{"id":11355,"date":"2021-02-07T19:49:00","date_gmt":"2021-02-07T19:49:00","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11355"},"modified":"2023-02-06T15:04:03","modified_gmt":"2023-02-06T14:04:03","slug":"apostelgeschichte-12-1-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/apostelgeschichte-12-1-11\/","title":{"rendered":"Apostelgeschichte 12, 1-11"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">16. Sonntag nach Trinitatis, 1. Oktober 2006<br \/>\nPredigt zu Apostelgeschichte 12, 1-11, verfa\u00dft von Jochen Arnold <\/span><\/b><\/h3>\n<p>(<em>Ohne Anrede oder Erkl\u00e4rung. Die Stimme des Petrus sollte \u00fcber Mikrofon aus dem Altarbereich und die des Engels von der Empore kommen. <\/em>)<\/p>\n<p><em>Engel: Petrus! Steh auf und zieh dich an! Du bist frei!<br \/>\nPetrus: Wie bitte? Was? Wer bist du \u00fcberhaupt?<br \/>\nE: Petrus, steh auf! Du bist frei! Komm zu dir!<br \/>\nP: Das kann gar nicht sein, ich liege hier wie ein Schwerverbrecher angekettet zwischen zwei Soldaten. Von Freiheit keine Spur!<br \/>\nE: Petrus, steh auf, die Ketten sind weg, Du kannst gehen. In die Freiheit! Du bist begnadigt von h\u00f6chster Stelle!<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\nhaben Sie sie schon erkannt, die kleine Episode aus unserem heutigen Predigttext?<br \/>\nEine faszinierende Geschichte. G\u00f6ttliches Licht in menschlichem Dunkel. Doch h\u00f6ren Sie selbst:<\/p>\n<p>Text Act. 12,1-11 (<em>evtl. mit drei Stimmen: Erz\u00e4hlerin, Petrus, Engel<\/em>)<\/p>\n<p>I<br \/>\nLiebe Schwestern und Br\u00fcder!<br \/>\nLicht und Schatten gibt es zuhauf in dieser Geschichte, einer Glaubensgeschichte, ja einer Wundergeschichte. Die Niederungen und das Dunkel kennen wir ja nur zu gut. Selbst wenn die wenigsten von uns bisher ein Gef\u00e4ngnis von innen gesehen haben m\u00f6gen, so kennen wir doch einschl\u00e4gige Bilder von Gefangenen und Gefolterten aus dem Fernsehen oder aus der Zeitung.<br \/>\nDa liegt also einer in Ketten, unschuldig. Ein politischer H\u00e4ftling. Einer, der um seines exotischen Glaubens, um seines Bekenntnisses zu einem auferstandenen Wanderprediger willen \u201eeinsitzt\u201c, und das ohne Haftbefehl und ohne Verhandlung.<br \/>\nWer steckt dahinter?<br \/>\nDer politische Opportunist K\u00f6nig Herodes Agrippa I., ein pers\u00f6nlicher Freund des Kaisers Claudius in Rom, hat Petrus rechtzeitig zum j\u00fcdischen Passafest \u201eeinbuchten\u201c lassen.<br \/>\nUnd damit hat es ihn noch nicht einmal am schlimmsten erwischt. Seinen Freund Jakobus, den Bruder des Johannes und Sohn des Zebed\u00e4us, kostete es sogar den Kopf. Bei Nacht und Nebel wird er abgef\u00fchrt und sein Haupt den Honoratioren von Jerusalem als eine Art \u201eMorgengabe zum Fest\u201c vor die F\u00fc\u00dfe gelegt. Ohne Prozess, einfach so. Schaurige Zeiten f\u00fcr die J\u00fcnger des Auferstandenen, die ersten Pogrome sind voll im Gange. Christen geraten zwischen die M\u00fchlsteine der Politik [und das bis heute immer wieder.]<\/p>\n<p>Manches \u2013 nicht nur das Datum das Passafestes \u2013 mag uns dabei an das Leiden und Sterben Jesu erinnern. Zu Recht, liebe Gemeinde, denn diese Geschichte ist eine Passions- und Ostererz\u00e4hlung, wie sie auch unter uns passieren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Doch stimmt das? Ist dieses Wunder nicht unendlich weit weg von uns und unserer Wirklichkeit? H\u00f6ren wir einmal weiter!<\/p>\n<p><em>E: Auf geht\u2019s jetzt Petrus! Zieh deine Schuhe an und dein Hemd, sonst erkennen dich drau\u00dfen die Schergen des Herodes! Und vergiss deinen Mantel nicht!<br \/>\nP: Wer bist du? Wer hat dir erlaubt, zu mir herein zu kommen? Lass mich doch weiterschlafen. Mein Schicksal ist hart genug.<br \/>\nE: Ich habe von deiner Gefangenschaft geh\u00f6rt und bin beauftragt, Dich zu befreien.<br \/>\nP: Woher kommst du? Arbeitest du hier? Geh\u00f6rst du zum Personal? Hast du \u00fcberhaupt einen Schl\u00fcssel f\u00fcr das \u00e4u\u00dfere Tor?<br \/>\nE: Das Tor wird offen sein. Ich handle auf Anweisung von h\u00f6chster Stelle.<br \/>\nP: Willst Du mich verf\u00fchren, etwas Unrechtes zu tun? Es ist mir nicht erlaubt, hier auszubrechen! Mein Platz ist hier im Kerker!<br \/>\nE: Dein Platz ist drau\u00dfen in der Freiheit. Menschen warten auf dich. Gott braucht dich!<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Das h\u00f6rt sich schon anders an, liebe Schwestern und Br\u00fcder. Da soll einer befreit werden und versteht gar nicht, was los ist; begreift gar nicht, wer wirklich die F\u00e4den zieht; sp\u00fcrt gar nicht, dass Gott selbst es ist, der das Steuer in der Hand hat.<em><br \/>\n<\/em>Ich bekenne, dass ich nur allzu oft \u00e4hnlichen Widerstand leiste. Ich frage mich deshalb:<br \/>\nBin ich noch aufmerksam f\u00fcr das Handeln Gottes in den Niederungen unseres, meines Menschseins? Versuche ich nicht oft schnell zu erkl\u00e4ren, zu rationalisieren, zu entmythologisieren, den aufregendsten geistlichen Erfahrungen ihren Glanz zu nehmen?<br \/>\nAuch hier l\u00e4ge das nahe. Wir k\u00f6nnten zum Beispiel Vermutungen \u00fcber jenen Engelboten anstellen, jenen r\u00e4tselhaften Befreier aus der Not: Ist es ein heimlicher Jesus-Sympathisant, eine Art Hauptmann von Kapernaum oder gar ein zelotischer Guerillero?<br \/>\nWir erfahren es nicht. Aber es ist einer, der Bescheid wei\u00df und das Richtige tut, der zum rechten Zeitpunkt einem Gefangenen zum Engel, und damit zum Handlanger Gottes wird.<br \/>\nH\u00f6ren wir nochmals, was er sagt:<\/p>\n<p><em>E. Komm jetzt, Petrus. Es ist Zeit. Zieh dich an.<br \/>\nP: Das kann doch nur ein Traum sein. Ein allzu sch\u00f6ner Traum.<br \/>\nE: Es ist kein Traum! Steh auf!<br \/>\nP: Aber was spricht eigentlich dagegen? Warum sollte ich es nicht wagen? Ihm folgen dem Fremden. Zu verlieren habe ich nichts. Eigentlich kann es nur besser, nur heller, nur leichter werden.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Was spricht eigentlich dagegen, liebe Mitchristen, was spricht dagegen, genau das zu tun? Das muffige Gef\u00e4ngnis unserer Angst, den Kerker der Hoffnungslosigkeit und des Zweifels zu verlassen? Was spricht dagegen, dass du mit Petrus die Ketten deiner Skepsis und \u00c4ngstlichkeit hinter dir l\u00e4sst und durch das gro\u00dfe Tor der \u00f6sterlichen Hoffnung hinaus auf freien Raum gehst? Dass du gegen all diejenigen das Wort erhebst, die sagen: \u201eAch was! Alles nur Tr\u00e4umerei. Ein pers\u00f6nlicher Gott? Das ist eine Phantasie von Kindern und alten Leuten! Ein Gott, der heute f\u00fcr mich da ist? Unsinn!\u201c<br \/>\nLass dich heute morgen ermutigen, diesen Sprung zu machen: Weg von der penetranten Skepsis hin zu einem Glauben, der \u00f6sterliche Freir\u00e4ume er\u00f6ffnet und das \u201eLeben pur\u201c, das Leben Gottes, in sich birgt.<br \/>\n<em>\u201eNun wei\u00df ich, dass Gott mir wahrhaftig seinen Engel gesandt hat\u201c <\/em>bekennt Petrus am Ende und deutet damit seine Befreiung als Rettungstat Gottes. Vielleicht war es einen Tag sp\u00e4ter, vielleicht auch erst eine Woche oder einen Monat, nachdem das Alles passiert ist. Das ist auch nicht entscheidend. Beweisen kann er sowieso nichts. Aber er spricht es aus, f\u00fcr sich selbst und f\u00fcr Andere. Er geht nicht einfach zur Tagesordnung \u00fcber, sondern beh\u00e4lt diese Glaubenserfahrung als einen Schatz, als eine ganz pers\u00f6nliche Ostergeschichte, als ein Erlebnis mit Gott, das er auch mit uns heute Morgen teilen will.<\/p>\n<p>Lassen Sie uns von Gott wieder etwas erwarten, liebe Gemeinde. Ihn gerade im Verborgenen unseres Alltags entdecken und \u2013 wer wei\u00df \u2013 vielleicht selbst zum Engel f\u00fcr Andere werden.<\/p>\n<p>(*) Vielleicht zu einem Engel benachteiligter Kinder oder einem Engel f\u00fcr Alte und Sterbende, ich wei\u00df es nicht. Aber eines ist sicher: Der Tod hat seit Ostern nicht mehr das letzte Wort, auch wenn es manchmal wie bei Petrus \u201everdammt\u201c danach aussieht. Und es gibt sie, die Osterboten, auch heute mitten unter uns:<\/p>\n<p>Rudolf Otto Wiemer dichtete:<br \/>\n<em>Ein Engel steht abends im Tor.<br \/>\nEr hat gebr\u00e4uchliche Namen.<br \/>\nUnd sagt, wenn ich sterbe:<br \/>\nSteh auf!<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em><strong>[Alternativ ab *:<\/strong><\/em><br \/>\nEin solcher Engel war f\u00fcr viele Menschen die finnische Seelsorgerin Mathilda Wrede. Man hat sie immer wieder als \u201eEngel der Gefangenen\u201c bezeichnet. Tief eingepr\u00e4gt hat sich ihr, wie einem ungef\u00e4hr gleichaltrigen Jugendlichen bei einem Schmied die Handschellen angelegt und er dann ins Gef\u00e4ngnis abgef\u00fchrt wurde. Ergriffen von der Gewissheit, dass Gott die Menschen liebt, begann sie sich, f\u00fcr die Rechte und den seelischen Frieden von H\u00e4ftlingen einzusetzen. Sie scheute keine politischen Grenzen und k\u00fcmmerte sich sogar um gefangene Soldaten der roten Armee, die das eigene Land angegriffen hatten.<br \/>\nEinmal sagte ihr ein H\u00e4ftling: \u201eWissen Sie, was das Schrecklichste f\u00fcr mich ist? Wenn ich auf mein Leben zur\u00fcck blicke, sehe ich nur Hass und B\u00f6ses.\u201c<br \/>\nWas tat Mathilda Wrede? Sie bat den Gefangenen um einen Gefallen. Er sollte ihr etwas von seiner Mahlzeit und einem Glas D\u00fcnnbier abgeben (das sie gar nicht mochte). So verhalf sie dem Menschen zu einer neuen Selbstachtung und gab ihm neuen Mut zum Leben. Vielleicht konnte auch er danach sagen:<em> \u201eNun wei\u00df ich, dass Gott mir wahrhaftig seinen Engel gesandt hat.\u201c<\/em>]<\/p>\n<p>Und der Friede Gottes, welcher h\u00f6her ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn<br \/>\nAmen.<\/p>\n<p><strong>Dr. Jochen Arnold<br \/>\nArbeitsbereich f\u00fcr Gottesdienst und Kirchenmusik<br \/>\nMichaeliskloster Hildesheim<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><strong><a href=\"mailto:Jochen.Arnold@michaeliskloster.de\">Jochen.Arnold@michaeliskloster.de<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>16. Sonntag nach Trinitatis, 1. Oktober 2006 Predigt zu Apostelgeschichte 12, 1-11, verfa\u00dft von Jochen Arnold (Ohne Anrede oder Erkl\u00e4rung. Die Stimme des Petrus sollte \u00fcber Mikrofon aus dem Altarbereich und die des Engels von der Empore kommen. ) Engel: Petrus! Steh auf und zieh dich an! Du bist frei! Petrus: Wie bitte? Was? Wer [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":15861,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[40,514,1,727,157,853,114,1208,975,349,1053,3,109,1116],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-11355","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-apostelgeschichte","category-16-so-n-trinitatis","category-aktuelle","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-jochen-arnold","category-kapitel-12-chapter-12-apostelgeschichte","category-kasus","category-predigtgeschichte","category-nt","category-predigten","category-predigtformen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11355","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11355"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11355\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16628,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11355\/revisions\/16628"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/15861"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11355"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11355"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11355"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=11355"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=11355"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=11355"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=11355"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}