{"id":11426,"date":"2021-02-07T19:48:54","date_gmt":"2021-02-07T19:48:54","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11426"},"modified":"2023-02-24T16:41:40","modified_gmt":"2023-02-24T15:41:40","slug":"johannes-8-31-36","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-8-31-36\/","title":{"rendered":"Johannes 8, 31-36"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">21. Sonntag nach Trinitatis \/ Reformationsfest, 5. November 2006<br \/>\nPredigt zu Johannes 8, 31-36, verfa\u00dft von Gottfried Brakemeier <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Der Reformationstag bringt nicht wenige evangelische Christen in Verlegenheit. Was soll da schon gefeiert werden? Mit dem Thesenanschlag Martin Luthers beginnt eine leidvolle Geschichte, die unz\u00e4hlige Opfer gefordert hat. Ist nicht der 31. Oktober der Tag der kirchlichen Spaltung? Religionskriege waren die Folge und eine konfessionelle Rivalit\u00e4t, die trotz gewaltiger \u00f6kumenischer Bem\u00fchungen bis heute nicht wirklich \u00fcberwunden werden konnte. Die Schattenseiten dieses Gedenktages d\u00fcrfen nicht vom Tisch gefegt werden. Es ist den Verantwortlichen in Kirche und Politik damals nicht gelungen, die Einheit zu wahren, Grund genug den Reformationstag als Verpflichtung zu verstehen, es heute besser zu machen. Er ist Zeichen der \u00f6kumenischen Herausforderung schlechthin und geht darum alle Christen an.<\/p>\n<p>Auch unter einer anderen Perspektive hat der Reformationstag gesamtchristliche Bedeutung. Davon spricht der Text, der heute bedacht werden will. Es handelt sich um ein St\u00fcck aus dem 8. Kapitel des Johannesevangeliums, die Verse 31 bis 36:<\/p>\n<p>\u201cDa sagte Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: Wenn ihr bei dem bleibt, was ich euch gesagt habe, seid ihr wahrhaftig meine J\u00fcnger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. Da sagten sie zu ihm: Wir sind Abrahams Kinder und sind nie jemands Knecht gewesen. Wie kannst du dann sagen: Ihr sollt frei werden? Jesus antwortete ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer S\u00fcnde tut, der ist der S\u00fcnde Knecht. Der Knecht bleibt nicht f\u00fcr immer im Haus; der Sohn aber bleibt ewig. Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.\u201d<\/p>\n<p>Christsein entscheidet sich am Bleiben bei dem, was Jesus Christus gesagt hat. Anders gesagt, es ist die Treue zum Evangelium, welche die Kirche zur Kirche macht. Sie kann ihren Herrn verraten und hat das in ihrer Geschichte vielf\u00e4ltig getan. Sie muss dann umkehren, zur\u00fcckkehren, um ihre Identit\u00e4t wieder zu gewinnen. \u201cBack to the roots\u201d nennt man das in moderner Sprache, \u201czur\u00fcck zu den Wurzeln\u201d damit man weiss, wer man ist, woher man kommt und woran man sich zu orientieren hat. Nichts anderes wollte die Reformation des 16. Jahrhunderts. Sie wollte, dass die Kirche wieder evangelisch w\u00fcrde. Missbr\u00e4uche sollten beseitigt werden und das Volk sollte direkten Zugang haben zu den Quellen des Glaubens.<\/p>\n<p>Reformbewegungen sind unsympatisch. Das war damals nicht anders als heute. Reform heist Ver\u00e4nderung, und dagegen opponieren die, die um ihre Privilegien f\u00fcrchten. Handfeste Interessen blockieren die Initiativen und produzieren den ber\u00fcchtigten Reformstau, bis der Eimer \u00fcberl\u00e4uft und gef\u00e4hrliche Konsequenzen entstehen. Wohl dem Land, das die n\u00f6tigen Reformen rechtzeitig \u00fcber die B\u00fchne bringt und damit Schaden abwendet. Die damalige Reformation war \u00fcberf\u00e4llig. Sie hat trotz der Verh\u00e4rtung der Fronten und unendschuldbarer Grausamkeiten den Weg der Kirche zum Besseren gewandt. Die Verk\u00fcndigung des Evangelium in protestantischer Gestalt hat nicht nur kirchliche, sondern auch gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen bewirkt, auf die heute niemand verzichten m\u00f6chte. Die moderne Welt ist vielfach Schuldner des reformatorischen Geistes.<\/p>\n<p>\u201cZur\u00fcck zu den Wurzeln\u201d, das heisst nicht Altertumspflege oder blosse Wiederherstellung des Fr\u00fcheren. Reformwillig ist nicht gleich \u201ckonservativ\u201d. Im Gegenteil, man will ja die Ver\u00e4nderung. Aber nicht um der Ver\u00e4nderung selbst oder der blossen Anpassung willen. Jede Reform braucht ein Konzept, beispielsweise das Konzept der sozialen Gerechtigkeit, das unter heutigen Bedingungen in die Praxis umgesetzt werden will. Das Konzept der Kirche ist das Evangelium, das Wort, das in Jesus Christus seinen Ursprung, seine Wurzel hat. Und das ist Leben und Wahrheit. Den J\u00fcngern, die Jesus einl\u00e4dt, bei dem zu bleiben, was er ihnen gesagt hat, wird versprochen, dass sie die Wahrheit erkennen werden und dass die Wahrheit sie frei machen wird.<\/p>\n<p>Wahrheit, ein grosses Wort, fast zu gross. Seit der ber\u00fchmten Frage des Pilatus wird es mit Skepsis aufgenommen. Was ist schon Wahrheit? Wenn \u00fcberhaupt, gibt es nur Wahrheiten, im Plural. Jeder hat das Recht auf seine eigene Wahrheit. Das scheint das Gesetz der multikulturellen Gesellschaft zu sein, die in Beliebigkeit endet. Der Reformation ging es um die Wahrheit, um die christliche Wahrheit, um die ewige Wahrheit, die nur eine sein kann. Wieso und inwiefern? Fragt man Martin Luther, gibt er eine klare Antwort. Wahr ist, dass Gott barmherzig ist. Das war seine reformatorische Erkenntnis, seine grundlegende Entdeckung in der Bibel, die, wie er sagte, ihn buchst\u00e4blich in das Paradies versetzte. Anstatt zu verurteilen, sich am S\u00fcnder zu r\u00e4chen, ihn zur H\u00f6lle sinken zu lassen, vergibt er ihm die Schuld, rechtfertigt ihn aus Gnaden, nimmt ihn an wie ein Vater seinen Sohn und seine Tochter. Wahr ist, dass Gott Liebe ist, wie es im ersten Johannesbrief heisst. Und weil das so ist, ist Liebe auch das h\u00f6chste Gebot.<\/p>\n<p>Wie bekomme ich einen gn\u00e4digen Gott? Das ist nicht die zeitgebundene, aus einem \u00fcberempfindlichen Gewissen geborene Frage Martin Luthers. Das ist die entscheidende Frage der Menschheit \u00fcberhaupt. Man k\u00f6nnte einwenden und sagen, wichtiger als die Frage nach dem barmherzigen Gott ist die Frage nach einer barmherzigen Gesellschaft, nach einer humanen Welt. Selten war die Sehnsucht nach Friede, Gerechtigkeit, nach einer aussichtsreichen Zukunft so gross wie heute. Es ist zuzugeben, dass die Brutalit\u00e4t des Alltags, die Erfahrung von Gewalt, die soziale Apartheid, die Menschen unmittelbarer bedr\u00e4ngen als die Frage nach einem barmherzigen Gott. Nur ist das Eine ohne das Andere nicht zu haben. Ohne gn\u00e4digen Gott keine wirklich menschliche Welt. Wo sollte der Atheismus schon Barmherzigkeit lernen? Umgekehrt ist Religion nicht ohne Weiteres Garantie f\u00fcr Menschlichkeit. Im Gegenteil, im Namen Gottes geschehen unglaubliche Verbrechen. Deshalb ist es nicht gleichg\u00fcltig, an welchen Gott wir glauben. Nur ein gn\u00e4diger Gott bringt Licht in diese Welt, nur er ist wahr. Ein Gott, der den Hass legitimiert, vielleicht sogar provoziert und dazu anstiftet, ist nicht nur \u00fcberfl\u00fcssig, er ist gef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>Der Gott Jesu Christi ist barmherzig. Das ist die Wahrheit. Er befreit von der S\u00fcnde, befreit zur Menschlichkeit. Die Gespr\u00e4chspartner Jesu wundern sich, dass Jesus ihnen die Freiheit verspricht. Sie meinen als Angeh\u00f6rige des Volkes Gottes eo ipso frei zu sein, auch wenn sie Jahrhunderte lang Fremdherrschaft erdulden mussten. Sie t\u00e4uschen sich. Frei sind nur die, die von Gott Barmherzigkeit erfahren haben und ihm daf\u00fcr danken. Frei sind die, die sich durch diese Barmherzigkeit in ihrem Handeln inspirieren lassen. Sie werden gegen die \u201cS\u00fcnde\u201d in der Welt aufstehen, gegen Ausbeutung und Bevormundung protestieren, die Ungerechtigkeiten beim Namen nennen und schliesslich den Kampf gegen den Terror in einen Kampf gegen den Hass umwandeln. Nur Liebe kann Hass \u00fcberwinden. Frei ist, wer auf Rache verzichten und die eigenen Interessen der guten Sache unterordnen kann. Die Wahrheit wird euch frei machen zum Dienst an Gott und am N\u00e4chsten.<\/p>\n<p>Die Reformation war eine grosse Freiheitsbewegung, getragen von der Gewissheit, dass Gottes Liebe rettet und nichts sonst. Sie hat Menschen aus kirchlichen und politischen Abh\u00e4ngigkeiten befreit und die Christenheit an ihren Ursprung erinnert. Die Reformation hat ihre Zeit gehabt. Der Gedenktag will die Impulse wachhalten, die sie der Christenheit vermittelt hat. Der 31. Oktober ist so gesehen ein Tag der Ermutigung zu einem neuen Aufbruch, nicht nur f\u00fcr Lutheraner und Reformierte, sondern f\u00fcr die gesamte Christenheit. Zur\u00fcck zu den Wurzeln und damit vorw\u00e4rts zu einem neuen Angriff auf die Welt. Der Reformationstag d\u00fcrfte einer wichtigsten Tage im Leben der Kirchen sein.<\/p>\n<p align=\"left\">Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Professor Dr. Gottfried Brakemeier<br \/>\n<\/strong><strong> Nova Petr\u00f3polis, RS, Brasilien<br \/>\n<a href=\"mailto:gbrakemeier@gmx.net\">gbrakemeier@gmx.net <\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>21. Sonntag nach Trinitatis \/ Reformationsfest, 5. 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