{"id":11553,"date":"2021-02-07T19:48:59","date_gmt":"2021-02-07T19:48:59","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11553"},"modified":"2023-02-07T17:54:06","modified_gmt":"2023-02-07T16:54:06","slug":"predigt-zur-kantate-der-friede-sei-mit-dir-von-j-s-bach-und-zum-text-johannes-20-19-23","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/predigt-zur-kantate-der-friede-sei-mit-dir-von-j-s-bach-und-zum-text-johannes-20-19-23\/","title":{"rendered":"Predigt zur Kantate \u201aDer Friede sei mit Dir\u2019 von J. S. Bach und zum  Text: Johannes 20, 19 \u2013 23"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Predigtreihe in der Evangelischen Schlosskirche der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universit\u00e4t zu Bonn zum Thema &#8222;Weltmeisterschaft&#8220;, 2006<br \/>\nPredigt zur Kantate \u201aDer Friede sei mit Dir\u2019 von J. S. Bach und zum<br \/>\nText: Johannes 20, 19 \u2013 23, verfasst von Michael Meyer-Blanck<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>(Gottesdienst am 7. Mai 2006)<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>In der Geschichte vom Passah und vom Auszug aus \u00c4gypten gibt es einen archaischen Zug: Als das Verderben naht, der W\u00fcrger, der Tod, da geht er an den H\u00e4usern vorbei, die mit Blut gekennzeichnet sind. Das Blut des Passahlammes wehrt das \u00dcbel ab. Das Neue Testament, Paulus und Johannes, haben das auf Jesus bezogen: Er ist das Passahlamm, das das Verderben abwehrt. Diese Vorstellung steht hinter der Choralstrophe, die wir eben als Schluss der Kantate geh\u00f6rt haben: Christus, das rechte Osterlamm, davon sollen wir leben. Martin Luther hat Ostern von daher interpretiert: Tod und Leben rangen \u2013 ein \u201ewunderlich Krieg\u201c, in dem ein Tod den anderen \u201efra\u00df\u201c und so das Leben den Sieg behielt. Der Tod des Lammes frisst den Tod des Menschen und wir leben \u2013 das ist die Aneignung des Ostergeschehens. Bachs Kantate 158 \u201eDer Friede sei mit Dir\u201c ist f\u00fcr den 3. Osterfeiertag geschrieben. Wenn man tats\u00e4chlich 3 Tage begeht, dann ist der erste Ostertag der Tag der Botschaft, der zweite ist der Tag des Nachvollziehens und der dritte der Tag des weiteren Aneignens. Was bleibt von Ostern?, k\u00f6nnte man auch sagen, Antwort: Der Friede, der Dein Haus vor dem Verderben bewahrt, der Friede, der Dich umgibt mit der Lebenskraft des Lammes, der Friede, der h\u00f6her ist als unsere Vernunft und den \u201eder Glaub dem Tod f\u00fcr\u201c h\u00e4lt.-<\/p>\n<p>Die Frage des neuzeitlichen Menschen an die Bibel, auch an Luther und die Bach-Zeit aber wird sein: Wozu braucht der Friede Gottes, der Sieg des Lebens solche massiven leiblichen Vorstellungen, die Vorstellungen des get\u00f6teten Lammes und des Blutes an der T\u00fcr? Es ist wohl einfach deswegen so, weil die Angst und das Verderben nicht nur unseren Geist betrifft. Die Angst und der Tod greift nach unserem leib. Das Verderben naht sich der T\u00fcr unseres F\u00fchlens, Hoffens und Empfindens. Und auch umgekehrt: Die Leidenschaft, das Ich-Gef\u00fchl, das Sein in der Welt, die Lebendigkeit liegt uns im Blut und nicht nur im Gedanken. K\u00f6nnte ich mir meine Liebsten als reinen Geist vorstellen? Gewiss nicht. Und wenn ich Sehnsucht nach jemand habe, wenn ich mit jemand gerne wieder einmal beisammen sein m\u00f6chte, dann doch mit ihm als ganzem, als seine N\u00e4he mit seiner ganzen Ausstrahlung. Der Blick ins Angesicht, die Stimme, die Sprache der Bewegungen, ja der Geruch des Anderen \u2013 dass ich ihn riechen kann, das ist die Anwesenheit des vertrauten Menschen.<\/p>\n<p>Unsere Angst und unser Verderben f\u00e4hrt nicht nur in den Geist, sondern in unsere Glieder; und der erf\u00fcllte Augenblick, Lebendigkeit und Gl\u00fcck \u2013 das alles geht ins Blut. Weil das so ist, darum legt das Neue Testament auf die leibliche Auferstehung des Herrn so gro\u00dfen Wert. Es geht dabei also nicht um besonders wunderhafte Z\u00fcge, \u201eje unwahrscheinlicher, desto g\u00f6ttlicher.\u201c Es geht darum, dass der Herr dort ist, wo wir wirklich leben, wo unser Herz schl\u00e4gt, wo unser Blut in Wallung ger\u00e4t oder wo es in den Adern gefriert.<\/p>\n<p>Im Neuen Testament finden wir eine Geschichte, die man geradezu als \u00f6sterlichen Kommentar zum Passah verstehen kann. Wenn dort das Blut des Lammes davor bewahrt, dass das Verderben durch die T\u00fcr kommt, so kommt hier das Leben, der Friede des Herrn durch die verschlossene T\u00fcr. Ich lese eine der geheimnisvollen Ostergeschichten am Schluss des Johannesevangeliums, Joh. 20, 19 \u2013 23:<\/p>\n<p>&#8211; Text &#8211;<\/p>\n<p>Man kann sagen: Dieselbe Sache wird zweimal beschrieben aus negativer und aus positiver Perspektive, als der wirksame Schutz und als die Dynamik des Lebens.<\/p>\n<p>Der Friede sei mit Dir, dass das Leben Gottes an Deiner T\u00fcr das Verderben fernhalte; der Friede sei mit Dir, dass das Leben Gottes durch Deine T\u00fcr eintrete. Auch dieses Leben ist nicht ohne Blutspuren. Das ist das Merkw\u00fcrdige, das Eigent\u00fcmliche und die St\u00e4rke der Auferstehungsgeschichten bei Johannes. Jesus zeigt seine verletzten H\u00e4nde und seine Stichwunde an der Seite. Er ist kein Geist, sondern Leben, Lebendigkeit wie wir, mit den Spuren des Scheiterns und der Dem\u00fctigung und des Schmerzes, mit st\u00e4rkeren Spuren, als sie \u2013 Gott sei Dank \u2013 die meisten von uns tragen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Johannes, der sp\u00e4teste Evangelist, der die Osterbotschaft schon zwei Generationen lang kennt, beschreibt die Anwesenheit des \u00f6sterlichen Friedens aus gutem Grund in so massiven, leiblichen Kategorien. Denn je weiter man von den historischen Osterereignissen weg ist, desto st\u00e4rker erweist sich unser nat\u00fcrliches Werden und Vergehen als Einwand. Nach Ostern wurde weiter geboren und geliebt, gelitten und gestorben und die Osterbotschaft ist eine Tradition aus vergangen Zeiten geworden. Und vielleicht sind zwei Generationen \u2013 vom Jahr 30 bis zum Jahre 90 \u2013 und 66 Generationen \u2013 vom Jahre 30 bis zum Jahre 2006 \u2013 nur noch ein gradueller Unterschied. Gott ist Geist und Ostern dazu eine sch\u00f6ne illustrierende Tradition \u2013 Nein! \u2013 sagt der Evangelist Johannes, nein, so bitte nicht, das w\u00e4re vorauseilende Selbstverundeutlichung auf dem freien Geistesmarkt. Wenn der Auferstandene nicht Fleisch ist, nicht Dasein und Schmerz und Angesicht, wenn er uns nicht ins Blut geht und in unser Herz und in unsere Leidenschaft, wie kann er dann unser Friede sein? Denn der Friede, so wie ihn die Bibel beschreibt, ist mehr als Konfliktfreiheit und innere Ausgeglichenheit. Friede ist, wenn das Leben schmerzt, wenn die Augen ihren Glanz zur\u00fcckbekommen, wenn die eigenen Grenzen nicht ungerechte Benachteiligung sind, sondern Vorgeschmack der F\u00fclle; Friede ist, wenn wir uns einander n\u00e4hern mit Leidenschaft, und wenn wir diese dennoch z\u00fcgeln durch Humor. Nicht Gleichmut, sondern Lebenslust \u2013 das ist der Friede. Schon im priesterlichen Segen, den wir am Schluss jedes Gottesdienstes haben, finden wir diese Elemente: Den Schutz vor dem Verderben, das Beh\u00fcten auf dem Weg; die Schau Gottes, sein Angesicht im Glanze und Leuchten des Lebens; und schlie\u00dflich die F\u00fclle, den Frieden.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich ist es auch hier bei der Begegnung Jesu mit den Seinen. Es ist kein langer R\u00fcckblick, keine ausf\u00fchrliche Schau der Wunden und kein langes Bleiben bei den eigenen Entt\u00e4uschungen und Verletzungen; und es ist auch keine ausgedehnte Freudenfeier. Es folgt ziemlich schnell die Entlassung. Bei uns im Gottesdienst hei\u00dft das \u201eSendung und Segen\u201c. Hier ist nur die Reihenfolge vertauscht. Der Auferstandene spricht den Frieden ein zweites Mal zu: \u201eDa sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit Euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch!\u201c<\/p>\n<p>Der erste Friedenswunsch galt den J\u00fcngern selbst, der zweite ihrem Auftrag, den Frieden, das Leben in F\u00fclle den anderen nahe zu bringen. Auch hier beschreibt Johannes das Ganze noch einmal leiblich: Jesus bl\u00e4st seine J\u00fcnger an. ER l\u00e4sst sie seinen Atem sp\u00fcren. ER kommt ihnen nahe, in Intimdistanz. Der Geist, das Pneuma, ist Wind, Hauch, Luft, Bewegung, lebendiger Atem. Der Atem eines Menschen ist ja ebenfalls nichts blo\u00df Gedankliches \u2013 Atem hat leibliche Substanz \u2013 er enth\u00e4lt Wasser.<\/p>\n<p>In einer r\u00f6mischen Kirchenordnung, der Traditio Apostolica aus dem 3.\/4. Jahrhundert, ist dies als Tauferinnerung f\u00fcr das t\u00e4gliche private Gebet empfohlen: \u201eWenn du dich mit deinem feuchten Atem bezeichnest, indem du mit der Hand den Hauch aufnimmst, ist dein Leib geheiligt bis zu den F\u00fc\u00dfen\u201c (TA 41).<\/p>\n<p>In der Taufe \u00fcbertr\u00e4gt sich der Atem Jesu auf die Getauften. Sie k\u00f6nnen die Auferstehung Jesu weitergeben: \u201eWelchen ihr die S\u00fcnden erlasst, denen sind sie erlassen.\u201c Die J\u00fcnger Jesu treten an seine Stelle. Nicht ohne ihn \u2013 denn sie stehen ja in seinem Lebensatem \u2013 aber mit ihm und durch ihn und in ihm \u2013 aber dennoch leiblich, buchst\u00e4blich, so wie wir es sehen \u2013 treten die J\u00fcnger an Jesu Stelle und sollen sagen, was eigentlich nicht zu glauben ist und was schon Jesus als Gottesl\u00e4sterung ausgelegt wurde: Dir ist vergeben.<\/p>\n<p>Fast \u00fcberfl\u00fcssig hinzuzuf\u00fcgen: Nicht an bestimmte J\u00fcnger, nicht an besondere Apostel wird diese Vollmacht Jesu \u00fcbertragen. Der Atem des Herrn belebt die J\u00fcnger, die Gemeinde, die H\u00e4user und T\u00fcren und vertreibt das Verderben und die K\u00e4lte, und er gibt Kraft und bringt das getrennte zusammen, dass Friede sei.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>(EG 133, 1 \u2013 3 + 7 + 8)<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Michael Meyer-Blanck, Universit\u00e4t Bonn<br \/>\ne-mail: <a href=\"mailto:meyer-blanck@uni-bonn.de\">meyer-blanck@uni-bonn.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe in der Evangelischen Schlosskirche der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universit\u00e4t zu Bonn zum Thema &#8222;Weltmeisterschaft&#8220;, 2006 Predigt zur Kantate \u201aDer Friede sei mit Dir\u2019 von J. S. Bach und zum Text: Johannes 20, 19 \u2013 23, verfasst von Michael Meyer-Blanck (Gottesdienst am 7. Mai 2006) Liebe Gemeinde! In der Geschichte vom Passah und vom Auszug aus \u00c4gypten [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":5127,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[39,1,727,120,853,114,299,3,109,126,1166],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-11553","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-johannes","category-aktuelle","category-archiv","category-bes_gelegenheiten","category-bibel","category-deut","category-kapitel-20-chapter-20-johannes","category-nt","category-predigten","category-predigtreihen","category-weltmeisterschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11553","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11553"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11553\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16715,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11553\/revisions\/16715"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5127"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11553"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11553"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11553"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=11553"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=11553"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=11553"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=11553"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}