{"id":11384,"date":"2021-02-07T19:49:06","date_gmt":"2021-02-07T19:49:06","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11384"},"modified":"2023-02-03T10:08:37","modified_gmt":"2023-02-03T09:08:37","slug":"jakobus-2-1-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jakobus-2-1-9\/","title":{"rendered":"Jakobus 2, 1-9"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">18. Sonntag nach Trinitatis, 15. Oktober 2006<br \/>\nPredigt zu Jakobus 2, 1-9, verfa\u00dft von Claudia Bruweleit<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p><em>Jakobus 2,1-9 (10-13)<br \/>\nLiebe Geschwister, haltet den Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit, frei von allem Ansehen der Person.<br \/>\n2 Denn wenn in eure Versammlung ein Mann k\u00e4me mit einem goldenen Ring und in herrlicher Kleidung, es k\u00e4me aber auch ein Armer in unsauberer Kleidung,<br \/>\n3 und ihr s\u00e4het auf den, der herrlich gekleidet ist, und spr\u00e4chet zu ihm: Setze du dich hierher auf den guten Platz! und spr\u00e4chet zu dem Armen: Stell du dich dorthin! oder: Setze dich unten zu meinen F\u00fc\u00dfen!<br \/>\n4 ist&#8217;s recht, dass ihr solche Unterschiede bei euch macht und urteilt mit b\u00f6sen Gedanken?<br \/>\n5 H\u00f6rt zu, meine lieben Br\u00fcder! Hat nicht Gott erw\u00e4hlt die Armen in der Welt, die im Glauben reich sind und Erben des Reichs, das er verhei\u00dfen hat denen, die ihn lieb haben?<br \/>\n6 Ihr aber habt dem Armen Unehre angetan. Sind es nicht die Reichen, die Gewalt gegen euch \u00fcben und euch vor Gericht ziehen?<br \/>\n7 Verl\u00e4stern sie nicht den guten Namen, der \u00fcber euch genannt ist?<br \/>\n8 Wenn ihr das k\u00f6nigliche Gesetz erf\u00fcllt nach der Schrift (3. Mose 19,18): \u00bbLiebe deinen N\u00e4chsten wie dich selbst\u00ab, so tut ihr recht;<br \/>\n9 wenn ihr aber die Person anseht, tut ihr S\u00fcnde und werdet \u00fcberf\u00fchrt vom Gesetz als \u00dcbertreter.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,\u00a0<em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Menschen ziehen Grenzen \u2013 der Glaube befreit zur Gemeinschaft!<\/p>\n<p>Wie sehr unser Denken in Grenzen verl\u00e4uft, zeigt ein Experiment, das auf die Reportage eines gro\u00dfen Wochenmagazins vor einigen Jahren zur\u00fcckgreift:<br \/>\nKonfirmandinnen und Konfirmanden erhielten einen Fragebogen mit dem Bild einer Frau und sollten Vermutungen anstellen zu ihrer Herkunft, ihrem Beruf, ihren Hobbys, ihren Vorstrafen. Die Frageb\u00f6gen waren in zwei Gruppen eingeteilt, Einer zeigte eine Frau im teuren Designer-Kost\u00fcm mit einem Glas Sekt, einer dieselbe Frau in Lumpen mit einer Bierflasche in der Hand. Was die Konfirmandinnen und Konfirmanden nicht wussten: beide Fotos zeigten dieselbe Person. Ein Wochenmagazin hatte Hamburger Wohnungslose gebeten, einmal in ihrem Stra\u00dfen-Milieu der Kamera zu posieren, ein anderes Mal in edler Kleidung und teuren B\u00fcror\u00e4umen oder Hotels.<br \/>\nDer Vergleich der Antworten unter den Konfirmandinnen und Konfirmanden zeigte eine hohe Bereitschaft, die Frau in Lumpen mit Kriminalit\u00e4t und Alkoholproblemen in Verbindung zu bringen, bei der Person im Kost\u00fcm hingegen eine erfolgreiche Kariere, Bildung und Wohlstand anzunehmen. So unterschiedlich wurde dieselbe Person eingesch\u00e4tzt.<br \/>\nMenschen ziehen Grenzen, immer wieder, schon bei der ersten Begegnung mit einem fremden Menschen. Sie lassen sich leiten von \u00c4u\u00dferlichkeiten, denken in Klischees und \u00fcbertragen eigene W\u00fcnsche und \u00c4ngste auf andere Personen. Das ist so, nicht nur unter Konfirmandinnen und Konfirmanden.<\/p>\n<p>In den Gemeinden, an die sich Jakobus richtet, gab es offensichtlich Beispiele daf\u00fcr, dass das Denken in sozialen Grenzen und Klischees zu Verletzungen und Diskriminierungen Einzelner im Gottesdienst f\u00fchrte.<br \/>\n<em>Liebe Geschwister, haltet den Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit, frei von allem Ansehen der Person.<\/em><br \/>\nDie Emp\u00f6rung des Jakobus geht tief, denn hier sind die Grundfesten seiner christlichen \u00dcberzeugung ersch\u00fcttert. Eine Gemeinde besteht aus Menschen, die durch die Taufe und im Sprechen des Glaubensbekenntnisses sich zu Jesus Christus bekennen, der Mensch gewordenen Liebe Gottes f\u00fcr alle Menschen.<br \/>\n<em>Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus<\/em>, schrieb der Apostel Paulus im Brief an die Galater und folgerte unbeirrbar: <em>Hier ist nicht Jude nicht Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann, noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus.<\/em><br \/>\nDas war und ist die befreiende Botschaft des Evangeliums, dass Gott keine Unterschiede macht, sondern alle in ihrer Vielfalt liebt und annimmt. Diese Botschaft hat einst den Ruf der Gemeinden und ihre Ausstrahlung begr\u00fcndet.<br \/>\nWer auf dem Boden dieser Verk\u00fcndigung steht und Gleichheit aller behauptet und dann doch daf\u00fcr sorgt, dass einige gleicher behandelt werden als andere, der verl\u00e4sst den Raum der Freiheit, den der Glaube er\u00f6ffnet hat. Jakobus aber setzt sich vehement f\u00fcr diese Freiheit ein.<\/p>\n<p>Der Mensch zieht Grenzen \u2013 der Glaube aber befreit zu Gemeinschaft. Ausgrenzung, die Pflege von Klischees und Denkschubladen \u2013 bei den Christen soll es gerade nicht so sein.<br \/>\nGlauben k\u00f6nnen wir nur gemeinsam. Wer einmal bewusst die Gebetsstille oder das gemeinsame Bekenntnis im Gottesdienst wahrgenommen hat, der sp\u00fcrt: vor Gott stehe ich allein und doch mit anderen zusammen. Dass alle mit ihren Unterschieden vor ihm stehen, macht erst den Reichtum aus, mit dem wir hier auf Erden Kirche sind. Menschen, die seine Kraft f\u00fcr das Leben brauchen.<br \/>\nDie W\u00fcrde des Einzelnen bemisst sich nicht an unseren Kriterien der Zugeh\u00f6rigkeit, sondern sie ist in Gottes Willen gr\u00fcndet, der seinen Weg mit jeder und jedem von uns geht und uns verhei\u00dft und zumutet, voneinander zu lernen, wenn wir vom Glauben reden. Denn den Glauben kann keiner allein gewinnen, er h\u00f6rt durch andere von ihm, gibt ihn im Gespr\u00e4ch und im gemeinsamen Gottesdienst weiter. Der Glaube befreit zum H\u00f6ren. Zum mitf\u00fchlenden Wahrnehmen der Unterschiede.<br \/>\nDie Vielfalt der Gemeinden zur Zeit des Jakobus ist uns heute nicht mehr gegeben. Nach der j\u00fcngsten Mitgliedschaftsstudie der EKD geh\u00f6ren zu den treuen Kirchenmitgliedern \u00fcberwiegend Personen der einkommensstarken und kulturell hoch stehenden Bev\u00f6lkerungsschichten. Die Gemeinschaft, die wir zum Glauben brauchen, kommt jedoch nicht an den anderen vorbei. Nicht nur im Gottesdienst, auch im t\u00e4glichen Leben fehlen die, die sich nicht \u00fcber die Schwellen der Kirchengeb\u00e4ude trauen, fehlen die, die nicht mitbestimmen k\u00f6nnen oder wollen. Sie fehlen mit ihren Erfahrungen und ihren Gaben.<\/p>\n<p>Es geht auch heute darum, die befreiende Erkenntnis des Glaubens, dass Gott jeden Menschen liebt, mit dem Herzen zu erfassen und mit der ganzen Person zu vertreten, im Gottesdienst zuerst und bis hinein in die Strukturen unserer Gesellschaft. Der Glaube befreit nicht nur von den Barrieren der Klischees und Vorurteile, er lenkt den Blick zu dem anderen hin und nimmt Au\u00dfenstehende wahr als solche, die hinzugeh\u00f6ren. Er leidet an ihren Grenzerfahrungen.<br \/>\nIn unserer Gesellschaft sind dies zum Beispiel die Schwierigkeiten f\u00fcr Kinder aus sozial schwachen Familien, die eigenen Begabungen zu entwickeln und einzubringen in die Gemeinschaft. Sie entstehen nicht zuletzt dadurch, dass andere sie unhinterfragt auf ihre Herkunft und ihr Ansehen festlegen und sie ausgrenzen. Sie entstehen auch aus Mangel an gesunden Strukturen.<br \/>\nDie Kieler Nachrichten berichteten am vergangenen Samstag \u00fcber eine Statistik der Stadtverwaltung, in der die Sozialstrukturen der Stadtteile herausgearbeitet werden. Der Stadtteil Gaarden auf dem Ostufer belegt dabei traurige Spitzenpositionen: Die meisten Arbeitslosen, die meisten Empf\u00e4nger von Sozialleistungen, die dicksten Kinder wohnen dort. Wer dort lebt, hat weniger Chancen als andere, an Bildung, Arbeit und Wohlstand unseres Landes Anteil zu bekommen. Die Startbedingungen f\u00fcr Kinder, die hier aufwachsen, sind erschwert gegen\u00fcber denen anderer Stadtteile: wer bringt ihnen bei, dass ein Tag einen geregelten Ablauf braucht, wenn die Eltern ohne Arbeit und Einkommen sind? Dass es nicht egal ist, wann man aufsteht, was man tut und ob man gemeinsam isst und miteinander redet? Wie sollen sie lernen, sich zu den Schularbeiten zu konzentrieren, wenn zu Hause den ganzen Tag der Fernseher l\u00e4uft? Wer zeigt ihnen den Wert eines vollwertigen Fr\u00fchst\u00fccks oder des gemeinsamen Mittagessens, wenn jeder isst, wann er Hunger versp\u00fcrt und zur Tankstelle oder zu Mac-Donalds f\u00e4hrt, wenn der K\u00fchlschrank leer ist?<br \/>\nWer fragt danach, was sie denken und k\u00f6nnen und f\u00fchlen? Sie fehlen der Gemeinschaft unserer Stadt, wenn sie nicht lernen k\u00f6nnen, sich auszudr\u00fccken, mitzumachen, Arbeit zu finden.<\/p>\n<p>Der Mensch zieht Grenzen \u2013 der Glaube befreit zur Gemeinschaft und zu Solidarit\u00e4t. Das ist unsere St\u00e4rke als Christinnen und Christen in den Gemeinden damals wie heute. Dass wir bereit sind, uns sozial zu engagieren. Wir glauben an die Verhei\u00dfung Gottes, dass alle in Frieden und Gerechtigkeit miteinander leben werden. Dass Schwache gest\u00e4rkt und Traurige getr\u00f6stet werden und die Armen das Evangelium h\u00f6ren. Glaube hei\u00dft, gegen Strukturen und Verhaltensmuster, die andere ausschlie\u00dfen, im Namen Jesu zu protestieren. Sie sind vorl\u00e4ufig und sie sind ein Skandal, weil sie Menschen ausschlie\u00dfen von dem, was sie n\u00f6tig haben und der Gesellschaft ihre besonderen Begabungen und Erfahrungen vorenthalten.<\/p>\n<p>\u201eDu bist so sch\u00f6n anders\u201c schrieb eine Frau auf eine Tafel bei einer Begegnung von Kieler Muslimen und Christinnen und Christen, initiiert durch den Interreligi\u00f6sen Arbeitskreis Kiel. Ein L\u00e4cheln der Muslima neben ihr begleitete ihr Tun.<br \/>\nDer Glaube befreit dazu, einander mit anderen Augen zu sehen. Nicht als Fremde, sondern als m\u00f6gliche Freunde. Nicht als Konkurrenten im Kampf um Arbeitspl\u00e4tze und Wohlstand, sondern als Verb\u00fcndete, die sich freuen, wenn gemeinsam etwas Neues entsteht.<br \/>\nDas Fremde wahrnehmen als etwas Neues, das mir etwas zu sagen hat f\u00fcr mein Leben, an dem ich wachsen und reifen kann.<br \/>\nEs ist unsere W\u00fcrde und unsere Freiheit, einander zu begegnen mit dem Wunsch, zu verstehen. Und uns einzusetzen f\u00fcr ein gutes Miteinander. Vor Gott m\u00fcssen wir nichts darstellen, nichts vorweisen. Er freut sich \u00fcber jede und jeden von uns, so wie wir sind. Diese Freude zu teilen und gemeinsam den Grenzen zu begegnen, mit denen die M\u00f6glichkeiten zum Miteinander eingeschr\u00e4nkt werden, das hilft auch uns zu mehr Weite.<br \/>\nAmen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Claudia Bruweleit<br \/>\nPastorin an der Pauluskirche zu Kiel<br \/>\n<a href=\"mailto:bruweleit@heiligengeistgemeinde.de\">bruweleit@heiligengeistgemeinde.de<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>18. Sonntag nach Trinitatis, 15. 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