{"id":11481,"date":"2021-02-07T19:49:09","date_gmt":"2021-02-07T19:49:09","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11481"},"modified":"2023-01-30T15:11:40","modified_gmt":"2023-01-30T14:11:40","slug":"gottes-leiden-in-der-welt-mitleiden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/gottes-leiden-in-der-welt-mitleiden\/","title":{"rendered":"\u201eGottes Leiden in der Welt mitleiden\u201c"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Theologische Meditationen zur Passionszeit<br \/>\nTexte im Anschlu\u00df an Briefe, Gedichte und Reflexionen aus Dietrich Bonhoeffers \u201eWiderstand und Ergebung\u201c<br \/>\n\u201eGottes Leiden in der Welt mitleiden\u201c, Ralf W\u00fcstenberg <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p><strong>\u201eGottes Leiden in der Welt mitleiden\u201c Bonhoeffers Brief an E. Bethge vom 21.7.1944 \u2013 Eine Betrachtung zweier Briefpassagen<\/strong><\/p>\n<p>\u201eHeute will ich Dir nur so einen kurzen Gru\u00df schicken\u201c &#8211; Der Brief vom 21. Juli beginnt lapidar. Wenn im Anschluss von einem \u201eLebenszeichen\u201c die Rede ist, so klingt das ebenfalls lapidar, ist es jedoch keineswegs: Bonhoeffer verfasst diesen Brief einen Tag nach dem missgl\u00fcckten Attentat auf Hitler. F\u00fcr Mitwisser der Verschw\u00f6rung ist ein Lebenszeichen am 21.7.1944 viel. Dabei geh\u00f6rt es zur Unaufgeregtheit eines Charakters wie Bonhoeffer, dass man kaum eine Z\u00e4sur zu den theologisch motivierten Briefen zuvor sp\u00fcrt. Mit ruhiger Hand scheint er zu schreiben, in Glaubensgewissheit gebettet und doch in der \u201evollen Diesseitigkeit\u201c stehend.<\/p>\n<p><em>Briefpassage 1 <\/em><\/p>\n<p>\u201eIch habe in den letzten Jahren mehr und mehr die tiefe Diesseitigkeit des Christentums kennen und verstehen gelernt; nicht ein homo religiosus, sondern ein Mensch schlechthin ist der Christ, wie Jesus \u2026 Mensch war. Nicht die platte und banale Diesseitigkeit der Aufgekl\u00e4rten, der Betriebsamen, der Bequemen oder der Lasziven, sondern die tiefe Diesseitigkeit, die voller Zucht ist und in der die Erkenntnis des Todes und der Auferstehung immer gegenw\u00e4rtig ist, meine ich.\u201c<\/p>\n<p>Wenn Bonhoeffer von \u201eden letzten Jahren\u201c spricht, wird er biographisch den Anschluss an die Widerstandsbewegung meinen, theologisch sein Ringen um Rechtfertigung angesichts der Schuld, die er damit auf sich l\u00e4dt und die seine Ethik-Fragmente und gro\u00dfe Teile seiner Tegeler Theologie durchziehen. Bonhoeffer, f\u00fcr den es kein Entrinnen aus der Fall des Schuldigwerdens gibt (denn ein \u201eNichtstun\u201c im Hitler-Deutschland w\u00fcrde ihn noch schuldiger werden lassen als ein Handeln) \u2013 ihn treibt sein Gewissen in den politischen Widerstand.<\/p>\n<p>Im verantwortlichen Handeln entscheidet sich Bonhoeffer f\u00fcr das Gegenteil dessen, was seiner Ansicht nach \u201eReligion\u201c kennzeichnet. Ein \u201ehomo religiosus\u201c ist nach Bonhoeffer ein Mensch, der sich entweder in sein Schneckenhaus verkriecht und den R\u00fcckzug in die Innerlichkeit antritt oder ins andere Extrem verf\u00e4llt, n\u00e4mlich sich ins Jenseits fl\u00fcchtet statt sich im gelebten Leben \u201eim Beten und Tun des Gerechten\u201c als Christenmensch zu bew\u00e4hren.<\/p>\n<p>Religion ist f\u00fcr Bonhoeffer so etwas wie eine Chiffre: Der Begriff steht f\u00fcr das Gegenteil von Leben. Nichtreligi\u00f6se Interpretation beabsichtigt nach Bonhoeffer eine auf das konkrete Leben bezogene Auslegung biblischer Begriffe. \u201eLeben\u201c ist dabei offenbar mehr als \u201eLebendigkeit\u201c oder \u201ebiologisches Dasein\u201c. Denn f\u00fcr dieses Leben gilt: \u201eDie Erkenntnis des Todes und der Auferstehung ist immer gegenw\u00e4rtig\u201c. Hier ist keine Flucht ins Jenseits gemeint (und damit letztlich doch etwas \u201eReligi\u00f6ses\u201c), sondern eine Diesseitigkeit, die christologisch qualifiziert ist. Das meint zum einen den qualitativen Unterschied zu aller religi\u00f6sen Weltflucht; zum anderen aber auch einen qualitativen Unterschied zum rein weltlichen Verst\u00e4ndnis von Diesseitigkeit, wie es f\u00fcr Bonhoeffer die Lebensphilosophie des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts verk\u00f6rperte. Bonhoeffer las mit gro\u00dfem Eifer im Wehrmachtsuntersuchungsgef\u00e4ngnis von Tegel Wilhelm Dilthey und Jose Ortega y Gasset, die ebenfalls alles Metaphysische zugunsten einer Erkenntnis, die aus der F\u00fclle des Lebens gewonnen wird, ablehnten. Leben ist f\u00fcr Bonhoeffer mehr und etwas anderes als die \u201eF\u00fclle des Lebens.\u201c Er signalisiert dieses, wenn er von \u201etiefer Diesseitigkeit\u201c spricht. Leben ist nun nicht mehr nur genie\u00dfen, sondern Teilnahme am Leiden Gottes in der Welt, das hei\u00dft wie Bonhoeffer an anderer Stelle schreibt: \u201eGottes Leiden in der Welt mit zu leiden\u201c. Diese Teilnahme setzt \u201eZucht\u201c voraus: \u201eZiehst du aus , die Freiheit zu suchen, so lerne vor allem Zucht der Sinne und deiner Seele, dass die Begierden und deine Glieder dich nicht bald hierhin und bald dorthin f\u00fchren. Keusch sei dein Geist und dein Leib, g\u00e4nzlich dir selbst unterworfen, und gehorsam, das Ziel zu suchen, das ihm gesetzt ist. Niemand erf\u00e4hrt das Geheimnis der Freiheit, es sein den durch Zucht.\u201c \u2013 So schreibt Bonhoeffer \u00fcber die \u201eZucht\u201c als \u201eStation auf dem Weg zur Freiheit\u201c, einem der letzten von ihm erhaltenen Gedichten.<\/p>\n<p><em>Briefpassage 2: <\/em><\/p>\n<p>\u201eErst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens\u201c lernt man glauben. \u201eWenn man v\u00f6llig darauf verzichtet hat, etwas aus sich zu machen \u2013 sei es einen Heiligen oder einen bekehrten S\u00fcnder oder einen Kirchenmann (eine so genannte \u201epriesterliche Gestalt\u201c!), einen Gerechten oder einen Ungerechten, einen Kranken oder einen Gesunden, und dies nenne ich Diesseitigkeit, n\u00e4mlich in der F\u00fclle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Misserfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten leben, &#8211; dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern das Leiden Gottes in der Welt ernst, dann wacht man mit Christus in Gethsemane, und ich denke, das ist Glaube, das ist \u201emetanoia\u201c (Umkehr, Bu\u00dfe); und so wird man ein Mensch, ein Christ.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr Bonhoeffers konkrete Ethik ist bezeichnend, dass es nichts \u201eStatisches\u201c, \u201eImmer\u201c geltendes gibt. Der antimetaphysische Zug wirkt sich auch auf das Glaubensverst\u00e4ndnis aus. Der Glaube l\u00e4sst sich nicht einfach in die Zeit hinein ausdehnen. Er \u201eist\u201c nicht so oder so. Glaube \u201ewird\u201c wie die Tat im konkreten Tun. Man \u201ewird ein Mensch, ein Christ\u201c. Im \u201eBezogensein auf\u201c ist der Glaubende Christus nahe. Ganz den Blick auf Christus lenken, so formuliert er in den Ethik. Gut lutherisch bringt Bonhoeffer in unserem Brief dieses Bezogensein in einen Gegensatz. Bezogensein auf sich selbst \u2013 Bezogensein auf Gott; bei Bonhoeffer: nicht die eigenen Leiden, sondern Gottes Leiden in der Welt ernst nehmen. Auch der Leidensbegriff ist \u2013 wie der Lebensbegriff im Allgemeinen und der der Diesseitigkeit im Besonderen \u2013 christologisch qualifiziert: Leiden als Teilnahme Gottes in der Welt. Die Qualifikation erschlie\u00dft sich erst \u00fcber den Gottesbezug. Glaube wird zur \u201eTeilnahme am Sein Jesu\u201c, das sich selbst als \u201eDasein f\u00fcr andere\u201c qualifiziert.<\/p>\n<p>Dieses Glaubensverst\u00e4ndnis ist voller Dynamik, weil er nicht schon immer gegeben ist, sondern Wagnis bleibt, Herausforderung. Es kommt immer wieder erst in der \u201evollen Diesseitigkeit\u201c zur Entfaltung. Hier wird glauben gelernt &#8211; \u201egelernt\u201c in dem Sinne, dass immer wieder neu der Blick auf Christus gerichtet wird \u2013 ein echter \u201eLernproze\u00df\u201c, in dem schlie\u00dflich auch die eigne M\u00fcdigkeit im Glauben \u00fcberwunden werden kann (vgl. Bonhoeffers Anspielung auf Gethsemane).<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Ralf W\u00fcstenberg<br \/>\n<a href=\"mailto:wustenbe@zedat.fu-berlin.de\">wustenbe@zedat.fu-berlin.de <\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Theologische Meditationen zur Passionszeit Texte im Anschlu\u00df an Briefe, Gedichte und Reflexionen aus Dietrich Bonhoeffers \u201eWiderstand und Ergebung\u201c \u201eGottes Leiden in der Welt mitleiden\u201c, Ralf W\u00fcstenberg \u201eGottes Leiden in der Welt mitleiden\u201c Bonhoeffers Brief an E. 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