{"id":11477,"date":"2021-02-07T19:49:05","date_gmt":"2021-02-07T19:49:05","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11477"},"modified":"2023-02-03T15:50:55","modified_gmt":"2023-02-03T14:50:55","slug":"meditationstext-zu-dem-gedicht-christen-und-heiden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/meditationstext-zu-dem-gedicht-christen-und-heiden\/","title":{"rendered":"Meditationstext zu dem Gedicht: &#8222;Christen und Heiden&#8220;"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Theologische Meditationen zur Passionszeit<br \/>\nTexte im Anschlu\u00df an Briefe, Gedichte und Reflexionen aus Dietrich Bonhoeffers \u201eWiderstand und Ergebung\u201c<br \/>\nMeditationstext zu dem Gedicht: &#8222;Christen und Heiden&#8220; (WEN 382), J\u00f6rg Neijenhuis<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Wenn wir w\u00e4hrend der Passionszeit das Leiden Christi bedenken, ja, wenn wir den Leidensweg Christi abschreiten, erkennen wir in diesem Weg auch Wegabschnitte unseres eigenen Lebens und auch unseres Leidens. Wir erkennen unser Leben im Leiden, unser Leben in der Not \u2013 wir erkennen auch Leben, das Leiden und Not \u00fcberwindet. Der Mensch Jesus von Nazareth und wir Menschen begegnen uns im Leiden. Wir begegnen uns aber ebenso in der Hoffnung, dass das Leiden ein Ende haben m\u00f6ge. Wie viel Leiden hat Jesus nicht an den Kranken, Stummen, Tauben, Blinden und Lahmen beendet? Diese wundervollen Begegnungen finden in dem Gedicht \u00bbChristen und Heiden\u00ab von Dietrich Bonhoeffer einen au\u00dfergew\u00f6hnlichen Ausdruck.<\/p>\n<p>(Gedicht vorlesen; abgedruckt in: Dietrich Bonhoeffer: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hg. v. Eberhard Bethge [Neuausgabe], M\u00fcnchen 1977, 382; oder in: Dietrich Bonhoeffer: widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft (Dietrich Bonhoeffer Werke, Bd. 8), hg. v. Christian Gremmels u.a., M\u00fcnchen 1998, 515 f.)<\/p>\n<p>Das Gedicht \u00bbChristen und Heiden\u00ab hat Dietrich Bonhoeffer im Gef\u00e4ngnis geschrieben. Seit April 1943 war Bonhoeffer in Haft. W\u00e4hrend der Monate vor dem Attentatsversuch auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 muss das Gedicht entstanden sein, es war einem Brief vom 8. Juli 1944 beigegeben. Bonhoeffer wusste von dem Anschlag, banges Warten und Hoffen kennzeichneten seine Situation. Dann das fehlgeschlagene Attentat. Das Leiden an der politischen Situation sollte noch kein Ende haben. Damit verbunden war nat\u00fcrlich auch das pers\u00f6nliche Leiden, gefangen zu sein und um das eigene und das Leben der Verwandten und Freunde bangen zu m\u00fcssen. Trotz oder gerade wegen dieses Leidens nimmt Bonhoeffer Christen und Heiden gemeinsam und doch sehr differenziert in den Blick.<\/p>\n<p>Das Gedicht hat drei Strophen. Die erste Zeile jeder Strophe gibt die Begegnungen zwischen Menschen und Gott an. Drei Begegnungen werden genannt: Menschen gehen zu Gott in <em>ihrer<\/em> Not. Menschen gehen zu Gott in <em>Seiner<\/em> Not. Gott geht zu <em>allen<\/em> Menschen in ihrer Not.<\/p>\n<p>Die Begegnung in der ersten Strophe nimmt Naheliegendes auf, n\u00e4mlich, dass wir Menschen zu Gott in unserer Not gehen. Leidende Menschen flehen ihn um Hilfe an, sie bitten um Gl\u00fcck und Brot, ja sogar um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod. Warum sollte man Gott auch nicht darum bitten? Es gibt ja keinen Menschen, der diese N\u00f6te beheben k\u00f6nnte. Wer kann schon aus Schuld und Tod erretten als Gott allein? Wer kann schon wirklich Gl\u00fcck schenken, das nicht bald vergeht? Wer kann denn Brot schenken, das auch die Seele satt macht? Wer schenkt Hilfe, die die Not endg\u00fcltig wendet? Das kann nur Gott tun. Das kann kein Mensch vollbringen. Und das wissen nicht nur wir Christen, das wissen auch die Heiden. Bonhoeffer sieht alle Menschen, seien es Christen, seien es Heiden, in ihrer Gottesbegegnung. Diese Begegnung begr\u00fcndet er nicht damit, dass Gott alle Menschen liebt. Vielmehr sieht er, dass auch Heiden Gott um Abwendung der Not bitten. Es ist das Verlangen aller Menschen, dass das Leiden ein Ende haben soll.<\/p>\n<p>In der zweiten Strophe geht es wieder um die Begegnung zwischen Menschen und Gott. Aber nun ist nicht mehr der allm\u00e4chtige, der allumfassende Gott im Blick, sondern der Gott, der mitten in der Welt, mitten im Trubel des Lebens, auch mitten im Leiden zugegen ist. Es regt sich etwas in uns Menschen, wenn wir Not sehen, denn sie l\u00e4sst uns nicht gleichg\u00fcltig. Man kann sich kaltschn\u00e4uzig abwenden und die Not links liegen lassen, oder man l\u00e4sst sich von ihr anr\u00fchren. Wer von Not nicht absieht, sondern hinsieht, der sieht darin Gott. Bonhoeffer schreibt: Menschen, die zu Gott in seiner Not gehen, finden ihn arm, geschm\u00e4ht, sie finden ihn ohne Obdach und Brot. Er teilt das Schicksal jener Menschen, die in Not sind: Sie stehen nicht im Mittelpunkt des Lebens, sie halten sich am Rand des Lebens auf und f\u00fcrchten, abzust\u00fcrzen ins Nirgendwo. Ja, es ist noch viel mehr zu sehen: Sie sehen Gott verschlungen von S\u00fcnde, Schwachheit und Tod.<\/p>\n<p>Wollten wir Menschen Gott nicht bitten, uns davon zu befreien? Wo ist seine Kraft, unsere Not zu wenden, wenn er selbst von solcher Not verschlungen wird? Ist das ein Gott, der selbst Beistand ben\u00f6tigt? Bonhoeffer scheint das anzudeuten, wenn er die zweite Strophe beendet mit dem Satz, dass Christen Gott bei seinem Leiden beistehen. Bonhoeffer nennt nur Christen, die Heiden kommen an dieser Stelle nicht vor. Das ist kein Zufall. Denn man wird der geistlichen Bedeutung des Leidensweges Christi nur gewahr, wenn man ihn im Glauben abschreitet. Ja, man kann sich wohl ohne Glauben w\u00e4hrend der Passionszeit den Leidensweg Christi ansehen, um dann an Karfreitag unterm Kreuz zu stehen und zuzuschauen, was passiert. Christen aber schauen nicht von au\u00dfen zu, wenn Gott leidet. Sie selbst leiden mit. Es ist auch ihr eigenes Leiden, an dem Gott leidet. Paulus schreibt, dass er Anteil hat am Leiden Christi (II Kor 4,10 f., Phil 3,10 f.). Daran Anteil zu haben, ist allein Christen im Glauben m\u00f6glich, warum sollten Heiden mit Christus leiden wollen oder gar k\u00f6nnen? F\u00fcr dies Mitleiden ist der Glaube an Christus unabdingbar. Darum schreibt Bonhoeffer hier nicht, dass auch Heiden mitleiden, so wie Heiden und Christen gleicherma\u00dfen Gott um die Errettung aus der Not bitten. Vielmehr hei\u00dft es, dass Christen bei Gott in seinem Leiden stehen. Ist das vielleicht die uns manchmal abgr\u00fcndig erscheinende Tiefe des Glaubens? Dass Christen und Gott, dass Christen und Christus sich im Leiden begegnen, dort, wo es etwas auszuhalten gilt, wo es etwas zu ertragen gilt. Dort, wo der Schmerz sticht, wo die Not zu triumphieren scheint, wo S\u00fcnde das Sagen hat, wo der Tod regiert. Dort, wo es dunkel wird, dort wo nicht die Freude und nicht das helle Licht gesucht werden. Dort, wo im Glauben allein die Liebe z\u00e4hlt, jene Liebe des Beistehens, des Daseins, des Naheseins, die absehen kann davon, was man daf\u00fcr erh\u00e4lt \u2013 sei es Brot oder Gl\u00fcck, sei es Vergebung oder ewiges Leben.<\/p>\n<p>Die dritte Strophe beschreibt eine \u00fcberraschend andere Begegnung. Nun geht Gott zu allen Menschen in ihrer Not. Nun s\u00e4ttigt er Leib und Seele mit seinem eigenen Brot, und er stirbt den Kreuzestod f\u00fcr Christen und Heiden, ja, er vergibt beiden, Christen und Heiden. Nun wird wahr, was wir Menschen hoffen. Wir hoffen ja, dass das Leiden ein Ende hat, dass alle Not gewendet wird, dass Schuld vergeben und der Tod besiegt wird. Dass wir das nicht nur h\u00f6ren, sondern leben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Gedicht steht vielleicht f\u00fcr das Lebensgeschick Jesu: Sein Leben unter den Menschen, die ihn in ihrer Not um Hilfe bitten \u2013 das mag die erste Strophe im Blick haben. Mit der zweiten Strophe folgen die Passion und der Kreuzestod, das Leiden Gottes am Leiden der Menschen. Die dritte Strophe nimmt die Auferstehung in den Blick: Nach der \u00dcberwindung von Tod und S\u00fcnde wendet sich Gott allen Menschen gn\u00e4dig zu.<\/p>\n<p>Als Bonhoeffer dieses Gedicht im Jahr 1944 schrieb, war das Leiden in Deutschland und in den Kriegsgebieten unermesslich. Der Gedanke und der Entschluss, Hitler zu t\u00f6ten, um Deutschland und die Welt von diesem Irrsinn zu befreien, gehen ebenso \u00fcber alles menschliche Ermessen hinaus. Christen entschlie\u00dfen sich, einen Menschen zu t\u00f6ten, um Menschen zu retten, um Leben zu erm\u00f6glichen. Christen beschlie\u00dfen, um der Not der Menschen \u2013 die um Hilfe, die um Gl\u00fcck und Brot bitten \u2013, selbst Schuld auf sich zu nehmen. Ja, sogar die Schuld vor Gott auf sich zu nehmen, einen Menschen get\u00f6tet zu haben. Sie nehmen Leiden bewusst auf sich. Sie geraten nicht zuf\u00e4llig in das Leiden hinein, es kommt nicht \u00fcber sie, sondern sie rufen es hervor. Sie gef\u00e4hrden nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das ihrer Angeh\u00f6rigen. Sie nehmen in Kauf, selbst get\u00f6tet zu werden.<\/p>\n<p>Es ist wohl der nicht zu ergr\u00fcndende Gedanke, dass Leiden nur mit Leiden \u00fcberwunden werden kann, der aus der Kraft der Liebe kommt. Damit kommt nicht nur das Leiden anderer Menschen in den Blick, sondern das eigene Leiden, das in diesem Schritt Anteil hat am Leiden Christi.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>PD Dr. J\u00f6rg Neijenhuis, Pfarrer<br \/>\n<a href=\"mailto:Joerg.Neijenhuis@web.de\"> Joerg.Neijenhuis@web.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Theologische Meditationen zur Passionszeit Texte im Anschlu\u00df an Briefe, Gedichte und Reflexionen aus Dietrich Bonhoeffers \u201eWiderstand und Ergebung\u201c Meditationstext zu dem Gedicht: &#8222;Christen und Heiden&#8220; (WEN 382), J\u00f6rg Neijenhuis Liebe Gemeinde! 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