{"id":11434,"date":"2021-02-07T19:48:53","date_gmt":"2021-02-07T19:48:53","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11434"},"modified":"2023-03-03T22:17:41","modified_gmt":"2023-03-03T21:17:41","slug":"hiob-14-1-6-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/hiob-14-1-6-5\/","title":{"rendered":"Hiob 14, 1-6"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres, 12. November 2006<br \/>\nPredigt zu Hiob 14, 1-6, verfa\u00dft von Katharina Roos <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Hiob &#8211; sein Name steht f\u00fcr den unschuldig leidenden Menschen. Unvermutet getroffen von bitteren Schl\u00e4gen des Schicksals. Die Hiobsbotschaften sind sprichw\u00f6rtlich geworden. So schnell und drastisch kann einem sein bisheriges Lebensgl\u00fcck genommen werden!<br \/>\nDenn Hiob war einst gl\u00fccklich: Reich und fromm und dankbar.<br \/>\nBis zum Eintreffen der Hiobsbotschaften.<br \/>\nErst hei\u00dft es: Rinder und Esel weg, dann Schafe und Ziegen, dann die Kamele, und dann, was wohl am schlimmsten ist: Auch die Kinder. Auf tragische Weise alle 10 einer Naturkatastrophe zum Opfer gefallen.<br \/>\nOb einer einen solchen Schlag \u00fcberhaupt \u00fcberleben kann?<br \/>\nHiob nimmt ihn hin \u2013 in unvorstellbarer Gefa\u00dftheit.<br \/>\n<em>Der Herr hat\u2019s gegeben, der Herr hat\u2019s genommen: der Name des Herrn sei gelobt!<br \/>\n<\/em>Und die n\u00e4chste Attacke folgt. Hiob wird geschlagen <em>mit b\u00f6sen Geschw\u00fcren von der Fu\u00dfsohle an bis auf seinen Scheitel. <\/em>Auch jetzt noch l\u00e4sst er seine Fr\u00f6mmigkeit nicht fahren. <em><br \/>\nHaben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das B\u00f6se nicht auch annehmen?<br \/>\n<\/em>So sagt er tats\u00e4chlich \u2013 zun\u00e4chst.<br \/>\nDrei Freunde kommen zu Besuch. Die sehen, wie gro\u00df sein Schmerz ist und setzen sich neben ihn auf die Erde. Halten wortlos mit aus. Sieben Tage lang.<br \/>\nDann ist die Kraft aller ersch\u00f6pft. Dann bricht die Fassade.<br \/>\nDann bricht die Verzweiflung aus Hiob heraus. Seine Wut. Sein Verlassensein. Seine Wehklage. Und sein Zorn gegen einen Gott, der ihm solches zuf\u00fcgt.<br \/>\nJetzt senkt er nicht mehr fromm ergeben sein Haupt, jetzt begehrt er auf gegen einen Herrn im Himmel, der so mit den Menschenkindern umspringt.<br \/>\nDer fromme Hiob nimmt kein Blatt mehr vor den Mund.<br \/>\nAls ich als Studentin zum ersten Mal seine Reden vor den Freunden las, stockte mir immer wieder der Atem. Ich konnte es nicht recht fassen, dass solche Verse in der Bibel stehen. Dass man so offen und heftig gegen seinen Gott w\u00fcten darf! Ein bisschen verstand ich die Freunde, die nun ihrerseits scharf werden; offenkundig bestrebt, Gott zu verteidigen und in Schutz zu nehmen vor Hiobs Angriffen.<\/p>\n<p>Heute, mit einigen Jahren mehr Lebenserfahrung, bin ich nur mehr dankbar, dass Hiobs Worte tats\u00e4chlich in der Bibel stehen. Eine eindrucksvolle Erlaubnis, ja, Einladung an alle Leidenden und Angefochtenen, ihren Schmerz, ihren Zorn, ihr Unverst\u00e4ndnis nicht fromm ergeben zu schlucken, sondern laut werden zu lassen, Gott in die Ohren zu schreien.<br \/>\nWarum sollten wir frommer sein m\u00fcssen als der fromme Hiob!?<\/p>\n<p>In diesem Sinn verstehe ich auch den Predigttext. Eine Einladung, vor Gott laut werden zu lassen, was uns beschwert. Die Verg\u00e4nglichkeit unseres Lebens etwa.<br \/>\nDer Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und f\u00e4llt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. (Hiob 14, 1f)<br \/>\nSo sagt es Hiob.<br \/>\nUnd wir wissen schon, wovon er spricht. Im Krankenhaus vielleicht mehr denn sonst wo.<br \/>\nAber es m\u00fcssen gar nicht immer die gro\u00dfen Krisen sein. Es kann einen mitten im Gewohnten anfallen und dem Herzen einen Stich versetzen: Mensch, wie die Zeit vergeht! Schon wieder November. Kaum noch Laub an den B\u00e4umen. Bald wird der Winter hereinbrechen. Wo ist nur der Sommer geblieben? Wo ist nur mein Leben geblieben? Es zerrinnt mir zwischen den Fingern. Und irgendwann ist es einfach rum. Vorbei. Aus.<br \/>\nAch, wie fl\u00fcchtig, ach wie nichtig ist der Menschen Leben! Wie ein Nebel bald entstehet und auch wieder bald vergehet, so ist unser Leben, sehet!<\/p>\n<p>Ach wie nichtig, ach wie fl\u00fcchtig sind der Menschen Tage! Wie ein Strom beginnt zu rinnen und mit Laufen nicht h\u00e4lt innen, so f\u00e4hrt unsre Zeit von hinnen.<\/p>\n<p>So hat es Michael Franck im 17. Jahrhundert gedichtet. (EG 528, 1f) Wir w\u00fcrden heute vielleicht andere Formulierungen w\u00e4hlen. Aber die Klage der Verg\u00e4nglichkeit ist genauso aktuell wie der Sto\u00dfseufzer Hiobs.<\/p>\n<p>Vielleicht erstaunt es Sie auch, dass ausgerechnet Hiob die Verg\u00e4nglichkeit zu schaffen macht. F\u00fcr Leute, die leiden ist ja manchmal wenigstens das ein Trost: dass die Zeit vergeht. Dass damit auch die Tage des Leidens gez\u00e4hlt sind.<br \/>\nAber nicht so bei Hiob.<br \/>\nVielleicht, weil seine Emp\u00f6rung gr\u00f6\u00dfer ist als seine Ersch\u00f6pfung. Vielleicht, weil f\u00fcr ihn noch zu viel offen ist, zu laut nach einer Antwort schreit. Vielleicht, weil sein Glaube von Gott mehr und anderes erwartet.<br \/>\nDenn das ist sein n\u00e4chster Schritt. Er geht Gott direkt an.<br \/>\n<em>Doch du tust deine Augen \u00fcber einen Sterblichen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer!<br \/>\nSind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht \u00fcberschreiten kann: so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagel\u00f6hner freut. (Hiob 14, 3-6)<br \/>\n<\/em>Dass Gott unser Leben verg\u00e4nglich geschaffen hat, langt ja eigentlich schon als nie versiegende Quelle von Traurigkeit und Melancholie. Aber nun geh\u00f6rt es zur Natur unseres Lebens, dass man sich nicht einmal dieser begrenzten Frist von 70, 80 Jahren sicher sein kann. Es kann ja wei\u00df Gott viel schlimmer kommen. Siehe Hiob. Die Kinder verloren. Mit Krankheit geschlagen. Und die Freunde verweigern ihre Solidarit\u00e4t. \u201eDas wirst du dir schon irgendwie selber zuschreiben m\u00fcssen. Gott wird Gr\u00fcnde haben&#8230;\u201c<br \/>\nHat er sie?<br \/>\nAn dieser Stelle bei\u00dft sich Hiob fest. \u201aWas kannst du, Gott, wirklich gegen mich vorbringen? Dass ich als Mensch meine problematischen Seiten habe, dass ich immer wieder Fehler mache?? Das kann nicht dein Ernst sein! Wer unter den Menschenkindern macht das nicht? Das haftet unserer gesch\u00f6pflichen Natur einfach an. Dass uns manchmal zweifelhafte Motive leiten. Dass wir unsere Konflikte nicht immer angemessen und aufrecht l\u00f6sen. Dass wir das B\u00f6se oft nicht hellsichtiger erkennen und konsequenter meiden. Dass unsere Suchbewegungen uns bisweilen in die Sucht f\u00fchren. Du, Gott, musst doch am besten wissen, wie fehlerhaft und schwach wir Menschen sind! Warum willst du nicht mehr zu dem stehen, was du unvollkommen gemacht hast? Warum wachst du mit Argusaugen \u00fcber jeden unserer Schritte? Warum mi\u00dft du uns mit einem Ma\u00df, dem wir niemals entsprechen k\u00f6nnen? Und warum sch\u00fcchterst du uns ein durch Leid und Unheil? Doch nicht etwa, damit wir den n\u00f6tigen Respekt vor dir lernen!?\u2018<\/p>\n<p>Was Hiob aus seiner finsteren Gotteskrise heraushelfen k\u00f6nnte?<br \/>\nIch w\u00fcrde ihm jedenfalls gern helfen k\u00f6nnen. Nicht der m\u00e4rchenhaften Gestalt aus dem Buch der Bibel. Nein, dann, wenn Hiob mir heute begegnet, etwa in der Mutter auf der onkologischen Kinderstation: \u201aQu\u00e4l meinen Jungen nicht mehr\u2018, sagt sie, auch heute noch und meint Gott. \u201aIch wei\u00df nicht, was wir falsch gemacht haben. Wir haben es doch nur recht machen wollen. Aber du packst uns immer noch eins drauf. Du peinigst unseren Jungen. Und dann nimmst du ihn uns. Und er hat nicht einmal ein Schulkind werden d\u00fcrfen. Das ist nicht recht.\u2018<br \/>\nIch w\u00fcrde ihr gern helfen k\u00f6nnen.<br \/>\nAber ich kann ihr ja nicht sagen: \u201eGott ist nicht so, wie du denkst. Ein mi\u00dfg\u00fcnstiger, menschenverachtender Despot. Das sind deine Bilder und Vorstellungen. Geboren aus deiner Angst, vielleicht auch aus den Untergrund deiner Seele, in den all das einging, was Menschen an schlechten Erfahrungen machen k\u00f6nnen, von fr\u00fchester Jugend an. Diese Fratze eines Gottes zeigt, was in der finsteren Tiefe menschlicher Seelen rumort. Aber sie zeigt nicht Gott\u201c<br \/>\nNein, das kann ich jemand, der an Gott leidet, nicht sagen. Es mag vielleicht sogar im manchem stimmen, aber es n\u00fctzt nichts. Es macht ja die harte Wirklichkeit kein Deut besser. Und kl\u00e4rt nicht, wohin wir uns wenden k\u00f6nnen, wenn uns diese Wirklichkeit so zu schaffen macht. Hat Gott denn etwa gar nichts damit zu tun?<br \/>\nHiob selber hat da vielleicht einen besseren Weg gefunden. Indem er sich den Mund nicht theologisch verbieten oder korrigieren lie\u00df. Indem er seine Verzweiflung vor Gott Wort werden lie\u00df. Und seine Wut.<br \/>\nUnd auch seine Sehnsucht.<br \/>\nIch glaube, das habe ich lange \u00fcbersehen. In all dem, was Hiob sagt, schwingt ja auch so viel Sehnsucht mit. Brennende Sehnsucht, dass Gott ihm anders gegen\u00fcbertreten m\u00f6ge. Und es schwingt so viel \u201eDu\u201c mit. \u201aDu, Gott, von dem ich immer noch viel erwarte, du, Gott, sollst dich mir erkl\u00e4ren. Ach, dass du dein Angesicht wieder liebevoll leuchten lie\u00dfest \u00fcber mir!\u2018<br \/>\nWom\u00f6glich h\u00f6rt Gott besser als wir in unserer Not denken auf solch verzweifeltes Werben.<br \/>\nSchlie\u00dflich kommt er Hiob nahe. Neuer Glaube an Gott seinen Retter wird ihm geboren.<br \/>\n\u201eIch wei\u00df, dass mein Erl\u00f6ser lebt. Und ganz am Ende wird er sich \u00fcber dem Staub f\u00fcr mich erheben. Und meine Augen werden ihn sehen.\u201c Das sagt Hiob auch.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, dieser neue Glaube Hiobs \u00e4ndert nicht mit Zauberhand die bittere Realit\u00e4t f\u00fcr ihn.<br \/>\nAber er r\u00fcckt sie in einen gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang. Was wir hier sehen, mit unseren Augen auf dieser Erde, ist nur ein Bruchteil der Wirklichkeit.<br \/>\nAber dann, nach dem Durchgang durch den Tod, ganz am Ende, wird die Liebe das letzte Wort haben. Und alles sein. Und alles l\u00f6sen.<br \/>\nVorher, auf dem Weg zur Vollendung, werden Gott liebende Menschen bisweilen heftig mit ihm ringen und streiten m\u00fcssen. Wie das halt so ist in Liebesbeziehungen. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Katharina Roos<br \/>\nKrankenhauspfarrerin im Olgahospital Stuttgart<br \/>\n<a href=\"mailto:katharina.roos@t-online.de\">katharina.roos@t-online.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres, 12. November 2006 Predigt zu Hiob 14, 1-6, verfa\u00dft von Katharina Roos Liebe Gemeinde, Hiob &#8211; sein Name steht f\u00fcr den unschuldig leidenden Menschen. Unvermutet getroffen von bitteren Schl\u00e4gen des Schicksals. Die Hiobsbotschaften sind sprichw\u00f6rtlich geworden. So schnell und drastisch kann einem sein bisheriges Lebensgl\u00fcck genommen werden! 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