{"id":11468,"date":"2021-02-07T19:48:55","date_gmt":"2021-02-07T19:48:55","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11468"},"modified":"2023-02-09T17:55:40","modified_gmt":"2023-02-09T16:55:40","slug":"philipper-1-21-26","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/philipper-1-21-26\/","title":{"rendered":"Philipper 1, 21-26"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3 style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><b><span style=\"color: #000099;\">Letzter Sonntag des Kirchenjahres, Ewigkeitssonntag, 26. November 2006<br \/>\nPredigt zu Philipper 1, 21-26, verfa\u00dft von Reinhold Mokrosch<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p align=\"center\"><strong>\u201eWelche Einstellung haben wir zu unserem Tod?\u201c <\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">Liebe Gottesdienstbesucher, liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Der grauenhafte Amoklauf des 18j\u00e4hrigen ehemaligen Realsch\u00fclers Sebastian B. in Emsdetten \/ M\u00fcnsterland hat uns tief ersch\u00fcttert und ratlos gemacht. Ein offenbar vereinsamter und isolierter Jugendlicher suchte den Tod statt das Leben \u2013 allein! Er wollte, wie er im Internet schrieb, aus Rache an seiner ehemaligen Schule Lehrer und Sch\u00fcler mit in den Tod rei\u00dfen \u2013 allein! Seit zwei Jahren hatte er ein perfektes T\u00f6tungsarsenal aufgebaut \u2013 allein! Er hatte jahrelang t\u00f6tungsverherrlichende Videos gesehen und produziert \u2013 allein! Und er hatte wirklich zugeschlagen \u2013 allein! Er hat aus Lebensfrust sich selbst get\u00f6tet und wollte anonyme Andere t\u00f6ten \u2013 allein. Tod und T\u00f6ten waren f\u00fcr ihn die einzige Alternative zum Leben. Zwischen Volkstrauertag und Totensonntag.<\/p>\n<p>Liebe Gottesdienstbesucher! Mit diesem Erlebnis in den Knochen las ich am vergangenen Montag Abend unseren Predigt \u2013 Text aus Phil. 1, 21-26. Ich erschrak furchtbar. Ich sage Ihnen noch nicht warum. Ich m\u00f6chte zun\u00e4chst auch Ihnen den Text vorlesen:<\/p>\n<p align=\"center\"><em> (Verlesung des Predigt \u2013 Textes Phil 1, 21 \u2013 26) <\/em><\/p>\n<p>Sie verstehen meinen Schrecken: Auch Paulus gesteht: <em>\u201eIch habe Lust, aus der Welt zu scheiden.\u201c <\/em>Ja, er schrieb sogar: <em>\u201eSterben ist mein Gewinn.\u201c <\/em>Klingt das nicht \u00e4hnlich wie bei dem 18j\u00e4hrigen Amokl\u00e4ufer Sebastian B.? Nat\u00fcrlich nicht! Das wissen wir alle. Ja, ich muss mich entschuldigen, dass ich \u00fcberhaupt einen solchen Vergleich erwogen habe. Er kam mir nur unter dem Schock von Emsdetten. Auch der 18j\u00e4hrige Sebastian wollte aus dem Leben scheiden. Und wahrscheinlich sah er seinen Tod auch als Gewinn an. Trotzdem: Der Vergleich ist barer Unsinn!<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist Paulus\u2019 Situation total anders gewesen: Er sa\u00df in Ephesus im Gef\u00e4ngnis, richtig angekettet. Und er wusste nicht, ob er zum Tode verurteilt oder freigelassen w\u00fcrde. Wir heute wissen, das er noch einmal davon gekommen ist. Aber er wusste das damals noch nicht. Deshalb sind seine Worte angesichts seiner m\u00f6glichen Ermordung so bewegend: <em>\u201eIch bin bereit zu sterben\u201c, bekannte er, \u201eweil ich \u00fcberzeugt bin, dass ich dann mit Christus sterben und bei Christus sein werde.\u201c <\/em>Dieser unersch\u00fctterliche Glaube lie\u00df ihn sogar sagen: <em>\u201eSolches Sterben und Ermordetwerden ist mir ein Gewinn. Ja, ich bin bereit und habe Lust, so zu sterben.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Also \u2013 ist Paulus ein M\u00e4rtyrer gewesen? Nein! Von Martyriumssehnsucht kann bei ihm \u00fcberhaupt keine Rede sein. Er redete hier weder vom Suizid noch hatte er den Wunsch, zum Tode verurteilt zu werden. Im Gegenteil: Er hielt es ja f\u00fcr besser, wie er schrieb, weiter zu leben und das Evangelium von Jesus Christus weiter zu verk\u00fcndigen. M\u00e4rtyrer wollte er nicht sein. Aber er war, wenn er denn zum Tode verurteilt werden sollte, bereit zu sterben.<\/p>\n<p>Also doch ein M\u00e4rtyrer? Nein! Denn er schrieb ja: <em>\u201eChristus ist mein Leben!\u201c <\/em>D.h.: Nicht erst nach dem Tod, sondern schon mitten im Leben f\u00fchlte er sich mit Christus verbunden. Das kommt noch deutlicher in dem Vers vor unserem Predigt \u2013 Text zum Ausdruck. Denn dort hei\u00dft es: <em>\u201eIch hoffe, dass Christus verherrlicht wird an meinem Leib, sei es im Leben oder im Tod.\u201c (Phil 1,20) <\/em>Er f\u00fchlte und glaubte sich mit Christus verbunden keineswegs erst nach dem Tod, sondern auch und erst recht im Leben. Deshalb hatte er \u00fcberhaupt keine Todessehnsucht. Das unterschied ihn von jedem M\u00e4rtyrer \u2013 damals und heute.<\/p>\n<p>Das unterscheidet ihn nat\u00fcrlich auch total von dem 18j\u00e4hrigen Sebastian B. in Emsdetten, der aus Lebensfrust und Rachebed\u00fcrfnis andere und sich t\u00f6ten wollte. Ich brauche dazu nichts weiter zu sagen. Der Vergleich spottet Hohn.<\/p>\n<p>Aber er zeigt mir, dass wir vermutlich alle ein g\u00e4nzlich anderes Verh\u00e4ltnis zum Tod haben als Paulus. Wieso? F\u00fcr Paulus war es das Wichtigste, <em>\u201ein, mit und bei Christus zu sein\u201c. <\/em>Was bedeutete das f\u00fcr ihn? Ich m\u00f6chte es folgenderma\u00dfen zusammenfassen: Wenn Paulus sich <em> \u201ebei Christus\u201c <\/em>f\u00fchlte, dann f\u00fchlte er sich als <em>\u201eNeuer Mensch\u201c: <\/em>frei, unabh\u00e4ngig, vers\u00f6hnt, sorgenlos, zufrieden, angstfrei und auch ohne Angst vor Sterben und Tod. Und diesen Zustand, den er als Lebender erlebt hatte, stellte er sich auch als Toter vor. Tot sein war f\u00fcr ihn nicht besser als Leben und Leben war f\u00fcr ihn nicht besser als Tot sein. In beiden F\u00e4llen glaubte er, mit Christus frei, angstlos, sorgenlos und zufrieden zu sein.<\/p>\n<p>Ja, in der Tat: Paulus hatte ein g\u00e4nzlich anderes Verh\u00e4ltnis zum Tod als wir \u2013 vermute ich! K\u00f6nnen wir \u2013 besonders heute am Ewigkeits- bzw. Totensonntag \u2013 von ihm etwas lernen? Ist Paulus\u2019 Einstellung zum Tod f\u00fcr uns erstrebenswert? Ich m\u00f6chte mit einem klaren Ja antworten. Und ich m\u00f6chte Sie auffordern zu \u00fcberlegen, ob auch Sie diesem Ja folgen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Ich r\u00e4ume ein, dass viele von uns nicht so wie Paulus vor 2000 Jahren von einem \u201eLeben nach dem Tod\u201c reden k\u00f6nnen. Paulus lebte in der Antike, wir nicht. Wenn das also bei Ihnen so ist, dass Sie Paulus Glaube an ein Leben nach dem Tod so nicht \u00fcbernehmen k\u00f6nnen, dann bitte ich Sie, die paulinische Vorstellung, dass wir nach dem Tod <em>\u201ebei Christus und Gott sein werden\u201c <\/em>als <strong>Symbol <\/strong>aufzufassen. Ich sage nicht: \u201enur\u201c als Symbol. Ein Symbol ist und hat Realit\u00e4t. Ein Symbol hat Macht wie die Realit\u00e4t. Das Symbol des Ringes z.B. h\u00e4lt in Krisenzeiten oft eine Ehe zusammen. Ein Symbol ist stark. Und das Symbol <em>\u201enach dem Tod bei Christus und Gott sein\u201c <\/em>hat eine ungemein tr\u00f6stende und angstbefreiende Kraft. Deshalb bitte ich Sie, zu \u00fcberlegen, ob Sie an diesem Symbol festhalten k\u00f6nnen!<\/p>\n<p>Zum anderen bitte ich Sie, auch noch die andere Erfahrung von Paulus zu bedenken. Paulus bekannte ja: So wie Christus mir im Leben beistand, so wird er mir auch im Tode beistehen. Und umgekehrt: So wie er mir im Tode beistehen wird, so wird er mir auch im Leben beistehen. Christus und Gott sind die Kontinuit\u00e4ten zwischen mir als Lebendem und mir als Totem, sagt er. Ich finde diesen Gedanken gro\u00dfartig und enorm tr\u00f6stend: Ob ich als Ich weiterleben werde, wei\u00df ich nicht. Aber ich glaube, dass Christi und Gottes Geist meine Kontinuit\u00e4t sein wird.<\/p>\n<p>Ich w\u00e4re Ihnen dankbar, liebe Gottesdienstbesucher, wenn Sie sich auch auf diesen Gedanken heute am Ewigkeits- und Totensonntag einlassen k\u00f6nnten: So wie wir uns in Leben bei Christus und Gott geborgen f\u00fchlen, so wird es auch nach unserem Tod sein. Wir werden in Christus und Gott ruhen. Und falls wir uns im Leben nicht von Christus und Gott geborgen f\u00fchlen, aber hoffen, dass wir nach dem Tod bei Gott sein werden, dann sollten wir auch unersch\u00fctterlich hoffen und suchen, ob uns Christus und Gott nicht doch im Leben beigestanden haben.<\/p>\n<p>Solcher Glaube kennt keine Todessehnsucht. Erst recht nicht Rachebed\u00fcrfnisse. Und solcher Glaube befreit auch von der Angst vor dem Sterben. Die meisten von uns w\u00fcrden ja sagen: Vor dem Tod habe ich keine Angst, aber vor dem Sterbepropzess. Auch vor solcher Angst kann der Glaube bewahren. Denn wir k\u00f6nnen gewiss sein, dass uns Christi und Gottes Geist beim Sterben beistehen werden, &#8211; auch wenn es schwer werden sollte.<\/p>\n<p><em> \u201eChristus ist mein Leben\u201c, bekennt Paulus, \u201esowohl im Leben als auch im Tod!\u201c <\/em> Ich w\u00fcnschte, dass wir ihm diesen Satz nachsprechen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p><em> \u201eDer Friede Gottes, der h\u00f6her ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.\u201c Amen.<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><strong> Prof. Dr. Reinhold Mokrosch<br \/>\nInstitut f\u00fcr Evangelische Theologie an der Universit\u00e4t Osnabr\u00fcck<br \/>\n49069 Osnabr\u00fcck<br \/>\n0541-682134<br \/>\n<a href=\"mailto:rmokrosc@uni-osnabrueck.de\"> rmokrosc@uni-osnabrueck.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letzter Sonntag des Kirchenjahres, Ewigkeitssonntag, 26. 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