{"id":11533,"date":"2021-02-07T19:49:11","date_gmt":"2021-02-07T19:49:11","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11533"},"modified":"2023-01-17T22:10:40","modified_gmt":"2023-01-17T21:10:40","slug":"v5-unser-taegliches-brot-gib-uns-heute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/v5-unser-taegliches-brot-gib-uns-heute\/","title":{"rendered":"V5) Unser t\u00e4gliches Brot gib uns heute"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Predigtreihe zum Vater Unser, Oktober 2006<br \/>\n&#8222;Unser t\u00e4gliches Brot gib uns heute\u201c, Johannes Neukirch<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/archiv-8\/vaterunser-reihe-06.htm\">Zur \u00dcbersicht der Reihe<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/unser-taegliches-brot-gib-uns-heute-theologisch-hymnologische-informationen-zu-liedern-der-predigtreihe\/\">Zu den theologisch-hymnologischen Informationen<\/a><\/strong><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>\u201eKomm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne uns und was du uns bescheret hast\u201c. Oder: \u201eWir danken dir, Herr, denn du bist freundlich und deine G\u00fcte w\u00e4hret ewiglich\u201c. Zwei bekannte Tischgebete. Wenn Sie lange keins mehr gesprochen haben, hoffe ich doch wenigstens, dass Sie das mal erlebt haben, wie die Familie um den Tisch sitzt und das Essen mit einem Gebet beginnt und sich danach alle die H\u00e4nde reichen. Immer blieb bei uns in der Familie eine gewisse Unsicherheit, wer denn nun als erster anf\u00e4ngt zu sprechen. Und wenn man in eine andere Familie kommt, in der vor dem Essen noch gebetet wird, ist das meist ein spannender Moment, wie das abl\u00e4uft: Betet einer oder alle, gibt man sich die H\u00e4nde oder nicht, wer sitzt neben einem, wie h\u00e4lt er die Hand&#8230;.<\/p>\n<p>Vor dem Essen beten und daf\u00fcr danken, was Jesus uns da beschert hat. Das ist die Antwort darauf, dass wir alles, was wir haben, Gott dem Sch\u00f6pfer verdanken. Im Vaterunser wird das in der vierten Bitte ausgedr\u00fcckt: \u201eUnser t\u00e4gliches Brot gib uns heute\u201c. Wir bitten und erwarten, dass er uns gibt, was wir f\u00fcr unser Leben brauchen.<\/p>\n<p>Was man alles unter dem &#8222;t\u00e4glichen Brot&#8220; verstehen hat, hat Martin Luther in seinem kleinen Katechismus sehr sch\u00f6n beschrieben: \u201eAlles was not tut f\u00fcr Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gutes Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.\u201c Das Essen allein ist es eben nicht. Wenn das Vaterunser im Gottesdienst gebetet wird, wird an der Stelle &#8222;unser t\u00e4gliches Brot gib uns heute&#8220; mit Sicherheit in Gedanken sehr vieles und vielf\u00e4ltiges dazugebetet: Gib mir eine Arbeitsstelle, gib, dass unsere Partnerschaft wieder in Ordnung kommt, gib, dass ich wieder gesund werde und tausendfaches mehr.<\/p>\n<p>Ich finde es sehr interessant, an welcher Stelle diese Bitte f\u00fcr die lebensnotwendigen Dinge innerhalb des Vaterunsers steht: n\u00e4mlich genau in der Mitte! Das ist ein symbolischer Platz! Denn in den anderen sechs Bitten geht es um ganz anderes, jedenfalls nicht um materielle Dinge: Geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Das sind die ersten drei Bitten des Vaterunser, bei denen es vor allem um Gott selbst geht. Und in den letzten drei Bitten geht es darum, was Gott f\u00fcr unser Heil tun kann: Vergib uns unsere Schuld, f\u00fchre uns nicht in Versuchung, erl\u00f6se uns von dem B\u00f6sen, hei\u00dft es dort.<\/p>\n<p>Und mitten drin geht es ganz schlicht um das t\u00e4gliche Brot, um das Essen. Nun gut, es ist ja nicht so, dass in der Bibel nicht auch an\u2019s Essen gedacht w\u00fcrde. Bei der Speisung der f\u00fcnftausend hat Jesus daf\u00fcr gesorgt, dass seine Zuh\u00f6rerinnen und Zuh\u00f6rer Brot und Fisch hatten und bei einer Hochzeit hat er Wasser in Wein verwandelt. Und das Abendmahl wurde in den fr\u00fchen Gemeinden, wie heute auch manchmal wieder, als richtiges Abendessen gefeiert.<\/p>\n<p>Einen symbolischer Platz ist dieser Platz in der Mitte, weil uns das sehr deutlich sagt: in der Bibel wird der ganze Mensch angesprochen, mit all seinen Bed\u00fcrfnissen! Dass wir einen K\u00f6rper haben, ist f\u00fcr die frohe Botschaft keine Nebensache. Sie spricht uns an, wie wir sind: wir m\u00fcssen jeden Tag essen, wir haben Bed\u00fcrfnisse, wir machen uns Sorgen um unser t\u00e4gliches Brot, um die Arbeitsstelle, um unsere Gesundheit und so weiter.<\/p>\n<p>Es gibt ja gerade in letzter Zeit die Tendenz, die Religion \u2013 oder besser gesagt: die Religionen \u2013 als eine Art Wellness-Programm aufzufassen. Glaube ein wenig, und es geht dir besser. F\u00fcr viele ist der Glaube eine geistige Fitness-\u00dcbung. Das ist mir zu wenig. Vor allem denke ich, dass so ein Glaube dann, wenn es wirklich mal hart kommt, schnell zusammenbricht. Wenn es mal um die zentralen Fragen geht, um Tod und Leben, dann reicht ein bisschen religi\u00f6se Fitness eben einfach nicht aus. Dann brauchen wir den Gott, dessen Sohn gesagt hat: Ich bin das Brot des Lebens!<\/p>\n<p>\u201eUnser t\u00e4gliches Brot gib uns heute\u201c \u2013 dass wir diese Bitte vor Gott bringen k\u00f6nnen \u2013 nach \u201edein Wille geschehe\u201c und vor \u201evergib uns unsere Schuld\u201c \u2013 das sagt mir: mein ganzes Leben, meine ganze Person, alles was ich bin wird von Gott ernst genommen und soll ihm geh\u00f6ren. Im Neuen Testament sehen wir an den J\u00fcngern immer wieder, was das bedeutet. Dass sie ihm nachgefolgt sind, hatte Folgen f\u00fcr ihr ganzes Leben, nicht nur f\u00fcr die Gesundheit ihrer Seele. Sie haben alles stehen und liegen gelassen und sind mit ihm gegangen. Sie konnten gar nicht mehr anders, als sich voll und ganz allein auf ihn zu verlassen \u2013 \u201eunser t\u00e4gliches Brot gib uns heute\u201c.<\/p>\n<p>In der Mitte des Vaterunser steht also der Mensch, stehen wir, mit allem, was wir f\u00fcr unser Leben brauchen. Wenn wir da allerdings alleine st\u00fcnden, k\u00e4men wir nicht weit. Wenn unser Beten nur den Satz h\u00e4tte \u201eunser t\u00e4gliches Brot gib uns heute\u201c, dann best\u00fcnde unser Leben und unser Glaube nur darin, diesen Hunger zu stillen. Dass das ein armseliges Leben w\u00e4re und dass der Hunger dabei oft noch immer gr\u00f6\u00dfer wird, das muss ich nicht lange erkl\u00e4ren \u2013 daf\u00fcr gibt es genug Beispiele. Vor kurzem gab es eine Sendung im Fernsehen, in der ein Reporter einige Lebensl\u00e4ufe von Menschen verfolgte, die im Lotto einen hohen Betrag gewonnen hatten. Er stellte allen dieselbe Frage: Macht Geld gl\u00fccklich? Es gab keinen einzigen, der darauf ein klares Ja geantwortet hat.<\/p>\n<p>\u201eUnser t\u00e4glich Brot\u201c, das was wir wollen, steht zwar in der Mitte des Vaterunser, es ist aber sozusagen eingebettet in den Willen Gottes. Das Vaterunser bewahrt uns davor, nur bei uns selbst und nur auf uns selbst bezogen zu sein. Es befreit uns von unserer Selbstverliebtheit.<\/p>\n<p>Das wird schnell klar, wenn wir auf die ersten drei Bitten schauen: dein Name werde geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe. Da geht es nicht um mich, sondern darum dass Gott die Ehre gegeben werde und sein Reich komme, in dem sein Wille herrscht. Wir sind nicht einfach da und brauchen was. Sondern wir kommen von Gott her, wir leben in dem Glauben, dass mit seinem Sohn Jesus Christus das Reich Gottes begonnen hat. Und vor allem leben wir in dem Glauben, dass Jesus Christus eines Tages das, was mit ihm angefangen hat, zu Ende bringen wird. Dass kein Leid mehr sein wird, dass der Tod \u00fcberwunden wird. Aus dieser Perspektive werden unsere Bed\u00fcrfnisse, wird unser t\u00e4gliches Brot sozusagen in das richtige Licht ger\u00fcckt!<\/p>\n<p>In dem Reich Gottes, das mit Jesus angefangen hat, m\u00fcssen wir immer noch essen und trinken \u2013 das ist schon richtig. Aber wenn wir auf Jesus schauen, darauf, was er gesagt und getan hat, dann werden wir unser t\u00e4gliches Brot dankbar als Geschenk des Vaters essen. Und weil wir wollen, dass das Reich Gottes unter uns w\u00e4chst, werden wir unser Brot mit den anderen Menschen teilen. Denn \u201edein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden\u201c.<\/p>\n<p>Auch wenn wir den Willen Gottes tun und unser t\u00e4gliches Brot teilen wollen, werden wir immer wieder scheitern. Wir werden merken, dass wir das aus eigener Kraft nicht schaffen. Wir sind auf ihn angewiesen: Deshalb werden wir letzten drei Bitten des Vaterunser immer mitbeten: Und vergib uns unsere Schuld, und f\u00fchre uns nicht in Versuchung, sondern erl\u00f6se uns von dem B\u00f6sen.<\/p>\n<p>\u201eUnser t\u00e4gliches Brot gib uns heute\u201c. Wenn wir das zusammen mit den anderen Bitten des Vaterunser sagen, dann bitten wir ihn, dass er unser ganzes Leben mit all seinen Bed\u00fcrfnissen in den Horizont seines Reiches stellt. Wir werden dann immer noch essen und trinken und haben immer noch viele Bed\u00fcrfnisse. Aber wir nehmen das alles aus seiner Hand, wir vertrauen darauf, dass er uns im vollen Sinne des Wortes satt machen wird und danken ihm aus ganzem Herzen daf\u00fcr: \u201eWir danken dir, Herr, denn du bist freundlich und deine G\u00fcte w\u00e4hret ewiglich.\u201c Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dr. Johannes Neukirch, Hannover<br \/>\n<a href=\"mailto:johannes.neukirch@evlka.de\">johannes.neukirch@evlka.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe zum Vater Unser, Oktober 2006 &#8222;Unser t\u00e4gliches Brot gib uns heute\u201c, Johannes Neukirch Zur \u00dcbersicht der Reihe Zu den theologisch-hymnologischen Informationen Liebe Gemeinde, \u201eKomm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne uns und was du uns bescheret hast\u201c. Oder: \u201eWir danken dir, Herr, denn du bist freundlich und deine G\u00fcte w\u00e4hret ewiglich\u201c. 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