{"id":11425,"date":"2021-02-07T19:48:53","date_gmt":"2021-02-07T19:48:53","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11425"},"modified":"2023-03-03T22:26:59","modified_gmt":"2023-03-03T21:26:59","slug":"jeremia-29-1-4-7-10-14","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jeremia-29-1-4-7-10-14\/","title":{"rendered":"Jeremia 29, 1.4-7.10.14"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">21. Sonntag nach Trinitatis, 5. November 2006<br \/>\nPredigt zu Jeremia 29, 1.4-7.10.14, verfa\u00dft von Paul Kluge <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p><em>Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der \u00c4ltesten, die weggef\u00fchrt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggef\u00fchrt hatte<\/em><br \/>\n<em>4 So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels, zu den Weggef\u00fchrten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegf\u00fchren lassen:<\/em><br \/>\n<em>5 Baut H\u00e4user und wohnt darin; pflanzt G\u00e4rten und esst ihre Fr\u00fcchte;<\/em><br \/>\n<em>6 nehmt euch Frauen und zeugt S\u00f6hne und T\u00f6chter, nehmt f\u00fcr eure S\u00f6hne Frauen, und gebt eure T\u00f6chter M\u00e4nnern, dass sie S\u00f6hne und T\u00f6chter geb\u00e4ren; mehret euch dort, dass ihr nicht weniger werdet.<\/em><br \/>\n<em>7 Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegf\u00fchren lassen, und betet f\u00fcr sie zum Herrn; denn wenn&#8217;s ihr wohl geht, so geht&#8217;s auch euch wohl.<\/em><br \/>\n<em>10 Denn so spricht der Herr: Wenn f\u00fcr Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gn\u00e4diges Wort an euch erf\u00fcllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe.<\/em><br \/>\n<em>13 Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,<\/em><br \/>\n<em>14 so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen V\u00f6lkern und von allen Orten, wohin ich euch versto\u00dfen habe, spricht der Herr, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegf\u00fchren lassen.<\/em><\/p>\n<p>Liebe Geschwister,<\/p>\n<p>Jeremia hatte die Zeichen der Zeit sehr fr\u00fch erkannt. Zu fr\u00fch, wie ihm manchmal schien, denn er hatte tauben Ohren gepredigt. Oder gar den Zorn der Oberen erregt, dass sie ihn verfolgten. Die weltlichen Herrscher hatten wie die geistlichen auf die Gro\u00dfmacht Assur gesetzt. Assurs Stern aber sank, w\u00e4hrend Babylons Stern aufstieg. Nur: Alle verschlossen die Augen vor der erkennbaren Abl\u00f6sung der alten Weltmacht durch eine neue. Man hatte sich mit der alten arrangiert, dabei teils unbemerkt, teils aus politischen Kalk\u00fcl einiges von ihrer Kultur \u00fcbernommen. Jeremia sah das als Abfall vom Gott der V\u00e4ter, und das w\u00fcrde Konsequenzen haben. Davor hatte er immer wieder gewarnt, und daf\u00fcr hatten sie ihn verhaftet und gefoltert.<\/p>\n<p>Und dann war gekommen, wovor Jeremia vergeblich gewarnt hatte: Babylonische Truppen waren ins Land eingefallen, hatten Jerusalem zerst\u00f6rt und gepl\u00fcndert, hatten die Oberschicht ins Exil gef\u00fchrt. Mit denen, die sie zur\u00fcckgelassen hatten, war kein Staat zu machen, den hatten die Besatzer \u00fcbernommen.<\/p>\n<p>Die Zur\u00fcckgebliebenen dachten oft an, sprachen oft \u00fcber die Entf\u00fchrten, sprachen auch mit Jeremia \u00fcber sie. \u201eWie w\u00fcrde es euch gehen,\u201c fragte der dann zur\u00fcck, \u201ein fremdem Land mit fremder Sprache, fern der Heimat und dem Tempel? Und wie es ist, f\u00fcr andere Leute Knechtsarbeit zu leisten, brauche ich euch nicht zu erz\u00e4hlen.\u201c Mit dieser Bemerkung l\u00f6ste er nicht selten clam-heimliche, gelegentlich auch offene Schadenfreude aus \u2013 die er zwar verstehen, aber nicht guthei\u00dfen konnte.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Zur\u00fcckgebliebenen sich \u2013 m\u00fchsam genug &#8211; in den Tr\u00fcmmern ihrer Geschichte einzurichten versuchten, sa\u00dfen die Entf\u00fchrten an den Wassern von Babylon und weinten. Wenn sie denn mal Gelegenheit fanden, sich ans Ufer des Euphrat zu setzen, ihr Schicksal zu beklagen und den Entf\u00fchrern alles Schlechte an den Hals zu w\u00fcnschen. Jemand hatte ein Lied geschrieben, sie sangen es oft, sangen es in ihrer Muttersprache, die kein Babylonier verstand. Sie sangen ihre Dem\u00fctigungen, ihre Sehnsucht nach der Heimat, ihre ganze Trauer gen Himmel. Besonders gern sangen sie den Schluss des Liedes: \u201eTochter Babel, du Verw\u00fcsterin, wohl dem, der dir vergilt, was du uns angetan hast! Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert!\u201c Nicht mehr, aber auch nicht weniger w\u00fcnschten sie ihren Peinigern, als was sie selbst von ihnen hatten erleiden m\u00fcssen. Und das war kaum zu ertragen gewesen.<\/p>\n<p>In Trauer und Tr\u00fcbsal vergingen die Tage, die Wochen, die Monate; die Knute der Sklaventreiber gab den Takt. Nichts, gar nichts war da, wor\u00fcber die Tochter Zion sich h\u00e4tte freuen k\u00f6nnen. Dann sprach sich herum, dass ein Brief aus Jerusalem angekommen sei, ein offener Brief an alle Gefangenen. Geschrieben von Jeremia, Sohn des Priesters Hiskia aus Anathot.<\/p>\n<p>Allein der Name Jeremias trieb manchen Zornesr\u00f6te, anderen Schamr\u00f6te ins Gesicht: Er hatte sie gewarnt, sie hatten ihn verspottet; er hatte ihnen gedroht, sie hatten ihn verpr\u00fcgelt; er hatte f\u00fcr sie gebetet, sie hatten ihn verlacht. Und: Er hatte Recht behalten, sie waren verschleppt. Dieser Jeremia also hatte ihnen geschrieben. \u201eVermutlich hat er nur H\u00e4me f\u00fcr uns \u00fcbrig, bestenfalls ein \u201aSelber schuld\u2019,\u201c dachten viele.<\/p>\n<p>Mit der Zeit sickerte der Inhalt seines Sendschreibens durch: Sie sollten sich in ihrer neuen Umgebung einrichten, sollten s\u00e4en und ernten, heiraten und Kinder bekommen; f\u00fcr Babylon sollten sie sich engagieren, damit es ihnen besser, vielleicht sogar gut gehe. Denn auf 70 Jahre Gefangenschaft sollten sie sich einstellen, ein ganzes Menschenleben. In dieser Zeit sollten sie Gott suchen, den Gott, den sie verloren hatten. Den Gott, der dennoch bei ihnen war und der sich finden lassen, der in jedem Fall sein Wort halten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Der Brief l\u00f6ste unter den Gefangenen Erschrecken aus: 70 Jahre \u2013 das hie\u00df, dass keiner von ihnen die Heimkehr ins gelobte Land erleben w\u00fcrde, wohl nicht einmal die mitgenommenen Kinder. Selbst, wenn sie diese geradezu magische Zahl 70 nicht wortw\u00f6rtlich n\u00e4hmen, sondern als Begriff f\u00fcr eine lange, endlos lange Zeit.<\/p>\n<p>\u201eTypisch Jeremia,\u201c retteten einige sich in Emp\u00f6rung, \u201eselbst jetzt noch muss er uns drohen und damit unser schweres Leben noch schwerer machen!\u201c Andere fanden es nur vern\u00fcnftig, sich das Leben m\u00f6glichst angenehm zu machen und sich zu arrangieren, zu integrieren. \u201eWarum nicht die G\u00f6tter Babylons anbeten,\u201c sagten sie, \u201ewo unser Gott so fern ist!\u201c Noch andere &#8211; wenige waren ihrer &#8211; gestanden wenigstens sich selber ein, dass es wohl Zeit sei, auf Jeremias Worte zu h\u00f6ren. Zeit, nach Gott zu fragen und ihn zu suchen. Er w\u00fcrde sich finden lassen und damit auch ein Sinn in alle dem, was sie ertragen mussten. \u201eLasst uns Bu\u00dfe tun und zu Gott umkehren,\u201c dachten sie und behielten ihre Einsicht f\u00fcr sich.<\/p>\n<p>Die Emp\u00f6rten und die Vern\u00fcnftler gerieten immer wieder aneinander. Die Vern\u00fcnftler mussten sich des Verrats bezichtigen lassen und dass sie sich diesen Heiden, den unreinen, gemein machten. Der Dummheit wurden die Emp\u00f6rten geziehen und dass sie lieber litten als lebten, mit ihrem Widerstand auch anderen schadeten.<\/p>\n<p>Diese Streitereien nahmen erst dann ein wenig ab, als beide Parteien bemerkten, dass mit der Zeit eine dritte sich formiert hatte: Die der Einsichtigen. Die trafen sich, wenn es ging, beteten gemeinsam, sangen Psalmen, rezitierten aus den heiligen Schriften. Statt wie die Emp\u00f6rten Widerstand zu leisten oder wie die Vern\u00fcnftler stets den eigenen Vorteil zu verfolgen, taten sie ihre Arbeit und fanden manche Anerkennung, gelegentliche Erleichterungen auch. Bekamen irgendwann sogar die M\u00f6glichkeit einger\u00e4umt, den Sabbat zu feiern.<\/p>\n<p>Das blieb nicht ohne Wirkung auf die anderen. Wenigstens auf einige von ihnen, und sie schlossen sich den Einsichtigen an. Wenn sie auch fern von Zion waren, merkten sie, waren sie doch nicht fern von Gott. Er war bei ihnen, immer und \u00fcberall. Das machte sie stark, das gab ihnen Hoffnung auf den K\u00f6nig, der kommen und sie befreien, der sie aus dem Elend erl\u00f6sen w\u00fcrde. Daf\u00fcr waren sie schon jetzt dankbar.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Paul Kluge P. em.<br \/>\nGro\u00dfer Werder 17<br \/>\nD-39114 Magdeburg<br \/>\nTel.: 0391\/5412050<br \/>\n<a href=\"mailto:Paul.Kluge@t-online.de\">Paul.Kluge@t-online.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>21. Sonntag nach Trinitatis, 5. 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