{"id":11491,"date":"2021-02-07T19:49:04","date_gmt":"2021-02-07T19:49:04","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11491"},"modified":"2023-02-05T16:53:33","modified_gmt":"2023-02-05T15:53:33","slug":"meditation-ueber-den-brief-dietrich-bonhoeffers-vom-8-6-44-we-215-221","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/meditation-ueber-den-brief-dietrich-bonhoeffers-vom-8-6-44-we-215-221\/","title":{"rendered":"Meditation \u00fcber den Brief Dietrich Bonhoeffers vom 8.6.44 ( WE 215-221)"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Meditationen \u00fcber Texte von Dietrich Bonhoeffer &#8211; 2006<br \/>\nMeditation \u00fcber den Brief Dietrich Bonhoeffers vom 8.6.44 ( WE 215-221)<br \/>\nKirsten Arngod Nielsen, Lis Ladefoged (D\u00e4nemark) <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<\/div>\n<p style=\"font-weight: 400;\"><strong>Christus und die m\u00fcndige Welt<\/strong><\/p>\n<div align=\"left\">\n<p>Lesung: Gen. 3,1-7, 22-24<\/p>\n<p>Und Gott der Herr sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und wei\u00df, was gut und b\u00f6se ist.<br \/>\nDer Mensch wollte sein wie Gott. Und er wurde wie Gott. Anscheinend. Der Mensch selbst glaubte, er sei m\u00fcndig geworden. Der Mensch sah klar, dass er schon l\u00e4ngst \u00fcber das Stadium des Kindes hinausgelangt war, wo es g\u00f6ttlicher Autorit\u00e4t bedurfte, um all das Unverst\u00e4ndliche erkl\u00e4rt zu bekommen. Jetzt konnte er ohne Gott zurechtkommen. Er hatte Gott nicht mehr n\u00f6tig. Die Arbeitshypothese Gott war \u00fcberfl\u00fcssig geworden. Jetzt konnte der Mensch selbst alles bew\u00e4ltigen. Er konnte auch das Gewicht derjenigen Fragen aushalten, die noch unbeantwortet waren.<\/p>\n<p>Der m\u00fcndige Mensch wollte nicht abh\u00e4ngig sein. An Gott zu glauben, war f\u00fcr den m\u00fcndigen Menschen nicht mehr notwendig. Er glaubte an sich selbst. Er hattte keinen Bedarf mehr, von Gott geschaffen zu sein, er hatte auch keinen Bedarf mehr, von einem Gott gefunden zu werden. Und er hatte \u00fcberhaupt keinen Bedarf mehr zu h\u00f6ren, dass Gott sich aus der Welt zur\u00fcckgezogen hatte. Denn es war ja gerade das Verschwinden Gottes, das der m\u00fcndige Mensch so deutlich sah.<\/p>\n<p>Aber der m\u00fcndige Mensch litt an Ged\u00e4chtnisschwund. Er hatte vergessen, dass er geschaffen war \u2013 geschaffen im Bild Gottes. Er erinnerte sich nur, dass der Unterschied zwischen Gott und ihm selbst so gro\u00df war, dass es war, wie wenn Gott in diesem Unterschied verschw\u00e4nde. Gott hatte wirklich \u00fcberhaupt nichts mit dem Menschen zu tun. Gott war f\u00fcr den m\u00fcndigen Menschen v\u00f6llig im Jenseits verschwunden.<\/p>\n<p>Deshalb musste Gott den Ged\u00e4chtnisschwund der Menschen auf sich nehmen. Gott musste mitten in diese Welt gehen, in das Dasein des m\u00fcndigen Menschen \u2013 ja, Gott musste mit dem m\u00fcndigen Menschen eins werden. Er musste der Mensch werden, der am Ende ruft: \u201eMein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!\u201c<\/p>\n<p>Wir, die wir uns selbst als m\u00fcndige, unabh\u00e4ngige Menschen sahen, hatten uns in die Tiefe des Vergessens und Verdr\u00e4ngens fallen lassen. Als m\u00fcndige Menschen wollten wir Gott verschwinden lassen. Aber Gott wollte uns nicht in unserem Ged\u00e4chtnisschwund verschwinden lassen. Gott wollte unser Ged\u00e4chtnis aufwecken. Er wollte uns ins Ged\u00e4chtnis rufen, dass unsere ganze Welt, unsere ganze Existenz als ein Gleichnis zu sehen ist, als eine Erinnerung an eine ganz andere Welt, eine ganz andere Existenz, einen ganz anderen Menschen, der Teil einer ganz anderen Geschichte ist \u2013 n\u00e4mlich der Geschichte Gottes. Und deshalb tat Gott das Unerh\u00f6rte: er ging auf den m\u00fcndigen Menschen los. Buchst\u00e4blich. In Jesus ging er auf uns los, er wurde Fleisch<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"> (*)<\/a>, so dass wir nie mehr vergessen k\u00f6nnen, dass Gott hier mitten in unserer Welt ist. Denn wohl sind Gott und Welt so verschieden, wie Sch\u00f6pfer und Sch\u00f6pferwerk es sein m\u00fcssen, aber zugleich ist diese Welt Gottes Welt. Gott hat sie zu seiner Welt gemacht.<\/p>\n<p>Und Gott macht unsere Geschichte, macht die Geschichte, die davon handelt, Gott zu versagen, ihn in die Jenseitigkeit zu verweisen, \u2013 diese Geschichte macht er zu seiner Geschichte, indem er sich in Christus am Kreuz freiwillig aus der Welt dr\u00e4ngen l\u00e4sst. Gott nimmt in Christus unsere Verdr\u00e4ngung Gottes auf sich. In Christus gab Gott sich ganz dem irdischen Leben hin \u2013 und mit ihm erhalten wir die Freiheit, dasselbe zu tun. Wir erhalten die Freiheit, die weltlichen, modernen Menschen zu sein, die wir nun einmal sind. Denn mitten in unserer Weltlichkeit, mitten in unserer scheinbaren Gottlosigkeit werden wir unaufh\u00f6rlich daran erinnert, dass Gott in Christus auf uns losgegangen ist, Fleisch geworden ist und deshalb nie mehr aus unserer Welt entfernt werden kann.<\/p>\n<p>Lesung: Phil. 2,6-11<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastorin Kirsten Arngod Nielsen (E-mail: <a href=\"mailto:karn@km.dk\">karn@km.dk<\/a>)<br \/>\nPastorin Lis Ladefoged (E-mail: <a href=\"mailto:ladefoged@stofanet.dk\">ladefoged@stofanet.dk <\/a>) <\/strong><\/p>\n<p>(*) disse ord er min tilf\u00f8jelse. Kort forinden er der to gange brugt formuleringen \u201eGud gik i k\u00f8det p\u00e5 os\u201c. Det har jeg oversat til &#8230; ging auf uns los. Men for at tydeligg\u00f8re hentydningen til inkarnationen har jeg tilf\u00f8jet ordene <em>han blev k\u00f8d<\/em>.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meditationen \u00fcber Texte von Dietrich Bonhoeffer &#8211; 2006 Meditation \u00fcber den Brief Dietrich Bonhoeffers vom 8.6.44 ( WE 215-221) Kirsten Arngod Nielsen, Lis Ladefoged (D\u00e4nemark) Christus und die m\u00fcndige Welt Lesung: Gen. 3,1-7, 22-24 Und Gott der Herr sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und wei\u00df, was gut und b\u00f6se ist. 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