{"id":11552,"date":"2021-02-07T19:48:55","date_gmt":"2021-02-07T19:48:55","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11552"},"modified":"2023-02-09T18:26:23","modified_gmt":"2023-02-09T17:26:23","slug":"2-korinther-12-9-10","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-korinther-12-9-10\/","title":{"rendered":"2. Korinther 12, 9-10"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Predigtreihe in der Evangelischen Schlosskirche der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universit\u00e4t zu Bonn zum Thema &#8222;Weltmeisterschaft&#8220;, 2006<br \/>\nPredigt zu 2. Korinther 12, 9-10, verfasst von Dagmar M\u00fcller<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>wenn Sie im Internet bei der Suchmaschine google den Begriff Erfolg eingeben, werden Sie mit \u00fcber 59 Millionen Eintr\u00e4gen belohnt. Suchen Sie einen Weg zum Erfolg und geben Sie den innovativen Begriff Coaching ein, dann f\u00fchren 142 Millionen Eintr\u00e4ge in eine F\u00fclle von weltweiten Informationen, Gott sei Dank ist dieser Begriff ein englischer, der selbstverst\u00e4ndlich die Suchm\u00f6glichkeiten vergr\u00f6\u00dfert. F\u00fcr den Begriff Scheitern haben wir noch kein englisches, damit globales \u00c4quivalent, was wohl damit zu tun haben muss, dass der Begriff schon auf das erste H\u00f6ren hin ein eher ein seelisches Missbehagen ausl\u00f6st. So finden wir dann auch nur, aber immerhin, 7 Millionen Eintr\u00e4ge, meist allerdings nur Berichte \u00fcber das Scheitern von Menschen. Dazu gibt es auch einige Romane zum Thema, deren Protagonisten am Erfolgskonzept unserer Gesellschaft scheitern und zu Donald-Duck-Mutanten werden, zwar Helden auf ihre Weise, jedoch ohne Vorbildcharakter, eher zu bel\u00e4cheln und zu bemitleiden. Ein nachdenkliches Nicken und einen kleinen Seufzer k\u00f6nnen uns solche Geschichten entlocken.<\/p>\n<p>Aber wir identifizieren uns nicht gerne mit solchen Pers\u00f6nlichkeiten, auch wenn wir die Erfahrung des Scheiterns schon vielfach selbst gemacht haben. Ich kenne keinen Menschen, der ohne Einbr\u00fcche, Verluste oder Tiefschl\u00e4ge durch das Leben geht. Und je mehr es braucht an Disziplin, Flei\u00df, Durchsetzungsverm\u00f6gen und mentaler St\u00e4rke, um auf der Erfolgsseite zu stehen, umso mehr Scheiternde gibt es. Und je mehr M\u00f6glichkeiten es gibt, desto mehr Unm\u00f6glichkeiten gibt es auch. Der permanenten Zunahme der Anforderungen steht die st\u00e4ndig wachsende Offenbarung der Unzul\u00e4nglichkeit zur Seite \u2013 global und individuell. Genau so schnell nehmen die Hilfsangebote zu, die den Lebenserfolg garantieren wollen, nat\u00fcrlich gegen entsprechendes Honorar.<\/p>\n<p>Der oder die Beste sein zu wollen, erfolgreich und sch\u00f6n, Weltmeister zu werden oder, weniger oberfl\u00e4chlich, das Streben nach Fortschritt, Entwicklung und Anerkennung ist den meisten Menschen mitgegeben. Es hat die unterschiedlichsten Auspr\u00e4gungen, die einen legen Wert auf Bildung, Titel und Position, die anderen auf Reichtum oder sportlichen Erfolg.<\/p>\n<p>Wir alle sind und bleiben unsere eigenen Bauleute an unseren vielen T\u00fcrmen zu Babel, mit denen wir uns heute noch, wie auch schon die Bauleute im 1. Buch Mose einen Namen machen wollen. und wir gucken nicht gerne, nur gezwungenerma\u00dfen auf die missgl\u00fcckten Bauwerke oder fragw\u00fcrdigen Baupl\u00e4ne.<\/p>\n<p>Anders Paulus im heutigen Predigttext. er gibt uns eine Lehrstunde in der Kunst des Scheiterns:<br \/>\n\u201eChristus aber antwortete mir: Meine Gnade gen\u00fcgt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit. Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit r\u00fchmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt. Deshalb bejahe ich meine Ohnmacht, alle Misshandlungen und N\u00f6te, Verfolgungen und \u00c4ngste, die ich f\u00fcr Christus ertrage. , denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.\u201c<\/p>\n<p>Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth, die er selbst gegr\u00fcndet hat, diesen Text, weil auch die Christen in dieser Gemeinde sich hat verf\u00fchren und blenden lassen von den, von Paulus so genannten, \u00dcberaposteln \u2013 sie berufen sich auf ihre Herkunft, auf ihre Leistungen im Namen Christi, ihre spirituellen Erfahrungen, ihren Verzicht und ihre pers\u00f6nliche Anteilnahme und ihre viele Arbeit \u2013 f\u00fcr die Gemeinde stellt das die Arbeit von Paulus in den Schatten. Sind sie nicht die besseren Missionare und Lehrer? \u00dcberzeugend und kraftvoll, engagiert und immer bereit, das Letzte zu geben und von sich selbst abzusehen.<\/p>\n<p>Was ist eigentlich Paulus Problem? Spricht da ein gekr\u00e4nkter Mann, von Platz eins verdr\u00e4ngt durch frische Nachfolger? Solche Leute kann man sich doch in jeder Gemeinde nur w\u00fcnschen \u2013 sie k\u00f6nnen Vorbilder sein und motivieren.<\/p>\n<p>Ja, es ist sicher eine Kr\u00e4nkung f\u00fcr Paulus. Es mindert seine Anerkennung in der Gemeinde. Ja, es tut weh, andere gro\u00df werden zu sehen und verdr\u00e4ngt zu werden, an Bedeutung zu verlieren. Es macht traurig, die eigene Begrenztheit zu erfahren durch Krankheit, mangelnde Begabung oder Alter.<\/p>\n<p>So reagiert auch Paulus erstmal w\u00fctend bis sarkastisch und f\u00fchrt an, dass er, gemessen an den Leistungen der \u00dcberapostel, nicht weniger, sondern mehr zu bieten hat. Seine Leiden, seine spirituellen Erfahrungen, seine Abenteuer, seine Wundert\u00e4tigkeit \u2013 da kommen sie nicht mit.<\/p>\n<p>Aber darum geht es auch gar nicht \u2013 Paulus f\u00fchrt seine missionarischen und christlichen Leistungen zwar auf, aber nicht, um sich als Besten aller Apostel darzustellen.<\/p>\n<p>Hier kommen wir zum Kern der Sache. Darum geht es nicht. Es geht nicht darum, einen christlichen Turm zu Babel zu bauen, es geht nicht darum, wer fr\u00f6mmer, christlicher, gebildeter oder selbstloser ist. Es geht nicht darum, den Weltmeister im offensiven und offensichtlichen Christsein zu k\u00fcren. Denn so wird wieder der Mensch zum Ma\u00dfstab, also Erfolg und Anerkennung der St\u00e4rken und des Durchsetzungsverm\u00f6gen. Ein christlicher Turm zu Babel ist nicht besser als ein heidnischer \u2013 vielleicht sogar tragischer, denn der heidnische Turm ignoriert die Begrenztheit des menschlichen Lebens, der christliche aber die Gnade und Barmherzigkeit Gottes.<\/p>\n<p>Das wird deutlich an den Irrlehrern, die die korinthische Gemeinde beeinflussen.<\/p>\n<p>Wer sich, so wie diese Superapostel mehr an Jesu Wunder- und Auferstehungsmacht orientiert, wer aus dem Christsein einen Wettkampf macht um Fr\u00f6mmigkeit und Engagement, der verliert das Kreuz aus dem Blick, den Tod Jesu. und der verliert aus dem Blick, dass an diesem Tod alle gescheitert sind au\u00dfer Gott selbst. Die J\u00fcnger waren nach den Ereignissen in Jerusalem wieder zur\u00fcckgekehrt in ihren Alltag, nachdem sie sich erstmal versteckt hatten aus Angst davor, mit Jesus in Zusammenhang gebracht zu werden. F\u00fcr sie waren Jesus, die Botschaft an die sie geglaubt haben und damit sie selbst gescheitert. Zur\u00fcck blieben Angst und Resignation. Es war kein gro\u00dfes Bauwerk einer neuen Lebensweise entstanden, Jesus hatte ich nicht gegen den Hohen Rat und die r\u00f6mischen Besatzer durchsetzen k\u00f6nnen. Nicht erf\u00fcllte Erwartungen und Tr\u00e4ume, verschwendete Kraft.<\/p>\n<p>Doch in diesem Scheitern ist Gott schon t\u00e4tig. Seine Gnade und Barmherzigkeit erf\u00fcllen den Raum und die Zeit \u2013 nimmt das Scheitern, gar den Tod und wandelt es in Leben. Wenn nichts mehr geht und keine menschliche Anstrengung etwas \u00e4ndern kann, dann beginnt die Ver\u00e4nderung durch die Gnade.<\/p>\n<p>\u201eMeine Gnade gen\u00fcgt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit.\u201c<\/p>\n<p>Paulus teilt hier den wahren Erfolgs seines Lebens mit: dass er n\u00e4mlich begriffen hat, dass das Leben, dass \u201eGesch\u00f6pf Gottes sein\u201c sich nur im Loslassen aller menschlicher St\u00e4rke erf\u00fcllt. In der Schwachheit wird Gott erfahrbar. Wenn Scheitern nicht als undenkbar und als Katastrophe gesehen wird, das das Urteil f\u00e4llt, dann sind wir erfolgreich.<\/p>\n<p>\u201eMeine Gnade gen\u00fcgt dir! Denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit!\u201c<\/p>\n<p>Damit wir die Barmherzigkeit Gottes erfahren k\u00f6nnen muss Schluss gemacht werden mit dem kollektiven Gr\u00f6\u00dfenwahn, der alles als machbar erkl\u00e4rt, der Wachstum und Geld, Gesundheit und Durchsetzungskraft zu G\u00f6tzen erkl\u00e4rt hat. Damit die Gnade sichtbar wird muss Schluss sein mit den menschenverachtenden Bewertungen von gut und erfolgreich sein gegen\u00fcber dem Scheitern und Versagen.<\/p>\n<p>Es bedarf einer neuen Bewertung des Lebens, des Erfolgs und des Scheiterns, dessen, was das Leben zu einem erf\u00fcllten Leben macht, gerade, wenn wir J\u00fcnger und J\u00fcngerinnen des Gekreuzigten sind, gerade auch in dieser Gemeinschaft. Vielleicht ist es aber am wichtigsten, dass wir selbst aufh\u00f6ren unsere eigenen inneren Richter zu sein, uns selbst zu messen an unserer Leistung und unserem Engagement und anzufangen Raum zu schaffen f\u00fcr das Leben und die Barmherzigkeit Gottes.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte zum Abschluss aus einem Buch einer Pfarrerin zitieren, die durch ihre Krankheit aus ihrem tatkr\u00e4ftigen und erfolgreichen Leben geworfen wurde, das Zitat habe ich in dem Buch \u201eWarum gerade ich?\u201c von Erika Schuchardt in der Vorbereitung zu dieser Predigt gefunden. Sie schreibt:<\/p>\n<p>\u201eIch glaube fest, dass Gott f\u00fcr jeden ein ganz pers\u00f6nliches Ma\u00df gesetzt hat, das erf\u00fcllt werden will: ein Ma\u00df f\u00fcr den Unbegabten, ein Ma\u00df f\u00fcr den \u00c4ngstlichen, ein Ma\u00df f\u00fcr den Traurigen, ein Ma\u00df f\u00fcr den Kranken: Man wird mich fragen, warum ich nichts gemacht habe aus den Umst\u00e4nden, unter denen mein Leben nun einmal verlaufen ist. Man wird mich nicht fragen: Warum bist du so oft traurig gewesen? Sondern: Was hast du gemacht aus deiner Traurigkeit? Hast du mit deiner Traurigkeit ein Gesp\u00fcr daf\u00fcr bekommen, wie schwierig auch das Leben anderer sein kann, wie niederdr\u00fcckend, und hat dich das ein wenig geduldiger, ein wenig feinf\u00fchliger, ein wenig zur\u00fcckhaltender in deinem Urteil gemacht? Man wird mich nicht fragen: warum bist du so oft krank gewesen? Sondern: Was hast du aus deiner Krankheit gemacht? Wie hast du den Freiraum gen\u00fctzt, den deine Krankheit dir einger\u00e4umt hat? Du bist nicht zu jeder Zeit verpflichtet gewesen zu arbeiten und f\u00fcr deinen Lebensunterhalt zu sorgen, du hast viel freie Zeit gehabt. Wozu hast du sie verwendet? Zu nutzlosem Gejammer nach dem Muster: W\u00e4re doch! und K\u00f6nnte nicht-! oder dazu, in aller Bescheidenheit anderen immer wieder mal eine Freude zu machen? Und sei es einfach nur durch die Zeit, die du hattest zum zuh\u00f6ren? Ich m\u00f6chte es noch einmal wiederholen: Ich glaube fest daran, dass jeder Mensch zur Vollendung kommen kann!\u201c<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dagmar M\u00fcller<br \/>\n<a href=\"mailto:mueller@esg-bonn.de\">mueller@esg-bonn.de <\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe in der Evangelischen Schlosskirche der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universit\u00e4t zu Bonn zum Thema &#8222;Weltmeisterschaft&#8220;, 2006 Predigt zu 2. Korinther 12, 9-10, verfasst von Dagmar M\u00fcller Liebe Gemeinde, wenn Sie im Internet bei der Suchmaschine google den Begriff Erfolg eingeben, werden Sie mit \u00fcber 59 Millionen Eintr\u00e4gen belohnt. 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