{"id":11483,"date":"2021-02-07T19:49:06","date_gmt":"2021-02-07T19:49:06","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11483"},"modified":"2023-02-03T10:37:02","modified_gmt":"2023-02-03T09:37:02","slug":"von-der-dummheit-we-17-20","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/von-der-dummheit-we-17-20\/","title":{"rendered":"Von der Dummheit (WE 17-20)"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Meditationen \u00fcber Texte von Dietrich Bonhoeffer &#8211; 2006<br \/>\nMeditation \u00fcber Dietrich Bonhoeffer: Von der Dummheit (WE 17-20)<br \/>\nHans Gammeltoft-Hansen (D\u00e4nemark) <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p><strong>Der schlimmste Feind des Guten<\/strong><\/p>\n<p>Der gef\u00e4hrlichste Feind des Guten ist nicht die Bosheit, sagt Bonhoeffer; es ist die Dummheit. Die Dummheit, die entsteht, wenn Menschen \u2013 oft in Gruppen \u2013 dumm <em>gemacht<\/em> werden, oder sich vielleicht sogar geradezu dumm machen lassen. Wenn die Menschen in ihrer Unwissenheit und Dummheit ihrer inneren Selbst\u00e4ndigkeit beraubt worden sind, sind sie auch f\u00e4hig, b\u00f6se zu handeln. \u2013 Das schreibt Bonhoeffer im Winter 1942-43 aus dem Gef\u00e4ngnis in einem R\u00fcckblick auf die 10 Jahre, die seit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten vergangen sind.<\/p>\n<p>Dummheit, Unwissenheit, soll ein gef\u00e4hrlicher Feind des Guten sein, gef\u00e4hrlicher als die bewusste Bosheit? \u2013 Ein merkw\u00fcrdiger Gedanke f\u00fcr den Juristen, der mit unserem Strafrecht vertraut ist. Denn in diesem System, in dem die Empfindungen und Gedanken der Gesellschaft \u00fcber das B\u00f6se in rechtliche Normen umgesetzt sind, ist es doch gerade umgekehrt.<\/p>\n<p>Nur die Tat, die wissentlich oder absichtlich begangen ist, kann mit schwerer Strafe belegt werden. Der Jurist nennt das \u201eVorsatz\u201c; und der Vorsatz kann in Absicht (Wille) oder Einsicht (Wissen) bestehen. Aber man kann ja nicht etwas mit Willen oder Absicht tun, ohne auch davon zu wissen, deshalb geh\u00f6rt Wissen oder Einsicht unter allen Umst\u00e4nden dazu. Wissen darum, dass die Handlung, die man ausf\u00fchrt, anderen Schaden zuf\u00fcgt. \u2013 Zwar kann man auch f\u00fcr etwas bestraft werden, wovon man nichts wusste, wovon man aber in hohem Ma\u00dfe Wissen und Einsicht haben sollte; man nennt das \u201eFahrl\u00e4ssigkeit\u201c. Aber hier befinden wir uns auf der relativ gesehen niedrigeren Ebene von weitaus geringeren Strafen. Schwere Strafe f\u00fcr eine b\u00f6se Tat setzt Wissen und Bewusstsein darum voraus bei demjenigen, der die Tat begeht.<\/p>\n<p>Was stimmt nun? Was ist der schlimmste Feind des Guten, die bewusste Bosheit oder die Dummheit, die Unwissenheit?<\/p>\n<p>Ja, betrachtet man sein eigenes Innere, dann herrscht wohl kein Zweifel: Es ist f\u00fcr mich als Mensch schlimmer, b\u00f6se zu sein als dumm und unwissend. Die Bosheit im Menschen ist wie eine Krankheit, ein Krebsgeschw\u00fcr, das die Menschlichkeit wegfrisst. Jedenfalls, wenn sie sich zu einer Eigenschaft entwickelt hat, die ich kenne und f\u00fcr deren Z\u00e4hmung ich nichts tue, und ich nichts unternehme, um ihre Folgen zu lindern oder zu beseitigen.<\/p>\n<p>Und die Dummheit? Mit ihr kann man jedenfalls selbst besser leben, unter anderem weil man sie in der Regel nicht erkennt; w\u00fcrde man sie erkennen, w\u00e4re man ja nicht dumm und unwissend. \u2013 Erst im Nachhinein sieht man es vielleicht ein \u2013 und \u00e4rgert sich.<\/p>\n<p>Aber es mag sein, dass es f\u00fcr die Anderen nicht so leicht ist, mit der Dummheit zu leben, f\u00fcr diejenigen n\u00e4mlich, die ihren Folgen ausgesetzt sind. Vielleicht ist es in Wirklichkeit f\u00fcr Andere schwerer, mit der Dummheit als mit der bewussten Bosheit zu leben. \u00dcber sie ist man sich im Klaren. Und sie hat wohl auch eine Tendenz, sich im Verh\u00e4ltnis zum Gemeinsam-Menschlichen zu isolieren, wenn sie ihr h\u00e4ssliches Angesicht deutlich zeigt.<\/p>\n<p>\u201eDie Dummheit,\u201c schreibt Bonhoeffer aus dem Gef\u00e4ngnis der Nazis, \u201escheint vielleicht weniger ein psychlogisches als ein soziologisches Problem zu sein.\u201c Die Dummheit hat, in dem Spiegel eines Jahrzehnts, in dem er sie betrachtet, nichts mit den intellektuellen F\u00e4higkeiten des Einzelnen zu tun. Die Dummheit, wenn sie der schlimmste Feind der Guten ist, ist die Dummheit der Vielen, ist dies, dass sich die Vielen dumm machen lassen.<\/p>\n<p>Wenn das geschieht \u2013 und darauf hat das Deutschland der 1930er und 40er Jahre gewiss nicht das Patent \u2013, dann kann die Folge Bosheit sein, manchmal sogar gro\u00dfe Bosheit. Dann k\u00f6nnen die Machthaber im Schutze der Unwissenheit und Dummheit der Vielen mit viel Bosheit durchkommen. Dann k\u00f6nnen die Schwachen misshandelt, unterdr\u00fcckt oder gedem\u00fctigt werden, ohne dass ein Finger ger\u00fchrt w\u00fcrde, um das zu verhindern, oder ein Mund ge\u00f6ffnet w\u00fcrde, um dagegen zu protestieren; jedenfalls nicht genug Finger oder M\u00fcnder, so dass sie eine Wirkung h\u00e4tten, so dass sie den Untaten, der Unterdr\u00fcckung oder den Dem\u00fctigungen ein Ende machen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>\u201eDas B\u00f6se tr\u00e4gt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zur\u00fcckl\u00e4sst,\u201c sagt Bonhoeffer, \u201eaber gegen die Dummheit sind wir wehrlos.\u201c<\/p>\n<p>Es gibt recht viele Dinge, von denen wir jeder f\u00fcr sich nicht viel wissen. Aber sind wir nicht trotzdem oft geneigt, uns eine Meinung \u00fcber solche Dinge zu bilden \u2013 und dieser, in Wirklichkeit schlecht begr\u00fcndeten, Meinung Ausdruck zu verleihen? Wir haben durch Zufall jemanden dar\u00fcber reden h\u00f6ren, wir haben einige Ausschnitte im Fernsehen gesehen, wir haben ein paar oberfl\u00e4chliche oder einseitige Artikel in der Zeitung gelesen. All das gibt uns keineswegs eine Grundlage, etwas dar\u00fcber zu wissen. Aber h\u00e4lt uns dies etwa immer davon ab, dennoch eine Meinung zu haben, und davon, sie kundzutun? Kaum viele von uns k\u00f6nnen sich davon freisprechen, sich mindestens hin und wieder so zu verhalten.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen, bei einer guten Gelegenheit mit ehrlicher Besinnung, vielleicht sehen, dass etwas eigentlich dumm ist. Aber b\u00f6se? Nein, so wollen wir es sicher nicht auffassen.<\/p>\n<p>Und dann kommt Bonhoeffer, mit seiner zehnj\u00e4hrigen bitteren und ersch\u00fctternden Erfahrung, und stellt uns vor die unbequeme Frage, ob wir uns denn dessen so sicher sein k\u00f6nnen, dass es nicht schlicht und einfach b\u00f6se ist, was wir tun.<\/p>\n<p>Vielleicht haben wir uns selbst in unserer unwissenden und dummen Selbstsicherheit in eine wachsende Gruppe begeben, die die Grundlage daf\u00fcr abgibt, dass andere Menschen \u2013 die Schwachen, die Minderheiten in unserer Gesellschaft \u2013 ein b\u00f6ses Schicksal erleiden.<\/p>\n<p>Vielleicht hat der Mann, der im Gef\u00e4ngnis sa\u00df und auf das vergangene Jahrzehnt zur\u00fcckblickte, Recht. Vielleicht ist die Dummheit ein gr\u00f6\u00dferer Feind des Guten, als es die eigentliche Bosheit ist.<\/p>\n<p>Vielleicht befinden wir uns tats\u00e4chlich in der Gefahr, dass wir in unserer Unwissenheit und Dummheit nicht allein unwissend und dumm sind \u2013 sondern b\u00f6se.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. jur Hans Gammeltoft-Hansen, Ombudsmand des d\u00e4nischen Folketing<br \/>\nE-mail: <a href=\"mailto:ombudsmanden@ombudsmanden.dk\">ombudsmanden@ombudsmanden.dk <\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meditationen \u00fcber Texte von Dietrich Bonhoeffer &#8211; 2006 Meditation \u00fcber Dietrich Bonhoeffer: Von der Dummheit (WE 17-20) Hans Gammeltoft-Hansen (D\u00e4nemark) Der schlimmste Feind des Guten Der gef\u00e4hrlichste Feind des Guten ist nicht die Bosheit, sagt Bonhoeffer; es ist die Dummheit. 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