{"id":11397,"date":"2021-02-07T19:49:07","date_gmt":"2021-02-07T19:49:07","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11397"},"modified":"2023-02-02T11:15:06","modified_gmt":"2023-02-02T10:15:06","slug":"johannes-135-51-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-135-51-4\/","title":{"rendered":"Johannes 1,35-51"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">19. Sonntag nach Trinitatis, 22. Oktober 2006<br \/>\nPredigt zu Johannes 1,35-51, verfa\u00dft von Niels Henrik Arendt <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Wer sind sie eigentlich, diese J\u00fcnger, die Jesus beruft? Ja, viel wissen wir nicht \u00fcber sie. Halten wir uns wirklich nur an die historischen Tatsachen, so kennen wir von den meisten nur ihre Namen, und wir wissen dies, dass sie J\u00fcnger Jesu waren. Was sie waren, bevor sie Jesu J\u00fcnger wurden, dar\u00fcber wissen wir noch weniger. Und die Biographie selbst derjenigen, \u00fcber die wir ein wenig mehr wissen, l\u00e4sst sich mit einigen wenigen Linien in einem Lexikon wiedergeben. Die J\u00fcnger sind nicht von der Art Menschen, die in die Register \u00fcber bedeutende M\u00e4nner aufgenommen w\u00fcrden, wie wir sie heute zu f\u00fchren beginnen. Bei Johannes tauchen sie sozusagen aus dem Nichts auf, wie wir es eben geh\u00f6rt haben. Der Evangelist erz\u00e4hlt nicht ihre Vergangenheit, obwohl er sie sehr wohl gekannt haben kann.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich hatten sie eine Vergangenheit. Selbstverst\u00e4ndlich waren sie jemand. Ihre Eltern h\u00e4tten etwas \u00fcber sie berichten k\u00f6nnen, ihre Geschwister h\u00e4tten auch etwas sagen k\u00f6nnen, ja, selbst ihre Feinde h\u00e4tten ihren Beitrag leisten k\u00f6nnen. All das hat der Evangelist kurzerhand ausgelassen. Vielleicht war es \u00fcberfl\u00fcssig \u2013 vielleicht kannte man die J\u00fcnger in den Gemeinden, f\u00fcr die er schrieb. Aber der eigentliche Grund, warum er sie nicht vorstellt, ist der, dass ihre Identit\u00e4t f\u00fcr ihn nicht daran gebunden ist, was Freunde und Feinde \u00fcber sie h\u00e4tten berichten k\u00f6nnen, sondern vielmehr an ihre Begegnung mit Jesus. Wir gebrauchen das Wort Identit\u00e4t, wenn es um die Frage geht, wer ein Mensch ist. Und um verschiedene Identit\u00e4ten geht es in der heutigen Erz\u00e4hlung, in der die ersten J\u00fcnger Jesus begegnen.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst geht es um die Identit\u00e4t Jesu selbst \u2013 wer ist er? Alle m\u00f6glichen Geschichten waren \u00fcber ihn im Umlauf: dass er ein Prophet war, dass er ein Magiker war, ein Besessener, ein K\u00f6nig, dass er der wiedergekommene Prophet Elias war. Die Leute hatten alle m\u00f6glichen Vorstellungen von ihm. Jetzt aber sagt Johannes der T\u00e4ufer \u00fcber ihn: Siehe, Gottes Lamm! Und das sagt der T\u00e4ufer nicht nur einfach so dahin. Er hat soeben Jesus getauft, und Gott hat ihn bei dieser Gelegenheit sehen lassen, wer Jesus ist, was Jesus in Gottes Augen ist. Und damit ist eigentlich alles \u00fcber Jesus gesagt. Auch Jesus hat eine Vergangenheit, aber keiner der Evangelisten verwendet besonders viel Platz f\u00fcr sie, bei einem von ihnen, n\u00e4mlich Markus, taucht er ganz wie die J\u00fcnger sozusagen aus dem Nichts auf. Was seine Mutter, seine Freunde und Feinde, was die Leute ganz allgemein \u00fcber ihn erz\u00e4hlen konnten, das zu h\u00f6ren und zu wissen, w\u00e4re wohl interessant gewesen \u2013 aber wir haben nur Andeutungen. F\u00fcr Gott ist er derjenige, der Gottes Liebe unter den Menschen sein wird, der Sohn, der wahre Mensch \u2013 das ist Gottes Wille mit ihm, und damit ist im Grunde alles gesagt. Der Zimmermannssohn aus Nazareth, ein einfacher Galil\u00e4er, ein gef\u00e4hrlicher Gesetzes\u00fcbertreter \u2013 der T\u00e4ufer hat den Himmel \u00fcber ihm offen gesehen, und das hei\u00dft, er ist in diesem Mann Gott begegnet. Als sich dieses Wissen in den Herzen des T\u00e4ufers und der anderen niedergeschlagen hatte, musste das wie ein Schock sein. Niemand hatte jemals Gott gesehen \u2013 aber jetzt gibt es also jemanden, der Gott gesehen hat. Es steckt auch etwas Schockierendes in der Art und Weise, wie die ersten J\u00fcnger daraufhin umherwandern und Aufmerksamkeit f\u00fcr das zu schaffen suchen, was sie gesehen haben \u2013 aber mit ihnen wollen wir uns noch einen Augenblick Zeit lassen.<\/p>\n<p>Der T\u00e4ufer ist Gott begegnet. Damit ist ihm auch klar geworden, wer er selbst ist. Gott begegnen bedeutet f\u00fcr ihn, dass ein vollst\u00e4ndig durchdringendes Licht auf sein eigenes Leben und seine eigene Aufgabe im Dasein geworfen wird. Die eigentliche Aufgabe des T\u00e4ufers, \u00fcber die er nach dem Evangelisten erst Klarheit erh\u00e4lt, als er Jesus begegnet, ist nicht die, am Jordan zu stehen und \u00fcber Gericht und Untergang zu wettern, sondern auf Jesus hinzuweisen f\u00fcr diejenigen, die zu ihm kommen. Er entdeckt, wer Jesus ist, und er entdeckt, wer er selbst ist und was er tun soll. Die beiden Dinge geh\u00f6ren zusammen.<\/p>\n<p>Und das gilt auch f\u00fcr die J\u00fcnger, von denen nun erz\u00e4hlt wird. Sie begegnen Gott \u2013 in Jesus. Und sie begegnen sich selbst. Sie werden sich selbst gegen\u00fcbergestellt. Sie werden nicht mit ihrer eigenen Vergangenheit und ihrem eigenen Hintergrund konrontiert, so wie man sich heutzutage daran gew\u00f6hnt hat, bekannten Menschen Archivbilder von ihnen selbst vorzulegen, um zu h\u00f6ren, wie sie sich selbst sehen. Nein, sie werden so, wie sie sein sollen, sich selbst gegen\u00fcbergestellt. Das kommt ganz buchst\u00e4blich bei Simon Petrus und Nathanel dadurch zum Ausdruck, dass Jesus, fast noch ehe sie \u00fcberhaupt etwas gesagt haben, sagt, wer sie sind und was sie sein sollen. Jesus kommt all ihrem Wissen von sich selbst und den Vorstellungen all der anderen von ihnen zuvor. Jetzt wird ihnen ihre wirkliche Aufgabe im Dasein gestellt. Es wird ihnen vorgestellt, wer sie in Gottes Augen sind \u2013 und etwas Wichtigeres und Wahreres k\u00f6nnen sie nicht zu wissen bekommen. Ja, sie bekommen es nicht einmal als Ideal vorgestellt, nach dem sie zu streben h\u00e4tten, sondern als etwas, was sie <em>sind<\/em>. Und als das, was zu sein nun ihre Aufgabe ist. Und da eilen sie zu ihren Kameraden. Zu ihnen sagen sie nicht: wir haben uns selbst gefunden \u2013 obwohl sie das sehr wohl h\u00e4tten sagen k\u00f6nnen. Nein, denn sie haben etwas gefunden, was sie noch mehr verbl\u00fcfft. Sie sagen: wir haben den Messias gefunden, d.h. wir sind Gott begegnet. Andere k\u00f6nnen es ja nicht sein, wer anders wenn nicht Gott kann ihnen sagen, wer sie wirklich sind?<\/p>\n<p>Sie erhalten Identit\u00e4t, da sie Jesus begegnen \u2013 ungeachtet, wer sie zuvor gewesen sind. Du bist Kephas, der Fels, sagt Jesus zu Simon, und das kann uns verwundern, denn mit dem wenigen, was wir von Simon wissen, wissen wir doch immerhin: besonders felsenfest und unersch\u00fctterlich war er nicht. Aber Simon <em>ist<\/em> der Fels, weil er es in den Augen Gottes ist. Und du bist der, in dem kein Falsch ist, sagt Jesus zu Nathanael \u2013 obwohl unser bescheidenes Wissen \u00fcber die J\u00fcnger doch nichts \u00fcber solche einzigartige Treue erz\u00e4hlt. Aber was wir wissen, ist ebenso wenig Petrus wie die Kenntnis der Umgebung von ihm als einem dummen und einf\u00e4ltigen Fischer aus Galil\u00e4a, und es ist ebenso wenig Nathanael wie die Kenntnis der Umgebung von ihm als einem trockenen und phantasielosen Schriftgelehrten. Hier ist ihre wirkliche Identit\u00e4t, hier ist, was sie in Gottes Augen sind, sie sind diejenigen, die in guten wie in schlechten Zeiten, im Versagen und in der Niederlage Jesu J\u00fcnger sein werden.<\/p>\n<p>Der Evangelist macht sich nicht daran, sie vorzustellen, wie es ein Geschichtenerz\u00e4hler normalerweise mit seinen Personen tun w\u00fcrde, nein, denn obwohl sie nicht aus dem Nichts kommen, beginnt ihre Geschichte im Grunde erst in dem Augenblick, in dem sie erfahren, wer sie wirklich sind. Ja, wir erfahren, dass Andreas und der Zweite J\u00fcnger Johannes\u2019 des T\u00e4ufers sind, aber das wird ja gerade als etwas erw\u00e4hnt, was definitiv vorbei ist, als etwas, was sie hinter sich lassen, um ihre eigentliche Geschichte zu beginnen. Die Aufgabe ist ihnen gestellt. Sie sollen sich nicht selbst zu irgend etwas machen, sondern sie werden <em>berufen<\/em>, das zu sein \u2013 was sie in Gottes Augen sind. Und dann kennen sie Jesus auch. Nicht so, dass sie sp\u00e4ter nicht Zweifel bek\u00e4men, sie bekommen ja auch Zweifel hinsichtlich der Identit\u00e4t, die ihnen selbst hier geschenkt worden ist. Einige von ihnen denken daran, was sie vorher waren, und ob es nicht dennoch das ist, woran sie sich halten sollten. Aber zum Schluss, als ihnen wirklich klar ist, dass Jesus das ist, was Gott in ihm zu sehen ihnen gegeben hatte, da wissen sie auch, wer sie selbst sind, unwiderlegbar, dass sie das, wozu Jesus sie berufen hat, dass sie es seien, auch sind und ihre Aufgabe eben darin liegt. Und so gehen sie hinaus in die Welt als seine J\u00fcnger. Und so berufen sie andere, dasselbe zu sehen, was sie selbst gesehen haben (so, wie es bereits in der heutigen Erz\u00e4hlung beginnt), und diese anderen berufen wiederum andere, und auf diese Weise gelangt die Kette bis hin zu uns. F\u00fcr uns hei\u00dft es wiederum: Kommt und seht Gott, ihn, den niemand jemals gesehen hat! Hier k\u00f6nnt ihr ihm dennoch begegnen. Kommt und seht euch selbst, wie ihr in Gottes Augen seid. Auch in Bezug auf uns gilt, dass es nur Gott ist, der wirklich sagen kann, wer wir sind \u2013 und darin liegt im Grunde eine unglaubliche Befreiung, gegen\u00fcber all den Vorstellungen, die andere sich von uns machen, gegen\u00fcber der Vergangenheit, die wir mit uns bringen, gegen\u00fcber dem, was wir uns selbstsicher oder selbstverachtend \u00fcber uns selbst einbilden. Alles das ist ja sehr gut so. Oder auch nicht. Aber die Begegnung mit Jesus bedeutet, dass es denn doch nicht das Entscheidende ist. Das erste Kapitel des Evangeliums mit uns beginnt anderswo \u2013 n\u00e4mlich wenn wir zur Taufe getragen werden, um zu erfahren, was wir in Gottes Augen sind.<\/p>\n<p>Vor vielen Jahren fand man eine Scherbe eines Fensters in einer Klosterruine irgendwo hier in D\u00e4nemark. Auf der Scheibe waren die Worte geritzt: ein Mensch ist, was er in den Augen Gottes ist. Ein Mensch des Mittelalters hat die Worte in das Glas geritzt, und das ist die gute Botschaft an uns.<\/p>\n<p>Aus dem Nichts ist niemand von uns gekommen, wir sind immerhin Kinder unserer Eltern, und wir sind beeinflusst von unserer Umgebung, wir werden versagen und fehlen und B\u00f6ses tun, und wenn das alles geschehen ist, dann d\u00fcrfen wir trotzdem daran festhalten, dass wir das <em>sind<\/em>, was wir in Gottes Augen sind. Wir sind von ihm gesehen. Er hat uns gesehen, bevor wir ihn gesehen haben. Er hat den Blick der Liebe auf uns gerichtet, bevor wir noch Gelegenheit bekamen zu zeigen, wer wir waren. In dem Blick der Liebe ist alles enthalten.<\/p>\n<p>Amen!<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Bischof Niels Henrik Arendt<br \/>\nRibe Landevej 37<br \/>\nDK-6100 Haderslev<br \/>\nTel.: +45 74 52 20 25<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:nha@km.dk\">nha@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>19. Sonntag nach Trinitatis, 22. Oktober 2006 Predigt zu Johannes 1,35-51, verfa\u00dft von Niels Henrik Arendt Wer sind sie eigentlich, diese J\u00fcnger, die Jesus beruft? Ja, viel wissen wir nicht \u00fcber sie. 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