{"id":11410,"date":"2021-02-07T19:48:56","date_gmt":"2021-02-07T19:48:56","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11410"},"modified":"2023-02-09T11:52:03","modified_gmt":"2023-02-09T10:52:03","slug":"1-korinther-7-29-31-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-korinther-7-29-31-5\/","title":{"rendered":"1. Korinther 7, 29-31"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">20. Sonntag nach Trinitatis, 29. Oktober 2006<br \/>\nPredigt zu 1. Korinther 7, 29-31, verfa\u00dft von Christoph Hildebrandt-Ayasse<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>1. Kor 07, 29-31<br \/>\nDas sage ich aber, liebe Br\u00fcder:<br \/>\nDie Zeit ist kurz.<br \/>\nFortan sollen auch die, die Frauen haben, sein, als h\u00e4tten sie keine;<br \/>\nund die weinen, als weinten sie nicht;<br \/>\nund die sich freuen, als freuten sie sich nicht;<br \/>\nund die kaufen, als behielten sie es nicht;<br \/>\nund die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht.<br \/>\nDenn das Wesen dieser Welt vergeht.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Haben, als h\u00e4tte man nicht.<br \/>\nWas soll denn das bedeuten?<\/p>\n<p>Gewohnt sind wir doch: alle tun so, als h\u00e4tten sie.<\/p>\n<p>Als h\u00e4tten sie die super Idee.<br \/>\nAls h\u00e4tten sie das tolle Produkt.<br \/>\nAls h\u00e4tten sie den provozierenden Einfall.<br \/>\nAls h\u00e4tten sie die L\u00f6sung.<\/p>\n<p>So viel Fasade.<br \/>\nSo viel Angeberei.<br \/>\nSo viele Ego-Shows.<\/p>\n<p>So wenig Nachdenklichkeit.<br \/>\nSo wenig Nat\u00fcrlichkeit.<\/p>\n<p>Wir tun so als h\u00e4tten wir.<\/p>\n<p>Nur was zur Schlagzeile wird, ist wichtig.<br \/>\nNur was eine Nachricht wird, hat statt gefunden.<\/p>\n<p>Und zugleich das Gef\u00fchl von Sinnlosigkeit, von Alleinsein, \u00dcbersehenwerden.<\/p>\n<p>Die Zeit ist kurz.<br \/>\nWer wei\u00df, wie lange noch.<br \/>\nKlimakatastrophe, Terrorangst, Globalisierung.<br \/>\nWer hier am richtigen Nerv bohrt, hat schnell seine Lobby.<br \/>\nKann so tun, als h\u00e4tte er.<br \/>\nAber hinter der Fasade?<br \/>\nUnsicherheit.<br \/>\nFlucht ins Grelle, Schreiende.<br \/>\nMit einem Sch\u00e4del postieren.<br \/>\nSich mit den Fans der Gegenmannschaft pr\u00fcgeln.<br \/>\nAndere Ethnien verachten.<br \/>\nHinter gro\u00dfen T\u00f6nen verstecken sich meist kleine Pers\u00f6nlichkeiten.<\/p>\n<p>Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist, und was der Herr von dir fordert, n\u00e4mlich Gottes Wort halten und Liebe \u00fcben und dem\u00fctig sein vor deinem Gott (Mi 6,8), so der Wochenspruch.<br \/>\nWer wei\u00df heute noch, was sich geh\u00f6rt.<br \/>\nWer wei\u00df heute noch, was sich einfach nicht geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>So tun, als h\u00e4tte man.<br \/>\nDas gilt auch religi\u00f6s.<br \/>\nFundamentalismus oder begeisterte Wohlf\u00fchlevents.<br \/>\nZwei Seiten derselben Medaille.<br \/>\nSo tun, als h\u00e4tte man.<\/p>\n<p>Wie anders klingt da Paulus.<br \/>\nHaben, als h\u00e4tte man nicht.<br \/>\nDas klingt nach Distanz.<br \/>\nKatzenn\u00fcchtern. Nachdenklich.<\/p>\n<p>Denken wir dem einmal nach.<br \/>\nBeginnen wir mit dem Einfachsten.<br \/>\nDamit wir merken, was Paulus meint.<\/p>\n<p>Fortan sollen die, die kaufen, sein, als behielten sie es nicht:<\/p>\n<p>Man hat ja so seine Tr\u00e4ume, die man sich erf\u00fcllen m\u00f6chte.<br \/>\nUnd wenn man sich einen Wunsch erf\u00fcllt hat, dann steht da schon der n\u00e4chste Wunsch auf der Einkaufsliste.<br \/>\nDas ist wie ein Kinderwunschzettel in der Adventszeit.<br \/>\nNur vermeintlich erwachsener.<br \/>\nHabenwollen. Statussymbole. Abh\u00e4ngig von Dingen.<br \/>\nMan meint, die eigene Person mit gewissen Dingen wie mit Orden schm\u00fccken zu m\u00fcssen.<br \/>\nMan kann nicht mehr souver\u00e4n mit den Dingen umgehen.<br \/>\nMan muss unbedingt etwas haben, sonst fehlt einem pers\u00f6nlich etwas.<\/p>\n<p>Es gibt aber auch das asketische Gegenbild.<br \/>\nDann muss man etwas garantiert nicht haben.<br \/>\nKein Fernsehen. Kein Auto. Kein was auch immer.<br \/>\nVerzicht. Weil man was Besseres ist.<br \/>\nMir sagte einmal vor vielen Jahren eine Frau in der Fastenzeit: sie wisse gar nicht, worauf sie verzichten solle, sie habe keinen Fernseher, esse keine S\u00fc\u00dfigkeiten, habe auch sonst keine Laster&#8230;.<\/p>\n<p>Manche sollten einmal einfach von ihrer eigenen Radikalit\u00e4t und Selbstgerechtigkeit fasten&#8230;<br \/>\nJa, die eigene Selbstgerechtigkeit. So tun, als h\u00e4tte man&#8230;.<br \/>\nAuch hier tut ein \u201eHaben, als h\u00e4tte man nicht\u201c, gut.<\/p>\n<p>Es tut gut, einmal in Distanz zu treten, zu dem, was man so hat und so darstellt.<\/p>\n<p>Warum tut das gut?<br \/>\nWeil man merkt, dass einen nichts ganz verschlingen und bestimmen muss.<\/p>\n<p>So verstehe ich die S\u00e4tze:<br \/>\nund die weinen, sollen sein, als weinten sie nicht;<br \/>\nund die sich freuen, als freuten sie sich nicht.<\/p>\n<p>Man kann sich ganz dem Weinen und Jammern hingeben.<br \/>\nDann wird man auch ein Leben voller \u201eGejaumere\u201c erleben.<br \/>\nMan kann sich auch ganz auf den Spa\u00df konzentrieren.<br \/>\nDann ist eben alles nur irgendwie lustig, fun und oberfl\u00e4chlich.<\/p>\n<p>Aber: alles hat seine Zeit.<br \/>\nPaulus ist Sch\u00fcler des ber\u00fchmten j\u00fcdischen Rabbiners Gamaliel.<br \/>\nEr kennt die j\u00fcdische Weisheit und Auslegung.<br \/>\nEr kennt Kohelet, das Buch \u201ePrediger\u201c im Tanach, der j\u00fcdischen Bibel.<br \/>\nAlles hat seine Zeit, hei\u00dft es da.<br \/>\nWeinen und sich Freuen hat seine Zeit.<br \/>\nAber:<br \/>\nNicht alles ist immer nur Weinen.<br \/>\nNicht alles alles ist immer nur Spa\u00df.<\/p>\n<p>Nein, schreibt Paulus, die Zeit ist kurz.<br \/>\nJedes Ding hat seine Zeit.<br \/>\nSeine Berechtigung. Aber auch seine Begrenzung.<\/p>\n<p>Es tut gut, einmal in Distanz zu treten, zu dem, was man so hat und so darstellt.<br \/>\nWarum tut das gut?<br \/>\nWeil dann deutlich wird, wieviel einem eigentlich geschenkt ist im Leben.<\/p>\n<p>So verstehe ich Paulus, wenn er schreibt:<br \/>\nFortan sollen auch die, die Frauen haben, sein, als h\u00e4tten sie keine;<br \/>\nUnd umgekehrt, umgekehrt, nat\u00fcrlich: die, die M\u00e4nner haben&#8230;<\/p>\n<p>Haben, als h\u00e4tte man nicht&#8230;<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Geschenk sind doch Beziehungen. Paulus spricht hier von der Ehe.<br \/>\nAber wir d\u00fcrfen auch unsere Freundschaften hierunter verstehen.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Geschenk. Und wie wenig selbverst\u00e4ndlich. Dass einer f\u00fcr den anderen da ist. Das: \u201eHaben, als h\u00e4tte man nicht\u201c bekommt hier einen ganz anderen Klang.<br \/>\nEinen bewahrenden. Besch\u00fctzenden. Vorsichtigen. Staunenden. Zarten.<br \/>\nHabe ich das wirklich verdient?<\/p>\n<p>Die Zeit ist kurz.<br \/>\nNat\u00fcrlich meint Paulus hier, dass der Herr Jesus Christus bald wieder kommt. Das war sein Zeithorizont damals. Das Wesen der Welt vergeht.<\/p>\n<p>Aber das hei\u00dft gerade nicht, dass alles deshalb egal ist.<\/p>\n<p>Nein, Paulus fordert uns auf, souver\u00e4n zu sein.<\/p>\n<p>Nicht \u00e4ngstlich von einem Thema zum anderen getrieben.<br \/>\nVon der Klimakatastrophe zur Globalisierung zum Bunderwehreinsatz zu sonstwas.<br \/>\nGerman Angst!<\/p>\n<p>Nicht im Jammern zu versinken.<br \/>\nNicht im \u201eIch will Spa\u00df\u201c zu verdummen.<\/p>\n<p>Nicht unsere Liebe, Beziehungen, Freundschaften vernachl\u00e4ssigen. Sie sind nicht selbverst\u00e4ndlich. Sie sind Geschenk. Die Zeit ist kurz.<\/p>\n<p>Haben, als h\u00e4tten wir nicht.<br \/>\nEigentlich geh\u00f6rt der Vers 23 als \u00dcberschrift \u00fcber unseren Predigttabschnitt.<br \/>\nDenn hier wird klar, worum es geht:<br \/>\n\u201eIhr seid teuer erkauft\u201c, schreibt da der Apostel Paulus \u2013 Gott hat alles f\u00fcr euch gegeben, in seinem Sohn Jesus Christus &#8211; also: \u201ewerdet nicht der Menschen Knechte.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr alle M\u00e4chtigen, die so tun als h\u00e4tten sie, ist das nat\u00fcrlich ein Problem.<br \/>\nWeil: hier wird unverfroren hinter die Fassade der Macht geguckt.<\/p>\n<p>F\u00fcr alle, die an Jesus Christus glauben, ist es die gr\u00f6\u00dfte Freiheit.<br \/>\nWeil: hier wird uns zugetraut, dass wir souver\u00e4n mit unseren Fehlern, mit unseren Bindungen und mit unseren Freiheiten umgehen.<\/p>\n<p>Denn: wie schreibt Paulus im 6. Kapitel:<br \/>\nAlles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient mir zum Guten.<br \/>\nAlles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen.<br \/>\nAmen<\/p>\n<hr \/>\n<p><span class=\"normal\"><strong>Christoph Hildebrandt-Ayasse <\/strong><\/span><strong><br \/>\n<a href=\"mailto:pfarramt@leonhardskirche.de\">pfarramt@leonhardskirche.de <\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>20. Sonntag nach Trinitatis, 29. Oktober 2006 Predigt zu 1. Korinther 7, 29-31, verfa\u00dft von Christoph Hildebrandt-Ayasse 1. Kor 07, 29-31 Das sage ich aber, liebe Br\u00fcder: Die Zeit ist kurz. Fortan sollen auch die, die Frauen haben, sein, als h\u00e4tten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":14764,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[42,541,1,727,157,853,1263,114,668,349,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-11410","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-1-korinther","category-20-so-n-trinitatis","category-aktuelle","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-christoph-hildebrandt-ayasse","category-deut","category-kapitel-07-chapter-07-1-korinther","category-kasus","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11410","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11410"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11410\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16879,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11410\/revisions\/16879"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/14764"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11410"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11410"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11410"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=11410"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=11410"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=11410"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=11410"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}