{"id":11545,"date":"2021-02-07T19:49:01","date_gmt":"2021-02-07T19:49:01","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11545"},"modified":"2023-02-06T13:36:08","modified_gmt":"2023-02-06T12:36:08","slug":"du-stellst-meine-fuesse-auf-weiten-raum-psalm-31-9b","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/du-stellst-meine-fuesse-auf-weiten-raum-psalm-31-9b\/","title":{"rendered":"\u201eDu stellst meine F\u00fc\u00dfe auf weiten Raum\u201c (Psalm 31, 9b)"},"content":{"rendered":"<h3 align=\"left\"><b><span style=\"color: #000099;\">Predigtreihe in der Evangelischen Schlosskirche der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universit\u00e4t zu Bonn zum Thema &#8222;Weltmeisterschaft&#8220;, 2006<br \/>\nPredigt am Sonntag Trinitatis zum Thema \u201eDu stellst meine F\u00fc\u00dfe auf weiten Raum\u201c (Psalm 31, 9b) <\/span><\/b><b><span style=\"color: #000099;\">verfasst von Karsten Matthis <\/span><\/b><\/h3>\n<div align=\"left\">Liebe Gemeinde,<\/div>\n<div align=\"left\">\n<p>\u201eDu stellst meine F\u00fc\u00dfe auf weiten Raum.\u201c, ein wundervolles Wort! Ein Gedanke, der uns aufatmen l\u00e4sst. Der Vers tr\u00f6stet schon in dem Augenblick, in dem man die Worte in den Mund nimmt. Im stillem Gebet und beim lauten Lesen sp\u00fcrt man es k\u00f6rperlich. Das Wort schafft in uns einen weiten Raum. Statt Enge und Angst sp\u00fcren wir Freiheit und Zuversicht.<\/p>\n<p>Der 31. Psalm, aus dem der Vers stammt, ist selbst ein weiter Raum. Wer diesen Psalm betet, der h\u00f6rt das Sterbegebet des gekreuzigten Jesus: \u201e<em>In deine H\u00e4nde befehle ich meinen Geist<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>Der Leser h\u00f6rt auch den Beter des Psalms, wie jener erz\u00e4hlt \u00fcber sein Schicksal, \u00fcber seine Fragen und Zweifel. In einer Situation, in welcher nach menschlichem Ma\u00df alles am Ende scheint, da zeigt Gott Auswege auf und schafft Weite. \u201e<em>Du stellst meine F\u00fc\u00dfe auf weiten Raum<\/em>\u201c \u2013 ein Psalmwort, welches Freiheit und Geborgenheit zugleich schenkt.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Gott stellt unsere F\u00fc\u00dfe t\u00e4glich auf einen weiten Raum. Sein Wort holt uns aus der Enge des Alltags: Befreit uns von unseren Zw\u00e4ngen und immer gleichen Verhaltens\u00admustern. Es rei\u00dft aus dem Netz heraus, welches nicht nur unsere Feinde gestellt haben, sondern welches wir uns selbst gelegt haben.<\/p>\n<p>Der Vers aus dem 31. Psalm hat drei Perspektiven und er\u00f6ffnet uns R\u00e4ume in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das Wort umspannt nicht nur allein unterschiedliche Zeitebenen, sondern auch verschiedene menschliche Erfahrungen:<\/p>\n<p>Gott hat immer wieder unsere F\u00fc\u00dfe auf weiten Raum gestellt. Wir Menschen sind nicht seine Marionetten. Nicht zwanghaft unseren Trieben ausgeliefert, wie es Sigmund Freud vermutete, sondern im Glauben sind wir Freie. Wir haben Freir\u00e4ume geschenkt bekommen und <em>sind zur Freiheit berufen<\/em> (Gal. 5,1).<\/p>\n<p>Meine Generation durfte in Frieden und Freiheit aufwachsen. Viele aus meinem Jahrgang studierten und nahmen Chancen wahr, die Generationen zuvor nicht wahrnehmen konnten. Der Fall der Mauer in Deutschland und der Fall des \u201eEisernen Vorhangs\u201c zwischen West- und Osteuropa hat Freir\u00e4ume noch weiter vergr\u00f6\u00dfert. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch in einer kulturellen und geistigen Perspektive ist Europa wieder enger zusammen ger\u00fcckt. Gr\u00e4ben zwischen Ost und West werden immer mehr \u00fcberbr\u00fcckt und gelten gerade f\u00fcr j\u00fcngere Menschen als \u00fcberwunden.<\/p>\n<p>Dass Gott unsere F\u00fc\u00dfe auf weiten Raum stellte, ist Grund dankbarer Erinnerung. Dankbarkeit f\u00fcr Bewahrung von Unf\u00e4llen und \u00dcberwindung von Krankheiten. Sich daran zu erinnern, dass Gott uns befreite von Unzul\u00e4nglichkeit und Zw\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Von Jean Paul stammt das Wort: \u201eDie Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden k\u00f6nnen\u201c ( Die unsichtbare Loge ). Ja, es ist wohl so. Manche Erinnerungen haben wir gesch\u00f6nt. Vieles erscheint noch idealer, als es vielleicht gewesen ist. Die Kindheit, das Studium, die ersten Jahre der Ehe \u2013 sei es drum. Seien wir dankbar f\u00fcr paradiesische Erinnerungen.<\/p>\n<p>Im Jetzt stellt Gott unsere F\u00fc\u00dfe auf einen weiten Raum. Der Vers erinnert nicht nur an Vergangenes, sondern \u00f6ffnet unsere Augen f\u00fcr den weiten Raum, der uns in der Gegenwart geschenkt ist.<\/p>\n<p>Ich verhehle nicht, dass mich gro\u00dfe kulturelle und sportliche Ereignisse Weite und Freiheit sp\u00fcren lassen. Konzerte mit herausragenden K\u00fcnstlern oder Kirchentage, wie der \u00d6kumenische Kirchentag 2003 in Berlin und nicht zuletzt die gerade begonnene Fu\u00dfballweltmeisterschaft. F\u00fcr viele ist das sportliche Gro\u00dfereignis eine willkommene Entspannung und Abwechslung im allt\u00e4glichen Allerlei. Die Fu\u00dfballweltmeisterschaft im eigenen Land dr\u00e4ngt unsere bundesdeutschen Probleme erst einmal in den Hintergrund. Statt \u00fcber Arbeitslosigkeit und Integrationsproblemen von ausl\u00e4ndischen Mitb\u00fcrgern reden sich viele nun die K\u00f6pfe \u00fcber Fu\u00dfball hei\u00df. Es regiert K\u00f6nig Fu\u00dfball: Taktische Fachsimpeleien, Mannschaftsaufstellungen und Laktatwerte von Spielern, beherrschen nun die Medienberichterstattung.<\/p>\n<p>Die Kritiker sagen : Die Fu\u00dfballweltmeisterschaft ist eine Traumfabrik. Das gesamte Szenario dieser WM Opium f\u00fcrs Volks. Alles unterliegt der Kommerzmacherei. Der beredte Fu\u00dfballfan mag einwenden: Die WM ist ein kr\u00e4ftiges Besch\u00e4ftigungs- und Konjunkturprogramm und sie f\u00fchrt Menschen und Kulturen zusammen, die bislang kaum Ber\u00fchrungspunkte hatten. Ja, zugegeben, in den n\u00e4chsten Wochen wird es unpolitischer zugehen. Es werden einige betr\u00e4chtliche Gewinne aus der Fu\u00dfballweltmeisterschaft ziehen. Und nat\u00fcrlich werden Diktatoren wie zu allen Sportereignissen sich Ergebnisse ihrer Mannschaften zunutze machen. Denn nicht alle teilnehmenden L\u00e4nder sind Demokratien reinsten Wassers, ganz und gar nicht.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen einen Vizepr\u00e4sident eines Landes ertragen, dessen Staatschef den Staat Israel und seine Menschen ins Mittelmeer abdr\u00e4ngen m\u00f6chte und den Holocaust leugnet.<\/p>\n<p>Dennoch: Die Freude \u00fcber fairen Sport und sch\u00f6nen Fu\u00dfball sollten wir uns nicht nehmen lassen: Wenn ein Steilpass den freien Mann in der Tiefe des Raumes erreicht. Wenn die ganze Breite des Spielfeldes genutzt wird, und ein \u00fcberraschender Spielzug zum Torerfolg f\u00fchrt. Immer dann, wenn sportliche Kreativit\u00e4t auf dem Rasen brilliert, Spielwitz den dicksten Abwehrriegel knackt und die Abseitsfalle aufhebt.<\/p>\n<p>Grund zur Freude ist es, wenn ein mitrei\u00dfendes Spiel die Zuschauer begeistert und am Ende es auch f\u00fcr den Verlierer Beifall gibt, weil jener einen tollen Einsatz zeigte und die Dramatik steigerte. Eine ausgelassene Stimmung tr\u00e4gt dazu bei, dass zumindest Sportbegeisterte Weite sp\u00fcren. Menschen, zumindest kurzfristig, ihre tr\u00fcben Gedanken absch\u00fctteln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Gott schenkt uns immer wieder neue R\u00e4ume, auch wenn wir es gar nicht wahrhaben wollen. Wir t\u00e4uschen uns immer wieder \u00fcber die eigene Situation. Wir bejammern und beklagen sie, und oft sind wir selbstverliebt in dieses Jammern und Klagen. Gottes Wort schafft in uns den Perspektivwechsel, weil es Distanz zu uns selber schenkt. Im Gebet, im H\u00f6ren auf die Schrift, beim Heiligen Abendmahl finden wir Raum, Gott zu danken, f\u00fcr das, was er an uns tut.<\/p>\n<p>Es ist Gott, der unsere F\u00fc\u00dfe auf einen weiten Raum stellt. Er ist es, der im Hier und Jetzt f\u00fcr uns handelt. Menschliche Leistungsst\u00e4rke bei Arbeit und Sport ist nur geschenkte Kraft. Das gilt im \u00fcbrigen auch f\u00fcr die Modellathleten unter den qualifizierten Teams bei der Fu\u00dfballweltmeisterschaft. Bei aller Euphorie auch Fu\u00dfballbegeisterte wissen um Grenzen: Fu\u00dfball ist keine Religion, sondern nur ein Spiel. Fu\u00dfball ist eine der sch\u00f6nsten Nebensachen der Welt \u2013 nicht mehr und nicht weniger. Nur der Glaube kann helfen, die eigenen Kr\u00e4fte und Qualit\u00e4ten sinnvoll einzusch\u00e4tzen, zu begreifen, dass es Gott ist, der Spielr\u00e4ume er\u00f6ffnet, aber auch Grenzen setzt.<\/p>\n<p>Ein weiteres: Gott wird auch k\u00fcnftig unsere F\u00fc\u00dfe auf weiten Raum stellen. Weite, dies bedeutet Freiheit und zugleich Risiko. Keiner darf sich t\u00e4uschen. Weite R\u00e4ume k\u00f6nnen morgen schon ganz eng werden. Unser Leben ist kein stetes Fortschreiten von einem gro\u00dfartigen Freiraum zum n\u00e4chsten, von einer bunten Erlebniswelt in die andere. Und auch die WM schlie\u00dft mit dem Finale am 9. Juli ihr Traumkino.<\/p>\n<p>So bleibt niemandem Enge und Angst erspart. Uns sind Grenzen gesetzt. Wir k\u00f6nnen Freiheit durch eigenes Verschulden verspielen und Freiheit durch Krankheit in unserem Leben verlieren.<\/p>\n<p>Doch das Wort, dass er es ist, der uns auf einen weiten Raum stellt, rei\u00dft uns aus Verstrickungen heraus. Es erkennt Gott als den, der erniedrigt und erh\u00f6ht. Der gibt und nimmt. Der zu den Toten hinabf\u00fchrt und wieder heraufholt.<\/p>\n<p>Im Raum des Lebens gibt es Anlass zur Klage und wiederum zum Lob, eine Zeit der Verzweiflung und eine Zeit des Hoffens, eine Phase der Ungewissheit und Phasen der inneren Ruhe.<\/p>\n<p>Gott hat gro\u00dfe Geduld mit uns. Nicht nur mit unserer Klage, gar ertr\u00e4gt er unseren Unglauben. Immer wieder strapazieren wir seine Geduld und G\u00fcte. Obwohl wir seine Freundlichkeit ignorieren, Gott \u00fcberl\u00e4sst uns nicht selbst, nicht dem freien Spiel menschlicher Kr\u00e4fte. Er stellt uns nicht einfach in die Weite hinein, \u00fcberl\u00e4sst uns unserem Schicksal, sondern er begleitet uns. Dies geschieht, wie er es will. Nicht immer verstehbar und einsichtig f\u00fcr uns. So kann aus Enge Weite werden, aus Trampelpfaden breite Stra\u00dfen. Wir d\u00fcrfen auf unseren Wegen hoffen, dass Gott <em>unsere F\u00fc\u00dfe auf den Weg des Friedens richtet<\/em> (Luk. 1,97b).<\/p>\n<p>Der 31. Psalm ist durchzogen von dieser Hoffnung und Vertrauen: <em>Gott, auf dich traue ich&#8230;In deine H\u00e4nde befehle ich meinen Geist&#8230; Auf dich, Gott, hoffe ich und spreche: Du bist mein Gott! Meine Zeit steht in deinen H\u00e4nden.<\/em> So wie Gott Christus am Kreuz beistand, so wird er auch uns beistehen. \u00dcber unser Leben hinaus. Amen.<\/p>\n<p>Und der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.<\/p>\n<p><strong>Karsten Matthis, Dipl. Theol., Pr\u00e4dikant, Wachtberg <\/strong><br \/>\n<a href=\"mailto:Karsten.Matthis@t-online.de\"><strong>Karsten.Matthis@t-online.de <\/strong><\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe in der Evangelischen Schlosskirche der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universit\u00e4t zu Bonn zum Thema &#8222;Weltmeisterschaft&#8220;, 2006 Predigt am Sonntag Trinitatis zum Thema \u201eDu stellst meine F\u00fc\u00dfe auf weiten Raum\u201c (Psalm 31, 9b) verfasst von Karsten Matthis Liebe Gemeinde, \u201eDu stellst meine F\u00fc\u00dfe auf weiten Raum.\u201c, ein wundervolles Wort! Ein Gedanke, der uns aufatmen l\u00e4sst. 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