{"id":11361,"date":"2021-02-07T19:48:59","date_gmt":"2021-02-07T19:48:59","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11361"},"modified":"2023-02-07T16:33:06","modified_gmt":"2023-02-07T15:33:06","slug":"apostelgeschichte-12-1-17","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/apostelgeschichte-12-1-17\/","title":{"rendered":"Apostelgeschichte 12, 1-17"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">16. Sonntag nach Trinitatis, 1. Oktober 2006<br \/>\nPredigt zu Apostelgeschichte 12, 1-17, verfa\u00dft von Gabriele Arnold <\/span><\/b><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>manches muss man wieder und wieder h\u00f6ren, bis man es glaubt. Und manches kann man kaum glauben. So geht es offenbar nicht nur uns heute, uns aufgekl\u00e4rten Zeitgenossen, die sowieso geneigt sind, nur das zu glauben, was sie sehen. So ging es offenbar auch schon damals Petrus. Ausgerechnet Petrus. Er m\u00fcsste ja eigentlich an Wunder gew\u00f6hnt gewesen sein. Er war doch jahrelang mit Jesus unterwegs, er hatte Ostern und Pfingsten erlebt. Aber er selbst meint zu tr\u00e4umen.<\/p>\n<p>Nun es ist ja auch eine Nachtgeschichte, wenn auch keine Gute-Nacht-Geschichte. Dunkel sind die Farben der ersten Verse unseres Predigttextes. Da braut sich etwas zusammen. Herodes, der Herrscher, umstritten im Volk, mehr geduldet als geliebt, sucht Anerkennung und geschickt nutzt er die Stimmung. Waren die Christen am Anfang noch klein und unbedeutend, aber irgendwie toleriert, so schlug die Stimmung nach und nach ins Gegenteil um. Sie wurden argw\u00f6hnisch betrachtet und genau da setzt Herodes an, kaltbl\u00fctig, um sich beim Volk beliebt zu machen. Er l\u00e4sst Mitglieder der Gemeinde foltern, den Jakobus sogar t\u00f6ten.<\/p>\n<p><em> Und als er sah, dass es den Juden gefiel, lie\u00df er Petrus verhaften.<\/em><\/p>\n<p>Wahrscheinlich um gleich noch mal einen Mord zu inszenieren. Menschen werden verfolgt und misshandelt bis heute \u2013 kaltbl\u00fctig. Und bis heute sind es auch Christen, die verfolgt werden wegen ihres Glaubens. Wir sind geneigt, das zu vergessen. Leben wir doch hier in gro\u00dfer Sicherheit, genie\u00dfen die Selbstverst\u00e4ndlichkeit mit der der christliche Glaube immer noch Bestandteil unserer Kultur ist. Und nach wie vor erwarten die Menschen viel von der Kirche, und nach wie vor sind Christen gesuchte Gespr\u00e4chsparten f\u00fcr Politiker, Mediziner und Menschen aus der Wirtschaft.<\/p>\n<p>Und auch in unseren Gemeinden fragen Menschen nach wie vor nach den Dingen, \u00fcber die wir als Christen Auskunft geben k\u00f6nnen: Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Was ist Wahrheit? Bin ich geliebt?<\/p>\n<p>Doch das ist ja nur ein kleiner Nebengedanke, der aus dem dunklen Anfang des Predigttextes ein Licht auf uns heute wirft. Die dunkle Nachtgeschichte des Petrus tr\u00e4gt in sich eine ganz andere Verhei\u00dfung.<\/p>\n<p><em> Es waren aber eben die Tage der unges\u00e4uerten Brote.<\/em><\/p>\n<p>Die das h\u00f6rten und lasen, die, f\u00fcr die das Evangelium geschrieben war, und all die danach, die zuhause waren in den alten Geschichten der Bibel, die kannten diesen Satz.<\/p>\n<p><em> Es waren aber nahe die Tage der unges\u00e4uerten Brote. (Lukas 22,1)<\/em><\/p>\n<p>So schreibt Lukas, der ja nicht nur die Apostelgeschichte, sondern auch das Lukasevangelium verfasste, zu Beginn der Passionsgeschichte Jesu. Dieser gro\u00dfen Geschichte, die durch Not und Schrecken, durch Qual und Schreien im Licht des Ostermorgens endet.<\/p>\n<p>So gestimmt ist also die Petrusgeschichte. Vom Ende her schon leuchtet es hinein in diese Nacht.<\/p>\n<p>Petrus ist gefangen, festgehalten, angekettet an menschlichte W\u00e4chter, weggesperrt hinter dicken Mauern und eisernen Toren und damit auch ja nichts passiert, sind die Wachen noch im Schichtdienst eingeteilt. Petrus hat den Tod vor Augen und schl\u00e4ft. Schl\u00e4ft wie damals in Gethsemane. Vielleicht war Petrus einfach gesegnet mit gutem Schlaf. Aber eigentlich denke ich, dass Lukas etwas anderes ausdr\u00fccken m\u00f6chte. Petrus schl\u00e4ft den gleichen Schlaf, den Jesus schl\u00e4ft im Boot im See Genezareth, als sich das Unwetter zusammenbraut. Das ist der Schlaf aus Gottvertrauen. Und dieser Schlaf wird offensichtlich belohnt. Man ist versucht l\u00e4chelnd zu sagen:<\/p>\n<p><em> Den Seinen gibt\u2019s der Herr im Schlaf. (Psalm 127,2)<\/em><\/p>\n<p>Und es ist ja wirklich wie im Schlaf, so als ob Petrus ganz unbeeindruckt w\u00e4re, von dem was ihn erwartet. Der Engel strahlt auf \u2013 ganz wie der Engel in der Ostergeschichte, der war wie ein <em> Blitz und sein Gewand wei\u00df wie der Schnee (Matth\u00e4us 28,3)<\/em> . Er w\u00e4lzte den Felsklotz vom Grab, setzte sich keck oben darauf und \u00f6ffnete den Ort des Todesschlafes Jesu.<\/p>\n<p>Und nun hier, in der Todeszelle von Petrus blitzt es auf, wird hell und licht. Und doch muss der Engel Petrus kr\u00e4ftig in die Seite schupsen, ihn wachr\u00fctteln, damit er sieht, was es zu sehen gibt. <em>Schnell steh auf.<\/em><\/p>\n<p>Das ist der Osteruf des Engels. Petrus gehorcht \u2013 schlaftrunken. Der Engel muss ihm das Selbstverst\u00e4ndliche sagen: <em>G\u00fcrte dich<\/em>, raff dein Gewand, dass du nicht stolpert. <em>Zieh deine Schuhe an<\/em> und vergiss deinen Mantel nicht. Ganz genau so, wie man einen verschlafenen Sch\u00fcler morgens aus dem Haus schickt.<\/p>\n<p>Und dann gehen sie, ruhig und gelassen an der ersten Wache vorbei, auch an der zweiten und schlie\u00dflich kommen sie zum eisernen Tor. Das Tor springt auf. Petrus ist frei. Nur eine Stra\u00dfe weiter verl\u00e4sst ihn der Engel.<\/p>\n<p>Jetzt erst beginnt Petrus zu begreifen, er, der an Wunder gew\u00f6hnte. Jetzt erst sieht er sich um, wacht auf, erkennt ich bin frei und tut das Selbstverst\u00e4ndliche, er geht nach Hause. Und was er kaum glauben kann, ist f\u00fcr die anderen noch unwahrscheinlicher. Als Petrus, der Befreite, an die T\u00fcr seiner Freunde klopft wollen sie es nicht glauben. Die einzige, die es glaubt, ist die Magd Rhode, auf deutsch R\u00f6schen, die vergisst vor lauter Freude aber die T\u00fcr zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Und so bleibt Petrus nichts anderes \u00fcbrig, als weiter ans Tor zu h\u00e4mmern und zu warten, dass ihm endlich ge\u00f6ffnet wird, und er erz\u00e4hlen kann der Herr hat mich herausgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Der Herr hat herausgef\u00fchrt \u2013 das sind die uralten gro\u00dfen Worte, die von Gottes Tat berichten <em>Ich bin der Herr dein Gott, der dich aus \u00c4gyptenland gef\u00fchrt hat (Exodus 20,2). <\/em><\/p>\n<p>Das war die Auszugs-, die Rettungsgeschichte damals, und ganz passend findet die Rettung des Petrus, seine Auszugsgeschichte, in den Tagen der unges\u00e4uerten Brote statt, also w\u00e4hrend des Passahfestes, das an den Auszug erinnert.<\/p>\n<p>Mit der Rettungsgeschichte des Petrus bekommt die junge Christenheit ihre eigene Auszugsgeschichte, ihre Geschichte, die mit jener alten verbunden ist.<\/p>\n<p>In Elne, einen kleinen Ort im S\u00fcden Frankreichs, ist diese Geschichte vom verdatterten, schlafend ins Freie gef\u00fchrten Petrus gleich zweimal zu finden. Un\u00fcbersehbar und prominent prangt sie aus Stein gehauen auf den Kapitellen zweier S\u00e4ulen eine romanischen Kreuzgangs. Warum den M\u00f6nchen des Mittelalters diese Geschichte wohl so wichtig war? Vielleicht ja gerade deshalb, weil es die erste Befreiungsgeschichte der jungen Gemeinde war. Weil aber auch die Christen zu denen geh\u00f6ren, die herausgef\u00fchrt werden aus Not und Gefahr.<\/p>\n<p>Es ist die erste Ostergeschichte nach Ostern. Petrus erf\u00e4hrt Ostern nun am eigenen Leib. Ostern, das ist die gr\u00f6\u00dfte, die unglaublichste aller Befreiungsgeschichten. Gott hat Jesus dem Tod entrissen. Und er h\u00f6rt damit nicht auf. Wieder und Wieder befreit er, rei\u00dft heraus, \u00f6ffnet Mauern, sprengt Ketten, entl\u00e4sst Menschen in die Freiheit. Wieder und wieder m\u00fcssen wir das h\u00f6ren, Gott f\u00fchrt heraus, bis wir es glauben, bis wir die Wunder, die wir erleben, auch als Wunder begreifen. Wieder und wieder befreit Gott bis heute. Bis heute \u00f6ffnen sich Gef\u00e4ngnisse und Folterkammern und Menschen kommen frei, wie durch ein Wunder, halten durch, gest\u00e4rkt durch die F\u00fcrbitte der Gemeinde. Und wie viele Gef\u00e4ngnisse hat Gott schon gesprengt in unserem leben.<\/p>\n<p>Eingeschlossen ins Dunkel der Angst und dann macht mir jemand Mut.<\/p>\n<p>Eingekerkert in meine Schuld und dann h\u00f6re ich die Worte: Deine S\u00fcnden sind dir vergeben.<\/p>\n<p>Festgefahren in alten Bindungen und gefangen in Beziehungen, die mir die Luft zum atmen nehmen und dann \u00f6ffnen sich T\u00fcren, manchmal lautlos und manchmal mit einem Knall. Dann ist Neuanfang m\u00f6glich und Leben wird frei.<\/p>\n<p>Hilflos gefangen in der Nacht der Depression und nach langer, langer Zeit wird es hell und das Leben kommt zur\u00fcck.<\/p>\n<p>So viele Befeiungsgeschichten. Auf die ganz gro\u00dfe, die endg\u00fcltige warten wir noch. Darauf, dass es uns geht wie Christus und wir befreit sind vom schlimmsten Feind, dem Tod.<\/p>\n<p>Damit uns das Warten nicht m\u00fcrbe macht, wir die Hoffnung nicht aufgeben und tr\u00e4ge werden, einschlafen vor lauter Langeweile, darum erz\u00e4hlen wir uns die Geschichten von der Befreiung\u00a0\u2013 wieder und wieder. Die Geschichte vom Volk, das aus \u00c4gypten zog, die Geschichte von Petrus, der dem Kerker entkam und unsere Geschichten. Und dann reiben wir uns den Schlaf aus den Augen, werden sch\u00f6n und heiter und singen.<\/p>\n<p>Wenn ich des Nachts oft lieg in Not, verschlossen gleich als w\u00e4r ich tot, l\u00e4sst du mir fr\u00fch die Gnadensonn aufgehn: Nach Trauern Freud und Wonn. Halleluja. EG 111,2<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p><strong>Gabriele Arnold, Stuttgart<br \/>\n<a href=\"mailto:ele.arnold@arcor.de\">ele.arnold@arcor.de<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>16. Sonntag nach Trinitatis, 1. 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