{"id":11525,"date":"2021-02-07T19:49:11","date_gmt":"2021-02-07T19:49:11","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11525"},"modified":"2023-01-17T22:08:15","modified_gmt":"2023-01-17T21:08:15","slug":"v1-unser-vater-im-himmel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/v1-unser-vater-im-himmel\/","title":{"rendered":"V1) Unser Vater im Himmel"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3 align=\"left\"><b><span style=\"color: #000099;\">Predigtreihe zum Vater Unser, Oktober 2006<br \/>\n&#8222;Unser Vater im Himmel&#8220;, Roland Rosenstock <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p align=\"left\"><strong><a href=\"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/archiv-8\/vaterunser-reihe-06.htm\">Zur \u00dcbersicht der Reihe<\/a><br \/>\n<a href=\"vu-r-1-h.htm\">Zu den theologisch-hymnologischen Informationen<\/a><\/strong><\/p>\n<p align=\"center\"><strong>Unser Vater im Himmel <\/strong><\/p>\n<p>Wie sind die V\u00e4ter von heute? \u201e<em>V\u00e4ter von heute: Sie finden es wunderbar Kinder zu haben, und f\u00fchlen sich ihnen so nah wie nie zuvor<\/em>\u201c, fasst die Zeitschrift \u201eEltern\u201c die Ergebnisse einer repr\u00e4sentativen Umfrage des Forsainstituts zusammen. V\u00e4ter von heute k\u00f6nnen wickeln, kochen und nach der Geburt die Nabelschnur durchtrennen, wenn es denn n\u00f6tig ist. Auf dem Spielplatz unterhalten sie sich \u00fcber Masern, Mumps und Zahnweh und haben immer einen Ersatzschnuller dabei. Nur noch selten kommen Kinder mit zwei verschiedenen Socken in den Kindergarten, wenn Papa das Anziehen \u00fcbernommen hat, weil Mama schon wegmusste. Und muss Papa dann doch \u00dcberstunden machen, beschleicht ihn ein schlechtes Gewissen, weil die Kinder heute ohne <em>seine<\/em> Gutenachtgeschichte ins Bett gehen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><em>I. V\u00e4terbilder <\/em><\/p>\n<p>Das Bild vom Vater ver\u00e4ndert sich: Vom Familienpatriarchen des 18 Jh. &#8211; \u00fcber den Arbeitervater des 19. Jh., bei dem die Frau im Haus das Sagen hatte, den stolzen Alleinern\u00e4hrer der 1950er Jahre, den ums Sorgerecht k\u00e4mpfenden Scheidungsvater der 1980er bis hin zum \u201eaktiven Vater\u201c des 21. Jh.: mit den gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen wandeln sich auch die V\u00e4terbilder.<\/p>\n<p>Und durch die Jahrhunderte zieht sich auch das Bild der V\u00e4ter, die nicht da sind, wenn man sie braucht, die \u201eabwesend\u201c sind \u2013 aus welchem Grund auch immer.<\/p>\n<p>Ja, das Bild vom Vater ver\u00e4ndert sich weiter. In diesem Jahr war es ein Tierfilm \u00fcber die Kaiserpinguine, die ein neues Vaterbild hinzuf\u00fcgte. \u201e<em>Wer w\u00e4re nicht ger\u00fchrt von einem Vater wie diesem<\/em>\u201c, ist dann auch in der neuen \u201eGeo\u201c zu Kindheit und Erziehung zu lesen: Im Moment des Eierlegens bleibt das M\u00e4nnchen die ganze Zeit an der Seite seiner Gef\u00e4hrtin. Sobald das M\u00e4nnchen das Ei entdeckt, beginnt es zu singen. Die Pinguindame stimmt mit ein und das Kaiserpinguinpaar singt eine Stunde zusammen, w\u00e4hrend sie die ganze Zeit auf das Ei blicken. Wenig sp\u00e4ter wird der Pinguinvater das Ei \u00fcbernehmen, vorsichtig auf seinen F\u00fc\u00dfen balancieren und in einer speziellen Hautfalte ausbr\u00fcten. W\u00e4hrend sich das Weibchen auf den Weg zum Meer macht, um sich nach langem Hungern satt zu essen, wird der Pinguin Vater in antarktischer K\u00e4lte sich mit Tausend anderen M\u00e4nnern zusammendr\u00e4ngen und in einer meditativen Stille f\u00fcr zwei bis drei Monate das Ei ausbr\u00fcten. Kommt die Mutter zur\u00fcck und ist das K\u00fcken geschl\u00fcpft, wechseln sich Vater und Mutter bei der Nahrungssuche und beim Aufpassen ab.<\/p>\n<p>Ein z\u00e4rtlicher und aktiver Vater, der von seinen anderen Verpflichtungen drei oder vier Monate freigestellt wird, um mit seiner Frau in Ruhe die Geburt des Kindes zu erleben &#8230; Vielleicht inspirieren die romantischen Tierfilme ja auch die Politik, damit V\u00e4ter auch ihre neue Rolle aktiv leben k\u00f6nnen, ohne zwischen Dauerbelastung im Job und neuen famili\u00e4ren Bildern hin- und her gerissen zu sein.<\/p>\n<p><em>II. Der eigene Vater <\/em><\/p>\n<p>Auch wenn die V\u00e4terbilder sich \u00e4ndern, l\u00f6sen sie sich nicht unbedingt ab. Das Bild, das eine Gesellschaft vom idealen Vater entwirft, kann ganz anders sein als die Begegnungen mit dem eigenen Vater.<\/p>\n<p>In der Erfahrung des kleinen Kindes kann der Vater alles, im Blick des Jugendlichen ist alles was der Vater kann falsch, vielleicht kommt es sogar zum Hass auf den Vater. Im Blick des Erwachsenen bekommt das Vaterbild eine neue Dimension, wenn der Sohn selbst Vater wurde oder der Vater keine Macht mehr hat, er hilflos und bed\u00fcrftig wird.<\/p>\n<p>Und da gibt es auch die andere Seite der Erfahrungen mit dem Vater: eine traumatische Kindheit &#8211; mit oder ohne Schl\u00e4ge, den z\u00fcchtigenden Vater, der seine Kinder nicht in die Arme nehmen kann, emotionale Vernachl\u00e4ssigung, vielleicht sogar die Erfahrung vom Missbrauch.<\/p>\n<p>Was verbinden Menschen heute damit, wenn sie an ihren \u201eVater\u201c denken? Eine intime Frage, die in Wahrheit nur eine innere Stimme beantworten kann, weil zum Bild die Beziehung tritt, das Erleben in den sch\u00f6nen, den k\u00e4mpferischen und den \u00fcberforderten Momenten zwischen Vater und Kind. Doch: Wer w\u00e4chst heute noch bei seinem leiblichen Vater auf? F\u00fcr manche Kinder bleibt nur noch der \u201eErzeuger\u201c, der von der Familie nichts mehr wissen will.<\/p>\n<p>Aktive V\u00e4ter sind wichtig. Nicht nur f\u00fcr Bewegung, Fahrradfahren und Schwimmen. Sie fordern ihre Kinder, geben Orientierung und Selbstbewusstsein, lassen die Kinder mutig werden, schenken ihnen Mut, die gr\u00f6\u00dfer ist als die Angst.<\/p>\n<p><em>III. Gottesbilder <\/em><\/p>\n<p>Ist Gott ein Kaiserpinguin? Manche Vorstellungen in der Bibel scheinen dem z\u00e4rtlichen und aktiven Vaterbild nahe zu kommen, vor allem die m\u00fctterlichen. Zum Vater geh\u00f6rt auch die Mutter. Deshalb geh\u00f6ren auch m\u00fctterliche und f\u00fcrsorgende Gef\u00fchle zum monotheistischen Vaterbild. Der erbarmende Gott ist immer ein z\u00e4rtlicher Gott. Er f\u00fchlt, was nur eine Mutter f\u00fchlen kann, die ein Kind geboren hat. Auch Jesus redet von den m\u00fctterlichen Z\u00fcgen Gottes, vergleicht Gott mit einer Henne, die ihre K\u00fcken unter den Fl\u00fcgeln sammelt &#8230;<\/p>\n<p>Vaterbilder ver\u00e4ndern sich: Auch in der Bibel steht neben den z\u00e4rtlichen Anteilen in Gottes Wesen, dem erbarmenden Gott, ein Gott der z\u00fcchtigt. Es sind die Vorstellungen von Gottes Gerechtigkeit, die den Grenze setzenden, den richtenden und autorit\u00e4ren Vater hervortreten lassen.<\/p>\n<p>Der richtende Vater ist dann auch das Bild, was Tilmann Moser als \u201eGottesvergiftung\u201c bezeichnet. Ein Gott, der keine Gnade mehr kennt, vor dem man sich versteckt, weil man Angst vor ihm hat, der dann aber einen trotzdem findet, damit die Schuld bereut wird. Das ist auch der Vater-Gott der schwarzen P\u00e4dagogik, der Vogelscheuchengott der Erzieher und Eltern, der auf das Kind aufpasst. <em>Der liebe Gott sieht alles<\/em>, ist dann eine Drohung, die nicht nur in der Pubert\u00e4t zu beklemmenden Erfahrungen werden kann.<\/p>\n<p>Die Rede von Jesu ist unvorstellbar ohne den Vater. Bietet uns das Vater-unser, der Vater Jesu Christi, die Beziehung zwischen Jesus und seinem Vater, den er mit Abba anredet, eine anderes Gottesbild? Im \u201eAbba\u201c Gott begegnet uns ein liebevoller intimer Vater, der uns annimmt. Im Vater-unser begegnet uns auch ein Grenzen setzender Vater. Die Person Jesu ist unvorstellbar ohne den Vater. Alles was er ist, ist er durch den Vater.<\/p>\n<p>Auch Grenzen zu setzen, ist ein Ausdruck der Liebe und einen Halt geben. An der Grenze lernt das Kind Verantwortung zu \u00fcbernehmen. Manchmal auch dadurch, dass die Grenze \u00fcberschritten wird.<\/p>\n<p>Grenzen zu respektieren und f\u00fcr sich selbst anzunehmen, hei\u00dft auch, sich r\u00fccksichtsvoll zurecht zu finden, also zu lernen, R\u00fccksicht zu nehmen. Aber welche Grenzen setzt der Vater und welche setzen wir uns selbst?<\/p>\n<p>Eine klare und vertrauensvolle Beziehung zu einem anderen Menschen gibt Kraft. So ist es auch in der Beziehung zu Gott. Die Rede von der Liebe des Vaters, die uns auch im Gleichnis des verlorenen Sohnes begegnet, ist verbunden mit einem Grenzen setzenden Vater, der auch das Scheitern zul\u00e4sst. Der Vater bricht die Beziehung nicht ab. Und der Sohn? Es ist das Gef\u00fchl, dass der Vater im Sohn ges\u00e4t hat, die Erfahrung der grenzenlosen Liebe, an die sich der Sohn selbst \u201ebei den Schweinen\u201c erinnert. Der Vater ist bei ihm gewesen, auf dem Weg, weit weg von zuhause.<\/p>\n<p>Was verbinden Menschen heute mit dem Vaterbegriff, wenn sie an Gott denken? Ist Gott der Vater ein Gegenbild zu dem, was wir mit unseren V\u00e4tern erleben? Wie k\u00f6nnen wir einen Vatergott erlebbar machen, der die Menschen f\u00f6rdert, selbst wenn sie Grenzen \u00fcberschreiten, der uns zur Achtsamkeit ermutigt, wo andere Menschen von unserm Handeln betroffen sind?<\/p>\n<p>Aktive V\u00e4ter sind wichtig. Nicht nur f\u00fcr Bewegung, Fahrradfahren und Schwimmen. Sie fordern ihre Kinder, geben Orientierung und Selbstbewusstsein, lassen die Kinder mutig werden, schenken ihnen Freiheit und Mut, der f\u00fcr Momente ihre Angst besiegt. So ist es auch bei Gott.<\/p>\n<p><em>IV. &#8230; wie die Kinder <\/em><\/p>\n<p>Das Nachdenken \u00fcber den Vater, schlie\u00dft auch die Bereitschaft \u201eKind zu sein\u201c ein. Deshalb stellt Jesus ein Kind in die Mitte und sagt: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder &#8230; .<\/p>\n<p>Und Kindsein hei\u00dft in der Beziehung zu Gott: Ich muss in mir einen T\u00fcrspalt offen halten, damit die Liebe des Vaters erfahrbar wird. Das k\u00f6nnen wir von denn Kindern lernen. Oder den Mund offen halten und die Augen geschlossen, wie im alten Kinderspiel \u201eMund auf, Augen zu\u201c. Man bekommt etwas in den Mund gesteckt und vertraut, dass es etwas Gutes ist, zum Beispiel eine Erdbeere. Vielleicht ist das ein sch\u00f6nes Bild: Bei meinem Vater darf ich mutig sein, er wird mich nicht entt\u00e4uschen.<\/p>\n<p>Aktive V\u00e4ter sind wichtig. Nicht nur f\u00fcr Bewegung, Fahrradfahren und Schwimmen. Sie fordern ihre Kinder, geben Orientierung und Selbstbewusstsein, lassen die Kinder mutig werden, schenken ihnen Freiheit und Mut, der f\u00fcr Momente ihre Angst besiegt. So ist es auch beim Vater-Unser und bei Gott.<\/p>\n<p>Denn seit Jesus uns das Beten lehrte, ahnen wir: Auch unser Vater im Himmel findet es wunderbar, Kinder zu haben, und er f\u00fchlt sich ihnen jeden heute n\u00e4her als je zuvor. Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Roland Rosenstock<br \/>\n<a href=\"mailto:Roland.Rosenstock@gmx.de\">Roland.Rosenstock@gmx.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe zum Vater Unser, Oktober 2006 &#8222;Unser Vater im Himmel&#8220;, Roland Rosenstock Zur \u00dcbersicht der Reihe Zu den theologisch-hymnologischen Informationen Unser Vater im Himmel Wie sind die V\u00e4ter von heute? \u201eV\u00e4ter von heute: Sie finden es wunderbar Kinder zu haben, und f\u00fchlen sich ihnen so nah wie nie zuvor\u201c, fasst die Zeitschrift \u201eEltern\u201c die Ergebnisse [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":16080,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,727,120,114,109,126,913],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-11525","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelle","category-archiv","category-bes_gelegenheiten","category-deut","category-predigten","category-predigtreihen","category-unser-vater"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11525","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11525"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11525\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16079,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11525\/revisions\/16079"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/16080"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11525"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11525"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11525"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=11525"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=11525"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=11525"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=11525"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}