{"id":11436,"date":"2021-02-07T19:49:07","date_gmt":"2021-02-07T19:49:07","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11436"},"modified":"2023-02-02T21:08:06","modified_gmt":"2023-02-02T20:08:06","slug":"hiob-14-1-6-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/hiob-14-1-6-4\/","title":{"rendered":"Hiob 14, 1-6"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3 align=\"left\"><b><span style=\"color: #000099;\">Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres, 12. November 2006<br \/>\nPredigt zu Hiob 14, 1-6, verfa\u00dft von Jennifer Wasmuth<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p align=\"left\">Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p align=\"left\">von der Bibel hei\u00dft es, sie sei das \u00bbBuch der B\u00fccher\u00ab. Gemeint ist damit zun\u00e4chst, dass die Bibel ein Buch ist, das aus vielen verschiedenen B\u00fcchern besteht. Dann spricht sich darin aber auch die besondere Anerkennung aus, dass die Bibel <em>das<\/em> Buch unter allen B\u00fcchern ist.<br \/>\nF\u00fcr mich ist die Bibel noch in einem anderen Sinn \u00bbBuch der B\u00fccher\u00ab. Denn je nach Bedarf lese ich v\u00f6llig unterschiedlich darin: So kann ich die Bibel in die Hand nehmen, weil ich etwas \u00fcber die Geschichte der fr\u00fchen Christenheit erfahren m\u00f6chte, etwa \u00fcber ihr Gemeindeleben oder ihre Art, den Gottesdienst zu feiern. Eine andere Bedeutung gewinnt die Bibel hingegen, wenn ich \u00fcber ausgew\u00e4hlte biblische Texte zu predigen habe. Hier interessiert mich dann vor allem, was die Texte uns heute zu sagen haben, und am liebsten sind mir dann Texte, die s\u00e4mtliche Gef\u00fchle von Ohnmacht und Verzweiflung hinter sich lassen und etwas von dem Trost aufscheinen lassen, der in unserem christlichen Glauben steckt. Schlie\u00dflich ist die Bibel f\u00fcr mich aber nicht nur ein Geschichts- und Predigtbuch. Es gibt vielmehr Situationen, da schlage ich die Bibel auf, weil ich etwas unmittelbar f\u00fcr mich selbst wissen will, weil ich mir von den Glaubenszeugen der damaligen Zeit Hilfe f\u00fcr meinen Glauben jetzt verspreche. In solchen Situationen bin ich immer sehr dankbar, dass es in der Bibel Texte wie die Psalmen oder auch Texte wie den folgenden gibt, der im Buch Hiob steht und der f\u00fcr heute als Predigttext vorgeschlagen ist. Dort hei\u00dft es (Hiob 14,1-6):<\/p>\n<p align=\"left\">Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und f\u00e4llt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.<br \/>\nDoch du tust deine Augen \u00fcber einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst.<br \/>\nKann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer!<br \/>\nSind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht \u00fcberschreiten kann: so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagel\u00f6hner freut.<\/p>\n<p align=\"left\">Hiob formuliert hier eine Klage, die nicht erst bei den offensichtlichen Katastrophen des Lebens ansetzt, bei schwerer Krankheit, Folter, Krieg und dergleichen mehr, sondern bei dem Leben, so wie es ist: bei dem unaufhebbaren Gesetz von Werden und Vergehen, bei der Bedeutungslosigkeit des Einzelschicksals in der schier un\u00fcberblickbaren Folge des menschlichen Geschlechts. Sp\u00e4tere sollten an diesem Gesetz nichts Bedrohliches finden, wie etwa Johann Wolfgang Goethe. Sein Gedicht \u00bbGrenzen der Menschheit\u00ab (1781) beschlie\u00dft er, indem er schlicht feststellt, dass es ein kleiner Ring sei, der unser Leben begrenze; viele Geschlechter reihten sich dauernd an ihres Daseins unendliche Kette. Ganz anders Hiob: Er betont mit der K\u00fcrze zugleich auch die Unruhe des Lebens.<br \/>\nE ine richtige Klage, ja Anklage, wird bei Hiob daraus, weil er sich selbst wie \u00fcberhaupt den Menschen \u2013 denn kann wohl <em>ein<\/em> Reiner kommen von Unreinen? \u2013 auch noch zur Rechenschaft gezogen und von Schuldgef\u00fchlen geplagt sieht. Der Mensch geht auf wie eine Blume und verwelkt; er ist einem fliehenden Schatten gleich. Und dennoch muss er sich verantworten, sich Gott gegen\u00fcber erkl\u00e4ren.<br \/>\nWenn das Leben aber schon begrenzt ist, ja wenn Gott selbst diese Grenzen festgesetzt und die Tage und die Zahl der Monde bereits bestimmt hat, dann will sich Hiob nicht auch noch rechtfertigen m\u00fcssen, dann m\u00f6chte er am liebsten fern von der Gegenwart Gottes sein. K\u00fchn fordert er deshalb: Blicke doch weg!<br \/>\nK\u00fchn ist Hiob hier \u2013 und \u00fcberbietet damit so mancherlei Religionskritik, die meint, Gott habe seine Bedeutung darin, dem Leben schlie\u00dflich doch noch einen Sinn zu verleihen, den Gl\u00e4ubigen eine Perspektive zu geben im scheinbar chaotischen Lauf der Zeit.<br \/>\nHiob zeigt demgegen\u00fcber, dass der Glaube sich gerade nicht als Mittel eignet, das angesichts der H\u00e4rten des Lebens zu bet\u00e4uben vermag. Denn schwierig wird es f\u00fcr Hiob, gerade <em>weil<\/em> er sich in Gottes Hand wei\u00df und sich f\u00fcr ihn das unsichere menschliche Dasein nur schwer mit den Anspr\u00fcchen Gottes vermitteln l\u00e4sst. Gott selbst ist es, der die Unruhe erst unertr\u00e4glich macht, und deshalb Hiobs Aufforderung: Blicke doch weg!<br \/>\nDer Predigttext endet hier und l\u00e4sst uns mit der Klage Hiobs allein. Nichts Tr\u00f6stliches scheint auf, nicht auch nur eine Andeutung findet sich, dass am Ende doch noch alles gut werden wird. Vorgef\u00fchrt wird absolute Ausweglosigkeit.<\/p>\n<p align=\"left\">Diese Ausweglosigkeit, liebe Gemeinde, scheint mir tats\u00e4chlich die St\u00e4rke des Predigttextes zu sein. Denn hier sind Angst, Verzweiflung und Sinnlosigkeit in Worte gefasst, hier begegnet uns eine Radikalit\u00e4t, die es uns erlaubt, uns auch mit extremen Erfahrungen in der Welt der Glaubenszeugen wiederzufinden.<br \/>\nEs gibt einfach Situationen, wie Hiob sie beschreibt, vielleicht nur momenthaft, vielleicht \u00fcber eine l\u00e4ngere Zeit \u2013 Situationen, in denen niemand trostreiche Worte brauchen kann, auch keine Erkl\u00e4rung f\u00fcr dieses oder jenes; Situationen, in denen eine solche Ausweglosigkeit herrscht und eine solche Abgr\u00fcndigkeit sich auftut, dass die Behauptung des Gegenteils, die Beteuerung, dass alles gut wird und Gott nur unser Bestes will, verhallt, ja geradezu zynisch klingen kann.<br \/>\nDie Bibel verschweigt solche Situationen nicht, solche Glaubenserfahrungen, wie sie uns in der Gestalt Hiobs begegnen; sie \u00fcbergeht nicht die existentielle Not, nur ein fliehender Schatten zu sein, das Gef\u00fchl, sich vor aller Welt verstecken zu wollen, vor allem vor Gott, der Herz und Nieren pr\u00fcft.<\/p>\n<p align=\"left\">Die Bibel kennt nat\u00fcrlich auch andere Texte. Psalm 8 beispielsweise ist ein einziger Lobpreis des Sch\u00f6pfers und ganz im Gegensatz zu Hiob wird es hier als besondere Auszeichnung verstanden, dass sich Gott dem Menschen zuwendet (V. 4f.):<\/p>\n<p align=\"left\">Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk,<br \/>\nden Mond und die Sterne, die du bereitet hast,<br \/>\nwas ist der Mensch, dass du seiner gedenkst,<br \/>\nund des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?<\/p>\n<p align=\"left\">Die Bibel bietet uns also ganz unterschiedliche Erfahrungen und zeigt uns auf diese Weise, wie vielf\u00e4ltig die Wege Gottes mit den Menschen sind. Eben darin zeigt sie uns aber auch, dass wir mit unseren Erfahrungen, wie tief wir auch fallen, wie hoch wir auch steigen, nicht allein sind.<br \/>\nDie Bibel ist gewisserma\u00dfen wie ein guter Zuh\u00f6rer: Stellen Sie sich einmal jemanden vor, einen sehr guten Freund, eine sehr gute Freundin, den Partner, die Partnerin, jemand, der Sie wirklich versteht; jemand, dem Sie anvertrauen k\u00f6nnen, was Sie zutiefst bewegt; jemand, der Sie nicht vertr\u00f6stet, sondern Ihnen Raum gibt f\u00fcr Ihre Gedanken und Gef\u00fchle, der Ihnen erm\u00f6glicht Worte zu finden f\u00fcr das, was in Ihnen vorgeht. In einem Gespr\u00e4ch mit einem solchen guten Zuh\u00f6rer kann Erstaunliches geschehen \u2013 \u00e4u\u00dferlich hat sich eigentlich nichts ver\u00e4ndert, aber allein dadurch, dass jemand da ist, der sich einzulassen vermag, der versteht, worum es geht, tritt eine sp\u00fcrbare Ver\u00e4nderung, eine Wendung zum Besseren ein.<br \/>\nDie Bibel mit ihrem unersch\u00f6pflichen Reichtum an Glaubenserfahrungen erm\u00f6glicht uns auf ihre Weise, ein solches Verst\u00e4ndnis zu finden, Worte f\u00fcr das, was unser Leben und unseren Glauben ausmacht \u2013 selbst wenn unsere Klage soweit wie bei Hiob reicht.<\/p>\n<p align=\"left\">Und der Friede Gottes, welcher h\u00f6her ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p align=\"left\"><strong>Dr. Jennifer Wasmuth<br \/>\n<a href=\"mailto:jennifer.wasmuth@theologie.hu-berlin.de\">jennifer.wasmuth@theologie.hu-berlin.de <\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres, 12. November 2006 Predigt zu Hiob 14, 1-6, verfa\u00dft von Jennifer Wasmuth Liebe Gemeinde, von der Bibel hei\u00dft es, sie sei das \u00bbBuch der B\u00fccher\u00ab. Gemeint ist damit zun\u00e4chst, dass die Bibel ein Buch ist, das aus vielen verschiedenen B\u00fcchern besteht. 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