{"id":11412,"date":"2021-02-07T19:48:54","date_gmt":"2021-02-07T19:48:54","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11412"},"modified":"2023-02-25T17:17:45","modified_gmt":"2023-02-25T16:17:45","slug":"lukas-209-19","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-209-19\/","title":{"rendered":"Lukas 20,9-19"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><strong>Predigt \u00fcber Lukas 20,9-19<\/strong><\/h3>\n<h3><strong>verfasst von Pastor Kirsten B\u00f8ggild<br \/>\n<\/strong><\/h3>\n<hr \/>\n<p>FRUCHT<\/p>\n<p>Ein Weinberg ist nicht gerade besonders d\u00e4nisch, aber er ist doch ein altererbtes Bild f\u00fcr das Paradiesische. Eine Vorstellung, ein inneres Bild, das wir aus der Bibel haben. So wie wir es heute geh\u00f6rt haben, aus dem Alten und aus dem Neuen Testament. Und in einer Symbolsprache, die sich in vielen Kirchenliedern wiederfindet. \u2013 Der Weinberg ist der Garten Gottes und das Reich Gottes. Aber was bedeutet das? Wie wir geh\u00f6rt haben, ist es der Gedanke Gottes, dass die Menschen, die er liebt, ein Leben leben sollen, in dem gute und gerechte Verh\u00e4ltnisse herrschen. Ein Leben, in dem wir f\u00fcreinander sorgen und in dem die Elenden und Armen nicht aus lauter Not und Elend auf der Erde schreien. Dass wir ein Leben leben, in dem wir einander nicht kr\u00e4nken, indem wir alles an uns raffen und die anderen sich selbst und ihrer Armut und ihrer Ohnmacht \u00fcberlassen. Gottes Weinberg ist als ein Leben gedacht, in dem gerechte G\u00fcte herrscht und in dem Liebe und Barmherzigkeit Freude und Gl\u00fcck bl\u00fchen und t\u00e4gliche Frucht tragen lassen. Das Paradies \u2013 mein Land, sagt Gott, ist Himmel und Erde, wo die Liebe wohnt. Frei zitiert nach Grundtvig. Wir haben uns ein Leben vorzustellen, in dem wir alle daran arbeiten, dass die Freude vollkommen werde. Nicht nur unsere eigene Freude, sondern die gemeinsame Freude. Denn Freude ist etwas, was zwischen Menschen entsteht und gedeiht, in der Begegnung zwischen Menschen, im Mitgef\u00fchl, in der praktischen Verantwortung. Die Freude ist nicht abstrakt, sie ist konkret im Verh\u00e4ltnis von Mensch zu Mensch. Freude ist etwas, was zu uns kommt \u2013 wie haben es so oft geh\u00f6rt \u2013 Freude ist etwas, was uns widerf\u00e4hrt, wie die Alten sagten, \u2013 aber Freude ist auch etwas, woran wir selbst arbeiten und wof\u00fcr wir selbst Verantwortung \u00fcbernehmen sollen. Weil sie sich als Liebe zwischen Menschen abspielt \u2013 und nicht blo\u00df als Gef\u00fchle des Einzelnen ins Blaue!<\/p>\n<p>Aber der Weinberg kann verfallen und die Trauben k\u00f6nnen wild und bitter werden. Oder die Ernte kann gestohlen werden. Es gibt massenhaft Ausdr\u00fccke daf\u00fcr, dass es schief gehen kann mit dem Garten Gottes. Ja, nicht nur, dass es schief gehen kann, sondern auch, dass es schief gegangen ist. Die Freude ist nicht vollkommen. Nein, sie kann erlebt werden, als g\u00e4be sie es fast nicht mehr. Als ob Menschen einander nichts mehr angingen und nur <em>mehr<\/em> als genug damit zu tun h\u00e4tten, f\u00fcr sich und das Ihre zu sorgen. Wenn der Prophet Jesaja schreibt, dass der Weinberg nicht \u2013 wie erwartet \u2013 gute Trauben brachte, s\u00fc\u00dfe, herrliche Trauben, sondern stattdessen nur schlechte, saure, bittere Trauben, dann ist das ein Ausdruck daf\u00fcr, dass das Leben verkehrt gelebt wird. Dass wir das Leben anders leben, als Gott es gedacht hat. Dass wir wie wilde, unzivilisierte Menschen leben, unter denen Worte und Taten mehr schmerzen als guttun. Weil die Menschen sich zu weit von Gottes urspr\u00fcnglicher Absicht mit uns entfernt haben, dass es fast keine Verbindung gibt zwischen der liebevollen Absicht, die er hatte, als er uns in die Welt setzte. Die schlechten Trauben sind wie die moderne Verwirrung in den Gef\u00fchlen und Gedanken von Menschen. Eine Verwirrung, die sich in praktischer Ohnmacht gegen\u00fcber dem schwierigen Leben in der Gemeinschaft auswirkt. Die Bitterkeit ist wie die verbreitete Entt\u00e4uschung dar\u00fcber, dass sich zeigt, dass das Leben nicht die Sehns\u00fcchte erf\u00fcllt, die wir haben, die wir aber nicht mehr respektieren oder verstehen. Sie ist wie der verzerrte Ausdruck im Gesicht und um den Mund eines Menschen, der alles das tut, was er nicht will, es aber eben doch tut.<\/p>\n<p>In allen Worten f\u00fcr den heutigen Tag ist Wert gelegt auf die Rolle von Menschen in dem Leben, das wir bekommen haben: sie besteht darin, Gottes Arbeiter zu sein. Sie besteht darin, uns selbst, alles was wir sind, ihm zu geben. Wenn wir hin und wieder uns selbst oder einander fragen, wer wir sind und warum wir hier sind, antwortet Jesus in Gleichnissen: Du bist hier, um Gott und deinen N\u00e4chsten zu lieben. Du bist hier, um f\u00fcr ein freudevolles Leben zu arbeiten. Und du bist hier, um dich deines Mitmenschen anzunehmen und ihm dieselbe Barmherzigkeit zu erweisen wie die, von der du selbst lebst, Gottes Barmherzigkeit. Es ist eine Irrtum, dass du nicht wei\u00dft, wer du selbst bist oder warum du hier bist. Es ist eine verbreitete moderne Verwirrung. In Wirklichkeit ist es so einfach: Du bist von Gott geschaffen, geschaffen aus Liebe \u2013 und deshalb geht es darum, dass du selbst Liebe bist. Wie du das sein sollst \u2013 das zu verstehen, ist deine eigene Aufgabe. Es ist deine eigene Freude, es herauszufinden. Es ist deine Freiheit. Die Freiheit \u2013 die du nicht dazu missbrauchen sollst, stattdessen nur dich selbst zu lieben und so deinen Mitmenschen im Stich zu lassen. Das Gef\u00fchl der Leere und Entt\u00e4uschung, das \u00fcberall im modernen, oberfl\u00e4chlichen, schnellen Leben auf uns lauert, erh\u00e4lt eine strenge Antwort vom Wort Gottes: Wie kannst du dich leer und entt\u00e4uscht f\u00fchlen, wenn die Aufgabe zu lieben gestellt ist und es keinen andern gibt, sie auf sich zu nehmen? Wie ist es m\u00f6glich, sich ohnm\u00e4chtig und desorientiert zu f\u00fchlen, wenn es so viel zu tun gibt? Und wenn du doch nicht zweifeln kannst, was du zu tun hast?<\/p>\n<p>Die beiden Br\u00fcder, die gebeten werden, in den Weinberg zu gehen und dort zu arbeiten, wissen selbstverst\u00e4ndlich, was das bedeutet. Aber beide sagen eines, und tun etwas anderes. Das Entscheidende ist indessen nicht, was sie sagen, sondern was sie tun. Deshalb gleicht die Welt mehr und mehr einem verw\u00fcsteten Weinberg. Denn Worte haben wir reichlich, aber G\u00fcte in der Praxis fehlt uns allzu sehr. Der Glaube an Gott ist nicht nur eine Frage nach dem, was wir sagen, sondern nach dem, was wir tun. Ein Mann unserer eigenen Zeit hat \u00fcber den Glauben, der so ausf\u00fchrlich diskutiert wird, gesagt:<\/p>\n<p>\u201eMan verliert nicht den Glauben. Er h\u00f6rt auf, das Leben eines Menschen zu formen, das ist alles.\u201c<\/p>\n<p>Glaube, der keine praktischen Konsequenzen hat, ist tot. Man merkt ihn nicht mehr. Bereitet das uns so viel Zweifel und so viele Fragen? Dass das, was wir sehr wohl wissen, \u2013 dass wir geliebt sind und dass wir selbst lieben sollen \u2013 dass dieses an und f\u00fcr sich selbstverst\u00e4ndliche Wissen und Glaube aufgeh\u00f6rt hat, unser Leben zu formen, so dass wir in der Praxis danach leben? Oder versuchen wir, danach zu leben? Und dass es nur dann geschieht, wenn wir den Tiefpunkt der inneren Leere oder das \u00c4u\u00dferste an Hilflosigkeit und Abh\u00e4ngigkeit erreichen \u2013 wie die Z\u00f6llner und Huren im Gleichnis Jesu \u2013 dass wir nur dann zu dem Wissen und dem Glauben zur\u00fcckkehren, mit denen wir geboren sind? Erkennen wir nur in der Verzweiflung, wer wir sind und was wir tun sollen? Also, wenn wir anscheinend am allerweitesten von der Freude entfernt sind, f\u00fcr die wir betimmt sind, dann glauben wir an sie, denn dann sehen wir ein, dass sie es ist, auf die alles ankommt und auf die hin alles w\u00e4chst. Kann man den Glauben verlieren und dennoch wiedergewinnen? Kann man von dem einen Extrem zu anderen kommen wie der Bruder, der zuerst eines sagte und dann das Gegenteil davon tat? Kann man das tun, was man nicht glaubt \u2013\u00a0um mit Hilfe dessen, was man tut, den Glauben wiederzugewinnen? Den Glauben an die G\u00fcte? An das Recht der Barmherzigkeit \u00fcber das kalte, rechthaberische Herz?<\/p>\n<p>Aber es gibt ja auch eine Bosheit in der Welt, die mehr und anderes ist als blo\u00dfe Unt\u00e4tigkeit. Als blo\u00df nichts zu tun und Glauben und innere Gewissheit verfallen lassen. Die Weinbauern, die Gottes Boten und schlie\u00dflich auch Gottes eigenen Sohn schlugen und t\u00f6teten, taten es um des eigenen Gewinns willen. Sie gestatteten dem primitivsten Egoismus, der Habgierigkeit, sich zu entfalten. Und durch ihre Handlungen t\u00f6teten sie nicht nur Gottes Sohn, sondern auch den Glauben an die Liebe. Der Sohn kam, um die Frucht all dessen zu empfangen, was getan sein sollte, damit die Freude wachsen und die Welt erf\u00fcllen konnte. Sie schlugen ihn tot und behielten die Freude f\u00fcr sich selbst. G\u00f6nnten anderen keinen Anteil an ihr. Das ist die Bosheit, die wir praktisch gegeneinander entfalten, dass wir einander nicht g\u00f6nnen, gl\u00fccklich zu sein. Dass wir eifers\u00fcchtig handeln. Dass wir nach Kr\u00e4ften stehlen \u2013 nicht allein die materiellen G\u00fcter, sondern die Lebensfreude der anderen. Bosheit haben wir in sichtbaren Bildern, tagt\u00e4glich \u2013 aber wir haben sie nicht zuletzt auch in uns selbst in den kleinen unsichtbaren, unmerklichen Gedanken, die wir uns \u00fcber einander machen. All das, was nicht die Freude der anderen zulassen will. \u2013 Ja, aber so sind wir doch nicht? Nein, so sind wir nicht nur, denn dann w\u00e4ren wir nicht mehr hier, aber so sind wir auch. Und wir kommen nicht darum herum. Wir k\u00f6nnen es nur zugeben \u2013 und alles tun, was wir verm\u00f6gen, damit wir das Gute in uns, das wir wollen, auch tun, aber das B\u00f6se in uns, das wir nicht wollen, auch nicht tun. Um auf die ber\u00fchmte Einsicht des Paulus anzuspielen: \u201eDenn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das B\u00f6se, das ich nicht will, das tue ich&#8230; Ich elender Mensch.\u201c<\/p>\n<p>Denn es hei\u00dft am Schlu\u00df des heutigen Evangeliums, dass, wer \u00fcber diesen Stein, der Christus d.h. die Barmherzigkeit, ist, f\u00e4llt \u2013 der wird verletzt werden. Und das macht nichts, denn dann lernt er, besser aufzupassen und die Verantwortung f\u00fcr das zu \u00fcbernehmen, was er tut und woran er denkt. Aber der, auf den der Stein f\u00e4llt, der wird zermalmt werden. Er wird vernichtet werden \u2013 dadurch dass er die Bedeutung der Liebe und Barmherzigkeit f\u00fcr unser gemeinsames Leben nicht versteht oder missachtet. \u2013 Wir h\u00f6ren also wiederholt, dass wir eine unentrinnbare Verantwortung haben f\u00fcr das, was wir mit dem Leben tun, das uns anvertraut ist. Sowohl unser eigenes Leben als auch das der anderen ist unsere Verantwortung. Dass die Freude nicht vers\u00e4umt, gestohlen, ja erschlagen wird \u2013 das ist unsere Pflicht. Wir haben eine Rolle im Leben: Daf\u00fcr zu arbeiten, dass die Freude vollkommen werden kann. Es ist eine gl\u00fcckliche Rolle \u2013 wie utopisch ihr Ziel auch sein mag. Denn Gott ist es, der uns die Rolle gegeben hat, und er ist bei uns alle Tage bis an der Welt Ende.<\/p>\n<p>Amen!<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastor Kirsten B\u00f8ggild<br \/>\nThun\u00f8gade 16<br \/>\nDK-8000 \u00c5rhus C<br \/>\nTel. +45 86124760<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:kboe@km.dk\">kboe@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt \u00fcber Lukas 20,9-19 verfasst von Pastor Kirsten B\u00f8ggild FRUCHT Ein Weinberg ist nicht gerade besonders d\u00e4nisch, aber er ist doch ein altererbtes Bild f\u00fcr das Paradiesische. 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