in der Telefonseelsorge und in den Beratungsstellen, beim Streetwork und im Krankenpflegeverein oder \u00fcberall da, wo im Namen Jesu gute Nachbarn f\u00fcreinander da sind. Ja, das ist oft harte Arbeit, die unsere volle Konzentration erfordert (beim Urlaub ohne Koffer in der vergangenen Woche habe ich es wieder gesehen), aber wo sie so liebevoll geschieht, da haben wir allen Grund zur Dankbarkeit.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich sagt Paulus Dank f\u00fcr \u201eGeduld in der Hoffnung\u201c, und was damit gemeint ist, das verstehen wohl auch die 80er am allerbesten. Sie haben hier am Ort ein ganzes Leben lang guten Kontakt gehalten, sich nie aus den Augen verloren und aneinander Anteil genommen, davon zeugt das liebevoll gestaltete Archiv mit den vielen Fotos und Erinnerungen. Aber die letzten 10 Jahre waren in vieler Hinsicht anders: Einige Altersgenossen sind gestorben, andere haben den Ehepartner verloren oder sind schwer krank geworden. Der Alltag l\u00e4sst sich nicht mehr so leicht bew\u00e4ltigen, die Begrenztheit unseres Lebens ist mit H\u00e4nden zu greifen. Und doch haben Sie Ihre Hoffnung nicht aufgegeben, das wurde mir in den Gespr\u00e4chen mit Ihnen immer wieder deutlich, sondern im Gegenteil: Diese Hoffnung tr\u00e4gt und h\u00e4lt, jetzt erst recht, wo sie mit Erfahrung gef\u00fcllt ist: Die Hoffnung, da\u00df Gott diese Welt und seine Gesch\u00f6pfe nicht im Stich l\u00e4sst, da\u00df sein Reich kommt, wie wir es im Vaterunser beten, da\u00df bei allem, was uns Angst macht und erschreckt, was uns zu Boden dr\u00fcckt und entt\u00e4uscht, sein Wille geschieht und sein Name geheiligt wird.<\/p>\n<p>Das n\u00e4mlich ist wichtig und besonders an den Worten des Paulus: Sein Dank gilt Gott, nicht der Gemeinde, jedenfalls nicht direkt. Er lobt Gott f\u00fcr diese kleine Gemeinschaft der Heiligen, er dankt dem, dessen Geist die Menschen \u00fcberhaupt erst in Bewegung setzt, sie anstiftet, ermutigt und tr\u00f6stet: \u201eWir danken Gott f\u00fcr euch\u2026\u201c<\/p>\n<p>Klein war die Gemeinde von Thessalonich, an die Paulus schreibt, und er wei\u00df: Da gibt es noch viel zu tun und einiges zu verbessern. Und dennoch lobt er Gott f\u00fcr diese Leute, deren Zeugnis f\u00fcr den Glauben das ganze Land beeindruckt, die Vorbilder sind f\u00fcr Achaja und Mazedonien. Sollten wir nicht um so mehr Gott zu danken f\u00fcr unsere Kirche und unsere Gemeinschaft, f\u00fcr das Viele, das von ihr ausgeht? Ich will mir ein Beispiel nehmen an Paulus, nicht immer nur klagen \u00fcber das, was nicht da ist und fragen, was noch sein k\u00f6nnte, nicht immer nur jammern \u00fcber die leeren Pl\u00e4tze bei Gottesdiensten und Veranstaltungen, sondern dankbar sein f\u00fcr das, was da ist, was Gott uns schenkt und wor\u00fcber wir uns freuen k\u00f6nnen, ihn loben f\u00fcr alle, die mit uns feiern und mit zupacken, wenn es etwas tun gibt, und weitersagen, was als Werk des Glaubens, Dienst der Liebe und Geduld in Hoffnung besteht. Anstatt sich zu gr\u00e4men um kleiner werdende Gemeinden, sich zu sorgen vor dem Alter und zu trauern \u00fcber verpa\u00dfte Chancen und Gelegenheiten im Laufe eines langen Lebens, sollten wir uns klarmachen, da\u00df Gott uns eine Menge zutraut, da\u00df das, was wir tun, Bedeutung bekommt f\u00fcr diese Welt und das, was wir sagen, geh\u00f6rt wird, weil Gottes Geist daf\u00fcr Sorge tr\u00e4gt. Es stimmt schon: Wir sind nicht allein, weil uns Christus verbindet, wir haben Grund zum Feiern und zur Freude, gerade in diesen Tagen, in denen ganz unverhofft f\u00fcr uns der Glaube wieder ein \u00f6ffentliches Thema geworden ist, und daf\u00fcr wollen wir Gott loben, heute zusammen mit den 80ern, und morgen hoffentlich auch. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Lied nach der Predigt: <\/strong>250,1.2.5: Ich lobe dich von ganzer Seele<\/p>\n<hr \/>\n<p align=\"left\"><strong>Pfarrerin Gerlinde Feine<br \/>\nRohrgasse 4<br \/>\nD-72131 Ofterdingen<br \/>\nTel. 07473 \u2013 6334<br \/>\nFax 07473 \u2013 270266<br \/>\n<a href=\"mailto:gerlinde.feine@t-online.de\"> gerlinde.feine@t-online.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>14. Sonntag nach Trinitatis, 17. September 2006 Predigt zu 1. 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