{"id":11395,"date":"2021-02-07T19:49:00","date_gmt":"2021-02-07T19:49:00","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11395"},"modified":"2023-02-07T13:21:18","modified_gmt":"2023-02-07T12:21:18","slug":"jakobus-5-13-16-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jakobus-5-13-16-2\/","title":{"rendered":"Jakobus 5, 13-16"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">19. Sonntag nach Trinitatis, 22. Oktober 2006<br \/>\nPredigt zu Jakobus 5, 13-16, verfa\u00dft von Wolfgang Winter <\/span><\/b><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>fr\u00fcher war es \u00fcblich, dass unsere evangelischen Kirchen werktags geschlossen waren. Daran hat sich viel ge\u00e4ndert. Wer heute etwa durch die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone einer Innenstadt geht, dem zeigt sich ein anderes Bild: Die Kirchent\u00fcren sind weit ge\u00f6ffnet. Der Blick ins Innere ist frei. Der Kirchenraum l\u00e4dt ein zum Innehalten, zur Stille, zum Gebet. Viele Menschen folgen dieser Einladung.<br \/>\nZum Gebet l\u00e4dt auch der heutige Predigttext aus dem Jakobusbrief ein.<br \/>\n\u201eLeidet jemand unter euch, der bete. Ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen.\u201c<br \/>\nJede Lebenslage soll der Christ in Verbindung mit Gott bringen. Solche Lebenslagen bringen verschiedene Stimmungen mit sich. Unsere Beziehung zu Gott \u00fcberhaupt hat etwas mit unseren Gef\u00fchlen, unseren seelischen Gem\u00fctslagen zu tun. Intensive Gef\u00fchle weisen auf den Grund unserer Existenz hin, auf das, was unser Leben grundiert und fundiert. Gott begegnet, wo wir Gl\u00fcck und Leiden, Freude und Schmerz, Mut und Verzweiflung bei uns und in uns wahrnehmen. So lehrt Not beten \u2013 aber nicht nur Not, sondern alles Erleben, welches die Fassungskraft unseres Alltags-Ich sprengt und uns suchen l\u00e4sst nach einem tragenden, haltenden Grund. Freilich: Gott muss angerufen werden. Erlebnisse, Gef\u00fchle, Stimmungen allein stellen noch keine Verbindung mit Gott her. Unser Text erinnert uns nachdr\u00fccklich, dass das Gebet ausdr\u00fccklich gewollt und praktiziert werden muss, sei es im Lob, sei es in der Bitte und Klage.<\/p>\n<p>\u00dcberw\u00e4ltigende Erlebnisse dr\u00e4ngen dazu, die Verbindung zu Gott zu suchen. Es <em>ist<\/em> Einer, der h\u00f6rt. Aber gibt es auch Menschen, die h\u00f6ren?<br \/>\n\u201eIst jemand unter euch krank, der rufe zu sich die \u00c4ltesten der Gemeinde, dass sie \u00fcber ihn beten und ihn salben mit \u00d6l in dem Namen des Herrn. Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten.\u201c<br \/>\nDie Kranken in der Gemeinde sollen mit ihrem Leiden \u2013 und auch mit ihren Gebeten um Heilung! \u2013 nicht allein gelassen werden. Sie sollen die \u00c4ltesten der Gemeinde rufen, damit diese \u00fcber ihnen beten.<br \/>\nViele Krankheitserfahrungen sind ja mit dem Gef\u00fchl verbunden, Objekt der Behandlung durch Andere zu werden. Man wird ein Fall und bekommt eine Rolle als Patient. Aber wer h\u00f6rt meine Angst und Unsicherheit, wer nimmt meine Abh\u00e4ngigkeit und Ohnmacht auf? Wenn Gef\u00fchle ge\u00e4u\u00dfert werden k\u00f6nnen, kommt der Kranke selbst in den Blick, dann ist er mehr als dieser \u201eFall\u201c. Hier ist von Angeh\u00f6rigen und Freunden, von Besuchern und professionellen Helfern der Mut gefordert, sich diesen Gef\u00fchlen auszusetzen und sie mit zu tragen. Was damit gemeint sein k\u00f6nnte, klingt im Brief einer t\u00f6dlich erkrankten Krankenschwester an ihre Kolleginnen an:<br \/>\n\u201eIch wei\u00df, Ihr f\u00fchlt Euch unsicher, Ihr wisst nicht, was Ihr sagen und tun sollt. Aber glaubt mir bitte, wenn Ihr Euch sorgt, dann k\u00f6nnt Ihr gar keine Fehler machen. Gebt einfach zu, dass Ihr Euch Sorgen macht. Das ist es in Wirklichkeit, wonach wir suchen. Es mag sein, dass wir Fragen stellen nach dem Warum und Wozu, aber wir erwarten nicht eigentlich Antwort. Lauft nicht weg, wartet. Alles, was ich wissen will, ist, dass da jemand sein wird, um meine Hand zu halten, wenn ich das n\u00f6tig habe. Ich habe Angst.\u201c<br \/>\nDie Kranken nicht allein lassen: Das kann auch k\u00f6rperlich sp\u00fcrbare N\u00e4he sein. Das Salben mit \u00d6l meint in unserem Text gerade nicht eine \u201eletzte \u00d6lung\u201c. Die Salbung mit \u00d6l ist kein Sterbesakrament, sondern Lebenszeichen. Gebet und intensive Formen des Kontaktes haben die <em>Genesung<\/em> zum Ziel. Gewiss ist das Salben mit \u00d6l heute kaum noch eine M\u00f6glichkeit, solch intensive menschliche Ber\u00fchrung auszudr\u00fccken. Aber es geht dabei doch um etwas Unaufgebbares: den sp\u00fcrbaren Trost, der erfahren werden kann \u2013 in einem Blick der Augen, im Handauflegen auf die Stirne, im Streicheln der Haare, im Halten der Hand.<\/p>\n<p>\u201eWenn er S\u00fcnden getan hat, wird ihm vergeben werden. Bekennt einer dem anderen seine S\u00fcnden und betet f\u00fcreinander, dass ihr gesund werdet.\u201c<br \/>\nWohl jedes ernsthafte Kranksein erweckt auch den Gedanken an das Sterben. Krankheiten erinnern an den Tod. Sie bringen uns in Kontakt mit der unheimlichen Sph\u00e4re, in der wir aus der Verbundenheit mit Gott und den Menschen herausfallen. Trennung von Gott, Verfallensein an S\u00fcnde und Tod: richtig sichtbar wird diese Sph\u00e4re dort, wo sie konkret wird \u2013 in der einzelnen Krankheit, die man behandeln kann \u2013 und in der einzelnen S\u00fcnde, die man bekennen kann. So kann dann die Zeit der Krankheit auch als eine Chance verstanden werden, gewisserma\u00dfen im eigenen Leben Inventur zu machen. Was ist mir wichtig im Leben? Woran orientiere ich mich? Wie gehe ich mit anderen Menschen um? Wem habe ich vor kurzem erst B\u00f6ses zugef\u00fcgt?<br \/>\n\u00dcberwunden wird die Todesverfallenheit in der Vergebung der S\u00fcnde. Vergebung ist aber nur wirksam bei jemandem, der sich vergeben l\u00e4sst. In der Tat, wir sind wahrhaft Bed\u00fcrftige: Als Menschen, die von \u00fcberw\u00e4ltigenden Erlebnissen erfasst sind, als Leidende und Kranke, als vom Tod und von der S\u00fcnde gezeichnete Menschen: immer sind wir Bed\u00fcrftige. Wir bed\u00fcrfen eines haltenden und tragenden Grundes in unserem Leben, wir bed\u00fcrfen der helfenden Begleitung durch andere Menschen, wir bed\u00fcrfen der Vergebung unserer S\u00fcnde.<br \/>\nDieses Bed\u00fcrfen verweist uns darauf, dass wir das Entscheidende im Leben nicht aus uns selbst gewinnen, sondern als Geschenk von jemand Anderem bekommen. So ist das Gebet die lebendige Praxis unserer Beziehung zu Gott. In der Verbundenheit mit ihm erfahren wir, dass er mehr ist als die Summe unserer Gef\u00fchle, Sehns\u00fcchte und W\u00fcnsche, sondern dass er unser lebendiges Gegen\u00fcber, haltender Grund unseres Lebens ist.<\/p>\n<p>So endet unser Text dann auch konsequent wieder beim Gebet: \u201eDes Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.\u201c<br \/>\nUnser Text scheint ein Gebet zu meinen, das sich als Machterweis Gottes in machtvollen Betern zeigt und das entsprechende Wundertaten nach sich zieht, die Staunen und Erschrecken erregen. So wird in den Versen, die unserem Abschnitt folgen, Elia als Beispiel eines Beters genannt, der durch sein Gebet bewirkt, dass es regnet oder auch nicht regnet, so wie er es will. Ich m\u00f6chte das Gebet, wie schon gesagt, anders verstehen: Wer betet, versteht sich damit als einen Menschen, der vor Gott nicht ein Bewirkender, sondern ein Empfangender ist. Man k\u00f6nnte auch von der Haltung der Passivit\u00e4t reden, in dem Sinne, dass im Gebet die Erfahrung des Betroffenseins, des Abh\u00e4ngigseins und des Beschenktwerdens intensiv erfahren wird und damit unsere menschliche Grundverfassung vor Gott.<br \/>\nFreilich, dann erfahren wir im Gebet nicht die Durchsetzung unseres Willens, sondern wir erfahren den Willen Gottes, der an uns geschieht. Das beharrliche Pochen auf Erh\u00f6rung ist nicht das letzte Gebetswort. Das Entscheidende an der Frage der Gebetserh\u00f6rung ist ja nicht die Frage, ob das Gebet <em>erh\u00f6rt<\/em> wird, sondern die Frage, ob es <em>geh\u00f6rt<\/em> wird. Bin ich dessen gewiss, dass es geh\u00f6rt wird, so ist es bereits erh\u00f6rt. Und was dem Gebet folgt, kann mir, da es erh\u00f6rt wird, nur verdeutlichen, wie es erh\u00f6rt ist.<br \/>\nDiese Gewissheit l\u00e4sst sich nicht erzwingen. Sie ist aber schwerlich zu haben, ohne dass sich jemand auf die Erfahrung des Gebetes einl\u00e4sst. Franz Kafka hat das Prek\u00e4re dieser Erfahrung so geschrieben:<br \/>\n\u201eEs ist sehr gut denkbar,<br \/>\ndass die Herrlichkeit des Lebens<br \/>\num jeden und immer in ihrer ganzen F\u00fclle bereit liegt,<br \/>\naber verh\u00e4ngt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit.<br \/>\nAber sie liegt dort,<br \/>\nnicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub.<br \/>\nRuft man sie mit dem richtigen Wort, beim richtigen Namen,<br \/>\ndann kommt sie.\u201c<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<\/div>\n<div align=\"left\">\n<p><strong>Wolfgang Winter<br \/>\nPastor und Pastoralpsychologe<br \/>\n<\/strong> <strong>Leiter der Beratungsstelle<br \/>\nEv. Ehe-, Lebens- und Erziehungsberatungsstelle<br \/>\nG\u00f6ttingen<br \/>\n<a href=\"mailto:lebensberatung.diakonieverband.goettingen@evlka.de\">lebensberatung.diakonieverband.goettingen@evlka.de <\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>19. Sonntag nach Trinitatis, 22. 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