{"id":11522,"date":"2021-02-07T19:49:09","date_gmt":"2021-02-07T19:49:09","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11522"},"modified":"2023-01-30T15:52:19","modified_gmt":"2023-01-30T14:52:19","slug":"die-liebe-ertraegt-alles-sie-glaubt-alles-sie-hofft-alles-sie-duldet-alles","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/die-liebe-ertraegt-alles-sie-glaubt-alles-sie-hofft-alles-sie-duldet-alles\/","title":{"rendered":"Die Liebe ertr\u00e4gt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles."},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Traupredigt 2006<br \/>\nzu 1. Korinther 13, 7, verfasst von Ulrich Nembach <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p><strong>1. Korinther 13, 7: <\/strong><strong> Die Liebe ertr\u00e4gt alles, sie glaubt alles, <\/strong><br \/>\n<strong>sie hofft alles, sie duldet alles. <\/strong><\/p>\n<p>Liebes Brautpaar!<br \/>\nLiebe Hochzeitsgemeinde!<\/p>\n<p>Sie sind hierher gekommen in die sch\u00f6ne, alte Petrikirche, um f\u00fcr Ihr gemeinsames Leben sich feierlich Ihrer Liebe gegenseitig zu versichern und um f\u00fcr Ihr Leben in Gemeinschaft Gottes Segen zu erbitten. Ihre Gemeinschaft stellen Sie ausdr\u00fccklich unter das Wort<\/p>\n<p align=\"center\"><em>Die Liebe ertr\u00e4gt alles, sie glaubt alles,<br \/>\n<\/em><em>sie hofft alles, sie duldet alles.<\/em><\/p>\n<p>Dieses Wort stammt aus dem 1. Korintherbrief des Paulus, dem 13. Kapitel, dem Kapitel, das vorhin vorgelesen wurde. Dieses Kapitel begegnet Ihrer Ehe hier erneut. Es hatte bereist die Standesbeamtin in ihrer Rede bei der standesamtlichen Trauung aus dem 13. Kapitel zitiert. Sie haben nun einen anderen Vers ausgew\u00e4hlt. <em>Die Liebe ertr\u00e4gt alles.<\/em><\/p>\n<p>Damit ist alles gesagt, sollte man meinen, aber dennoch braucht Paulus ein ganzes Kapitel, um die Liebe zu beschreiben, die alles tr\u00e4gt. Paulus ergeht es hier \u00e4hnlich wie \u00c4rzten in der Klinik und wie Anw\u00e4lten in ihrer Kanzlei. \u00c4rzte m\u00fcssen ihren Patienten erkl\u00e4ren, was die Diagnose bedeutet. Anw\u00e4lte m\u00fcssen ihren Mandanten erkl\u00e4ren, was der Anspruch bedeutet, welche Folgen er vor Gericht haben kann. \u00c4hnlich ergeht es Paulus mit der Liebe und mir heute, zumal das Wort \u201eLiebe\u201c \u00fcberall und f\u00fcr alles gebraucht wird. Inzwischen wei\u00df niemand mehr genau, was \u201eLiebe\u201c ist oder was Paulus gar unter \u201eLiebe\u201c versteht. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit dem Wort \u201ealles\u201c. \u201eAlles\u201c meint alles und nichts. Das Fazit, das ich aus diesem sprachlichen Durcheinander ziehe, ist: ich will beide Worte, \u201ealles\u201c und \u201eLiebe\u201c, erkl\u00e4ren. Als Hilfe dazu habe ich mir zwei Beispiele ausgesucht. Es sind zwei Geschichten, eine reale und eine ausgedachte.<\/p>\n<p>Was hei\u00dft <em>alles<\/em>? Zur Erkl\u00e4rung soll die reale Geschichte helfen. Sie ist ganz konkret. Es geht um Rostock, Ihre Stadt, in der Sie leben und um diese Gemeinde, Ihre Gemeinde, und um diese Kirche. Was haben Sie und was hat diese Stadt mit dieser Kirche <em>alles<\/em> erlebt? Gegr\u00fcndet wurde Rostock in dem ausgehenden 12. Jahrhundert. Davor war dieser Ort von Wenden und davor von Germanen bewohnt. Ich m\u00f6chte mich auf die Zeit seit der Gr\u00fcndung des heutigen Rostock beschr\u00e4nken. Das sind immerhin \u00fcber 800 Jahre, eine lange Zeit. Vieles kann in den langen Jahrhunderten passieren und ist passiert.<\/p>\n<p>Schon die aller j\u00fcngste Vergangenheit, die wir selbst erlebt haben, brachte eine Menge Ereignisse, die von uns und von den B\u00fcrgern Rostocks bew\u00e4ltigt werden mussten. 1989, nach der Wende, gab es Probleme mit den Werften; der Alltag der Bewohner der Stadt ver\u00e4nderte sich total. Davor gab es bereits eine totale Ver\u00e4nderung 1945, davor 1933. \u00c4hnlich erging es den Einwohnern in fr\u00fcheren Zeiten, die wir nur aus Geschichtsb\u00fcchern kennen und von denen die Mauern dieser Stadt, auch und besonders von den Mauern dieser Kirche, der \u00e4ltesten der Stadt berichten. Vielleicht waren die Ver\u00e4nderungen nicht immer so radikal wie im 20, Jahrhundert. Es gab aber immer wieder Probleme f\u00fcr die Einwohner, f\u00fcr die ganze Stadt, f\u00fcr die Kirche und f\u00fcr diese Petrikirche. Feuer, Gewitter, Sturm, Politik und Krieg trafen Stadt und Kirche. 1942 griffen britische Bomber Rostock an und zerst\u00f6rten die Stadt und mit ihr die Petrikirche. 1543 vernichte ein Feuer den Kirchturm; 1575, 1581, 1610 und \u00f6fter verrichteten Gewitter und Sturm ihr zerst\u00f6rerisches Werk an der Petrikirche. Allein in wenigen Jahren von 1543 -1610 wurde die Petrikirche viermal getroffen. Die B\u00fcrgen bauten wieder auf, was Feuer und Sturm zerst\u00f6rten. Dabei waren sie selbst und ihre H\u00e4user von Feuer und Sturm getroffen worden. Schon 1311, bereits w\u00e4hrend des Baues der Kirche, wurden Steine von der Kirche wieder ab-getragen und f\u00fcr einen Wachturm bei Warnem\u00fcnde verwendet zum Schutz vor den D\u00e4nen. Die D\u00e4nen haben damals auf Grund der f\u00fcr sie g\u00fcnstigen politischen Gro\u00dfwetterlage ihre Herrschaft im Ostseeraum ausgeweitet, u.a. eroberten sie die Insel R\u00fcgen. Noch zur Zeit der Reformation unterstand R\u00fcgen kirchlich gesehen dem d\u00e4nischen K\u00f6nig.<\/p>\n<p>Dabei hatte alles bei der Gr\u00fcndung Rostocks sehr hoffnungsvoll begonnen. Die politische Gro\u00dfwetterlage war ebenfalls g\u00fcnstig f\u00fcr St\u00e4dtegr\u00fcndungen am S\u00fcdufer der Ostsee. Diese gute Situation kam der jungen Stadt wie der ganzen Hanse zugute, deren Mitglied Rostock bald nach seiner Gr\u00fcndung wurde. Schon 1218 erhielt Rostock L\u00fcbecker Recht, was damals soviel bedeutete wie heute die Aufnahme in die EU! Um 1300 \u2013 ich nenne die Zahlen, um zu zeigen wie dicht aufeinander die Ereignisse folgten \u2013 hatte Rostock neben der Petrikirche, wie gesagt, der \u00e4ltesten Kirche der Stadt, weitere Kirchen! Sie pr\u00e4gen noch heute das Stadtbild. Eine Universit\u00e4t wurde schon 1419 gegr\u00fcndet, rund 250 Jahre nach Gr\u00fcndung Rostocks. Zum Vergleich sei G\u00f6ttingen genannt, das fast 800 Jahre lang auf eine Universit\u00e4t warten musste! Anderseits lief nicht alles gut bei der Universit\u00e4t. Kurz nach ihrer Gr\u00fcndung der Universit\u00e4t gab es Probleme. Bereis 1456 wurde deshalb eine Universit\u00e4t in Greifswald gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Der kurze \u00dcberblick \u00fcber die Geschichte Rostocks und der seiner Petrikirche zeigt, was <em>alles<\/em> die Menschen hier erleben. Dazu kamen die Schicksale der Einzelnen. Sie heirateten; sie bekamen Kinder. Sie lachten; sie weinten. Einen Einblick in so ein Einzelschicksal aus der j\u00fcngeren Vergangenheit gibt Walter Kempowski, dessen Elternhaus in der N\u00e4he Ihrer Wohnung stand. Andere Autoren und die Denkm\u00e4ler der Stadt zeigen andere Schicksale. Ein kurzer \u00dcberblick findet sich im Internet unter <a href=\"http:\/\/www.petrikirche-rostock.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.petrikirche-rostock.de<\/a> .<\/p>\n<p>Paulus \u2013 und damit kehre ich zu ihm zur\u00fcck &#8211; meint dies alles, was die Rostocker und auch Sie pers\u00f6nlich erlebt haben, und noch vielmehr, wenn er, Paulus, <em>alles<\/em> sagt. <em>Alles<\/em> bedeutet viel, sehr viel. Paulus dr\u00fcckt das mit wenigen Worten knapp, eigentlich zu knapp aus. Er schreibt aber immerhin:<\/p>\n<p align=\"center\"><em>Die Liebe ertr\u00e4gt alles, sie glaubt alles,<br \/>\n<\/em><em>sie hofft alles, sie duldet alles.<\/em><\/p>\n<p>Paulus wiederholt sich. Er sagt viermal <em>alles<\/em>. Er tut noch mehr. Er verwendet f\u00fcr seine Darlegungen eine komplizierte poetische Form. Wir k\u00f6nnen sie in unserer \u00dcbersetzung so gar nicht nachmachen. Ich habe deshalb auf all die Erlebnisse Rostocks, Ihrer Stadt, im Laufe der Geschichte verwiesen.<\/p>\n<p>Ja, und das alles <em>tr\u00e4gt die Liebe<\/em>. Mein Beispiel f\u00fcr die Liebe ist eine ausgedachte Geschichte. Diese fiktive Geschichte hat sich <em>Hans Christian Andersen<\/em> einfallen lassen und zwar f\u00fcr Erwachsene und Kinder. Er erz\u00e4hlt von zwei Kindern, von einem Jungen und einem M\u00e4dchen. Na, wisst ihr schon, welche Geschichte ich meine? Nein, gut, ich helfe euch. Das M\u00e4dchen hei\u00dft \u201eGerda\u201c und der Junge \u201e Kay\u201c.<\/p>\n<p>-Na, ist der Groschen gefallen? Luisa, Leni? Lina, Paula, was ist? Ja? Prima! Willst Du die Geschichte erz\u00e4hlen? Komm her zum Mikrofon, sonst k\u00f6nnen Dich die vielen Leute hier in der Kirche nicht verstehen.<\/p>\n<p>-Nein? Gut, dann will ich die Geschichte erz\u00e4hlen: Also, Gerda und Kay sind gute Freunde. Sie finden sich prima. Sie spielen immer zusammen. Eines Tages passiert etwas. Die Beiden bemerken es gar nicht. Ein Spiegel zerspringt in lauter kleine, wirklich kleine Teile. Einer der kleinen Splitter trifft Kay. Da der Splitter klein ist, merkt Kay nichts, aber der Splitter hat es in sich. Der Splitter l\u00e4sst Kay Herz zu einem Eisklumpen werden! Sein kaltes Herz ver\u00e4ndert ihn ganz. Er beginnt mit Gerda, seiner Freundin, zu streiten. Ja, es kommt noch schlimmer. Nach au\u00dfen sieht aber alles prima aus. Die Schneek\u00f6nigin kommt so gar. Sie wohnt ganz im Norden, am Nordpol. Sie hat ein sch\u00f6nes wei\u00dfes Kleid an. Es ist fast so sch\u00f6n wie das Kleid von der Braut. Was macht die Schneek\u00f6nigin? Sie nimmt Kay mit in ihren Palast. Es ist ein Palast ganz aus Eis. Und was macht Gerda? Sie ist traurig. Nun ist Kay so gar fort, aber Gerda gibt nicht auf. Sie sucht Kay. Das ist anstrengend. Findet ihr \u00b4mal jemanden, der im Norden bei der Schneek\u00f6nigin im Eispalast ist! Jedoch Gerda gibt nicht auf. Sie sucht und sucht. Dabei wird es immer k\u00e4lter. Ihr wisst, wie kalt es im letzten Winter war. Lina und Paula, bei Euch im Schwarzwald war es da nicht kalt? Und Luisa und Leni, war es nicht auch bei kalt? Ihr musstet Euch ganz sch\u00f6n warm anziehen, wenn Ihr zum Schlittenfahren oder Skifahren gegangen seid. Als Carla im Norden war, w\u00e4re ihr beinahe so gar das Gesicht erfroren, als sie zum Schlittschuhlaufen war.<\/p>\n<p>Eine Zwischenbemerkung f\u00fcr die Erwachsenen: Nat\u00fcrlich wei\u00df ich auch, dass das M\u00e4rchen vielschichtig und voller Anspielungen ist, dass der Eispalast im Norden als Reich der abstrakten Vernunft gesehen wird. Ich und Sie, wir wissen ebenfalls, dass die Vernunft sehr kalt sein kann, der Liebe bedarf. Soviel sei an die Adresse der Erwachsene gesagt und nun geht es weiter mit dem M\u00e4rchen f\u00fcr Kindern und Erwachsenen.<\/p>\n<p>Also in so einer K\u00e4lte suchte Gerda den Kay. Das Ganze war anstrengend. Schlie\u00dflich findet sie ihn. Da war Gerda vielleicht froh. Das k\u00f6nnt Ihr Euch gut vorstellen. Aber, was passiert nun? Kay beachtet die Gerda gar nicht. Er sieht sie nicht einmal an. Das ist zuviel f\u00fcr Gerda. Sie f\u00e4ngt an, ganz f\u00fcrchterlich zu weinen. Sie kann nicht mehr. Ihre Tr\u00e4nen rollen ihr nur so \u00fcber die Backen. Manche von den Tr\u00e4nen fallen auf Kay. Und nun passiert noch etwas. Die Tr\u00e4nen erw\u00e4rmen das kalte Herz von Kay. Er kann nun wieder sehen wie fr\u00fcher. Er ist richtig froh, Gerda zu sehen! Auch Gerda wieder gl\u00fccklich, und beide gehen zufrieden nach Hause<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">(*)<\/a>.<\/p>\n<p>Damit ist die Geschichte von Gerda und Kay zu Ende. Das ist eigentlich schade. Wie k\u00f6nnte die Geschichte weitergehen? Habt Ihr eine Idee? Ein Vorschlag von mir: Wir drehen die Geschichte einfach um. Gerda bekommt ein kaltes Herz. Was meint Ihr, wird Kay sie nun auch suchen? Ich denke schon. Die Beiden lieben sich ja.<\/p>\n<p>Es geht ihnen wie dem Brautpaar.<\/p>\n<p>Ihnen Beiden w\u00fcnsche ich diese Liebe f\u00fcr die Zukunft. Andersen hat vielleicht Ihren Trauspruch vor Augen gehabt, als er sich die Geschichte von Gerda und Kay ausdachte. Diese Liebe l\u00e4sst Gerda und Kay Eis und Schnee \u00fcberstehen und lie\u00df die Rostocker alle Gefahren, Feuer, Gewitter, durchhalten, ihre Stadt und die Petrikirche immer wieder aufbauen. Gott gebe Ihnen Beiden, liebes Brautpaar, diese <em>Alles tragenden Liebe<\/em>. Er segne Sie.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a>(*) Hans Christian Andersen, M\u00e4rchen, M\u00fcnchen 1975, Bd.2, S. 9ff.<br \/>\nVgl. <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schneek%C3%B6nigin\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schneek%C3%B6nigin<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Dr. Ulrich Nembach<br \/>\nG\u00f6ttingen<br \/>\n<span style=\"font-size: small;\"><a href=\"mailto:ulrich.nembach@theologie.uni-goettingen.de\">ulrich.nembach@theologie.uni-goettingen.de<\/a><\/span> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Traupredigt 2006 zu 1. Korinther 13, 7, verfasst von Ulrich Nembach 1. Korinther 13, 7: Die Liebe ertr\u00e4gt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Liebes Brautpaar! Liebe Hochzeitsgemeinde! 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