{"id":11578,"date":"2021-02-07T19:48:49","date_gmt":"2021-02-07T19:48:49","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11578"},"modified":"2023-03-10T19:37:01","modified_gmt":"2023-03-10T18:37:01","slug":"jesaja-35-3-10-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-35-3-10-4\/","title":{"rendered":"Jesaja 35, 3\u201310"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">2. Sonntag im Advent, 10. Dezember 2006<br \/>\nPredigt zu Jesaja 35, 3\u201310, verfa\u00dft von Gunda Schneider-Flume<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Advent, liebe Gemeinde, die Christenheit feiert die Erwartung und die Ankunft Gottes. Aber, was ereignet sich eigentlich, wenn Gott kommt? Und wer kommt, wenn Gott kommt? Alle Jahre wieder Festvorbereitungen, Trubel, Hektik, Vorfreude oder St\u00f6hnen ob der vielen Arbeit. Manch ein Kind z\u00e4hlt aufgeregt an den Toren des Adventskalenders die Tage bis Weihnachten, manch ein Gesch\u00e4ftsmann streicht die schon vergangenen Tage auf dem Kalender ab und \u00fcberblickt sorgenvoll die wenigen noch verbliebenen. Alle, die Vorbereitungen treffen, stehen unter Druck, weil die Tage bis zum Fest verfliegen. Alle Jahre wiederholt sich das. Versch\u00e4rft wird das dieses Jahr dadurch, dass auch die Adventssonntage zum Ein- und Verkauf freigegeben sind. Nicht f\u00fcr alle Beteiligten sind das fr\u00f6hliche Weihnachtsvorbereitungen.<\/p>\n<p>Der Leipziger Bahnhof ist schon seit vielen Wochen geschm\u00fcckt wie f\u00fcr einen gro\u00dfen Bahnhof. Der Watteschnee auf den Tannenb\u00e4umen glitzert. Aber ich h\u00f6rte in der Passage ein Gespr\u00e4ch junger Leute, die angesichts der Dekoration zum gro\u00dfen Bahnhof feststellten: \u201eIch brauche kein Weihnachten. Geschenke bekomme ich so, aber Weihnachten brauche ich nicht. Was soll\u2019s.\u201c<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, was wird denn \u201anicht gebraucht\u2018, wenn es hei\u00dft: Ich brauche kein Weihnachten? Weihnachten, Advent \u2013 was ereignet sich eigentlich, wenn Gott kommt? Wer kommt, wenn Gott kommt? Nur jeder f\u00fcnfte in Leipzig, so die Statistik, wei\u00df, was an Weihnachten gefeiert wird.<\/p>\n<p>\u201eIch brauche kein Weihnachten. Ich habe alles, und was ich nicht habe, bekomme ich, oder ich kaufe es mir. Weihnachten brauche ich daf\u00fcr nicht. Man muss realistisch sein, Wunschschl\u00f6sser und Tr\u00e4umereien darf man nicht haben. Aber man kennt doch die Grenzen, \u00fcber die hinaus man nicht denken darf. Realistisch muss man sein, damit es keine Entt\u00e4uschungen gibt. Fr\u00fcher hatte man noch W\u00fcnsche und Tr\u00e4ume und Hoffnungen, aber mit dem Erwachsenwerden und den Entt\u00e4uschungen sind sie gestorben.\u201c So m\u00f6gen die Begr\u00fcndungen klingen daf\u00fcr, dass man Weihnachten nicht braucht.<\/p>\n<p>Aus Entt\u00e4uschungen und unerf\u00fcllten Hoffnungen sind die Mauern aufgeschichtet, die die Welt eng machen, Menschen beschr\u00e4nken und ihre W\u00fcnsche verdr\u00e4ngen. Hinter diesen Mauern nistet man sich ein in den eigenen Gewohnheiten und Vorurteilen, in den erstorbenen W\u00fcnschen und Entt\u00e4uschungen. \u201eIch brauche kein Weihnachten, das bringt meine Welt nur durcheinander. Lieber keine W\u00fcnsche als entt\u00e4uschte. Lieber ist es mir, ich wei\u00df, was ich habe und was ich sicher bekomme. Lieber kein Fest, das doch wieder Entt\u00e4uschungen bringt, das doch wieder langweilig, unendlich langweilig wird.\u201c So mag der Gedankengang derer weitergehen, die Weihnachten nicht brauchen.<\/p>\n<p>Eine Variante des \u201eIch brauche kein Weihnachten\u201c, lautet: \u201eMir ist nicht nach Weihnachten zumute.\u201c Man kann daf\u00fcr sogar Verst\u00e4ndnis haben. Die Nachrichten der vergangenen Tage versetzen einen nicht gerade in Weihnachtsstimmung, sondern eher in Angst und Schrecken. Und die eigene Situation, wann ist es da nach Weihnachtsstimmung? Wenn Angst oder Trauer einen beklemmen? Eine Familie pflegt die Mutter bis zum Tode. Kann man da Advent und Weihnachten feiern? Wenn Sorge einen ganz und gar in Anspruch nimmt, ist kein Raum f\u00fcr Adventsstimmung. Und doch feiern wir Advent jedes Jahr.<\/p>\n<p>Ich sah in der Bahnhofspassage eine Frau auf einer Bank sitzen. Sie blickte auf die Weihnachtsdekoration und lauschte auf die aus den Lautsprechern t\u00f6nenden Weihnachtslieder. Tr\u00e4nen rollten \u00fcber ihre Wangen. Was hatte sie in Bewegung gebracht? Waren es Erinnerungen an eine heile Kindheitswelt, an die Geborgenheit in einem zu Hause oder neue Hoffnungen?<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, wenn Gott kommt, geraten Menschen in Bewegung, denn Erwartungen und Hoffnungen werden geweckt, Sehns\u00fcchte und W\u00fcnsche, und was f\u00fcr welche! Der Predigttext aus dem 35. Kapitel des Jesajabuches erz\u00e4hlt davon.<\/p>\n<p>Jesaja 35, 3\u201310<br \/>\n3 St\u00e4rket die m\u00fcden H\u00e4nde und macht fest die wankenden Knie!<br \/>\n4 Saget den verzagten Herzen: \u201eSeid getrost, f\u00fcrchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.\u201c<br \/>\n5 Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben ge\u00f6ffnet werden.<br \/>\n6 Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der W\u00fcste hervorbrechen und Str\u00f6me im d\u00fcrren Lande.<br \/>\n7 Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es d\u00fcrre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.<br \/>\n8 Und es wird dort eine Bahn sein, die der heilige Weg hei\u00dfen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren d\u00fcrfen nicht darauf umherirren.<br \/>\n9 Es wird da kein L\u00f6we sein und kein rei\u00dfendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erl\u00f6sten werden dort gehen.<br \/>\n10 Die Erl\u00f6sten des Herrn werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird \u00fcber ihrem Haupte sein, Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.<\/p>\n<p>Die W\u00fcste bl\u00fcht, es gibt Wasser in F\u00fclle, Lebensstoff, die Blinden sehen, die Lahmen springen, es gibt einen Weg in der Unwegsamkeit der W\u00fcste und in der Aussichtslosigkeit der eigenen Verzweiflung. Was sind das f\u00fcr Hoffnungsbilder, die der alte Prophet ausruft. Man kann in der Bibel, insbesondere im Buch Jesaja, verfolgen, wie die gro\u00dfartigsten Hoffnungsbilder gesammelt werden, um die unfassbare Erfahrung zu fassen, dass Gott zu den Menschen kommt. Da wird Licht sein in der Finsternis, Friede zwischen Menschen und zwischen Menschen und Tieren, da wird ein Weg durch die W\u00fcste sein. Nur die Erw\u00e4hnung der Rache bringt einen anderen Ton in die Heilsank\u00fcndigung. \u201eSeht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache.\u201c Das klingt fremd und bedrohlich. \u2013<\/p>\n<p>Jesus von Nazareth hat mit den prophetischen Heilsbildern aus dem Jesajabuch das Wesen seines Auftrags umschrieben. Auf die Frage Johannes des T\u00e4ufers: \u201eBist du es, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?\u201c antwortet Jesus mit einem Zitat aus unserem Predigttext: \u201eBlinde sehen und Lahme gehen\u201c, und er f\u00e4hrt fort, \u201eAuss\u00e4tzige werden rein und Taube h\u00f6ren, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt.\u201c Wo Gott zur Welt kommt, ereignet sich eine \u00dcberf\u00fclle von heilem Leben, alle bekannten Hoffnungsbilder k\u00f6nnen das kaum zur Sprache bringen. Wenn Gott kommt, werden Erwartungen und Hoffnungen geweckt, Sehns\u00fcchte und W\u00fcnsche. Die Mauern, hinter denen wir uns eingerichtet haben, werden durchbrochen, abgebaut werden die Schutzw\u00e4lle, die gegen Neues und gegen Bewegung aufgesch\u00fcttet sind, weil Menschen sich l\u00e4ngst realistisch abgefunden haben in einem: \u201aEs ist halt so, weil es immer schon so war.\u201b<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, wenn Gott kommt, bleibt nichts \u201ahalt so\u201b, weil Menschen neu in Bewegung geraten. Das \u201aimmer so weiter\u201b, das Langeweile und Gleichg\u00fcltigkeit produziert, wird unterbrochen. Wer wunschlos ist, der ist nicht gl\u00fccklich, sondern verstorben, hat einmal ein kluger Politiker gesagt. Wer wunschlos ist, der ist nicht gl\u00fccklich, sondern verstorben, denn er hat sich vergraben in einer Weltsicht ohne Perspektive, ohne Horizont. Das ist in der Politik nicht anders als im pers\u00f6nlichen Leben. \u201eIch brauche kein Weihnachten.\u201c In einer solchen Weltsicht ist die Hoffnung ein St\u00f6rfaktor.<\/p>\n<p>Wenn Gott kommt, wird diese Weltsicht aufgebrochen, denn Gott provoziert Erwartungen und Hoffnungen, Sehns\u00fcchte und W\u00fcnsche. Die W\u00fcste beginnt zu bl\u00fchen, weil Wasser vorhanden ist. In Israel kann man das sehen, wie aus W\u00fcste fruchtbare Obstg\u00e4rten geworden sind, wo Wasser hingeleitet wurde. Das ist wie eine Vision: Wasser in W\u00fcstenregionen, davon k\u00f6nnen Menschen und Tiere leben. Sauberes Quellwasser, Kinder m\u00fcssen nicht mehr an verunreinigtem Wasser sterben. F\u00fcr die weltweit gr\u00f6\u00dfer werdenden D\u00fcrregebiete in China, Australien und Afrika muss man das um des \u00dcberlebens der Menschen willen hoffen, von dieser Hoffnung bewegt m\u00f6gen Ingenieure \u00fcber L\u00f6sungen der Wassergewinnung sinnen und forschen.<\/p>\n<p>Aber Hoffnungsbilder m\u00fcssen sich Kritik gefallen lassen. Vermitteln sie nicht Utopien oder Illusionen, zu sch\u00f6n, um wahr zu sein? Die bl\u00fchende W\u00fcste, in der sich Teiche erstrecken, wo D\u00fcrre war, und Brunnen erschlossen werden, wo nichts mehr wachsen konnte? Gewiss, das sind \u00fcberschw\u00e4ngliche Hoffnungsbilder, aber sie k\u00f6nnen ann\u00e4hernd fassen, was sich ereignet, wenn Gott kommt: neue Lebensm\u00f6glichkeiten, wo wir keine M\u00f6glichkeiten mehr sehen. Diese Bilder malen mehr als alles.<\/p>\n<p>Die W\u00fcste beginnt zu bl\u00fchen, Wachstum breitet sich aus, neues Leben, neue Kraft, denn Menschen werden aus der W\u00fcste ihrer erstorbenen W\u00fcnsche, ihrer versteinerten Herzen, ihrer verlorenen Hoffnungen herausgeholt. Die Frau weinte, etwas hatte sie in Bewegung gebracht. Ein St\u00fcck heile Welt leuchtete auf angesichts der Weihnachtsmusik und der Dekoration im Bahnhof von Leipzig.<\/p>\n<p>Geht es uns nicht auch so gelegentlich in der Adventszeit? Irgendwo durch Musik und Lichterglanz eine kurze Erinnerung an ein Weihnachtsfest, Erfahrung von Menschenfreundlichkeit und Freude. Gottes Kommen weckt W\u00fcnsche und Hoffnungen. Menschen d\u00fcrfen w\u00fcnschen wie Kinder.<\/p>\n<p>Die Augen der Blinden werden aufgetan, die Ohren der Tauben werden ge\u00f6ffnet. Menschen sehen und h\u00f6ren wieder, denn es kommt ihnen jemand entgegen, der ihr Leiden bemerkt, die Enge ihrer Welt wahrnimmt und sie aufbricht. So wirkt Gott. Nichts sehen und h\u00f6ren k\u00f6nnen, hei\u00dft normalerweise ausgeschlossen sein, isoliert und \u00fcbersehen werden. Menschen, die immer wieder \u00fcbersehen werden, senken den Kopf, aus Scham oder aus Wut, nun sehen sie nichts mehr, normalerweise geht man \u00fcber sie hinweg.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, wo Gott kommt, gibt es kein \u201anormalerweise\u201b. Wunderbarerweise gibt es neue Sehkraft, wunderbarerweise gibt es neue H\u00f6rkraft. Wunderbarerweise werden Menschen ver\u00e4ndert. Sie erheben ihren Kopf. Sie sehen neue M\u00f6glichkeiten, sie h\u00f6ren, was ihnen vorher verschlossen war. Ist das Utopie, Wunschbild im Nirgendwo? Es ist \u00fcberschw\u00e4ngliches Hoffnungsbild f\u00fcr Erfahrungen, die Menschen machen, wenn Gott kommt.<\/p>\n<p>Blinde brauchen zuverl\u00e4ssige F\u00fchrer, auf die sie sich verlassen k\u00f6nnen. Mit dem Vertrauen zu denen, die sie f\u00fchren, lernen sie neu sehen, bis sie einst ganz geheilt sein werden. Geht es uns nicht auch so? Es gibt Tage, da sehe ich nichts mehr, es ist alles dunkel, aber es kommt jemand, nimmt mich an der Hand, f\u00fchrt mich und schiebt mir buchst\u00e4blich einen Weg unter die F\u00fc\u00dfe. Langsam, Schritt f\u00fcr Schritt, sehe ich wieder Licht, weil ich nicht meiner Blindheit vertraue, sondern dem anderen.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen Spuren des Lichtes, das Menschen aufgeht, wenn sie einander vertrauen und ihnen so Sehverm\u00f6gen mitgeteilt wird, und Spuren der F\u00fclle, die sie erfahren, wenn sie h\u00f6ren, was ihnen zuvor verschlossen war, auch in unserer vorweihnachtlichen Stadt entdecken. Wo Gott kommt, w\u00e4chst Vertrauen, so dass Menschen neu sehen und h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Der Prophet malt ein weiteres Hoffnungsbild: Da wird eine Bahn sein, ein Weg, der orientiert, auf dem keine Toren laufen. Die prophetischen Verhei\u00dfungen haben diesen Weg unterschiedlich dargestellt. Es ist der gerade Weg, den Menschen Gott bereiten sollen: \u201eIn der W\u00fcste bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott!\u201c Oder es ist der Weg, auf dem es kein Umherirren und keine Gefahr von rei\u00dfenden Tieren gibt, die in der W\u00fcste Pal\u00e4stinas bedrohlich gegenw\u00e4rtig waren. Der verhei\u00dfene Weg ist Weg in der W\u00fcste, wo es \u201anormalerweise\u201b keinen Weg gibt, Orientierung in der Orientierungslosigkeit. Anders schildert der Evangelist Lukas den Weg in der Weihnachtsgeschichte. Die Eltern suchen eine Bleibe, wo das Kind zur Welt kommen kann, \u201edenn sie hatten keinen Raum in der Herberge\u201c.<\/p>\n<p>Gottes Weg ist ein Weg in der Weglosigkeit, in der Raumlosigkeit, in der er wunderbar Raum schafft auch f\u00fcr die, die desorientiert sind und keinen Weg wissen, die Weihnachten nicht brauchen, weil sie keine W\u00fcnsche mehr haben und ihnen vermeintlich nicht mehr zu helfen ist. Nicht auf dem roten Teppich kommt Gott, und in der Regel kommen Menschen auch nicht auf einer mit rotem Teppich ausgelegten Bahn zum Vertrauen auf Gott, aber Gott kommt dahin, wo kein Raum ist und kein Weg, und schafft Raum und Weg. So war es Israel gegangen, als in der Verbannung, weit entfernt von Jerusalem, sich Hoffnung auftat auf einen neuen Weg der Befreiung und der R\u00fcckkehr nach Jerusalem. Das war ein weiter, gef\u00e4hrlicher Weg, aber wenn man nicht eingenistet blieb in dem: \u201aEs ist halt so\u201b, dann konnte die Mutlosigkeit durch Vertrauen \u00fcberwunden werden. So war es den Hirten gegangen in der Nacht, als sie, die gesellschaftlich ganz am Rande lebten, ein Licht sahen und \u00fcberw\u00e4ltigt wurden von dem Hoffnungsschimmer, der von der Geburt eines Kindes ausgeht. Sie sahen Lebenschancen, wo zuvor nur Resignation, \u201aes ist halt so\u201b geherrscht hatten. Sollte es so nicht denen gehen, die einen Weg zum Frieden suchen in der Friedlosigkeit der Welt? Es ist nichts zu sehen als Hass, es ist nichts zu h\u00f6ren als Granaten und Milit\u00e4raktionen. Die Friedensucher und Friedensstifter finden sich damit nicht ab. Insofern sind sie wahrhaft keine Realisten. Sie suchen mehr, einen Weg, auf dem Vertrauen w\u00e4chst und gegenseitige Solidarit\u00e4t, Frieden. Wo die Suche nach diesem Weg beginnt, ereignet sich das Kommen Gottes.<\/p>\n<p>So geht es in unserer Stadt da, wo Menschen, die Weihnachten vermeintlich nicht brauchen, etwas aufgeht von Zuwendung, Vertrauen und Liebe, ereignet sich Gottes Kommen. Nicht anders als durch ein menschliches Wort, das jemanden anspricht, den wir nicht mehr f\u00fcr ansprechbar halten, kommt Gott. So entsteht Raum zum Aufatmen in der Raumlosigkeit, Mut in der Mutlosigkeit. Man kann nicht sagen, dass man das braucht. Aber wenn man etwas von der Zuwendung erf\u00e4hrt, bemerkt man einen Schimmer von gutem Leben, den wir mehr als alles brauchen.<\/p>\n<p>Anita Lasker-Wallfisch, die Cellistin von Auschwitz, erz\u00e4hlt, dass sie im Gef\u00e4ngnis in Breslau, als sie auf ihren Prozess wartete, in einem Karton das Arbeitsmaterial in die Zelle gereicht bekam. Gelegentlich fand sie unter dem Material ein St\u00fcck Brot, einmal sogar einen Kuchen. Die \u00dcberbringerin des Kartons traute sich sogar, unerlaubt und heimlich Worte mit der jungen Gefangenen zu wechseln. Die Worte bedeuteten mehr als alles vor dem Weg nach Auschwitz. So ereignet sich Gottes Kommen in der Aussichtslosigkeit.<\/p>\n<p>Vertrauen und Leben wachsen, wenn Gott kommt, neue Sehkraft und Orientierung, Mut und Hoffnung entstehen. Es ereignet sich das, was der Beter des Psalms beschreibt: \u201eMit meinem Gott kann ich \u00fcber Mauern springen\u201c, wankende Knie werden fest und m\u00fcde H\u00e4nde stark.<\/p>\n<p>Aber <em>wer<\/em> kommt, wenn Gott kommt? Nur wenn wir Gottes Lebensweg in Jesus von Nazareth verfolgen, k\u00f6nnen wir das erahnen. Der Weg f\u00fchrt von der Krippe zum Kreuz, dem Ort, an dem sich alle Lebenszerst\u00f6rung, alle Lebensfeindschaft, alle Lieblosigkeit zusammenballen. Der Weg Gottes f\u00fchrt von der Geburt des Kindes, die Freude und Jubel provoziert, zu dem durch Hass und Neid und Gottvergessenheit verursachten Tod auf Golgatha. Sollte das nicht Rachegedanken und Rachew\u00fcnsche aufkommen lassen?<\/p>\n<p>Gott kommt zur Rache? Liebe Gemeinde, ist das das Ende? So kennen wir es l\u00e4ngst aus Erfahrungen, das ist uralt, bei uns alle Tage und in Kriegsregionen, in denen monatlich 3500 aus Rache ermordete Zivilisten zu beklagen sind. Menschen \u00fcben Rache, normalerweise unerbittlich. Die Geschichte Gottes l\u00e4sst eine andere Wirklichkeit erkennen. Der Prophet Jesaja ebenso wie das Alte Testament sprechen davon, dass Gott Rache \u00fcbt, damit sie Menschen entzogen ist und Menschen nicht selbst r\u00e4chen. Und doch greifen Menschen immer wieder zum Racheschwert oder zu anderen Waffen, und sie sinnen Vergeltung. Sie definieren sich geradezu als R\u00e4cher. Das verstehen sie als ihren Lebenssinn. Am Kreuz Jesu Christi ereignet sich anderes. Da ist auch die alte prophetische Verhei\u00dfung noch einmal \u00fcberboten worden. Der, dessen Weg zum Kreuz f\u00fchrt, \u00fcbt nicht Rache, er gibt sich den Rachegel\u00fcsten, dem Hass und der Gottvergessenheit der Menschen hin, damit Rache, Vergeltung und Gottvergessenheit ein f\u00fcr alle Mal \u00fcberwunden werden.<\/p>\n<p>Der da kommt, kommt nicht zur Rache, und er kommt nicht mit Gewalt, sondern mit der Macht der Liebe. So er\u00f6ffnet sich ein neuer Weg, eine wunderbare Bahn. Die Rache bleibt hinten, abgetan bleibt der Hass, \u00fcberwunden. Auch das ist wie ein Traum unter Menschen. Aber so ist Gott. Er l\u00f6st Menschen aus Hass und Rache und Lebensfeindschaft, damit sie neu leben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u201eDie Erl\u00f6sten des Herrn werden wiederkommen \u2026 ewige Freude wird \u00fcber ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.\u201c<\/p>\n<p>Deshalb k\u00f6nnen wir Advent und Weihnachten feiern. Gewiss, gelegentlich sind wir noch verzagt. Advent, Weihnachten? \u2013 Aber es spielt sich uns ein Lied zu, ein altes Weihnachtslied, wo auch immer, aus dem etwas von der Freude und dem, was mehr ist als alles, aufklingt. Es klingt bis in die tiefste Finsternis und erleuchtet sie. Amen.<\/p>\n<p><strong> Prof. Dr. Gunda Schneider<br \/>\nLeipzig<br \/>\n<a href=\"mailto:dr.gunda.schneider@t-online.de\">dr.gunda.schneider@t-online.de <\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. Sonntag im Advent, 10. Dezember 2006 Predigt zu Jesaja 35, 3\u201310, verfa\u00dft von Gunda Schneider-Flume Advent, liebe Gemeinde, die Christenheit feiert die Erwartung und die Ankunft Gottes. Aber, was ereignet sich eigentlich, wenn Gott kommt? Und wer kommt, wenn Gott kommt? Alle Jahre wieder Festvorbereitungen, Trubel, Hektik, Vorfreude oder St\u00f6hnen ob der vielen Arbeit. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":17424,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[612,22,1,2,727,157,853,114,1190,985,349,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-11578","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-2-advent","category-jesaja","category-aktuelle","category-at","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-gunda-schneider-flume","category-kapitel-35-chapter-35","category-kasus","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11578","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11578"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11578\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":17459,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11578\/revisions\/17459"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17424"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11578"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11578"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11578"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=11578"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=11578"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=11578"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=11578"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}