{"id":11370,"date":"2021-02-07T19:49:04","date_gmt":"2021-02-07T19:49:04","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11370"},"modified":"2023-02-05T15:28:53","modified_gmt":"2023-02-05T14:28:53","slug":"johannes-15-1-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-15-1-7\/","title":{"rendered":"Johannes 15, 1-7"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Tag der Deutschen Einheit, 3. Oktober 2006<br \/>\nPredigt zu Johannes 15, 1-7, verfa\u00dft von Matthias Rein <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>(\u00d6kumenischer Gottesdienst am Tag der Deutschen Einheit, R\u00f6m.-Kathol. Max-Kirche Augsburg)<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>wie steht es um das Land, in dem wir seit 16 Jahren gemeinsam leben? Was bewegt die Menschen in Ostdeutschland und Westdeutschland? Wie betrifft uns dies als Christen?<br \/>\nMachen wir es konkret:<\/p>\n<p>Zwischen T\u00fcr und Angel erz\u00e4hlt mir vor einigen Tagen eine Mutter die Geschichte ihres Sohnes.<br \/>\nEr w\u00e4chst im Erzgebirge auf, macht Abitur, f\u00e4ngt an in Dresden zu studieren. Das Studium \u00fcberfordert ihn, ein Freund vermittelt ihm eine Lehre zum Bankkaufmann im M\u00fcnchener Umland. Er zieht an den Stadtrand von M\u00fcnchen, Ausbildung und Arbeit machen ihm Spa\u00df, aber er findet schwer Kontakt. Das Geld reicht nur f\u00fcr das N\u00f6tigste, abends in die Kneipe mit den Kollegen, das ist nicht drin. So pendelt er zwischen der alten Heimat, die nicht mehr seine ist und der neuen, in der er nicht heimisch wird.<br \/>\nEin halbes Jahr vor Abschlu\u00df der Lehre ruft ihn der Abteilungsleiter zu sich. Seine Arbeit sei in Ordnung, aber er brauche sich keine Hoffnung auf unbefristete Anstellung machen. Er, sein Chef, k\u00f6nne ihn nicht leiden. Das trifft ihn wie ein Hammer. Seine Hoffnung auf ein bisschen mehr Sicherheit und Einkommen zerplatzen.<br \/>\nSein K\u00f6rper reagiert auf die Katastrophe. Er isst nicht mehr, magert ab, bricht zusammen. Die Mutter holt ihn nach Hause. Zw\u00f6lf Wochen verbringt er in einer Klink zur Behandlung psychosomatischer Krankheiten zusammen mit vielen jungen Leuten zwischen 20 und 25 Jahren. Dort findet er wieder Kraft. Die Bank hat ihm inzwischen mitgeteilt, dass sie ihn nicht \u00fcbernehmen werde, er sei zu lange krank.<\/p>\n<p>Zwischen T\u00fcr und Angel h\u00e4ngt dieser Junge. Zwischen Baum und Borke. Abgehauen der Ast, irgendwo reingesteckt und bisher nicht angewachsen.<br \/>\nWas bin ich wert, so fragt dieser junge Mann. Ich versage, ich bin nicht in der Lage, mich selbst zu versorgen, mein Leben selbst zu gestaltenleben. Und dazu kommt der Makel, Ostdeutscher zu sein.<\/p>\n<p>\u201eIch bin ostdeutsch,<br \/>\ndas zieht sich hin wie der Rauch an erloschenen Dochten\u201c<br \/>\nschreibt die Lyrikerin Helga M. Novak.<br \/>\n\u201eIch bin deutsch und nicht nur der Sprache nach<br \/>\nIch bin ostdeutsch<br \/>\nIch sitze an der kahlen Seite des Tisches.<br \/>\nIch bin ostdeutsch und ziehe einen Klumpen Hoffnung hinter mir her.\u201c<\/p>\n<p>50 000 Menschen verlassen Jahr f\u00fcr Jahr die ostdeutschen Bundesl\u00e4nder. Jedes Jahr wird in Ostdeutschland eine mittlere Kleinstadt ausradiert. Sie gehen in die Fremde mit Hoffungen, aber fast immer unfreiwillig, ohne Reserven, die ein Scheitern abfedern.<br \/>\nNicht nur ihnen ergeht es so. Schrumpfende Regionen gibt es auch in Bayern, Niedersachsen, Hessen, im Rheinland, Baden-W\u00fcrttemberg. Menschen verlieren \u00fcber Nacht ihre Arbeit. Alles ger\u00e4t ins Wanken. J\u00fcngstes Besipel: das ehemalige Siemens-Mobilfunk-Unternehmen. Wenn sie Gl\u00fcck haben, findet sich ein neuer Job, aber 200km entfernt. Und dann das hei\u00dft: Trennung von der Familie, Trennung von den Freunden, Neuanfang, Sich durchbei\u00dfen.<br \/>\nUnd wenn man Pech hat, ist man dabei abh\u00e4ngig von den Launen eines Vorgesetzten.<br \/>\nAlltag in Deutschland im Jahr 2006.<\/p>\n<p>Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben, so h\u00f6ren wir aus dem Johannes-Evangelium.<br \/>\nWer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.<\/p>\n<p>Was hat das mit der Geschichte von Sven, dem Banklehrling aus dem Erzgebirge, zu tun?<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst:<br \/>\nBleibt in mir und ich in Euch \u2013 diese Forderung aus dem Johannes-Evangelium richtet sich an die Gemeindeglieder damals. Sie schwanken. Sollen wir gehen, sollen wir bei der Gemeinde bleiben? Sie sind unter Druck in der j\u00fcdischen Umwelt.<br \/>\nBleibt, so fordert das Evangelium. Aus euch selbst k\u00f6nnt ihr keine Frucht bringen. Wie die Rebe. Wenn sie abgeschnitten wird, vertrocknet sie.<br \/>\nOhne mich k\u00f6nnt ihr nichts tun, sagt der johanneische Jesus den Christen seiner Zeit.<\/p>\n<p>Bleiben oder gehen?<br \/>\nF\u00fcr uns, die wir hier sind in diesem Gottesdienst , die wir gekommen sind, stellt sich diese Frage heute so:<br \/>\nWas h\u00e4lt mich an der Person Jesu Christi? Was bedeutet mir seine Geschichte?<br \/>\nWas st\u00e4rkt mich an dieser Person, was tr\u00f6stet mich, was gibt mir Kraft?<br \/>\nAber auch: Was irritiert mich, fordert mich heraus, konfrontiert mich?<\/p>\n<p>Welche Bedeutung hat diese Person und seine Geschichte f\u00fcr mein Leben, f\u00fcr mein Selbstverst\u00e4ndnis, f\u00fcr mein Zusammenleben mit anderen Menschen?<\/p>\n<p>Ich merke, wenn ich mir diese Fragen vorlege:<br \/>\nIch bin verwurzelt in der Geschichte Jesus, in seiner Botschaft, in seiner Person.<br \/>\nBleiben in Christus heute hei\u00dft deshalb: An dieser Verwurzelung festhalten.<\/p>\n<p>Eine zweite Botschaft steckt im Bild vom Weinstock und den Reben f\u00fcr uns und f\u00fcr andere Menschen heute:<\/p>\n<p>Wer in mir bleibt, der bringt viel Frucht. Wer nicht in mir bleibt, vertrocknet, verdorrt, stirbt.<br \/>\nDas ist eine bedrohliche Aussicht und doch steckt darin eine bedenkenswerte Wahrheit:<br \/>\nMein Wert als Mensch misst sich nicht an meinen eigenen Leistungen, meinem Einkommen, meinen Erfolgen in der Berufskarriere. Das sind wackelige Ma\u00dfst\u00e4be. \u00dcber Nacht k\u00f6nnen sie sich aufl\u00f6sen in Nichts. Ich stehe da mit leeren H\u00e4nden.<\/p>\n<p>Wertvoll bin ich als Mensch, weil Gott mich liebt.<br \/>\nWertvoll bin ich als Mensch, weil ich Teil seines Weinstocks bin, fest mit ihm verbunden, durchstr\u00f6mt von Lebenssaft, angeschlossen an die Kraftquelle des Lebens.<\/p>\n<p>Bleiben in Christus hei\u00dft deshalb:<br \/>\nIch brauche mir meinen Wert als Menschen nicht erarbeiten. Ich habe diesen Wert von Gott. Er macht mich zum Teil seines fruchtbaren Weinstocks, das macht mich wertvoll.<\/p>\n<p>Wie erreicht diese Botschaft aber Sven? Und hilft ihm diese Botschaft?<br \/>\nDamit sind wir bei der Frage, wie uns als Christen die Situation vieler Menschen in diesem Land betrifft, die unterwegs sind, die allein sind, die drohen unterzugehen im Getriebe des Lebens, das einfach immer weitergeht, egal ob du mitkommst oder nicht.<\/p>\n<p>In dem Ort Pullach, in dem ich seit f\u00fcnf Jahren lebe, gibt es eine menschenfreundliche Einrichtung. Jeder Mensch, der dorthin zieht, bekommt Besuch. Ein Mensch aus der katholischen Pfarrgemeinde und ein Mensch aus der evangelischen Kirchengemeinde melden sich bei den Neuzugezogenen, vereinbaren einen Termin f\u00fcr einen Besuch. Lange Gespr\u00e4che werden da gef\u00fchrt, so berichten die Besuchenden. Die Besuchten freuen sich, man ist auf sie aufmerksam geworden, jemand erkundigt sich nach ihnen, man wird pers\u00f6nlich willkommen gehei\u00dfen.<br \/>\nEs geht dabei nicht um Missionsstrategien. Es geht um einen Dienst f\u00fcr den N\u00e4chsten. Wir zeigen jedem Menschen: Du bist willkommen, egal woher Du kommst, egal wohin es dich wieder verschlagen wird. Du bist willkommen. Wenn Du Hilfe brauchst, wenn Du Gemeinschaft suchst \u2013 hier sind wir, wir bieten die Hilfe und Gemeinschaft an, wir hei\u00dfen dich willkommen.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob Sven dieses Angebot annehmen k\u00f6nnte. Ich wei\u00df auch nicht, ob dieses Angebot hilft, den Verlust des Arbeitsplatzes tragen zu helfen.<\/p>\n<p>Aber dieses Angebot l\u00e4sst konkret werden, was Jesus selbst uns und allen anderen Menschen sagt:<br \/>\nKommt her zu mir alle, die ihr m\u00fchselig und beladen seid, ich will euch erquicken.<\/p>\n<p>Es l\u00e4sst konkret werden, was er von uns erwartet:<br \/>\nIch bin fremd gewesen, und ihr habt mich aufgenommen.<br \/>\nHaben wir dies getan oder nicht, danach werden wir gefragt. Ein klarer Ma\u00dfstab. Und eine leistbare Erwartung an uns.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen als Kirche keine Arbeitspl\u00e4tze in Schrumpfungsregionen aus dem Boden stampfen. Wir k\u00f6nnen als Kirche keine Sozialpl\u00e4ne umsetzen und Menschen in Lohn und Brot bringen.<br \/>\nAber wir k\u00f6nnen wahrnehmen, was mit den Menschen passiert, was mit dem Nachbarn ist, der neu in das Haus nebenan eingezogen ist.<br \/>\nWir k\u00f6nnen ihm zeigen, was er wert ist, weil er von Gott geliebt wird.<\/p>\n<p>Damit tun wir etwas in dieser Gesellschaft, was Staat, Wirtschaft, Parteien und sonstige Institutionen nicht tun k\u00f6nnen:<br \/>\nWir machen die Gesellschaft menschlich in Gottes Namen und um der Menschen willen.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dr. Matthias Rein<br \/>\nStudienleiter am Theologischen Studienseminar der VELKD<br \/>\nBischof-Meiser-Str. 6<br \/>\n82049 Pullach<br \/>\nTel. 089\/74442428<br \/>\nEmail: <a href=\"mailto:Matthias.Rein@t-online.de\">Matthias.Rein@t-online.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tag der Deutschen Einheit, 3. Oktober 2006 Predigt zu Johannes 15, 1-7, verfa\u00dft von Matthias Rein (\u00d6kumenischer Gottesdienst am Tag der Deutschen Einheit, R\u00f6m.-Kathol. Max-Kirche Augsburg) Liebe Gemeinde, wie steht es um das Land, in dem wir seit 16 Jahren gemeinsam leben? Was bewegt die Menschen in Ostdeutschland und Westdeutschland? Wie betrifft uns dies als [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3527,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[39,1,727,120,853,114,121,347,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-11370","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-johannes","category-aktuelle","category-archiv","category-bes_gelegenheiten","category-bibel","category-deut","category-festtage","category-kapitel-15-chapter-15-johannes","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11370","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11370"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11370\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16460,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11370\/revisions\/16460"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3527"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11370"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11370"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11370"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=11370"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=11370"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=11370"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=11370"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}