{"id":11529,"date":"2021-02-07T19:49:11","date_gmt":"2021-02-07T19:49:11","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11529"},"modified":"2023-01-17T21:41:13","modified_gmt":"2023-01-17T20:41:13","slug":"dein-reich-komme","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/dein-reich-komme\/","title":{"rendered":"Dein Reich komme"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Predigtreihe zum Vater Unser, Oktober 2006<br \/>\n&#8222;Dein Reich komme&#8220;, Alexander V\u00f6lker <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/archiv-8\/vaterunser-reihe-06.htm\">Zur \u00dcbersicht der Reihe<\/a><br \/>\n<a href=\"vu-r-3-h.htm\">Zu den theologisch-hymnologischen Informationen<\/a><\/strong><\/p>\n<p align=\"center\"><strong> Dein Reich komme <\/strong><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Nur drei Worte umfasst mein Predigttext heute, drei wichtige und bedeutungsschwere Worte \u2013 sprechen Sie sie doch einmal mit mir: <em>Dein Reich komme <\/em>! Was Jesus gepredigt hat, l\u00e4sst sich im Grunde sehr einfach zusammenfassen: \u201eDie Zeit ist erf\u00fcllt, die Herr-schaft Gottes nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium\u201c (Mk 1,15). Die \u201eHerr- schaft Gottes\u201c, das \u201eHimmelreich\u201c ist nahe. Jesus gebraucht ein religi\u00f6s-politisch hoch- besetztes Wort seiner Zeit, ruft aber nicht wie die Zeloten seiner Zeit zu Aufruhr und Revolution auf, best\u00e4tigt aber auch nicht die althergebrachten Denk- und Lebensmuster seines Volkes, in denen sich die Pharis\u00e4er bewegen. Auf deren Frage sagt er: \u201eDas Reich Gottes kommt nicht so, dass man\u2019s beobachten kann; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es!, oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch\u201c (Lk 17, 20ff.).<\/p>\n<p>Das Reich Gottes ist f\u00fcr Jesus <em>sowohl gegenw\u00e4rtig wie zuk\u00fcnftig<\/em>, ein erstes wichtiges Ergebnis unserer \u00dcberlegungen. Weil mit ihm die Herrschaft Gottes anbricht, mit dem Wort, das er Menschen sagt, mit den Heilungen, die er vollbringt, mit den Mahlzeiten, die er bei Z\u00f6llnern und S\u00fcndern h\u00e4lt, darum lehrt Jesus seine J\u00fcnger sogleich das Beten \u201eDein Reich komme\u201c (Mt 6,10). Obwohl mit ihm die Herrschaft Gottes schon <em>jetzt da ist<\/em>, muss sie sich in dieser Welt, \u201emitten unter euch\u201c durchsetzen, darum das Gebet! Lassen Sie uns diese drei bedeutungsschweren Worte noch einmal gemeinsam sprechen: <em>Dein<\/em><em> Reich komme <\/em> ! K\u00fcrzer als diese Bitte kann man das ganze Evangelium nicht fassen, Jesus macht wahr, was er in der Bergpredigt den J\u00fcngern sagt: Beim Beten \u201enicht plap- pern, viele Worte machen wie die Heiden\u201c (Mt 6,7f.); Gott wei\u00df ohnehin, was wir n\u00f6tig haben, ehe wir beten. \u201eMitten unter euch\u201c: Diese h\u00f6rende, betende, singende Gemeinde hier feiert nicht sich selbst, sie erlebt Gottes Reich <em>jetzt und hier<\/em> in der Gestalt von Kir- che, Gemeinde, mitten in der Welt, sonntags wie alltags. <em>Ohne uns, ohne eine solche Got-<\/em><em>tesdienstfeier<\/em> mit ihren Vorzeichen f\u00fcr eine neue Welt wird Gottes Reich <em>mitten unter uns <\/em>nicht sein, nicht werden, nicht wachsen! Auch das sollen wir lebenspraktisch wissen.<\/p>\n<p><em>Das Reich muss uns doch bleiben<\/em> : Schon von weitem ist die letzte Zeile des Liedes <em>Ein feste<\/em><em>Burg<\/em> von einer Gruppe glatzk\u00f6pfiger junger M\u00e4nner in Bomberjacke und Springer stiefeln mehr gegr\u00f6lt als gesungen zu h\u00f6ren, wobei sie eine Fahne entrollen, nicht die vielen Begeisterungsfahnen Schwarz-Rot-Gold der Weltmeisterschaft, nein, die \u201eReichs-kriegsflagge\u201c mit schwarz-wei\u00dfem \u201eEisernen Kreuz\u201c in der Mitte, <em>das<\/em> ist ihre Fahne. So geschehen im August 2006 in Wunsiedel \/Fichtelgebirge, als junge Neonazis Rudolf He\u00df, den \u201eStellvertreter des F\u00fchrers\u201c, an seinem Todestag ehren wollen. Kann Luther denn <em>das<\/em> mit seinem Lied gemeint haben?<\/p>\n<p>Notwendig und gut, sich klar zu machen: Mit dem Stichwort <em>Reich<\/em>, geschichtlich und politisch, stehen wir alle vor einem unabsehbar weiten Tr\u00fcmmerhaufen aus Tr\u00e4nen, Blut und Leiden, vor der M\u00fcllhalde von erst weitgespannten, dann total zerschellten Hoffnungen und Sehns\u00fcchten, von Machtergreifung, Machtaus\u00fcbung, vor allem Macht- missbrauch, einem Gemisch aus idealster Einsatzbereitschaft und bitterster Todeser- fahrung. Unser deutsches Volk hat ja all das, wie auch immer, in seinem kulturellen Ged\u00e4chtnis gespeichert: Das \u201eHeilige r\u00f6mische Reich deutscher Nation\u201c war nach fast einem Jahrtausend Bestand vor genau zweihundert Jahren endg\u00fcltig zu Ende. Es hatte Friedensschl\u00fcsse <em>in nomine individuae trinitatis <\/em>(im Namen des dreieinigen Gottes) zu- letzt nach einem 30j\u00e4hrigen Krieg erkl\u00e4rt: Eine aktive Erinnerung daran, dass Reich, d.h. Herrschaft und Machtaus\u00fcbung in dieser Welt immer nur vom Reich Gottes entlehnt, ausgeliehen, anvertraut sind, an das alle glauben und zu dem alle geh\u00f6ren. Noch im Zweiten Reich hie\u00df der offizielle Titel Kaiser Wilhelms \u201evon Gottes Gnaden\u201c, welchen diplomatischen Schachz\u00fcgen Preu\u00dfens sein Kaisertum auch immer damals zu verdanken war. Und das letzte Jahrhundert bescherte Europa, nein, der ganzen Welt die schreckliche Erfahrung aus Nazi- und Sowjet-\u201eReich\u201c: Bei Anwendung von Gewalt \u00fcber die Menschen, \u00fcber ihre Leiber und ihre Seelen ist kein Bestandsgarantie auf Dauer f\u00fcr ein Reich mehr gegeben. Das Grundgesetz der Bundesrepublik gebraucht darum das Wort <em>Reich <\/em>aus gutem Grund nicht mehr &#8230; 1945 brachte es ein Theologe unserer Kirche auf den Punkt: \u201eDie Herren dieser Welt kommen und gehen \u2013 unser Herr kommt!\u201c<\/p>\n<p>Lassen Sie es sich nicht verdrie\u00dfen, wenn ich Sie noch einmal bitte, dass wir diese zweite Vaterunser-Bitte ein weiteres Mal miteinander sprechen: <em>Dein Reich<\/em><em>komme<\/em> ! Aus der Muttersprache Jesu, dem Aram\u00e4ischen, haben wir in der Bibel zwei Worte aufbewahrt, die mit unserer Bitte direkt zu tun haben: <em>Abba<\/em>, die Vater-Anrede Gottes (Mk 14,36; R\u00f6m 8,5; Gal 4,6), dann auch \u2013 es mag Ihnen wie \u201aAbrakadabra\u2019 klingen &#8211; der Ruf <em>Maranatha <\/em>(1. Kor 16,22; Offb 22,20), den die Christen in der Fr\u00fchzeit beim Abendmahl gebrauchten. Er kann sowohl ein Perfekt wie einen Imperativ ausdr\u00fccken, d.h. \u201aUnser Herr kommt!\u2019 genauso wie \u201aJa, komm, Herr!\u2019. Mit diesem Ruf endet bekanntlich das Neue Testament. Wieder begegnet uns, was wir schon h\u00f6rten: Das Reich Gottes ist gegenw\u00e4rtig wie zuk\u00fcnftig! Luther (Untertan des Kaisers, von dem die Rede geht, er habe gesagt \u201aIn meinem Reich geht die Sonne nicht unter!\u2019) musste das griech. <em>\u03b2\u03b1\u03c3\u03b9\u03bb\u03b5\u03af\u03b1<\/em> (=K\u00f6nigsherrschaft; lat. <em>regnum<\/em>, von <em>rex<\/em>=K\u00f6nig) nur mit dem in allen germanischen Sprachen vorhandenen <em>rik<\/em>= <em>Reich<\/em> wiedergeben; dabei haben das T\u00e4tigkeitswort <em>reichen <\/em>ein Sich-Erstrecken im Raum, im politischen Herrschaftsgebiet, <em>reich<\/em>, das Eigenschafts- wort das \u201agut ausgestattet, verm\u00f6gend, m\u00e4chtig\u2019 als Bedeutungen hinzugebracht.<\/p>\n<p>Aus den Gleichnissen Jesu (<em>Das Himmelreich\/ Reich Gottes ist gleich &#8230;<\/em>) lernen wir eine Menge. Die Bildworte vom S\u00e4mann, vom Senfkorn, vom Feigenbaum, Weinstock zeigen:<\/p>\n<p>Gottes Reich kommt weder schlagartig noch automatisch, es muss wachsen ! Wir sollen uns ihm \u00f6ffnen, seinem Wirken bei uns Raum geben, absterben lassen, was ihm nicht angeh\u00f6rt, neues Leben erleben. Beginnen Sie doch vielleicht morgen fr\u00fch mit einem fr\u00f6hlichen Beten, z.B. des Vaterunsers, dazu noch <em>einen<\/em> Satz, der etwas von Ihrer Lebenslage <em>jetzt <\/em>sagt. Gleichnisse wie vom verlorenen Schaf und Sohn, von Arbeitern im Weinberg und anvertrauten Pfunden sagen zusammengenommen: <em>Wir <\/em>sollen gerettet sein aus Eigensucht, Untreue, Schuld. Erforschen Sie doch bitte, an welchen Stellen Ihr Zusammenleben mit anderen erschwert, belastet ist durch Vers\u00e4umnisse, Lieblosigkeit, Unachtsamkeit. Nehmen Sie sich und diese Mitmenschen \u201eins Gebet\u201c, in Ihr Gebet, und warten Sie auf Gelegenheiten, Chancen \u201ef\u00fcr das Reich Gottes\u201c, ohne ein aufdringliches, nur Sie selbst entlastendes Wort. Schlie\u00dflich deuten die story von den Zehn Jungfrauen, die Speisungen und vielen Aufrufe zur Wachsamkeit darauf hin, dass wir beim Allerall-t\u00e4glichsten, beim Essen und Trinken, das Danken und Loben des Gottes nicht vergessen, dessen Reich \u201emitten unter euch\u201c l\u00e4ngst angefangen hat.<\/p>\n<p>Zu Pilatus hatte Jesus gesagt: \u201eMein Reich ist nicht <em>von <\/em>dieser Welt\u201c (Joh 18,36) \u2013 das hei\u00dft ja nicht, dass Gottes Reich nicht <em>in <\/em>dieser Welt ist. In diesen Worten liegt die gro\u00dfe Spannung zwischen Gottes Herrschaft und weltlichem Herrschen, Regieren, \u201eReich\u201c, eine Spannung sowie Konfliktstoff f\u00fcr Jahrhunderte. Der Staat Israel <em>vor <\/em>Jesus ist das einmalige, einzigartige Beispiel daf\u00fcr, dass Gottes Reich und weltliche Herrschaft identisch sein sollten. Seit dem Wort ihres Herrn zu Pilatus sind Christen grunds\u00e4tzlich \u201eherrschaftskritisch\u201c, sei es dem r\u00f6mischen Kaiser, den F\u00fcrsten der Reformationszeit, neuzeitlichen Diktaturen oder einem islamischen Gottesstaat gegen\u00fcber, kritisch auch, sobald irgendetwas in dieser Welt auf einmal \u201eKultstatus\u201c bekommt. Christen beten n\u00e4mlich <em>Dein Reich komme \u2013<\/em> lassen Sie uns doch noch einmal diese Bitte sprechen! Weil sie \u201eB\u00fcrgerrecht (<em>\u03c0\u03bf\u03bb\u03af\u03c4\u03b5\u03c5\u03bc\u03b1<\/em>) im Himmel\u201c haben, wie Paulus sagt (Phil 3,20), leben sie in der Freiheit, den jetzigen Staat unter dem Vorbehalt \u201a<em>Dein <\/em>Reich komme\u2019 zu bejahen, das ist ja sehr viel mehr und anderes als etwa nur Steuern zahlen, zur Wahl gehen, \u201esich nichts zuschulden kommen lassen\u201c. Warum in der F\u00fcrbitte heute eigentlich nicht Horst K\u00f6hler und Angela Merkel in ihren \u00c4mtern als Vertreter\/in f\u00fcr alle M\u00e4nner und Frauen nennen, die \u00f6ffentlich Verantwortung f\u00fcr andere zu tragen haben? Der Staat, den wir bilden, hat doch auch ein Gesicht \u201eauf Zeit\u201c, es gibt in ihm nicht \u201edie da oben\u201c und dann nur stumm-ergebene Untertanen, wie manche sagen. Hie\u00df es nicht irgend- wann in j\u00fcngster Vergangenheit <em>Wir sind das Volk<\/em> ?! Wieviele gro\u00dfartige Einsatz- m\u00f6glichkeiten f\u00fcr Jung und Alt tun sich gerade in Zeichen finanzieller Engp\u00e4sse auf, in denen wir helfend, vermittelnd, zusammenf\u00fchrend, nicht nachtragend, nicht auf- und abrechnend f\u00fcr andere neue Wege gehen k\u00f6nnen! An der Stelle w\u00fcnsche ich mir Ihre einfallsreichen Ideen, Diskussionen unter uns auch mit gegens\u00e4tzlichen Standpunkten, vor allem aber konkrete Verabredungen f\u00fcr das, was wir tun k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Eilen Sie bitte zum Ende des Vaterunsers und sprechen mit mir: <em>Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit <\/em><em>&#8230; <\/em>F\u00fcr uns, f\u00fcr unseren Glauben und f\u00fcr (berech-tigten) Zweifel scheint mir das wichtigste Wort in diesem Gebetssatz das <em>Denn<\/em>: Dieser lobpreisende Schlusssatz spricht die <em>Begr\u00fcndung<\/em>, den tragenden Grund f\u00fcr all das, was wir hier und heute bedacht haben, aus: Weil dir, dem unbegreiflichen Gott sp\u00e4testens, seit Jesu Tod und Auferstehen endg\u00fcltig das <em>Reich<\/em> und die Herrschaft geh\u00f6rt, beten wir: <em>Dein Reich komme<\/em>. Es k\u00f6nnte ja sein, dass meine Predigt heute doch nur ein St\u00fcck christlicher Ideologie ist, die an der harten Wirklichkeit des Lebens vorbeigeht &#8230; Sollte dem so sein, dann vertraue ich dennoch auf dieses <em>Denn \u2013 <\/em>es spricht Wahrheit und Wirklichkeit aus, und darauf verlasse ich mich. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Alexander V\u00f6lker<br \/>\n<a href=\"mailto:asvoelker@teleos-web.de\"> asvoelker@teleos-web.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe zum Vater Unser, Oktober 2006 &#8222;Dein Reich komme&#8220;, Alexander V\u00f6lker Zur \u00dcbersicht der Reihe Zu den theologisch-hymnologischen Informationen Dein Reich komme Liebe Gemeinde! Nur drei Worte umfasst mein Predigttext heute, drei wichtige und bedeutungsschwere Worte \u2013 sprechen Sie sie doch einmal mit mir: Dein Reich komme ! 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