{"id":11462,"date":"2021-02-07T19:48:53","date_gmt":"2021-02-07T19:48:53","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11462"},"modified":"2023-02-28T18:13:08","modified_gmt":"2023-02-28T17:13:08","slug":"jesaja-65-17-19-23-25-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-65-17-19-23-25-3\/","title":{"rendered":"Jesaja 65, 17-19.23-25"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><b><span style=\"color: #000099;\">Letzter Sonntag des Kirchenjahres, Ewigkeitssonntag, 26. November 2006<br \/>\nPredigt zu Jesaja 65, 17-19.23-25 verfa\u00dft von Berthold K\u00f6ber<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p align=\"center\"><strong>Das Bild \u00fcber dem Tr\u00fcmmerfeld<\/strong><\/p>\n<div align=\"left\">\n<p><em>17 Denn so spricht der HERR: \u201eSiehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, da\u00df man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.\u201c 18 Freuet euch und seid fr\u00f6hlich immerdar \u00fcber das, was ich schaffe. Denn siehe, ich will Jerusalem zur Wonne machen und sein Volk zur Freude, 19 und ich will fr\u00f6hlich sein \u00fcber Jerusalem und mich freuen \u00fcber mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr h\u00f6ren die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.<\/em><\/p>\n<p><em>23 Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder f\u00fcr einen fr\u00fchen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des HERRN, und ihre Nachkommen sind bei ihnen.<\/em><\/p>\n<p><em>24Und es soll geschehen: \u201eEhe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich h\u00f6ren. 25 Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der L\u00f6we wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange mu\u00df Erde fressen. Sie werden weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.<\/em><\/p>\n<p align=\"center\">I.<\/p>\n<p>Das junge Paar hatte sich auf seiner Heimreise auf seine neue, sch\u00f6n hergerichtete Wohnung gefreut. Als es sie fr\u00f6hlich betrat, traute es seinen Augen nicht. Die Schr\u00e4nke waren umgest\u00fcrzt, ihr Inhalt lag verstreut auf dem Fu\u00dfboden, Gl\u00e4ser und Porzellan zerbrochen, vermischt mit M\u00f6rtel und Ziegelst\u00fccken von der Zimmerdecke und den W\u00e4nden, die teilweise eingest\u00fcrzt waren. Die Fensterscheiben waren zersplittert, die T\u00f6pfe mit den sch\u00f6nen bl\u00fchenden Blumen lagen zerschmettert unten. Nichts war mehr ganz. Die mit viel M\u00fche und Aufwand und mit Freude eingerichtete Wohnung glich einem einzigen Tr\u00fcmmerfeld. Auf der Fahrt hatten sie das Erdbeben nicht wahrgenommen, das stattgefunden hatte. &#8211; Zun\u00e4chst stummes, l\u00e4hmendes Entsetzen, dann Tr\u00e4nen und Trauer und Verzweiflung, ob das alles noch Sinn mache. Doch dann beginnen sie, sich an die Arbeit zu machen. Was tut er als erstes? Er nimmt das heruntergefallene Bild und h\u00e4ngt es an die eine noch heile Wand. Ein bunt bl\u00fchender Blumenstrau\u00df\u2026<\/p>\n<p>Ein wunderbares Bild \u00fcber einem Tr\u00fcmmerfeld &#8211; das sind auch die Worte des Propheten, die wir geh\u00f6rt haben. In ihrer langen schrecklichen babylonischen Gefangenschaft hatten sich die Israeliten nichts sehnlicher gew\u00fcnscht, als in ihre Heimat zur\u00fcckzukehren. Sie hatten nie aufgeh\u00f6rt, davon zu tr\u00e4umen; in den sch\u00f6nsten Farben ihrer Phantasie hatten sie sich das alles ausgemalt: Den pr\u00e4chtigen Tempel, die wunderbare Stadt, die sch\u00f6nen H\u00e4user, die fruchtbaren Weing\u00e4rten, keine Angst und Bedrohung, ein Leben in Freiheit und W\u00fcrde. Das hatte ihnen geholfen, trotz aller d\u00fcsteren Zukunftsperspektiven die Hoffnung auf Befreiung nicht aufzugeben, die Kraft, trotz allen Unrechts durchzuhalten.<\/p>\n<p>Und wie bot sich ihnen nun die ersehnte Heimat dar? Der Tempel war zerst\u00f6rt, die H\u00e4user verfallen, die Weinberge verw\u00fcstet, das Land verwahrlost. Entbehrungen, Hunger und Not, Verzweiflung und Tod &#8211; das war die Wirklichkeit, die sie erwartete, das Gegenteil von ihren Tr\u00e4umen und Hoffnungen. Machte es da \u00fcberhaupt Sinn, H\u00e4user zu bauen, Weinreben zu pflanzen, Kinder in die Welt zu setzen? F\u00fcr wen das alles, wenn es keine Zukunft gab? Die Euphorie wich einer tiefen, t\u00f6dlichen Resignation. Ein einziges Tr\u00fcmmerfeld, \u00e4u\u00dferlich wie auch innerlich. Wo war denn Gott? Warum schwieg er?<\/p>\n<p>Tr\u00fcmmerfelder &#8211; die kennen wir auch. Unser ganzes Land war ein einziges Tr\u00fcmmerfeld. Das ist es &#8211; Gott sei Dank &#8211; lange nicht mehr. Aber es ist unsere Seele, die oft einem solchen Tr\u00fcmmerfeld gleicht. Der Partner &#8211; einem Herzinfarkt erlegen, in den sch\u00f6nsten Jahren, wo man noch so viel vorhatte. Die Mutter, die die Kinder so sehr gebraucht h\u00e4tten &#8211; Opfer eines Verkehrsunfalls. Das mit Freuden erwartete Kind &#8211; unheilbar krank. Der Tod rei\u00dft immer neue, schmerzvolle L\u00fccken auf, die sich nicht mehr schlie\u00dfen. Wir gedenken am heutigen Ewigkeitssonntag aller unserer Lieben, die wir hergeben mussten, die viel zu fr\u00fch von uns gegangen sind. Wir sind von Schmerz und Trauer erf\u00fcllt. Warum hat Gott es zugelassen? Warum hat er nicht eingegriffen? Warum hat er uns allein gelassen? Die Gr\u00e4ber, die wir besucht und auf die wir Blumen gelegt haben, schweigen.<\/p>\n<p>Unsere Seele &#8211; ein Tr\u00fcmmerfeld. Nach der zerbrochenen Beziehung und pl\u00f6tzlichen Trennung. Nach der 67. erfolgslosen Bewerbung. Nach der Entlassung in die Arbeitslosigkeit. Nach dem schweren Unfall. Nach der Krebsdiagnose. Nach dem langen Krankenhausaufenthalt. Nach dem Schlaganfall\u2026 Tr\u00fcmmer unserer Tr\u00e4ume, unserer Vorhaben, unserer Hoffnungen, unserer Bem\u00fchungen. Tr\u00fcmmer geben keine Antwort auf unsere stummen oder ausgesprochenen Fragen. Sie ergeben auch keinen Sinn. Aus ihnen l\u00e4sst sich keine Zukunft bauen. Das Tr\u00fcmmerfeld &#8211; es ist ein Zeichen von Sinnlosigkeit.<\/p>\n<p align=\"center\">II.<\/p>\n<p>Die Worte des Propheten &#8211; sie sind ein wunderbares Bild \u00fcber dem Tr\u00fcmmerfeld. Durch ihn spricht Gott selbst zu diesen traurigen, resignierten Menschen. \u201eSiehe\u2026\u201c Gleich zweimal ruft er die Menschen auf, ihre Blicke zu erheben und sich dem zu \u00f6ffnen, was Gott ihnen zu sagen hat. Siehe. Durch dieses Wort k\u00fcndigt Gott in der Bibel meistens an, dass etwas Unerwartetes und ganz Bedeutsames geschieht. Siehe, dein K\u00f6nig kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer- die frohe Botschaft des Advent. Siehe, ich verk\u00fcndige euch gro\u00dfe Freude &#8211; das Weihnachtsevangelium.<\/p>\n<p>Von einem neuen Himmel und einer neuen Erde ist hier die Rede. Gott selbst will sie schaffen. Das Alte, das Trennende und Belastende, die Vergangenheit wird nicht mehr sein. Anstelle des Tr\u00fcmmerfelds schafft Gott eine neue, heile Welt, ein neues Paradies. Darin wird es kein Weinen und Klagen, keine Schmerzen und keine Trauer mehr geben, kein vergebliches Bauen von H\u00e4usern, die sich dann andere aneignen, kein vergebliches Pflanzen, dessen Fr\u00fcchte andere genie\u00dfen, kein vorzeitiges Sterben und Abschied nehmen m\u00fcssen. Auch zwischen den Tieren in der Natur wird es keine Feindschaft mehr geben.<\/p>\n<p>Messianischer Friede wird die Erde erf\u00fcllen, bei dem Wichtigste dieses ist: Die zerst\u00f6rte Gottesbeziehung wird wieder heil werden. Gott wird nicht schweigen, sondern er wird den Menschen antworten, noch ehe sie fragen. Er wird f\u00fcr die Menschen da sein. Sie werden sich nicht mehr als von Gott verlassen oder versto\u00dfen vorkommen, sondern sie und ihre Nachkommen werden Gesegnete des Herrn sein. Das alles wird Gott schaffen, er allein.<\/p>\n<p>Es ist ein wunderbares Bild \u00fcber dem Tr\u00fcmmerfeld, ein Bild, das das Tr\u00fcmmerfeld vergessen lassen kann. Es ist ein Gegenbild zur Wirklichkeit, mit dem gegen das Tr\u00fcmmerfeld protestiert wird, ein Gegenentwurf zur Wirklichkeit. Aus diesem Bild spricht die Freude. Gott m\u00f6chte damit Freude schaffen f\u00fcr seine Menschen und ruft sie dazu auf. Das Bild zeigt, wie Gott die Welt und die Menschen haben m\u00f6chte. Und er selbst m\u00f6chte sich auch freuen \u00fcber seine Erde und sein Volk. Es ist das Bild einer neuen und heilen Welt. Dabei f\u00e4llt auf, dass hier eine radikale und reale Verwandlung <em>dieser<\/em> Welt verk\u00fcndigt wird, nicht eine v\u00f6llig andere, jenseitige Welt.<\/p>\n<p>Auf dieses Bild sollen die klagenden, trauernden, resignierten Menschen sehen, wie das Ehepaar in der durch das Erdbeben zerst\u00f6rten Wohnung. Es soll sie tr\u00f6sten und ihnen Mut und Kraft, Hoffnung und Zuversicht auf die Zukunft und auf neues, erf\u00fclltes, sinnvolles Leben geben. Es soll sie der N\u00e4he Gottes gewiss werden lassen.<\/p>\n<p>Hat diese Heilszusage Gottes die Menschen damals wirklich getr\u00f6stet und neu aufgerichtet? Hat sie ihnen Kraft zum Durchhalten gegeben? Ist diese Zusage wirklich in Erf\u00fcllung gegangen?<\/p>\n<p align=\"center\">III.<\/p>\n<p>Es ist tats\u00e4chlich geschehen, dass Trauernde und Weinende getr\u00f6stet wurden. Im Jugendalter Verstorbene sind auferweckt worden. Kranken wurden die Schmerzen genommen und geheilt, Leidenden wurde geholfen, Hungrige wurden ges\u00e4ttigt, belastende Vergangenheit und Schuld wurde vergeben, Einsamen wurde Gemeinschaft geschenkt, Resignierten und Hoffnungslosen wurde neue Zukunft gegeben. Damit erhielt ihrer aller Leben neuen Sinn und Freude.<\/p>\n<p>Und sie alle durften erfahren: Gott ist uns nahe, er ist bei uns. Er hat zu uns gesprochen und wir k\u00f6nnen mit ihm sprechen. Er hat unser Leben geteilt. Unsere Sorgen und N\u00f6te hat er selbst kennengelernt, unsere Leiden erlitten, unsere Einsamkeit und Verlassenheit durchgestanden, die Macht des B\u00f6sen am eigenen Leibe erfahren, unsere Ohnmacht und unser Preisgegebensein durchkostet und ist sogar unseren Tod gestorben.<\/p>\n<p>So hat Gott in Jesus Christus gehandelt. In seinem Leben und Wirken, Leiden, Sterben und Auferstehen hat Gott die neue Welt zeichenhaft Wirklichkeit werden lassen, die Welt, wie Gott sie wollte. Daran erkennen wir, welches Gottes Wille und Absicht mit uns und mit seiner ganzen Sch\u00f6pfung ist.<\/p>\n<p>Das ist mehr als nur ein sch\u00f6nes Bild \u00fcber dem Elend dieser Welt. Es ist ein Vor-Zeichen eines realen Geschehens, des machtvollen Eingreifens Gottes, des Kommens seines Reiches. In ihm wird es keine Sorgen und \u00c4ngste, keine Trennungen und Verletzungen, kein Leid und Elend, kein Abschied-nehmen-m\u00fcssen und Sterben, keine Tr\u00e4nen und Trauer, keine Verzweiflung und Resignation mehr geben. Das Tr\u00fcmmerfeld unserer Existenz wird verwandelt werden in eine neue Welt. Es ist eine heile Welt, eine Welt der Freude und Friedens zwischen Gott und den Menschen und zwischen seinen Gesch\u00f6pfen.<\/p>\n<p align=\"center\">IV.<\/p>\n<p>Das alles klingt sch\u00f6n und wunderbar, fast zu sch\u00f6n, um wahr zu sein. Ist das eine nicht eine l\u00e4ngst vergangene Vergangenheit, die mehr als 2000 Jahre zur\u00fcck liegt? Und ist das andere nicht Zukunftsmusik, die auf eine bessere Zeit, auf ein paradiesisches Jenseits vertr\u00f6stet, aber nicht wirklich hier und heute hilft? Ein Vorwurf, der den Christen immer wieder gemacht wurde und wird, ein Ablenkungsman\u00f6ver von den Problemen der Gegenwart?!<\/p>\n<p>Wir werden zum Sehen aufgefordert. Und das hei\u00dft, nicht nur auf das gegenw\u00e4rtige Leid und Elend sehen, sondern auch auf die Frau, die in einem Verkehrsunfall ihren Mann und ihren erwachsenen Sohn und dadurch den Sinn ihres Lebens verlor &#8211; und daran doch nicht zerbrach. Sehen &#8211; auch die alte, vereinsamte Frau im Altenheim, von ihren Kindern vergessen und Freunden verlassen &#8211; und die nicht in Selbstmitleid und Verbitterung versank. Sehen &#8211; auch den wenige Jahre vor seiner Rente entlassenen Arbeitslosen, f\u00fcr den die Welt zu zerbrechen schien und der daran nicht kaputt ging. Sehen\u2026<\/p>\n<p>Wir sehen, dass auch heute Menschen Freude im Leid erfahren, Trost in der Trauer, St\u00e4rkung in der Ohnmacht, Ermutigung in der Resignation, Durchhilfe im Verlassensein, Zuversicht in aller Aussichtslosigkeit, Neuorientierung in aller Sinnlosigkeit. Sonst g\u00e4be es in dieser Welt nur noch hoffnungslos und rettungslos verzweifelte, trauernde, mutlose, verbitterte und resignierte Menschen.<\/p>\n<p>Wir sehen darin den Anbruch der neuen Welt Gottes schon hier in unserer Welt und in unserem Leben &#8211; zeichenhaft und nur dem Glauben erkennbar und dennoch real und erfahrbar. Das best\u00e4rkt uns in unserer Gewissheit, dass diese neue Welt Gottes nicht Vertr\u00f6stung, nicht ein nie in Erf\u00fcllung gehender Wunschtraum oder Illusion ist, sondern Wirklichkeit werden wird. Das Wichtigste dabei ist aber, dass es der lebendige Herr selbst ist, damit alle seine Verhei\u00dfungen in unvorstellbarer, wunderbarer Weise erf\u00fcllen wird &#8211; indem er selbst kommt.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Berthold K\u00f6ber, K\u00f6ln<br \/>\nE-Mail: <a href=\"mailto:bwkoeber@gmx.de\">bwkoeber@gmx.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letzter Sonntag des Kirchenjahres, Ewigkeitssonntag, 26. 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