{"id":11544,"date":"2021-02-07T19:48:55","date_gmt":"2021-02-07T19:48:55","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11544"},"modified":"2023-02-09T18:17:51","modified_gmt":"2023-02-09T17:17:51","slug":"jesaja-50-4-einfuehrung-in-das-thema-der-reihe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-50-4-einfuehrung-in-das-thema-der-reihe\/","title":{"rendered":"Jesaja 50, 4 + Einf\u00fchrung in das Thema der Reihe"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Predigtreihe in der Evangelischen Schlosskirche der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universit\u00e4t zu Bonn zum Thema &#8222;Weltmeisterschaft&#8220;, 2006<br \/>\nSonntag Palmarum, 9. April 2006<br \/>\nPredigt \u00fcber Jesaja 50, 4, Reinhard Schmidt-Rost<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<h4><span class=\"Stil1\">Zur Einf\u00fchrung in das Thema der Reihe:<\/span><\/h4>\n<p>Die erfahrenen Schlosskirchen-Besucher wird das Thema \u201aWeltmeisterschaft\u2019 h\u00f6chstens einen kleinen Augenblick \u00fcberrascht haben; mit solch kr\u00e4ftigen, gelegentlich holzschnittartigen Bez\u00fcgen auf die Gesellschaft kann, darf und mu\u00df man hier durchaus rechnen; das ist Absicht, dass die Begriffe und Vorstellungen des Alltags und der \u00d6ffentlichkeit durchsichtig werden f\u00fcr einen Doppel- und Hintersinn der Wirklichkeit des Evangeliums, dass die Welt des Glaubens die Alltagswelt transparent werden l\u00e4sst, dass Immanenz und Transzendenz aufeinander bezogen werden und die kritische Kraft des christlichen Glaubens als Korrektiv der Welt- und Lebensauffassung gegen\u00fcber tritt.<\/p>\n<p>Nun also \u201aWeltmeisterschaft\u2019, und das hei\u00dft in Deutschland vor allem: Fu\u00dfball-Weltmeisterschaft. Das runde Leder gibt einen Ansto\u00df, um den Gedanken einen weiten freien Raum zu er\u00f6ffnen, sie weit ziehen zu lassen \u00fcber die Welt, \u00fcber die die Menschen Meister sein wollen,<br \/>\nauf diese oder jene Weise,<br \/>\nmit Geld oder Gunst,<br \/>\nals Held, mit Kunst,<br \/>\nGedanken \u00fcber die Welt, wie sie aussieht, wenn die Menschen sie beherrschen wollen, hin zu der Welt, wie sie Gott mit seinen g\u00fctigen und barmherzigen Gedanken ansieht, und wohl auch zu beherrschen vermag.<\/p>\n<p>Es legt sich ja in diesen Tagen die F\u00fclle der Eindr\u00fccke vom Sportevent \u201aFu\u00dfball-Weltmeisterschaft\u2019 wie eine Folie \u00fcber das allt\u00e4gliche Bed\u00fcrfen und Streben, einige Bezirke im Freizeitbereich treten deutlicher hervor &#8211; bunt und laut und laut geredet, aber so ist Medien\u00f6ffentlichkeit heute, wenn sie sich Menschen packt, ob P\u00e4pste oder Pr\u00e4sidenten oder Entertainer, ob gro\u00dfe Br\u00fcder (Big brother) oder Fu\u00dfballspieler, alles wird &#8211; abenteuerlich &#8211; eventlich \u2013 ausgestellt.<\/p>\n<p>Wir sind gespannt, wie diese allgemeine Aufmerksamkeit dem Sport bekommt und was f\u00fcr die Menschen dabei herauskommt; wir wollen hier \u2013 in unserem Sprachlabor Schlosskirche \u2013 gelegentlich kr\u00e4ftige Kontrapunkte zum \u00f6ffentlichen Hauptthema ausspielen und durchaus sympathisierend kontrastieren. Wir hoffen, damit niemand zu verletzen, &#8211; ich denke besonders an den kommenden Freitag \u2013 oder an einen Titel wie \u201aHimmelfahrtskommando\u2019, aber wir gehen dieses Risiko wohl ein.<\/p>\n<p>Heute, wenn wir von der \u2019gelehrten Zunge\u2019 h\u00f6ren, und von den \u2019M\u00fcden\u2019, zu denen sie zur rechten Zeit spricht, denke ich z.B. weniger an die ersch\u00f6pften Spieler, die ihr Trainer in der Halbzeit noch einmal aufr\u00fcttelt, sondern an die Geschlagenen und Verzweifelten, die zu solcher mehr oder weniger gesunden K\u00f6rperert\u00fcchtigung gerade nicht mehr in der Lage sind, vielleicht an die Dauerverletzten und von der Jagd nach Erfolgen Deprimierten oder an die, die ihren K\u00f6rper niemals in dieser \u201enormalen\u201c und doch so wunderbaren Weise haben f\u00fchlen und bewegen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>So lassen sie uns beginnen mit einem herzerfrischenden Morgenlied:<\/p>\n<p>All morgen ist ganz frisch und neu des Herren Gnad und gro\u00dfe Treu,<br \/>\nsie hat kein Ende den langen Tag, drauf jeder sich verlassen mag.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong><span class=\"Stil2\">Predigt<\/span><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\nschlagfertig hei\u00dfen Menschen mit flotter Zunge, seit die Herren keine Degen mehr tragen und sich damit nicht mehr um ihre Ehre schlagen, &#8211; was selbst die schlagenden Verbindungen nur als \u2013 m\u00f6glicherweise apotrop\u00e4ischen \u2013 Ritus gegen die Gewalt noch vollziehen, &#8211; seit den Tagen des blutigen Duells also, um sch\u00f6ne Frauen oder nur um die Ehre, seitdem ist die Schlagfertigkeit auf die Zunge gerutscht, der subtilsten unserer Waffen anheim gestellt oder anheimgefallen.<\/p>\n<p>Schlagfertig ist nicht mehr der Kombattant, sondern der Debattant, der sich weltmeisterliche Wortgefechte zu liefern vermag, der mit seiner spitzen Zunge die Argumente seiner Gegner zerlegt wie mit einem Seziermesser, der die durchsichtigen Angriffe seiner Gegner wortgewandt ins Leere laufen l\u00e4sst, schlagfertig ist auch, wer seinem Gegner keine Luft zum Atmen, geschweige denn zum Sprechen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Solche zungenfertige Schlagfertigkeit wird in den Hallen der Wissenschaften durchaus bewundert und auch gepflegt, gelegentlich sogar pr\u00e4miert<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"> (*) <\/a>, denn die Lehrer der Wissenschaften schlie\u00dfen nicht ganz zu unrecht von der blitzenden Sprache auf blitzsaubere Gedanken.<\/p>\n<p>Indessen meint der zweite Jesaja nicht vor allem Schlagfertigkeit und blitzende Gedanken, wenn er von sich selbst sagt:<\/p>\n<p>\u201e Der Herr Herr hat mir eine gelehrte Zunge gegeben, dass ich wisse, mit den M\u00fcden zur rechten Zeit zu reden. Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich h\u00f6re, wie ein J\u00fcnger h\u00f6rt.\u201c<\/p>\n<p>Nicht den blitzenden Geist meint der Prophet, der zu seinem Volk im Exil redet, aber durchaus einen beweglichen Geist, der sein \u00fcberaus anspruchsvolles Instrument, die Zunge, wirkungsvoll, angemessen zu spielen versteht.<\/p>\n<p>Denn das ist sie wahrhaftig, die Zunge, ein hochsensibles Instrument des Geistes, ja sein ausdrucksst\u00e4rkstes, nach au\u00dfen wirksamstes Instrument. N\u00e4chst den Augenlidern ist sie sicher das meistbewegte K\u00f6rperteil, unwillk\u00fcrlich und willk\u00fcrlich \u2013 und wir merken an ihr auch physische Probleme und Krankheiten sofort und sehr schmerzhaft, und sei es, wir h\u00e4tten uns nur auf die Zunge gebissen, von der schrecklichen Krankheit des Zungenkrebses nicht zu reden.<\/p>\n<p>Die Zunge ist ein m\u00e4chtiges Instrument, man kann seiner Zunge regelrecht ausgeliefert sein, manche haben sich schon um Kopf und Kragen geredet, ihre Position verspielt, Freundschaften vergeben und vergiftet mit einem falschen Zungenschlag.<br \/>\nDie Zunge ist ein gef\u00e4hrliches Instrument \u2013 es kann Beziehungen zerst\u00f6ren \u2013 in einem Augenblick \u2026 wir brauchen Schutz f\u00fcr unsere Zunge und \u00dcbung, dieses Instrument zu spielen.<\/p>\n<p>Deshalb ist sie auch ein beliebtes Bild der Alltagssprache, die scharfe Zunge, oder die Zunge, auf die man sich bei\u00dft, um nichts Falsches zu sagen \u2026<\/p>\n<p>Wir bewegen sie im Mund hin und her \u2013 und merken es kaum \u2013 zum Gl\u00fcck nicht, wenn wir es merken, ist schon ein Ungl\u00fcck geschehen, verletzt oder verletzend sp\u00fcrbar geworden.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\nanders als in der Instrumentalmusik spielen alle Menschen dieses Instrument, die Zunge, manche bringen es zu einer wunderbaren Meisterschaft, ihre Rede flie\u00dft zu aller Freude, sie sind die Mittelpunkte der K\u00fcnstlerkreise, die Stars der Vortragsabende, oder auch die Magneten der kirchlichen Redekunst, &#8211; nicht von ungef\u00e4hr heben wir in dieser Kirche in jedem Jahr hervorragende Prediger hervor; aber es gibt nat\u00fcrlich auch Menschen, die es zu einer geradezu schrecklichen, unmenschlichen Meisterschaft im Zungenspiel gebracht haben, Demagogie sagen wir dazu vornehm philosophisch \u2026 obwohl die politischen Folgen im Allgemeinen alles andere als vornehm sind.<\/p>\n<p>Weil wir aber alle das Instrument der Zunge spielen, ist es keineswegs gleichg\u00fcltig, wie Menschen zum Gebrauch dieses Instruments angeleitet werden. Ob sie lernen, die Modulationsf\u00e4higkeit der Zunge zu nutzen oder eher wie ein Soloinstrument zu spielen, ob sie ihren eigenen Stil entwickeln oder mit den anderen br\u00fcllen, wie die Menge an Karfreitag.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\nwir sind, so wie wir hier zusammen sind und reden, singen und h\u00f6ren, <em>Begabte<\/em> \u2013 mit einer gelehrten Zunge, aber nicht nur beruflich gelehrt oder durch das Leben belehrt, sondern so, wie wir hier sitzen und h\u00f6ren und singen und dann auch wieder reden werden, sind wir Begabte und Beanspruchte, &#8211; nat\u00fcrlich auch vom Leben Beanspruchte, auch Belastete und Gebeutelte, aber vor allem sind wir beansprucht durch das Wort der Bibel, von Gott beansprucht und beauftragt, aufgerufen, herausgerufen, ausgezeichnet!! Ausgew\u00e4hlt!! Ob wir wollen oder nicht, wir haben es geh\u00f6rt und wir k\u00f6nnen es nicht mehr absch\u00fctteln: Es hat etwas mit uns gemacht, es hat unser Herz mit Beschlag belegt; und es ist nicht zum wenigsten das Gef\u00fchl, da\u00df wir mit den M\u00fcden reden sollten zur rechten Zeit, und da\u00df wir dazu die passende Zunge schon l\u00e4ngst haben und gut belehrt worden sind &#8230; dieses Gef\u00fchl hat sich, da bin ich sehr sicher, bei vielen von uns schon lange in ihren Herzen festgesetzt und breitet sich immer weiter aus, setzt sich unwiderstehlich durch \u2013 hat uns ganz mit Beschlag belegt. Manchmal packt uns dieses Gef\u00fchl so fest, dass wir des Guten fast zu viel tun wollen, und die M\u00fcden nicht auch einmal in ihrer M\u00fcdigkeit allein lassen k\u00f6nnen, am liebsten die ganze Welt mit unserem Engagement begl\u00fccken wollen. Aber das sind Ausnahmen, viel bestimmender ist der Eindruck, dass Sie, die Sie hier sitzen, sich haben ansprechen lassen, sich als J\u00fcnger haben rufen lassen, da\u00df Sie solche Worte geh\u00f6rt haben \u2013 und etwas darauf geben &#8230; auch wenn es Ihnen alles andere als leicht fallen sollte, dazu zu stehen: Wir sind belehrte J\u00fcnger, wir haben nicht nur eine Zunge, die wir so oder so einsetzen, sondern eine Zunge wie solche, die als J\u00fcnger ihres Meisters belehrt worden sind.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<br \/>\nEs geht also nicht um die durchaus interessante Frage, wer in diesem Bibeltext redet, wer sich als J\u00fcnger versteht, als Knecht Gottes vielleicht, als der, der seinen R\u00fccken den Schl\u00e4gen und Schl\u00e4gern hinhielt, ob der zweite Jesaja, ein Prophet der Exilszeit, oder ob er das ganze Volk Israel meint oder auf einen kommenden Heiland hofft; es geht, wenn wir dieses Bibelwort h\u00f6ren um uns, um uns, die wir beansprucht sind, durch unsere Zunge und dadurch, dass wir belehrt sind wie J\u00fcnger, zum rechten Reden zur rechten Zeit instruiert, belehrt nicht nur durch diesen einen Satz, sondern durch die vielen S\u00e4tze, mit denen uns die Bibel in Gottes Welt hineingef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>Denn dies ist die Art der Herrschaft, die auch mich hierher gebracht hat, f\u00fcr die ich mich einsetze, nat\u00fcrlich mit allen Schwestern und Br\u00fcdern im Glauben in einer eigenartigen, weltweiten Gemeinschaft, f\u00fcr die ich mich in meinem Beruf einsetze; sie besteht in Worten, diese Herrschaft, in Worten, die es zu h\u00f6ren, zu lesen, zu finden \u2013 und zu behalten gilt, Worte, die diese ganz bestimmte Art der Herrschaft \u00fcber die Wirklichkeit abbilden, dieses, mit den M\u00fcden zur rechten Zeit zu reden, wirksam werden lassen.<\/p>\n<p>Wenn wir solche Worte finden und die rechte Zeit sie auszusprechen, dann sp\u00fcren wir Gott ganz nahe, den Gott, der sich in Christus den M\u00fcden und Beladenen zugewandt, der sich uns in Christus gezeigt hat.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\nich habe vom vorgeschlagenen Text absichtlich nur den Anfang genommen, ich wollte nicht vom todesmutigen Gehorsam des J\u00fcngers reden, das f\u00fchrt die Gedanken auf Abwege: Es wirkt nicht nur aufgesetzt bekennerhaft, als seien wir alle meisterhafte J\u00fcnger, die die Weisung Gottes gut verstanden haben und tapfer Gottes Welt in dieser Welt zur Geltung bringen. Es ist auch gar nicht unsere Situation:<\/p>\n<p>Wir sind nicht der Gottesknecht pers\u00f6nlich und wir sind nat\u00fcrlich nicht Jesus Christus, obwohl manche Predigt \u00fcber die \u201aNachfolge der Christen\u2019 so klingt \u2013 und wie es ja wohl auch in den Ohren mancher M\u00e4rtyrer geklungen hat, als sollten wir Christus im Leiden gleich werden.<\/p>\n<p>Unser Zeugenauftrag \u2013 unser Martyrium \u2013 ist von anderer Art, eben von dieser: Mit den M\u00fcden zur rechten Zeit reden; die Worte Gottes, die Worte des Evangeliums zu finden, die den M\u00fcden gut tun, das ist unser Auftrag, vielleicht sollte man sagen: Ein Teil unseres Auftrags, der diakonische Teil, neben dem \u201aLehren, taufen\u2019 (&#8230;lehret und taufet, Mt. 28, 19) und dem \u201aErinnern\u2019 (\u201asolches tut, so oft ihr\u2019s trinket, zu meinem Ged\u00e4chtnis\u2019 ) Worte zu finden, die uns gegeben sind, die vorliegen, die wir aufgreifen k\u00f6nnen. Es ist keine \u00dcberforderung der Helfer im Amt oder Ehrenamt, wenn wir uns den Worten \u00f6ffnen, die uns immer schon gegeben sind, um mit den M\u00fcden zur rechten Zeit zu reden. Wir brauchen auch nicht eigentlich tiefere psychologische oder psychotherapeutische Kenntnisse, wiewohl sie nicht unbedingt st\u00f6ren, wir m\u00fcssen uns in die Worte einleben, die uns im Evangelium gegeben sind, das pr\u00e4gt unsere Person, dann werden wir auch die richtigen Worte zur rechten Zeit finden \u2013 und zur rechten Zeit zu schweigen wissen.<\/p>\n<p>Ich lasse uns heute gerade deshalb das thematisch passende Lied von Jochen Klepper nicht singen, das diesen Bibelvers so treffend verdichtet \u201eEr weckt mich alle morgen\u201c; ich habe es auf zu vielen Pfarrkonventen geh\u00f6rt und mitgesungen, und immer wieder die \u00dcberforderung der versammelten Pfarrer herausgeh\u00f6rt, deshalb meide ich diese sch\u00f6ne Dichtung mit der Vertonung, die man wie einen Walzer singen k\u00f6nnte \u2026 ein klassischer 3\/4-Takt \u2013 wenn man sich nicht selbst zu m\u00fcde f\u00fchlte, um noch gute Worte zu finden.<\/p>\n<p>Denn das ist eines der Merkmale, an denen wir die M\u00fcden erkennen oder uns selbst als m\u00fcde: Wenn uns die guten Worte Gottes keine Hoffnung mehr geben, wenn wir nicht mehr darauf hoffen, dass Gott unser Hirte ist und uns jenseits aller unserer Verdienste zu seinem Volk, zur Herde seiner Weide rechnet; wenn wir nicht mehr daran zu glauben verm\u00f6gen, dass Christus die Welt \u00fcberwunden hat \u2013 und damit auch unsere Angst, wenn wir jenes \u201eich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende\u201c nicht mehr in unserem Leben finden, weil es von so viel Gesch\u00e4ftigkeit versch\u00fcttet ist, m\u00fcde, weil uns die Erz\u00e4hlung von der N\u00e4he Gottes nicht mehr herausf\u00fchrt aus der Verzweiflung \u00fcber die unendlichen Leistungsforderungen, die unser Leben bestimmen, wenn wir uns nicht mehr als die im Leben Verlorenen und doch bei Gott Geborgenen empfinden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\nSie werden denken: nun sag\u2019 uns doch endlich, wie das geht, mit den M\u00fcden zur rechten Zeit zu reden, dr\u00fcck Dich nicht darum herum. Um was geht es? Hast Du uns kein Seelsorge-Handbuch? Das ist doch Deine Aufgabe! Oder wenigstens ein paar Ratschl\u00e4ge?<\/p>\n<p>Also gut, vier Hinweise \u2013 oder f\u00fcnf, wenn Sie nicht vergessen, dass es wirklich vor allem um das Leben im Geist des Evangeliums geht, der aus seinen Worten quillt, ehe Du dich versiehst; wenn sie das nicht voraussetzen, dann n\u00fctzen ihnen auch die Ratschl\u00e4ge nichts; es ist wie bei jeder Kunst oder jedem professionell betriebenen Sport, man mu\u00df es wie im Schlaf k\u00f6nnen, es mu\u00df in Fleisch und Blut \u00fcbergehen.<\/p>\n<p>Nun also f\u00fcnf Beobachtungen f\u00fcr das Reden mit den M\u00fcden:<\/p>\n<p>Mit den M\u00fcden redet man nicht laut \u2013 und von sich selbst nur ganz vorsichtig \u2013 und keinesfalls mit der Selbstgewissheit, die den Gesunden manchmal zu Gebote steht, aber die Sache der M\u00fcden nicht ist. M\u00fcde Menschen sind selten laut, allenfalls wenn sie sind wie \u00fcberm\u00fcdete Kinder \u2026M\u00fcde Menschen haben empfindliche Ohren, denen gute Ratschl\u00e4ge einfach weh tun.<\/p>\n<p>Mit den M\u00fcden redet man nicht grunds\u00e4tzlich, das ist ja auch nur eine andere Weise, laut zu reden; man h\u00f6rt mehr, als dass man redet, aber man wei\u00df viel, man hofft viel und bittet viel f\u00fcr den M\u00fcden, aber die gelehrte Zunge beh\u00e4lt es f\u00fcr sich, dass sie wei\u00df, dass das Leben beschwerlich werden kann \u2013 und dennoch getragen ist. Und die M\u00fcden sp\u00fcren diese Gewissheit \u2013 und lassen sich durch die Gegenwart oder die geschriebene N\u00e4he tr\u00f6sten, so Gott will.<\/p>\n<p>Nach Gottes Willen rechnet man mit der Kraft auch der M\u00fcden, schiebt sie nicht von vornherein diagnostisch ins Abseits; der kann nicht mehr, der ist fertig, der mu\u00df froh sein, wenn er sich an seinem Glauben noch halten kann. Man kann die M\u00fcden im Gespr\u00e4ch auch vom Platz stellen.<\/p>\n<p>Ob man mit einem M\u00fcden zur rechten Zeit geredet habe, dass erf\u00e4hrt man allenfalls hinterher; es ist ein Reden, das sich vom Gedanken des Erfolgs v\u00f6llig befreit hat \u2013 und trotzdem wei\u00df, da\u00df es besser oder schlechter wirken kann.<\/p>\n<p>Und ein letztes: Das rechte Reden mit den M\u00fcden zur rechten Zeit ersch\u00f6pft gerade nicht, sondern es f\u00fchrt an die Quelle und in die F\u00fclle der guten Worte Gottes, die auch ein beschwertes, ein leidvolles Leben st\u00e4rken k\u00f6nnen, das Leben des M\u00fcden, aber erst recht das Leben dessen, der wie ein J\u00fcnger zu reden versucht und dazu aus der Quelle der Worte Gottes sch\u00f6pft.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\nwer nie m\u00fcde gewesen ist, so dass er am Sinn seiner Arbeit und seiner Tage und an der qu\u00e4lenden N\u00e4he seiner N\u00e4chsten schier verzweifelte, weil sie ihn dr\u00fcckte und an der heilsamen, weil er diese N\u00e4he des lieben N\u00e4chsten nicht finden konnte, f\u00fcr den kommen solche Worte, mit denen Christus unter uns ist, vielleicht zur Unzeit, noch zu fr\u00fch \u2013 und die Ratschl\u00e4ge n\u00fctzen ihm \u00fcberhaupt nichts, denn der kann sich nicht vorstellen, wie die tr\u00f6stenden Worte der Bibel eine heilsame Meisterschaft \u00fcber menschliches Leben begr\u00fcnden k\u00f6nnen; darum ist der Glaube schon eine Sache vor allem \u00e4lterer Menschen. Aber die Schatten, die die sportlichen Ereignisse voraus werfen, zeigen, dass auch j\u00fcngere, auch sehr junge Menschen unter die M\u00fcden fallen k\u00f6nnen \u2013 und es gibt viele junge Menschen, die sich an die Trostworte halten:<br \/>\n\u201eIch bin der Weinstock, ihr seid die Reben \u2026\u201c, wem dieses Wort zu Herzen geht, der hadert vielleicht nicht mehr so sehr, wenn er f\u00fchlt, wie wenig er durch seinen Einsatz bewegen kann, und freut sich an der belebenden Wirkung, die er oder sie im Leben anderer aus\u00fcben kann, und sei es nur wie belebende \u2013 nicht bet\u00e4ubende \u2013 Fr\u00fcchte des Weinstocks \u2013 es ist die Frage, ob uns als Menschen mehr gegeben ist als dies, dass wir anderen zur St\u00e4rkung werden wie ein m\u00e4\u00dfiger Schluck Wein, wie im Abendmahl, &#8211; und so doch in der Nachfolge Christi.<\/p>\n<p>Es ist gut, sich im Gegen\u00fcber zur Meisterschaft menschlicher Kraft immer wieder auf diese andere \u2013 keineswegs bescheidene, aber den Menschen beschiedene \u2013 Sicht der Wirklichkeit zu besinnen, die Gottes Wort vermittelt, das Wort, das sich um die M\u00fcden k\u00fcmmert, aber nicht wie um kranke Kinder, die wieder gesund werden m\u00fcssen und meist auch k\u00f6nnen, sondern als Zeugen der Verletzlichkeit, die zum menschlichen Wesen geh\u00f6rt, das nur in Gottes Wissen um unsere Schw\u00e4che rechten Schutz findet. Amen.<\/p>\n<p>Als Lied vor der Predigt werden wir die Taiz\u00e9-Ges\u00e4nge \u201aBleibet hier und wachet mit mir\u2019 und danach \u201aBleib mit Deiner Gnade bei uns\u2019 singen (im Rhein. Regionalteil 585 und 586)<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>(*) Zwei Bonner Studenten wurden soeben Debattier-Europameister.<\/p>\n<hr \/>\n<p class=\"Stil3\"><strong>Universit\u00e4tsprediger Prof. Dr. Reinhard Schmidt-Rost <\/strong><br \/>\n<strong><a href=\"mailto:r.schmidt-rost@ev-theol.uni-bonn.de\">r.schmidt-rost@ev-theol.uni-bonn.de <\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe in der Evangelischen Schlosskirche der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universit\u00e4t zu Bonn zum Thema &#8222;Weltmeisterschaft&#8220;, 2006 Sonntag Palmarum, 9. 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