{"id":11531,"date":"2021-02-07T19:49:11","date_gmt":"2021-02-07T19:49:11","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11531"},"modified":"2023-01-17T22:26:53","modified_gmt":"2023-01-17T21:26:53","slug":"v4-dein-wille-geschehe-wie-im-himmel-so-auf-erden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/v4-dein-wille-geschehe-wie-im-himmel-so-auf-erden\/","title":{"rendered":"V4) Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Predigtreihe zum Vater Unser, Oktober 2006<br \/>\n&#8222;Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden&#8220;, Christoph Dinkel <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/archiv-8\/vaterunser-reihe-06.htm\">Zur \u00dcbersicht der Reihe<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/v4-dein-wille-geschehe-wie-im-himmel-so-auf-erden-theologisch-hymnologische-informationen-zu-liedern-der-predigtreihe\/\">Zu den theologisch-hymnologischen Informationen<\/a><\/strong><\/p>\n<p align=\"center\"><strong>Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.<\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p align=\"left\">\u201eDein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.\u201c \u2013 so lautet die dritte Bitte des Vaterunsers und diese Bitte soll uns heute n\u00e4her besch\u00e4ftigen. Das Vaterunser stammt mit hoher Wahrscheinlichkeit von Jesus selbst. In der Bibel ist es uns gleich doppelt \u00fcberliefert, in einer l\u00e4ngeren Fassung in Matth\u00e4us 6 und in einer k\u00fcrzeren Fassung in Lukas 11. Die meisten Forscher vermuten, dass die <em>k\u00fcrzere<\/em> Fassung des Lukasevangeliums dem historischen Ursprung n\u00e4her kommt. Was wir im Konfirmandenunterricht lernen und im Gottesdienst beten, basiert allerdings auf der <em>l\u00e4ngeren<\/em> Fassung des Matth\u00e4usevangeliums. Das ist f\u00fcr uns heute wichtig, weil in der k\u00fcrzeren Fassung gerade der Satz fehlt, der uns heute interessiert: \u201eDein Wille geschehe.\u201c Das gibt zu denken. Stammt dieser Satz etwa gar nicht von Jesus?<\/p>\n<p align=\"left\">Die Antwort auf diese Frage lautet \u201eJein\u201c. Damit meine ich: So wie wir den Satz im Vaterunser beten, hat ihn wohl erst die Gemeinde, aus der das Matth\u00e4usevangelium stammt, formuliert. Sie hat ihn auch ins Vaterunser eingef\u00fcgt. Der Satz ist wiederum aber auch nicht unjesuanisch, denn er greift ein Wort Jesu aus der Passionsgeschichte auf. Im Garten Gethsemane, kurz vor seiner Verhaftung bittet Jesus in einem ergreifenden Gebet Gott darum, dass er diesen Kelch des Leidens an ihm vor\u00fcbergehen lassen m\u00f6ge. Nach langem innerem Kampf schlie\u00dft Jesus das Gebet mit den Worten: \u201eMein Vater, ist\u2019s nicht m\u00f6glich, dass dieser Kelch an mir vor\u00fcbergehe, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille!\u201c (Matth\u00e4us 26,42)<\/p>\n<p align=\"left\">\u201eDein Wille geschehe\u201c \u2013 dieser Satz ist also aufs engste und von Anfang an mit Jesus und mit der Thematik des Leidens verbunden. Wer ihn in diesem Sinne bewusst betet, stellt sich in die Tradition Jesu und vieler biblischer Gestalten, die bereit sind, auch Ungl\u00fcck und Leid aus Gottes Hand anzunehmen. So sagt zum Beispiel Hiob, als er vom Tod seiner T\u00f6chter und S\u00f6hne erf\u00e4hrt: \u201eDer Herr hat\u2019s gegeben, der Herr hat\u2019s genommen; der Name des Herrn sei gelobt\u201c (Hiob 1,21). \u2013 Das ist beeindruckend, das ist gro\u00df und wir sp\u00fcren die Kraft eines gewaltigen Gottvertrauens. Doch zugleich stocken wir und fragen uns, ob solch ein Gottvertrauen noch wirklich menschlich ist, ob es nachvollziehbar und f\u00fcr uns lebbar ist?<\/p>\n<p align=\"left\">Und dann kommt auch gleich eine zweite Frage: Bedeutet der Satz \u201eDein Wille geschehe\u201c so verstanden nicht eine fatale Rechtfertigung menschlichen Leids und Elends? Werden durch einen solchen Satz nicht die M\u00f6rder Jesu zu den Vollstreckern des g\u00f6ttlichen Willens? Und wenn man schon so fragt, dann muss man sich auch fragen, ob durch solch einen Satz nicht auch die Taten der M\u00f6rder von Kambodscha und Srebrenica, die Taten von Kindersch\u00e4ndern und Terroristen wenigstens indirekt zu Vollstreckungen des g\u00f6ttlichen Willens erkl\u00e4rt werden? Und schlie\u00dflich: Bedeutet dieser Satz so verstanden nicht auch einen katastrophalen Aufruf zur Passivit\u00e4t, zur Hinnahme der Verh\u00e4ltnisse wie sie sind, einen Aufruf zu einer Demut, die alles, auch das Schlimmste, zu ertragen bereit ist?<\/p>\n<p align=\"left\">Haben wir unsere Fragen so weit auf die Spitze getrieben, wird unmittelbar deutlich, dass der Satz \u201eDein Wille geschehe\u201c auf keinen Fall in solch einem das Leiden rechtfertigenden Sinne verstanden werden darf, jedenfalls dann nicht, wenn wir vom christlichen Gott reden wollen, der ein Gott der Liebe ist, der das Leben und das Gl\u00fcck seiner Menschen will. Der christliche Gott darf nicht mit dem Fatum, dem namenlosen Schicksal, gleichgesetzt werden. Der christliche Gott f\u00f6rdert nicht Gutes und B\u00f6ses zugleich, er verfolgt vielmehr eine einseitige Option f\u00fcr das Gute, f\u00fcr das Leben, f\u00fcr die Liebe und das Gl\u00fcck der Menschen. \u201eGott ist die Liebe\u201c formuliert der 1. Johannesbrief (1. Johannes 4,16) als Zusammenfassung des Evangeliums. Gott ist die Liebe \u2013 und f\u00fcr einen Gott, der die Liebe ist, kann es niemals akzeptabel sein, dass Unrecht geschieht und Unschuldige leiden. Der Gott der Liebe ist ein Feind der Krankheit und des zu fr\u00fchen Todes, er ist ein Feind der Schmerzen und der Traurigkeit. Gottes Wirken erkennen wir dort, wo Menschen gesund werden, wo sie einander helfen, wo sie in Liebe miteinander verbunden sind, wo Aufbr\u00fcche aus Verkr\u00fcmmungen geschehen und Neues w\u00e4chst. Gottes Wirken wird sichtbar, wenn ein Gel\u00e4hmter zu gehen lernt und zu tanzen beginnt wie in der wunderbaren Erz\u00e4hlung, wie Apostelgeschichte 3,1-10 berichtet. Der Wille Gottes ist Gesundheit und Leben, ist Gl\u00fcck und Heil \u2013 ganz einseitig und ohne Kompromisse.<\/p>\n<p align=\"left\">Aber wie passt das dann zusammen? Die Eindeutigkeit des g\u00f6ttlichen Willens zum Leben und zum Heil der Menschen und die Worte Jesu in Gethsemane und im Vaterunser? Ganz offensichtlich sind die Worte Jesu in Gethsemane nicht als Rechtfertigung des Leidens gedacht. Sie entspringen einer sehr speziellen Situation, in der Jesus sein drohendes Leiden als unausweichliche Konsequenz seiner Verk\u00fcndigung und seines Weges erkennt. Wer wie er mit letzter Konsequenz die Liebe Gottes lebt und verk\u00fcndet, muss auch die Konsequenz in Kauf nehmen, dass der Liebende zum Opfer wird, dass er sich gegen seine Feinde nicht wehren kann, weil er sonst die Liebe verriete, dass der Liebende keine andere Waffe hat als die g\u00f6ttliche Liebe und dass ihn das zugleich stark und unendlich verletzlich macht. Die Annahme des Leidens ist f\u00fcr Jesus eine Konsequenz der g\u00f6ttlichen Liebe, die ihn erf\u00fcllt und der er vertraut. Die Annahme seines Leidens enth\u00e4lt f\u00fcr Jesus keine Rechtfertigung seiner M\u00f6rder und ihrer Taten. Vielmehr sagt Jesus voll Bitterkeit und Abscheu zu Judas, der ihn verr\u00e4t, es w\u00e4re besser f\u00fcr ihn, er w\u00e4re nie geboren (Matth\u00e4us 26,24f).<\/p>\n<p align=\"left\">Der Satz \u201eDein Wille geschehe\u201c stammt aus der sehr speziellen Situation Jesu in Gethsemane. Indem er durch die Gemeinde des Matth\u00e4us in das Vaterunser eingef\u00fcgt wurde, hat sich der Zusammenhang ge\u00e4ndert. Nun bildet er den Abschluss des ersten Teils des Vaterunsers, der aus drei auf Gott hin formulierten Bitten besteht: \u201eGeheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe\u201c. \u00dcberlegt man nun, was der Kern der Botschaft Jesu war \u2013 n\u00e4mlich die Verk\u00fcndigung des Kommens des Gottesreiches \u2013, so wird deutlich, dass die zweite und die dritte Bitte des Vaterunsers im Grunde dasselbe bedeuten. Die dritte Bitte erl\u00e4utert nur noch einmal, was mit der zweiten Bitte schon formuliert ist: Gottes Reich m\u00f6ge vom Himmel auf die Erde kommen, damit auf der Erde \u2013 so wie schon im Himmel \u2013 Gottes Wille uneingeschr\u00e4nkt befolgt wird.<\/p>\n<p align=\"left\">Dazu eine wichtige Seitenbemerkung: Jesu teilte mit seiner j\u00fcdischen Umwelt ein apokalyptisches Weltbild, f\u00fcr das die gro\u00dfe Zeitenwende unmittelbar bevorstand. Das besondere an der Verk\u00fcndigung Jesu ist nun, dass er der festen \u00dcberzeugung ist, dass die Zeitenwende im Himmel schon begonnen hat. \u201eIch sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz\u201c (Lukas 10,18), sagt Jesus zu seinen J\u00fcngern, als sie merken, dass sie Macht \u00fcber die b\u00f6sen Geister haben. F\u00fcr Jesus ist die Macht des Satans und des B\u00f6sen schon zerbrochen. F\u00fcr ihn ist das der Anfang des Reiches Gottes, in dem nun endg\u00fcltig aller Schmerz und alles unschuldige Leiden ein Ende haben und Gottes Wille zum Leben und zur Liebe jetzt und hier auf der Erde endg\u00fcltig zum Durchbruch kommt.<\/p>\n<p align=\"left\">Dein Wille geschehe \u2013 mit der Formulierung dieser Bitte gibt das Vaterunser zu erkennen, dass der Wille Gottes keinesfalls schon immer und \u00fcberall geschieht. Im Gegenteil: Diese Bitte macht \u00fcberdeutlich, dass vieles, was in der Welt tats\u00e4chlich geschieht, dem g\u00f6ttlichen Willen diametral zuwiderl\u00e4uft. Die Pointe der Bitte liegt also gerade nicht in der Rechtfertigung von Elend und Leid, die Pointe der Bitte liegt nicht in einem dem\u00fctigen Zustimmen zu jedem Schicksalsschlag, der einem widerf\u00e4hrt. Die Pointe dieser Bitte liegt vielmehr genau darin, dass all unser W\u00fcnschen und all unser Handeln darauf ausgerichtet wird, dass die Welt anders wird als sie in vielerlei Hinsicht jetzt ist, dass Krankheit und Hunger, dass Schmerz und Leiden, Schuld und Verh\u00e4ngnis zur\u00fcckgedr\u00e4ngt werden, wo immer es geht. Die weiteren Bitten des Vaterunsers verdeutlichen das in gro\u00dfer Klarheit, indem sie um das t\u00e4gliche Brot, um Vergebung und um die Erl\u00f6sung von allem B\u00f6sen bitten.<\/p>\n<p align=\"left\">Der Anspruch von Gottes Willen umfasst dabei unser ganzes menschliches Leben. Es betrifft den pers\u00f6nlichen Bereich und unseren Umgang in der Familie, mit Nachbarn, Freunden und Kollegen. Es betrifft die \u00d6ffentlichkeit dieser Stadt und dieses Landes, in denen Gerechtigkeit herrschen soll und Menschen gesund und sicher und frei von Not leben sollen. Es betrifft diese Welt, in der so viel Ungl\u00fcck durch Krieg und Vertreibung, durch Machtmissbrauch und Habgier tagt\u00e4glich geschieht. All dies umfasst die Bitte um das Geschehen des g\u00f6ttlichen Willens: Himmel und Erde, Gro\u00dfe und Kleine, Menschheit und Natur sollen von diesem g\u00f6ttlichen Willen zur Liebe durchdrungen sein.<\/p>\n<p align=\"left\">Ja, alles soll vom g\u00f6ttlichen Willen zur Liebe durchdrungen sein \u2013 also auch ich, auch Du, auch Sie! Dass Gottes Wille geschehe, ist nicht nur eine nach au\u00dfen und an andere gerichtete Forderung. In allererster Linie ist es eine Verpflichtung f\u00fcr denjenigen, der das Vaterunser betet. Die dritte Vaterunserbitte ist am Ende mithin eine Form der Bu\u00dfe und ein Signal zur Umkehr, so wie es Jesus schon bei seinem ersten Auftreten an seine Zuh\u00f6rer richtete: \u201eTut Bu\u00dfe, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!\u201c (Matth\u00e4us 4,17). Die dritte Bitte des Vaterunsers betrifft ganz elementar uns selbst, die wir das Gebet sprechen. In unserem <em>eigenen<\/em> Leben und Verhalten soll Gottes Wille verwirklicht werden. Ich selbst bin gefragt und gemeint mit dieser Bitte: Wo kann <em>ich<\/em> Gottes Willen umsetzen in meinem Beruf, in meiner Familie, dort, wo ich Verantwortung habe? Die Bitte \u201eDein Wille geschehe\u201c leitet mithin nicht zur Passivit\u00e4t an, sondern im Gegenteil zur Aktivit\u00e4t. Indem ich die Bitte ausspreche, wird sie zur Frage an mich, an Dich, an Sie: Was tust Du dazu, dass Gottes Wille wirklich geschieht?<\/p>\n<hr \/>\n<p align=\"left\"><strong>Vorschlag f\u00fcr Lied nach der Predigt: EG 358,1+3-5, Es kennt der Herr die Seinen<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<p class=\"Stil1\">Prof. Dr. Christoph Dinkel<br \/>\nPfarrer<br \/>\nG\u00e4nsheidestra\u00dfe 29<br \/>\n70184 Stuttgart<br \/>\nE-Mail: <a href=\"mailto:dinkel@email.uni-kiel.de\">dinkel@email.uni-kiel.de<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe zum Vater Unser, Oktober 2006 &#8222;Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden&#8220;, Christoph Dinkel Zur \u00dcbersicht der Reihe Zu den theologisch-hymnologischen Informationen Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. 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