{"id":11537,"date":"2021-02-07T19:49:11","date_gmt":"2021-02-07T19:49:11","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11537"},"modified":"2023-01-17T22:18:12","modified_gmt":"2023-01-17T21:18:12","slug":"und-fuehre-uns-nicht-in-versuchung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/und-fuehre-uns-nicht-in-versuchung\/","title":{"rendered":"&#8222;Und f\u00fchre uns nicht in Versuchung&#8220;"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Predigtreihe zum Vater Unser, Oktober 2006<\/span><\/b><\/h3>\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">&#8222;Und f\u00fchre uns nicht in Versuchung&#8220;, Christian-Erdmann Schott<\/span><\/b><\/h3>\n<p><strong><a href=\"..\/vaterunser-reihe-06.htm\">Zur \u00dcbersicht der Reihe<\/a><br \/>\n<a href=\"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/v7-und-fuehre-uns-nicht-in-versuchung-theologisch-hymnologische-informationen-zu-liedern-der-predigtreihe\/\">Zu den theologisch-hymnologischen Informationen<\/a><\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<p align=\"center\"><strong>Und f\u00fchre uns nicht in Versuchung <\/strong><\/p>\n<p><strong> \u00a0<\/strong>Diese Bitte setzt voraus, dass wir alle mit Versuchung\/Versuchungen zu k\u00e4mpfen haben. Aber worin bestehen sie? Wie k\u00f6nnte uns \u201eUnser Vater im Himmel\u201c im Kampf mit ihnen helfen? F\u00fchrt er uns etwa selbst in Versuchung? Was k\u00f6nnen wir im Kampf gegen die Versuchungen in unserem Leben tun?<\/p>\n<p>Diesen Fragen wird hier nachgegangen. Dabei soll das Evangelische Gesangbuch (EG) als Hilfsmittel herangezogen und eingesetzt werden. In ihm haben Erfahrungen fr\u00fcherer Generationen einen deutlichen Niederschlag gefunden. Sie bilden f\u00fcr uns einen bisher kaum wahrgenommenen, geschweige denn ausgesch\u00f6pften Schatz an alten, aber keineswegs veralteten christlichen Einsichten in einem Kampf, der uns verordnet ist.<\/p>\n<p>Drei Bereiche, in denen wir seit Menschengedenken vor allem mit Versuchungen zu k\u00e4mpfen haben, sollen hier besonders thematisiert werden.<\/p>\n<ol type=\"I\">\n<li>Die Versuchung der Macht<\/li>\n<li>Die Versuchung durch den Zeitgeist<\/li>\n<li>Versuchungen in verschiedenen Lebensaltern<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>Zu I <\/strong><\/p>\n<p>h\u00f6ren wir die Geschichte von der Versuchung Jesu aus dem Matth\u00e4us-Evangelium. Diese Geschichte steht im Kapitel 4, 1-11 kurz vor dem Vater-Unser und unserer Bitte.<\/p>\n<p><em>Da ward Jesus vom Geist in die W\u00fcste gef\u00fchrt, auf dass er von dem Teufel versucht w\u00fcrde.<br \/>\n<\/em><em>Und da er vierzig Tage und vierzig N\u00e4chte gefastet hatte, hungerte ihn.<br \/>\n<\/em><em>Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.<br \/>\n<\/em><em>Und er antwortete und sprach: Es steht geschrieben: \u201eDer Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht\u201c.<br \/>\n<\/em><em>Da f\u00fchrte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels<br \/>\n<\/em><em>und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: \u201eEr wird seinen Engeln \u00fcber dir Befehl tun, und sie werden dich auf den H\u00e4nden tragen, auf dass du deinen Fu\u00df nicht an einen Stein sto\u00dfest\u201c.<br \/>\n<\/em><em>Da sprach Jesus zu ihm: \u201eWiederum steht auch geschrieben- Du sollst Gott, deinen Herrn, nicht versuchen\u201c.<br \/>\n<\/em><em>Wiederum f\u00fchrte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit<br \/>\n<\/em><em>und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, so du niederf\u00e4llst und mich anbetest.<br \/>\n<\/em><em>Da sprach Jesus zu ihm: Hebe dich hinweg von mir, Satan! Denn es steht geschrieben: \u201eDu sollst anbeten Gott, deinen Herrn, und ihm allein dienen\u201c.<br \/>\n<\/em><em>Da verlie\u00df ihn der Teufel. Und siehe, da traten die Engel zu ihm und dienten ihm. <\/em><\/p>\n<p>In allen diesen \u2013 vom Teufel \u2013 ausgedachten und vorgetragenen Versuchungen unseres Herrn geht es um die Macht. Auch wenn sie pers\u00f6nlich, dass hei\u00dft auf die Person des Gottesssohnes und auf sein Erl\u00f6sungswerk unter den Menschen zugespitzt sind, thematisieren sie \u00fcber seine Person hinaus auch allgemein menschliche Versuchungssituationen<\/p>\n<ol>\n<li>Den Menschen helfen (wollen) \u2013 hier: durch die Beschaffung von Brot<\/li>\n<li>Die Menschen beeindrucken (wollen) \u2013 hier: durch das Schauwunder eines unverletzten Absprunges von der h\u00f6chsten Stelle des Tempels<\/li>\n<li>Die Menschen beherrschen (wollen) \u2013 hier: durch die \u00dcbernahme der Weltherrschaft<\/li>\n<\/ol>\n<p>Das Teuflisch-Versucherische liegt in der Grenzenlosigkeit der Rolle, in die der Mensch gedr\u00e4ngt wird und willentlich ger\u00e4t \u2013 ob es nun Jesus Christus ist oder vergleichbar abgewandelt wir selbst sind. Denn<br \/>\naus dem Helfenden wird schnell der Unverzichtbare, ohne den scheinbar nichts mehr l\u00e4uft<br \/>\naus dem Beeindruckenden der Siegertyp, dem immer alles gelingt<br \/>\naus dem Herrschenden der Totalit\u00e4re.<\/p>\n<p>Mit diesen Rollen verbunden sind Einsamkeit und die Angst, in unserer tats\u00e4chlichen Begrenztheit durchschaut und schlie\u00dflich von den desillusionierten Anderen abgesto\u00dfen, versto\u00dfen zu werden.<\/p>\n<p>Die Kraft und \u201eKlugheit\u201c Jesu Christi liegt in der Wahrung seiner Menschlichkeit, das hei\u00dft, im Beharren auf seiner Begrenztheit und Abh\u00e4ngigkeit von Gott.<\/p>\n<p>Die Anerkennung dieser Grenzen macht den Menschen nicht klein, sondern frei; frei zum Dienst f\u00fcr Gott und f\u00fcr die Menschen an seinem Platz, in seinen M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Ebenfalls im Matth\u00e4us-Evangelium (16,26) findet sich das Wort Jesu <em>Was h\u00fclfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gew\u00f6nne und n\u00e4hme doch Schaden an seiner Seele? <\/em> Positiv formuliert hei\u00dft das: Es hilft dem Menschen, wenn er der Versuchung zu unbegrenzter Machtaus\u00fcbung \u00fcber andere widersteht und durch den Glauben seine Seele rettet. Der Glaube macht ihn frei zum Dienst an anderen und mit anderen im Reich Gottes.<\/p>\n<p>Aus dem EG w\u00e4ren f\u00fcr diesen Komplex besonders zu empfehlen:<br \/>\n295 Wohl denen, die da wandeln\u2026<br \/>\n419 Hilf, Herr meines Lebens\u2026<br \/>\n157 Lass mich dein sein und bleiben\u2026<br \/>\n368 In allen meinen Taten\u2026<br \/>\n495 O Gott, du frommer Gott\u2026<br \/>\n414 Lass mich, o Herr, in allen Dingen \u2026<\/p>\n<p><strong>Zu II <\/strong><\/p>\n<p>gehen unsere Erinnerungen zur\u00fcck bis in die Zeit des Nationalsozialismus. Wir wissen, dass damals viele Menschen, darunter auch kirchentreue und fromme Christen, von dieser Bewegung eine St\u00e4rkung und Wiederbelebung der Kirche erhofften. Von dieser Erwartung war zum Beispiel der Einsatz der \u201eDeutschen Christen\u201c f\u00fcr das System Hitler getragen.<\/p>\n<p>Dieser Grundgedanke \u2013 die Kirche durch Mitmachen und Anpassung an zeitgeistige Bewegungen retten oder st\u00e4rken zu wollen \u2013, zieht sich bis heute durch die gesamte Kirchengeschichte. Im Altertum war es die Versuchung, sich mit den Kaisern Roms oder Konstantinopels und den heidnischen Kaiserkulten zu arrangieren. Im Mittelalter war es die Versuchung, sich mit den Wahnvorstellungen und \u00c4ngsten der Menschen (Teilnahme an Kriegen, Hexenwahn, Ausgrenzungen, Weltuntergangstimmungen) zu arrangieren In der Neuzeit ist es die Versuchung \u201emit der Zeit zu gehen\u201c, modern zu sein um jeden Preis. Die Anpassung ist die gro\u00dfe Versuchung von Gemeinden, Kirchenleitungen, Synoden. Sicher nicht ohne Bedacht hei\u00dft es denn auch in unserer Bitte \u201eF\u00fchre <em>uns<\/em> nicht in Versuchung\u201c. Dabei geht die Anpassung bis in die Predigten und die Gebete in den Gottesdiensten hinein.<\/p>\n<p>Die Hilfe, die uns das Evangelische Gesangbuch hier an die Hand gibt, ist sehr vielf\u00e4ltig:<\/p>\n<p>Sie erm\u00f6glicht N\u00fcchternheit durch die Erinnerung an die Begrenztheit und Verg\u00e4nglichkeit aller menschlichen Bewegungen und Ideen <em>F\u00fcrsten sind Menschen, vom Weibe geboren <\/em> (303,2) \u2013 <em>Der F\u00fcrst dieser Welt, wie saur er sich stellt\u2026<\/em>(362,4) \u2013 <em>Die Herrlichkeit der Erden muss Rauch und Asche werden <\/em>(527) \u2013<em>Sch\u00f6nster Herr Jesu, Herrscher aller Herren \u2026<\/em>(403).<\/p>\n<p>Sie stellt demgegen\u00fcber die unvergleichliche Gr\u00f6\u00dfe, Kraft, Treue, Herrlichkeit Gottes in der Sch\u00f6pfungsordnung und in der moralischen Weltordnung heraus \u2013 etwa in den Liedern 303,362, 331<\/p>\n<p>Sie ermuntert uns,<br \/>\nGott in Versuchung, Anfechtung, Schw\u00e4che um seinen Beistand zu bitten\u2013 etwa 246 <em>Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ \u2013 <\/em>347<em> Ach bleib mit deiner Gnade<br \/>\n<\/em>um seine Treue und die St\u00e4rkung unserer Best\u00e4ndigkeit 193 <em>Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort &#8211; <\/em>157<em> Lass mich dein sein und bleiben\u2026.,<br \/>\n<\/em>um seinen Geist, der uns leitet, st\u00e4rkt und hilft \u2013 136 <em>O komm du Geist der Wahrheit <\/em>\u2013 und \u00fcberhaupt viele Pfingstlieder,<\/p>\n<p>sie ermutigt uns,<br \/>\ndurchzuhalten und nach dem Wort Gottes zu leben &#8211; <em> 295 Wohl denen, die da wandeln<br \/>\n<\/em>und das Vertrauen auf Gott nicht aufzugeben 369 <em>Wer nur den lieben Gott l\u00e4sst walten und hoffet auf ihn alle Zeit \u2013 <\/em>361 <em>Befiehl du deine Wege\u2026. <\/em><\/p>\n<p><strong>Zu III<\/strong><\/p>\n<p>im Zuge der Auslegung der Sechsten Bitte hat Martin Luther darauf hingewiesen, dass nicht alle Menschen zu jeder Zeit mit den gleichen Versuchungen zu k\u00e4mpfen haben: \u201eDie Jugend leidet Anfechtung vom Fleisch; was erwachsen und alt wird, leidet Anfechtung von der Welt; die andern aber, die mit geistlichen Sachen umgehen, das hei\u00dft die starken Christen, leiden Anfechtungen vom Teufel\u201c.<\/p>\n<p>Was mit der Anfechtung des Fleisches gemeint sein kann, zeigt sein Gebet: \u201eLieber Vater, gib uns Gnade, dass wir des Fleisches Lust zwingen; hilf, dass wir \u00fcbrigem Essen und Trinken, Schlafen, Faulenzen, M\u00fc\u00dfiggang widerstreben; hilf, dass wir es (das Fleisch) mit Fasten, m\u00e4\u00dfigem Futter, Kleidern, Lager, Arbeit, Wachen und Arbeiten dienstbar und zu guten Werken geschickt machen\u2026.\u201c.<\/p>\n<p>Die Anfechtung der Welt ist zusammengefasst in der Beobachtung \u201eDa will niemand der geringste sein, sondern jedermann obenan sitzen und von jedermann gesehen sein.\u201c.<\/p>\n<p>Die Anfechtung durch den Teufel zielt darauf, \u201edass man beide, Gottes Wort und Werk, in den Wind schlage und verachte; vom Glauben, der Hoffnung und der Liebe will er uns rei\u00dfen und zu Missglauben, falscher Vermessenheit und Verstockung oder auch umgekehrt zu Verzweiflung, Gottesverleugnung und L\u00e4sterung und anderen unz\u00e4hligen gr\u00e4ulichen St\u00fccken bringen\u2026.\u201c.<\/p>\n<p>Im EG gibt es zu diesem Realismus in den modernen Kirchenliedern keine Parallele. Darum werden wir auf die alten Prediger und Dichter mit ihren Konkretionen angewiesen bleiben. Unter den Rubriken <em>Umkehr und Nachfolge, N\u00e4chsten- und Feindesliebe, Beichte <\/em>und<em> Bu\u00dftag <\/em>k\u00f6nnen wir einiges an hilfreichen Texten finden.<\/p>\n<p>Wenn Fleisch, Welt und Teufel als Verursacher der Versuchung namhaft gemacht werden, ist ausgeschlossen, dass Gott f\u00fcr diese Rolle in Frage kommt. Im Gegenteil, er ist es, der unsere Widerstandskraft in der Versuchung st\u00e4rkt. In diesem Sinn erkl\u00e4rt Luther:<\/p>\n<p><em>Nicht in Versuchung f\u00fchren hei\u00dft nu, wenn er (Gott) uns Kraft und St\u00e4rke gibt, zu widerstehen\u2026.Denn solang wir im Fleisch leben und den Teufel um uns haben, kann niemand Versuchung und Reizung umgehen. \u2026.Aber darum bitten wir, dass wir nicht ganz hineinfallen und drin ersaufen. <\/em><\/p>\n<p>Zum Abschluss Lied 344 <em>Vater unser im Himmelreich\u2026 <\/em><\/p>\n<p>Orgel: Dietrich Buxtehude \u201eVater Unser\u201c BuxWV 219.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dr. Christian-Erdmann Schott<br \/>\nPfarrer em.<br \/>\nElsa-Br\u00e4ndstr\u00f6m-Str. 21<br \/>\n55124 Mainz<br \/>\nE-Mail: <a href=\"mailto:ce.schott@surfeu.de\">ce.schott@surfeu.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe zum Vater Unser, Oktober 2006 &#8222;Und f\u00fchre uns nicht in Versuchung&#8220;, Christian-Erdmann Schott Zur \u00dcbersicht der Reihe Zu den theologisch-hymnologischen Informationen Und f\u00fchre uns nicht in Versuchung \u00a0Diese Bitte setzt voraus, dass wir alle mit Versuchung\/Versuchungen zu k\u00e4mpfen haben. 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