{"id":11548,"date":"2021-02-07T19:49:03","date_gmt":"2021-02-07T19:49:03","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11548"},"modified":"2023-02-06T09:14:58","modified_gmt":"2023-02-06T08:14:58","slug":"matthaeus-25-31-46-predigt-zu-endspiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-25-31-46-predigt-zu-endspiel\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 25, 31 \u2013 46 (Predigt zu Endspiel)"},"content":{"rendered":"<p align=\"left\"><strong>Einleitung des Gottesdienstes<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p align=\"left\"><strong>Liebe Gemeinde!<br \/>\n<\/strong> Ein Ende weist \u00fcber sich hinaus.<br \/>\nAber selten sieht man dem Ende seine Bedeutung f\u00fcr die Zukunft an, wenn denn ein Ende eine Zukunft hat.<br \/>\nDas Ende des Sommersemesters 2006 steht bevor, aber noch ist eine anstrengende Pr\u00fcfungswoche mit mancher Anforderung zu bew\u00e4ltigen. Kr\u00f6nende H\u00f6hepunkte zeichnen sich ab, und so ist auch dieser Semesterabschlussgottesdienst eher der Auftakt f\u00fcr eine wichtige, wenn auch kurze, f\u00fcnft\u00e4gige Arbeitsphase als das Ende des Semesters an sich und im eigentlichen Sinn.<\/p>\n<p align=\"left\">Beim Fu\u00dfball kann man sich sogar tr\u00f6sten und sagen: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel; ein solches Spiel ist derartig formal, ja regelrecht inhaltslos, dass in der Erinnerung nur die Sieger bleiben \u2013 und auch deren Ruhm verblasst \u2013 und in vier Jahren hei\u00dft es in S\u00fcdafrika: Auf ein Neues, neues Spiel \u2013 neues Gl\u00fcck.<\/p>\n<p align=\"left\">Was aber in diesem Sommersemester in der Bonner Universit\u00e4t an ganz und gar einmaligen gedacht, gesagt oder getan worden, dar\u00fcber k\u00f6nnen wir nur Vermutungen haben \u2013 und hoffen, da\u00df die Fr\u00fcchte unserer Gedanken-Arbeit einigen Menschen zum Segen werden d\u00fcrfen.<\/p>\n<p align=\"left\">Manches aber geht in der kommenden Woche oder in diesem Sommersemester definitiv zu Ende und schafft einschneidende Ver\u00e4nderungen: Kandidaten erreichen ihren Abschlu\u00df und lassen sich feiern, wie gestern geschehen; Kolleginnen oder Kollegen erreichen die Altersgrenze und halten ihre Abschiedsvorlesungen, werden gew\u00fcrdigt und bedankt, und in den Ruhestand entlassen, der bei akademisch T\u00e4tigen nat\u00fcrlich kein R\u00fcckzug vom Denken bedeutet, und doch ist es eine Ver\u00e4nderung.<\/p>\n<p align=\"left\">Mancher auch verl\u00e4sst die Universit\u00e4t, weil er die Studiengeb\u00fchren nicht mehr tragen kann.<br \/>\nBilanz und Erfolg werden abgewogen,<br \/>\nErleichterung tritt neben Bitterkeit,<br \/>\nStolz steht neben Verzweiflung \u2026<br \/>\n.. vielleicht ist auch manche pers\u00f6nliche Bindung zu Ende, in die Br\u00fcche, gegangen, hat sich aufgel\u00f6st \u2026<\/p>\n<p align=\"left\">Der christliche Glaube k\u00fcmmert sich um das Ende, um das pers\u00f6nliche Ende jedes einzelnen und um das Ende der Welt; und er legt alles, das Schicksal der Erde und der Welt in Gottes Hand. So wollen wir es auch heute tun \u2013 und um Gottes Gnade und seinen Segen bitten f\u00fcr alles, was in unserem Leben zu Ende gekommen ist, dass die strahlenden Abschl\u00fcsse, die ruhige Abschiede, wie die traurigen Abbr\u00fcche von Gottes G\u00fcte getragen sein m\u00f6gen.<\/p>\n<p align=\"left\">Lieder: 681 (Rhein. Regionalteil: Gelobt sei Deine Treu) \u2013<br \/>\n503, 1-3+8 \u2013 503, 13-15 \u2013 461<\/p>\n<hr \/>\n<h3 align=\"left\"><strong>Predigt am 9. Juli 2006<\/strong><br \/>\n<strong>zum Abschlu\u00df der Akademischen Predigtreihe \u201aWeltmeisterschaft\u2019<br \/>\nim Sommersemester 2006<br \/>\n\u00fcber Matth. 25, 31 \u2013 46<\/strong><\/h3>\n<hr \/>\n<p align=\"left\"><strong>Endspiel<\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">Liebe Gemeinde,<br \/>\nviele Sportfeste enden mit einer fr\u00f6hlichen Feier <em>aller<\/em> Beteiligten. Das Fu\u00dfball-Sportfest der vergangenen Wochen in Deutschland aber findet heute abend ein einsames Ende; von den beteiligten Sportlern sind nur noch die Sieger zu Gast bei ihren Freunden, zwei Sieger \u2013 und zum Schlu\u00df ein Sieger und ein Verlierer.<\/p>\n<p align=\"left\">K.o.-System hei\u00dft dieses Arrangement im Sport, es stammt aus dem Boxsport, wo der Unterliegende schlussendlich ausgeknockt wird; K.o.- Schlagen, eine Form der Auseinandersetzung, die an die fr\u00fchesten Zeiten der Entwicklungsgeschichte der Menschheit erinnert, aus der Tierwelt her\u00fcber gewachsen in die Fr\u00fchzeit der Kultur der Menschen: Kampf der Platzhirsche. Die Ordnung wird vom St\u00e4rksten diktiert.<\/p>\n<p align=\"left\">Hie\u00df es unter Tieren Bulle gegen Bulle, Leitwolf gegen Leitwolf, so k\u00e4mpfte der Mensch als er ins Leben der Welt trat gegen die Bestie, gegen Wolf oder L\u00f6we oder B\u00e4r. Nicht von ungef\u00e4hr sind viele der fr\u00fchen Gegner der J\u00e4ger- und Sammler-Menschen in die Geschichte eingegangen, als Wappentiere von F\u00fcrstenh\u00e4usern.<\/p>\n<p align=\"left\">Mann gegen Tier, Mann gegen Mann, Rivalen im Duell, &#8211; eine uralte Konstellation der Menschheitsgeschichte, Kain gegen Abel, Jacob gegen Esau, so schlicht wie wirkungsvoll zur Ordnung einer Gesellschaft, f\u00fcr einige Jahrtausende.<\/p>\n<p align=\"left\">David \u2013 gegen Goliath allerdings, das ist eine biblische Erinnerung an eine schon etwas komplexere Form des Kampfes, das stellvertretende Duell; einer k\u00e4mpft f\u00fcr ein ganzes Heer, der Leitwolf f\u00fcr das Rudel, aber auch damals wohl eine ideale Form der Auseinandersetzung, damit nicht alle im Kampf umkommen.<\/p>\n<p align=\"left\">Die Auseinandersetzung Josefs mit seinen elf Br\u00fcdern aber\u2013 man denke: elf! \u2013 war schon eine richtig moderne Denkfigur, und erst recht der Ausgang dieser Geschichte: Vergebung statt Blutrache, ein ganz edles Gew\u00e4chs im Garten menschlicher Kultur: Vergebung.<\/p>\n<p align=\"left\">Aber der Spa\u00df an der Spannung von Duellen beherrscht die Menschen in ihrer Unterhaltung weiterhin, ob eins gegen eins oder elf gegen elf, das ist fast gleichg\u00fcltig.<\/p>\n<p align=\"left\">Auch die auf Kindergeburtstagen fr\u00fcher gern gespielte \u201aReise nach Jerusalem\u2019 ist letztlich ein Duell \u2013 ein Duell mit Anlauf, bei dem die Endspielgegner aus einer Gruppenphase ermittelt werden, wo immer ein weiterer Verlierer auf der Strecke bleibt. Den Kindern macht es Spa\u00df, weil es Spannung verspricht wie jedes domestizierte Duell, nat\u00fcrlich in vielen Spielfilmen genauso zu finden.<\/p>\n<p align=\"left\">Das Duell ist von selbst anschaulich und beredt.<br \/>\nDer St\u00e4rkere setzt sich durch und der St\u00e4rkere diktiert das Recht. Aber diese Machtordnung ergibt keinen Fortschritt der Kultur, sie betoniert sich selbst \u2013 und wird deshalb auf Dauer br\u00fcchig, sie altert. Wo sich immer nur das Recht des St\u00e4rkeren durchsetzt, kann sich eine Gesellschaft nicht in gleicher Weise erneuern wie da, wo auf Schw\u00e4chere R\u00fccksicht genommen wird, ihre St\u00e4rken f\u00fcr das allgemeine Beste entdeckt werden.<\/p>\n<p align=\"left\">Die Erz\u00e4hlung vom Gericht am Ende der Welt, die Matth\u00e4us als gro\u00dfe Szene schildert, die Teilung der Herde in Schafe und B\u00f6cke, in die, die es richtig gemacht haben und die anderen, die alles falsch gemacht haben, in die Gewinner und Verlierer, sie hat etwas von einem End-Spiel an sich, der letzte Akt in einem Ausscheidungsturnier.<\/p>\n<p align=\"left\">Das macht sie eindrucksvoll, und zugleich schauerlich und b\u00f6se: Die Guten nach rechts, die B\u00f6sen nach links, ein klare L\u00f6sung am Ende, kein Elfmeterschie\u00dfen, beim Abpfiff ist alles klar, so klar, dass ich mich immer weigere, diese Rede Jesus zuzuschreiben, &#8211; und die meisten Ausleger habe ich auf meiner Seite. Viele Fachleute weisen diese Inszenierung mit der scharfen Gegen\u00fcberstellung von Gut und B\u00f6se dem Evangelisten Matth\u00e4us zu, der auch an anderer Stelle gerne das K.o.- System spielt, um seine Gemeinde als die Guten von Israel, den Juden, die Christus nicht begriffen haben, dem Hauptkonkurrenten der jungen Gemeinde, abzugrenzen.<\/p>\n<p align=\"left\">Aber Matth\u00e4us erz\u00e4hlt auch Geschichten, die die zweite Schicht der Geschichte st\u00e4rker in den Vordergrund r\u00fccken, Geschichten, die ganz von der G\u00fcte Gottes erf\u00fcllt sind, wie die von dem aufregend g\u00fctigen Weinbergsbesitzer, von dem alle Arbeiter den gleichen Tageslohn bekommen, gleichg\u00fcltig wie lange, wenn sie nur mitgearbeitet haben. (Matth. 20). Umso auff\u00e4lliger ist dieser R\u00fcckfall in die harte Polarisierung in der Rede vom Weltgericht.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\ndas Tribunal wirkt eindrucksvoll, aber es erzeugt viel Druck \u2026 es ist eine ideale Szene, aber man m\u00f6chte lieber nicht hinein verwickelt sein, wer kann denn wissen, ob er oder sie zu Schafen oder B\u00f6cken geh\u00f6rt? So viele Menschen haben sich ein Gewissen daraus gemacht, weil sie nicht wussten, auf welche Seite sie geh\u00f6ren w\u00fcrden. Und in ihrer Sorge haben sie so manchen anderen Menschen in den Sumpf der Gewissensqualen mit hineingerissen.<\/p>\n<p>Der Druck, den diese Geschichte durch die Polarisierung der Guten und B\u00f6sen erzeugt \u2013 denken Sie etwa auch, wie die Angst vor dem Ausscheiden die Fu\u00dfballspieler unfrei gemacht hat \u2013 die Polarisierung der Guten und B\u00f6sen widerspricht dem Inhalt dieser Rede vollst\u00e4ndig: Die Sorge des Christus beim Endgericht gilt den Armen, Schwachen, den Kranken und Gefangenen &#8230; also kann diese Endabrechnung doch gerade keine Demonstration weltlicher St\u00e4rke im Sinne eines K. o.- Systems sein.<\/p>\n<p>Diese Erz\u00e4hlung bedeutet vielmehr, da\u00df sich an Christus die Geister scheiden werden, in alle Ewigkeit &#8230; aber nicht so, da\u00df ein Richter seinen Spruch in ferner Zukunft verk\u00fcndigt, sondern: Es geschieht schon jetzt, schon jetzt und heute wird das Leben dadurch veredelt, da\u00df Menschen einander Raum g\u00f6nnen, aneinander Anteil nehmen, und daf\u00fcr kann man sogar vom Fu\u00dfballspiel etwas lernen.<\/p>\n<p>Nicht nur, dass die Spielf\u00fchrer vor den Begegnungen programmatische S\u00e4tze gegen Rassismus verlesen, wie man sie vielleicht auf Kanzeln, aber nicht auf dem gr\u00fcnen Rasen eines Fu\u00dfballstadions erwarten w\u00fcrde. Nein, eine gute Mannschaft lebt nicht von den hervorragenden Einzelk\u00f6nnern, sondern von der Bereitschaft aller Mitglieder, sich einzusetzen. Noch der Ersatzmann ist eine wichtige Person, wenn er seine spielenden Kollegen freundlich unterst\u00fctzt, aber vor allem das Zusammenspiel auf dem gr\u00fcnen Rasen zeigt, ob einer beim anderen mitdenkt oder nur an seinen eigenen Ruhm, ob man sp\u00fcrt, wo der andere hinlaufen k\u00f6nnte, ob man durch P\u00e4sse freie R\u00e4ume \u00f6ffnet, das Mitempfinden l\u00e4sst mitten im Duell so etwas aufkommen, was man ein Duett nennen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Und das, liebe Gemeinde, ist ja die Fortentwicklung der Lebensformen, der Fortschritt, den Christus unter den Menschen weiter voran gebracht hat, auch durch seine Predigt der Werke der Barmherzigkeit, &#8211; die deutlichste, aber sicher schwierigste Weiterentwicklung der menschlichen Kultur war die von der Lebenskunst zur Liebeskunst, vom immerhin schon vergeistigten Duell der Geister zum geistig-seelisch-musikalischen Duett.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<br \/>\nDie Weiterentwicklung der menschlichen Kultur f\u00fchrt, wenn es wirklich eine Verbesserung sein soll, vom Duell zum Duett: Adam und Eva sind eine stammes- und kulturgeschichtlich viel j\u00fcngere Paarung als ihre kampfeslustigen Kinder, die sich wie Platzhirsche nach alter V\u00e4ter Sitte aus dem Feld schlagen, Adam und Eva werden, auch mit ihren Konflikten im Paradies und danach, geradezu als romantisches Paar gezeichnet, vielleicht nicht wie Tristan und Isolde oder gar Romeo und Julia, aber der Grund der Entwicklung f\u00fcr eine liebevolle Zuwendung ist gelegt.<\/p>\n<p>Das Duell befriedigt durch Klarheit des Ausgangs \u2026 Das Duett aber erm\u00f6glicht ein vertieftes Erleben.<br \/>\nDas Duett ist kompliziert, jedes Duett ist kompliziert, aber es befriedigt und befreit durch die Erschlie\u00dfung neuer R\u00e4ume, des Gef\u00fchls und des Geistes.<\/p>\n<p>Das Duell ist \u00e4lter, aber deshalb keineswegs f\u00f6rderungsw\u00fcrdiger &#8230;<br \/>\nDas Duell ist \u00e4lter, aber auch in der Wissenschaft wird ja nicht das Alte gef\u00f6rdert, sondern die Weiterentwicklung \u2026 das Alte mu\u00df schon sehr bew\u00e4hrt sein, um noch als Grundlage zu dienen, mu\u00df sich als erneuernd erweisen, wie es die Theologie seit Jahrhunderten auch in der Welt der Wissenschaften immer wieder nachweist.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<br \/>\nMan k\u00f6nnte nun noch mancherlei \u00fcber die grundlegende Bedeutung des Evangeliums reden, dass es die Menschen zum Duett verlockt, ja auch zum Terzett und Quartett, die Beziehungen kultiviert und das Leben f\u00f6rdert weit \u00fcber die reine Reproduktivit\u00e4t hinaus, aber da wir nun dicht vor dem Ende stehen, die Sommerferien im Anbruch sind, so wollen wir es f\u00fcr heute gut sein lassen, schon gar nicht mehr auf die Verst\u00e4ndigungsprobleme aller Duette eingehen, uns vielmehr noch an einem sch\u00f6nen Duett zwischen Sopran und Orgel und einer nicht minder sch\u00f6nen Geschichte vom Weltende erfreuen:<\/p>\n<p>J.S. Bach:<br \/>\nWillst Du Dein Herz mir schenken,<br \/>\nso fang es heimlich an,<br \/>\ndass unser beider Denken<br \/>\nniemand erraten kann. \u2026<br \/>\nDie Liebe mu\u00df bei beiden<br \/>\nAllzeit verschwiegen sein,<br \/>\ndrum schlie\u00df die gr\u00f6\u00dften Freuden<br \/>\nin Deinem Herzen ein. (Aus dem Notenb\u00fcchlein f\u00fcr Anna Magdalena Bach)<\/p>\n<p align=\"left\">Liebe Gemeinde!<br \/>\nWas soll man nach diesen wundersch\u00f6nen T\u00f6nen noch zu Geh\u00f6r bringen? Eine gute Geschichte vom Weltende, wenn es noch sein darf, wie so manches Mal in letzten Stunden vor den Ferien vorgelesen wird. Erinnern Sie sich noch an Ihre Schulzeit?<\/p>\n<p align=\"left\">Ich zitiere \u2013 nicht die Bibel \u2013 sondern Fritz Pleitgen, den Intendanten des WDR \u2013 mit einer besonders sch\u00f6nen Geschichte vom Weltende, die Sie sicher alle fr\u00f6hlich und friedlich stimmen wird \u2013 und wenn es sie entfernt an 1001 Nacht erinnert, so haben sie auch recht:<\/p>\n<p align=\"left\">\u201eIch habe mir den J\u00fcngsten Tag immer anders vorgestellt als die Apokalyptiker und Pyromanen mit dem Radau ihrer Schreckensbilder. Vielleicht, so dachte ich, betritt der letzte Mensch am Tag der Posaune einen riesigen, leeren Saal. Nur da vorne sitzt ein uralter Greis, fast zur Mumie vertrocknet, denn im Lauf der Jahrmillionen ist er so geworden, wie ihn sich seine Gesch\u00f6pfe vorstellten. Er hatte es kommen gesehen, und deshalb hatte er alles getan, die Evolution und vor allem den Menschen zu verz\u00f6gern, denn der, das ahnte er, w\u00fcrde ihn eines Tages vernichten. Und nun ist es der letzte Tag, und vor ihm steht der letzte Misset\u00e4ter. Alle anderen hat er schon hinab verwiesen, und auch diesen wird sein Urteil treffen.<br \/>\nAber da wagt der Mensch ein Widerwort: \u201eIch k\u00f6nnte dir Geschichten erz\u00e4hlen\u201c, sagt er.<br \/>\n\u201eOho!\u201c spottet der Alte, \u201ewas k\u00f6nntest du mir erz\u00e4hlen? Ich bin der Sch\u00f6pfer der Welt!\u201c<br \/>\nAber da ist dann doch noch ein Rest von Neugier, oder imponiert ihm die Frechheit des Angeklagten? \u201eNa sch\u00f6n\u201c, sagt er, \u201eerz\u00e4hle! \u2013 Einen Tag sollst du Aufschub haben, &#8211; wenn du mich nicht langweilst.\u201c \u201eGut\u201c, sagt der Mensch, \u201edarf ich mich setzen?\u201c<br \/>\nUnd dann erz\u00e4hlt er, erst stockend, aber bald immer fl\u00fcssiger, berichtet unglaubliche Geschichten aus dem verworrenen Leben der Menschen, \u00fcber ihre N\u00f6te und Freunde, ihre Hoffnungen und Verzweiflung. Er spricht von unscheinbaren Erfolgen und grandiosem Misslingen. Er spricht von der tiefen Zerrissenheit der menschlichen Seele, ihrer ausgespannten Arme zwischen dem Nichts und dem All. Er spricht von der M\u00fchsal des Alltags, der Einsamkeit, der Unruhe und Unbest\u00e4ndigkeit. Er spricht von Jubel und Trauer, Verzagtheit und Tapferkeit. Und er spricht von den kleinen Triumphen \u00fcber die Erdenschwere, von den Momenten der Liebe und des Geistes und des Gl\u00fccks.<br \/>\nMit gro\u00dfen Augen h\u00f6rt der Alte zu. \u201eAch\u201c, sagt er zuweilen, und die Zeit vergeht wie im Fluge. Pl\u00f6tzlich unterbricht sich der Erz\u00e4hler.<br \/>\n\u201eDer Tag ist zu Ende. Nun muss ich wohl hinab \u2013 zu den anderen.\u201c<br \/>\nDer Alte rutscht unruhig auf seinem Thron. Er ist begierig auf den Fortgang der Geschichte. So gew\u00e4hrt er Aufschub. \u2013 Einen Tag.<br \/>\nUnd eine Geschichte folgt der anderen. Jede geht unmerklich aus der vorigen hervor und enth\u00e4lt schon den Keim der n\u00e4chsten. Wie ein Strom aus unz\u00e4hligen B\u00e4chen, wie ein Teppich mit unz\u00e4hligen F\u00e4den entrollt sich das Dasein der Menschen, geheimnisvoll verkn\u00fcpft und verschlungen. Tausend und eine Nacht sind l\u00e4ngst vor\u00fcber, und noch immer schwillt er an, der Strom der Gestalten, der Gesichter und Geschichten. Unergr\u00fcndlich ist der Abgrund des Leids und der Freude, unentwirrbar das Geflecht von Verirrung und Schuld, unersch\u00f6pflich die Kraft der liebenden Vergebung. Und Abend f\u00fcr Abend bricht er ab, blickt auf und sagt sein \u201eNun muss ich wohl hinab\u201c. Und Abend f\u00fcr Abend sagt Gott \u201eErz\u00e4hle weiter!\u201c Und \u2013 o Wunder \u2013 seine Gestalt belebt sich und richtet sich auf. Ein deutliches Rosa huscht \u00fcber seine Wangen, die Falten gl\u00e4tten sich, die Augen leuchten. Gelegentlich springt er auf und macht erregte Schritte. \u201eAch!\u201c sagt er dann wieder und sch\u00fcttelt ungl\u00e4ubig den Kopf.<br \/>\nUnd Abend f\u00fcr Abend sieht er sich verlockt, verf\u00fchrt, gezwungen, eine Seele aus der Verdammnis zu entlassen. Jede Geschichte l\u00e4sst einen der Verworfenen in einem neuen Licht erscheinen. Langsam f\u00fcllt sich der Saal mit schweigenden Gestalten. Die Sucher aller Epochen tauchen auf, die Inhaber furchtbarer Irrt\u00fcmer, die Feuerk\u00f6pfe und Schw\u00e4rmer, die Eiferer und Querk\u00f6pfe, die Widersacher und Versucher. Aber auch die Kleinm\u00fctigen und \u00c4ngstlichen, die Statistiker, Lottospieler und Heftchenleser. Sie stehen da und staunen. Sie h\u00f6ren und schauen zu. Die Aufschneider und Lumpen, die Seitenspringer und Rechts\u00fcberholer, die Steuerhinterzieher und schwarzen Kassierer, die Redakteure und Filmemacher, die Pressesprecher und Dolmetscher. Sogar Bisch\u00f6fe und Pr\u00e4sides stehen wieder da und geben sich verstohlen ein Zeichen des Friedens.<br \/>\nNach tausend und abertausend Jahren schlie\u00dflich schweigt der Erz\u00e4hler.<br \/>\n\u201eWas ist?\u201c, fragt Gott, denn es ist noch nicht Abend.<br \/>\n\u201eNichts ist\u201c, sagt er, \u201edas war\u2019s. \u2013 Mehr wei\u00df ich nicht. Nun kannst du mich zur H\u00f6lle schicken.\u201c<\/p>\n<p align=\"left\">Gott sieht ihn lange schweigend an.<br \/>\n\u201eWozu?\u201c sagt er dann. \u201eDie H\u00f6lle ist leer!\u201c Da brandet ringsum gewaltiger Jubel auf. Die Seelen fallen sich selig in die Arme. Sie singen, schreien und tanzen. Die Portale des Saales springen auf. \u201eRuach\u201c, die Geistin, st\u00fcrmt herein und bringt die Frisuren durcheinander. Feuerzungen senken sich aus der H\u00f6he. Der riesige Bau erbebt. Die Erzengel m\u00fcssen einschreiten, um f\u00fcr ein Minimum an Ordnung zu sorgen. Nur langsam gelingt es den himmlischen Heerscharen, sich zu Ch\u00f6ren aufzustellen. Johann Sebastian Bach eilt an die Orgel. Anton Bruckner verteilt die Noten. Mozart gibt den Einsatz, und Beethoven z\u00fcckt sein H\u00f6rrohr, und dann singen sie das \u201eTe Deum\u201c des Meisters von St. Florian, in strahlendem C-Dur.<br \/>\nGott breitet segnend die Arme aus. \u201eDie Partitur hat er mir gewidmet!\u201c sagt er zu Sophia, die hinter ihm steht. Sie l\u00e4chelt weise.<br \/>\nM\u00e4nner sind ja so leicht gl\u00fccklich zu machen.\u201c (Zitat-Ende)<\/p>\n<p align=\"left\">Liebe Gemeinde!<br \/>\nein besseres Ende f\u00fcr die Menschheit wei\u00df ich gewi\u00df auch nicht, weder heute, am Ende des gro\u00dfen Sportfests, noch f\u00fcr alle Zeit, ein besseres Ende als dass sich Gott f\u00fcr die Geschichten der Menschen interessiert, mit seinen Gesch\u00f6pfen leidet und sie auf diese Weise aus aller ihrer Schuld befreit, durch geduldiges Zuh\u00f6ren, Tag f\u00fcr Tag, &#8230; ein besseres Ende wei\u00df ich nicht, als da\u00df die himmlischen Heerscharen zum Lobe Gottes sich vereinigen, deshalb habe ich Ihnen diese Geschichte zum \u201aGuten Schluss\u2019 vorgelesen &#8211; vor den gro\u00dfen Ferien, da\u00df Sie an diesem guten Ende teilhaben!<\/p>\n<p align=\"left\">Gott segne diese zuversichtliche Aussicht auf das Ende der Welt, dass sie Ihre Herzen und Sinne st\u00e4rke, wo immer Sie unterwegs sind. Amen.<\/p>\n<p align=\"left\"><strong><span class=\"Stil3\">Universit\u00e4tsprediger Prof. Dr. Reinhard Schmidt-Rost\u00a0<\/span><\/strong><\/p>\n<div align=\"left\">\n<p><strong><span class=\"Stil3\"><a href=\"mailto:r.schmidt-rost@ev-theol.uni-bonn.de\">r.schmidt-rost@ev-theol.uni-bonn.de <\/a><\/span><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einleitung des Gottesdienstes Liebe Gemeinde! Ein Ende weist \u00fcber sich hinaus. Aber selten sieht man dem Ende seine Bedeutung f\u00fcr die Zukunft an, wenn denn ein Ende eine Zukunft hat. Das Ende des Sommersemesters 2006 steht bevor, aber noch ist eine anstrengende Pr\u00fcfungswoche mit mancher Anforderung zu bew\u00e4ltigen. Kr\u00f6nende H\u00f6hepunkte zeichnen sich ab, und so [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5991,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[36,1,727,120,853,114,118,3,109,126,1166],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-11548","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-matthaeus","category-aktuelle","category-archiv","category-bes_gelegenheiten","category-bibel","category-deut","category-kapitel-25-chapter-25","category-nt","category-predigten","category-predigtreihen","category-weltmeisterschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11548","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11548"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11548\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16537,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11548\/revisions\/16537"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5991"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11548"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11548"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11548"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=11548"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=11548"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=11548"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=11548"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}