{"id":11447,"date":"2021-02-07T19:48:53","date_gmt":"2021-02-07T19:48:53","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11447"},"modified":"2023-03-03T22:07:33","modified_gmt":"2023-03-03T21:07:33","slug":"offenbarung-des-johannes-2-8-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/offenbarung-des-johannes-2-8-11\/","title":{"rendered":"Offenbarung des Johannes 2, 8-11"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres (Volkstrauertag), 19. November 2006<br \/>\nPredigt zur Offenbarung des Johannes 2, 8-11, verfa\u00dft von Friedrich Seven<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p><em>Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden. <\/em><br \/>\n<em>Ich wei\u00df deine Tr\u00fcbsal und deine Armut.<\/em><br \/>\n<em>Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.<\/em><br \/>\n<em>Wer Ohren hat, der h\u00f6re, was der Geist den Gemeinden sagt: Wer \u00fcberwindet, dem soll kein Leid geschehen von dem andern Tod.<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<br \/>\nDas ist ein sehr schwieriges Wort, dieser Text aus der Offenbarung des Johannes, und ich habe auch nur Ausz\u00fcge daraus vorgelesen.<br \/>\nAm meisten hat mich der letzte Satz beeindruckt, wo von dem anderen Tod die Rede ist und damit offenbar von einem Tod, vor dem wir uns neben dem einen, der uns genug \u00e4ngstigt, auch f\u00fcrchten m\u00fcssen.<br \/>\nSo sind meine Gedanken den Erinnerungen gefolgt, die sich f\u00fcr mich mit dem Volkstrauertag und den letzten Tagen des Kirchenjahres verbinden. Dabei kam mir das Wort der Offenbarung, insbesondere das vom zweiten Tod, so nahe, da\u00df ich ihnen von meiner niederrheinischen Heimat erz\u00e4hlen m\u00f6chte:<\/p>\n<p>Onkel und Tanten wohnten weit weg, aber nicht so weit, da\u00df nicht jedes Jahr mit dem Volkstrauertag f\u00fcr unsere Familie die Zeit begonnen h\u00e4tte, die immer erst mit dem Kaffeetrinken am Totensonntag ihr Ende finden w\u00fcrde.<br \/>\nAm Volkstrauertag ging ich nicht in den Kindergottesdienst, sondern wurde von den Eltern in den gro\u00dfen Gottesdienst mitgenommen, wo ich im Gesangbuch immer viel zu langsam nach den Liedern bl\u00e4tterte und froh war, wenn ich eine Melodie kannte und mitsingen konnte.<br \/>\nNach dem Gottesdienst begr\u00fc\u00dfte ich drau\u00dfen noch die wartenden Kindergottesdienstkinder, die nun gleich mit unseren Helfern in die Kirche gehen w\u00fcrden, dann folgte ich meinen Eltern, die bereits im Auto ungeduldig auf mich warteten.<\/p>\n<p>Die Fahrt ging durch den Novemberregen am Friedhof vorbei zur Rheinstra\u00dfe, und wenn wir an der Ampel l\u00e4nger warten mu\u00dften, war die Stimme des Redners zu h\u00f6ren, der immer gerade noch zur Versammlung am Ehrenmal sprach.<br \/>\nBei der Fahrt am Flu\u00df entlang h\u00f6rte ich dann, wenn ich das Fenster offenhalten durfte, die Bergmannskapelle mit dem Lied vom Guten Kameraden.<br \/>\nDie F\u00e4hre brachte uns schlie\u00dflich \u00fcber den Rhein, der in unserer Gegend hier so breit werden konnte, da\u00df er regelm\u00e4\u00dfig im September die Wiesen und Felder \u00fcberflutete und noch bis in den Winter hinein einzelne Seen zur\u00fcckblieben<br \/>\nDie andere, die linke Rheinseite, war die Seite der Verwandten meines Vaters, die hier in einem Dorf nahe bei Xanten auf ihren Bauernh\u00f6fen lebten.<br \/>\nMeine Mutter und mein sehr viel \u00e4lterer Bruder waren seinerzeit hierhin von meinem Vater vor dem drohenden Bombenangriff auf das rechtsrheinische Gebiet in Sicherheit gebracht worden, und haben so, anders als viele Freunde meiner Eltern und deren Kinder, \u00fcberlebt.<br \/>\nNachdem mein gro\u00dfer Bruder begonnen hatte, auch am Volkstrauertag seine eigenen Wege zu gehen, besuchte ich allein mit den Eltern die Verwandten und sa\u00df nach dem Gang zum Friedhof und dem Kaffeetrinken auf einem Hocker f\u00fcr den Kleinen mitten unter den Erwachsenen und mu\u00dfte ihren Geschichten zuh\u00f6ren.<br \/>\nDie meisten dieser Geschichten kannte ich schon. Doch h\u00f6rte ich, auch weil noch jedesmal neue und schrecklichere hinzukamen, lange gespannt zu. Immer wieder stellte ich mir und tat es danach noch f\u00fcr Tage die brennende Scheune vor, in die man M\u00fctter und Kinder zuvor getrieben hatte, und sah den Bomberpiloten vor mir, der zwar den Absturz \u00fcberlebt hatte, aber nicht die Schl\u00e4ge der M\u00e4nner und Frauen, in deren Arme er vor dem brennenden Flugzeugwrack geflohen war.<br \/>\nNach und nach hatte ich zu unterscheiden gelernt zwischen dem, was an Schrecklichem vor langer Zeit geschehen war und dem, was noch nicht lang zur\u00fcckliegen konnte.<br \/>\nImmer wurde auch etwas erz\u00e4hlt, was gerade vor kurzem, Anfang November, passiert war: Etwa von der Fl\u00fcchtlingsfrau, die mit ihren beiden Jungen nicht mehr leben wollte und deren j\u00fcngster Sohn noch aus dem Rhein gerettet werden konnte. Jetzt lebte er bei seinem Vater und dessen Freundin.<br \/>\nWieder war gerade wer gestorben und lag jetzt noch aufgebahrt. Mein Vater meinte noch bei jedem, da\u00df er den wohl noch kennen w\u00fcrde.<br \/>\nDie Todeskurve vor Rheinberg hatte wieder ihr Opfer gefordert und wieder war es ein ein junger Motorradfahrer aus dem Nachbardorf.<br \/>\nVon Familien wurde erz\u00e4hlt, wo inzwischen Gro\u00dfvater, Vater und gar schon der Sohn an der gleichen Krankheit gestorben waren.<br \/>\nAuch erregte man sich \u00fcber die, die es bei ihrer Sauferei nicht anders verdient h\u00e4tten, und immer ging es auch um einen, der wohl nicht mehr gewollt h\u00e4tte.<br \/>\nWenn es dann schon ganz dunkel geworden war, aber keiner ein Licht einschaltete, kam das Gespr\u00e4ch auf die Politik, und ich kann mich noch gut an das erinnern, was \u00fcber den Mauerbau, die Kubakrise und \u00fcber das Bergwerksungl\u00fcck gesagt wurde.<br \/>\nAllen schien unterdessen klar, da\u00df es so kaum weiterginge, auch nicht in der Landwirtschaft und auf den H\u00f6fen, bis dann einer sagte: \u201eWenn die Kinder nicht w\u00e4ren, k\u00f6nnte man nur den Strick nehmen!\u201c<br \/>\nLange konnte ich zuh\u00f6ren, aber l\u00e4nger noch konnten die Erwachsenen erz\u00e4hlen und hielten nur kurz inne, wenn die alte Tante Katharina dazwischen fragte: \u201eWat sollt werden, wat sollt werden!?<br \/>\nSo wurde ich zuletzt immer m\u00fcde, mich zu langweilen und unruhig zu werden, wagte ich nie.<br \/>\nRaus zu gehen zu den Tieren w\u00e4re mir nicht in den Sinn gekommen und wohl auch kaum erlaubt worden. Mein Vater schien mich zu brauchen, gerade wenn er mir Mal um Mal die Hand auf den Kopf legte.<br \/>\nMir blieb nichts anderes \u00fcbrig, als betr\u00fcbt und \u00e4ngstlich an die noch anstehende R\u00fcckfahrt \u00fcber den Rhein zu denken. Manchmal versuchte ich auch mir vorzustellen, wie es w\u00e4re, wenn ich denn schon auf dem Friedhof l\u00e4ge.<br \/>\nNur einmal, wohl im Jahr der Flutkatastrophe, geschah etwas anderes. Tante Katharina sah auf mich und redete zu den anderen: \u201eDer arme Frieder langweilt sich sicher!\u201c<br \/>\n\u201eWir wollen ohnehin gleich fahren!\u201c erwiderte mein Vater. \u201eDie F\u00e4hre f\u00e4hrt bei dem Nebel aber nicht mehr!\u201c, sagte der Onkel noch, und ich war froh, da\u00df wir \u00fcber die weiter entfernte Rheinbr\u00fccke wieder nach Hause f\u00fchren.<br \/>\nNoch einige Male sah mein Volkstrauertag so aus und ging es bei den Besuchen am Bu\u00df und Bettag und am Totensonntag so weiter. Immer hatte ich meinen Platz, bis ich daf\u00fcr zu gro\u00df und f\u00fcr eigene Unternehmungen gro\u00df genug war. Jedesmal freute ich mich am Totensonntag nach dem Posaunenchor auf dem Friedhof dar\u00fcber, da\u00df am n\u00e4chsten Sonntag im Kindergottesdienst wieder \u201eMacht hoch die T\u00fcr\u201c gesungen w\u00fcrde.<br \/>\nAuch jetzt zieht es mich in der Zeit vom Vorletzten zum Letzten Sonntag inzwischen nun zum Grab meiner Eltern. Besonders auf dem langen R\u00fcckweg vom Niederrhein in den Harz freue ich mich dann auf den Advent und auf den Ersten und den Letzten, der tot war und ist lebendig geworden.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dr. Friedrich Seven<br \/>\nIm Winkel 6<br \/>\n37412 Scharzfeld<br \/>\n<a href=\"mailto:friedrichseven@compuserve.de\">friedrichseven@compuserve.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres (Volkstrauertag), 19. 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