{"id":11590,"date":"2021-02-07T19:48:51","date_gmt":"2021-02-07T19:48:51","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11590"},"modified":"2023-03-09T16:42:18","modified_gmt":"2023-03-09T15:42:18","slug":"matthaeus-11-2-10-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-11-2-10-5\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 11, 2-10"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">3. Sonntag im Advent, 17. Dezember 2006<br \/>\nPredigt zu Matth\u00e4us 11, 2-10, verfa\u00dft von Eva Meile (D\u00e4nemark)<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Wie immer ist die biblische Erz\u00e4hlung kurz und knapp. Ohne psychologische Erkl\u00e4rungen wird mit sparsamen Strichen eine Situation gezeichnet: Johannes ist ins Gef\u00e4ngnis gekommen, h\u00f6rt von den Taten Jesu, schickt seine J\u00fcnger zu ihm, um zu fragen: Bist du es, der da kommen wird, oder sollen wir auf einen anderen warten?<\/p>\n<p>Unmittelbar klingt seine Frage sehr verst\u00e4ndlich und glaubw\u00fcrdig, aber nun wissen wir ja, dass Johannes fr\u00fcher \u2013 als er Jesus, gewiss zum ersten Mal, sah \u2013 ohne zu z\u00f6gern die verbl\u00fcffenden Worte sprach: \u201dSiehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt S\u00fcnde tr\u00e4gt!\u201d Welch klarer Blick! Und welche Umw\u00e4lzung in seinem Innern zu der Frage, die er jetzt stellt: Bist du der, der kommt? Also: Bist du Gottes Lamm, der Erl\u00f6ser und Vers\u00f6hner, der die Last der S\u00fcnden von unseren Schultern und von unseren Herzen nimmt?<\/p>\n<p>Man kann es kaum lassen zu versuchen, n\u00e4her an die Seele des Johannes heranzukommen, als es im Neuen Testament selbst geschieht. Man ist versucht, seine Gedanken lesen zu wollen. Nicht blo\u00df, weil er eine interessante biblische Person ist, sondern weil wir von uns selbst nur allzu gut die Situation kennen, in der er sich befindet, von den Gelegenheiten, bei denen wir selbst in ein schwarzes Loch geraten waren, als wir nicht wussten, wer wir selbst sind, wof\u00fcr f\u00fcr stehen und was der Sinn unseres Lebens ist. In solchen Augenblicken fragen auch wir: Ist alles, woran ich geglaubt habe, eigentlich Wahrheit, oder habe ich mich selbst hinters Licht gef\u00fchrt und get\u00e4uscht?<\/p>\n<p>So sitzt Johannes jetzt da und denkt: Was war das eigentlich, all das mit Jesus? <em>War<\/em> er wirklich die Wahrheit, wie er sagte? Oder habe ich mein Leben an eine L\u00fcge verschwendet? Das ist ein verzweifelter Gedanke, ich muss Jesus noch einmal zu fassen kriegen, muss ihn zwingen, mir einen Beweis zu liefern, dass er der Richtige <em>ist<\/em>, der Gesandte Gottes, Christus. Aber wie kann ich hier im Gef\u00e4ngnis mit ihm Kontakt aufnehmen? Ich muss einige meiner verl\u00e4sslichen J\u00fcnger zu ihm schicken und sie ihn eindringlich fragen lassen: <em>Bist<\/em> du Christus? Bist du der, der kommen wird?<\/p>\n<p>Wie gesagt, so getan. Die J\u00fcnger gehen zu Jesus und \u00fcberbringen ihm die Frage des Johannes. Und was antwortet Jesus? Weder ja noch nein. Er h\u00e4tte doch wirklich ein paar tr\u00f6stende Worte sagen k\u00f6nnnen, etwa: Lieber Johannes! Du wei\u00dft doch, wer ich bin. Du hast es doch selbst gesagt, als ich zu dir kam, um im Jordan getauft zu werden. Du kannst dich fest darauf verlassen, dass du richtig gesehen hast. Ich <em>bin<\/em> es. Ich <em>bin<\/em> Christus.<\/p>\n<p>Aber das sagte er nicht. Er sagte stattdessen: Geht hin, und erz\u00e4hlt dem Johannes, was ihr h\u00f6rt und seht: Blinde sehen, und Taube h\u00f6ren, und armen Menschen wird das Reich Gottes gepredigt. Genauso wie Johannes es ja sowieso schon wusste, genauso wie er es selbst <em>gesehen<\/em> hatte.<\/p>\n<p>Aber ein Mann, der im Gef\u00e4ngnis sitzt, vergisst leicht, was er zuvor von der Herrlichkeit und Sch\u00f6pferkraft Gottes gesehen hat. Wir brauchen uns \u00fcber die Vergesslichkeit des Johannes nicht zu wundern. Unsere eigene Vergesslichkeit ist in solchen Situationen formidabel. An dem einen Tag k\u00f6nnen wir sagen: Welcher Reichtum des Lebens! Welches Geschenk Gottes! Ich verdiene doch all seine G\u00fcte gar nicht. Aber schon am darauf folgenden Tag \u2013 wenn <em>wir<\/em> in das schwarze Loch fallen \u2013 sagen wir: Das Leben ist hart. Hat Gott mich vergessen? Wenn er mir doch nur ein Zeichen g\u00e4be, dass er noch immer derjenige ist, der er ist.<\/p>\n<p>Aber ich f\u00fcrchte, dass Gott hier dieselbe Haltung einnimmt wie Jesus im Evangelium von heute, n\u00e4mlich: Wenn du nicht daran glaubst, was du bereits erfahren hast \u2013 obgleich es in diesem Augenblick f\u00fcr dich verborgen ist \u2013, dann kann ich nichts mehr f\u00fcr dich tun. Meine Gegenwart, meine Liebe und Treue sind nicht zu beweisen.<\/p>\n<p>In Shapekspeares Schauspiel K\u00f6nig Lear will der K\u00f6nig seine drei T\u00f6chter dazu zwingen, ihre Liebe zu ihm zum Ausdruck zu bringen. Zwei von den T\u00f6chtern \u00fcberh\u00e4ufen ihn mit leeren Schmeicheleien, die j\u00fcngste aber, Cordelia, verweist ihn blo\u00df auf die Zeichen ihrer Hingabe, die er selbst sehen kann und schon immer hat sehen k\u00f6nnen. Aber das gen\u00fcgt ihm nicht. Er will sich nicht damit begn\u00fcgen, er verst\u00f6\u00dft Cordelia deshalb, und damit beginnt sein tragischer Sturz.<\/p>\n<p>Johannes der T\u00e4ufer ist trotz allem kein K\u00f6nig Lear. Er ist und bleibt der, der ausersehen war, den Weg f\u00fcr Gottes eigenen Sohn zu bereiten, deshalb ist er mit einem unl\u00f6slichen Band an ihn gebunden, an guten wie an schlechten Tagen, und zu Zeiten, da das Band f\u00fchlbar ist, und da es nicht f\u00fchlbar ist. Das Evangelium schildert seine Reaktion nicht, als die J\u00fcnger ihm Jesu Worte \u00fcberbringen, aber er w\u00e4re kaum Johannes, wenn nicht mitten in seinem Zweifel und seiner Pein ein Erinnerung aufbr\u00e4che an das, was er in dem Augenblick gesehen hatte, der f\u00fcr sein Leben entscheidend wurde: Als er und Jesus sich zum ersten Mal gegen\u00fcber standen und sahen, wer sie waren: Gottes Lamm, der Erl\u00f6ser der Welt, und sein Herold, der erste unter den von Frauen Geborenen.<\/p>\n<p>Das sollte der Anfang einer Liebe f\u00fcrs Leben werden. Denn Liebe ist ja gerade dies, einander sehen und Gottes Absicht mit- und ineinander sehen zu k\u00f6nnen. Aber selbst eine solche Liebe kann von Zweifel heimgesucht und von Vergesslichkeit verschleiert werden. Aber sie kann nicht sterben. Deshalb wusste Jesus, was er tat, als er f\u00fcr Johannes ihr altes gemeinsames Wissen wiederholte: Das Reich Gottes ist nahe, hier, wo Blinde wieder sehen und Kranke geheilt werden, wo f\u00fcr Menschen im Elend von der Liebe Gottes erz\u00e4hlt wird.<\/p>\n<p>Das Evangelium von heute ist auf unsere Vergesslichkeit gerichtet. Es sagt zu uns: Das Reich Gottes ist auch hier. Mitten in unserer Wirklichkeit. Es ist \u00fcberall, wo uns die Augen ge\u00f6ffnet werden f\u00fcr unseren Rang als Kinder Gottes und wo wir das, was wir sehen, zu sch\u00e4tzen beginnen. Das Reich Gottes ist da, wo sich die Lebenskraft durchsetzt, so dass Krankheiten ihre Macht \u00fcber uns verlieren und wir an Geist und Seele gesund werden. Aber das Reich Gottes ist auch da, wo wir keinen Ausweg wissen, keine Heilung, keine Befreiung, da, wo wir in das schwarze Loch der Depression versunken sind, da, wo wir auch nicht den geringsten Streifen eines blauen Himmels ersp\u00e4hen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Jesu Antwort an Johannes heute ist die Antwort, die f\u00fcr uns lautet, wenn wir unsere bangen Gebete als Ausgesandte zu ihm schicken, um in dem Glauben gest\u00e4rkt zu werden, dass er derjenige ist, der kommt, der gekommen ist und der wieder kommen wird \u2013 ja wieder und wieder kommen wird \u2013 und der alles gut machen wird. In dem Glauben, dass er, auch wenn mein Leben sich auf und ab bewegt, in Ewigkeit derselbe ist. H\u00f6rst du, mein Herz? Breite die Fl\u00fcgel deiner Freude aus und fliege. Fliege hinaus durch das Zellenfenster und sieh dich um: siehe, die \u00f6den Fluren stehen voller Bl\u00fcten!<\/p>\n<p>Wie lieblich klingen die Schritte derer, die gute Nachrichten bringen! So muss Johannes gedacht haben, als seine J\u00fcnger mit Jesu Antwort zur\u00fcckkehrten. Und so m\u00fcssen wir denken, wenn wir ihren Bescheid h\u00f6ren. Es gibt eine Welt au\u00dferhalb des Gef\u00e4ngnisses. Sie hei\u00dft Hoffnung und Freiheit. Sie hei\u00dft Reich Gottes, und dort ist unsere Wohnung.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastor Eva Meile<br \/>\nC.F. Richs Vej 2<br \/>\nDK-2000 Frederiksberg<br \/>\nTel.: ++ 45 \u2013 38 33 19 12<br \/>\ne-mail: <a href=\"mailto:eva@meile.dk\">eva@meile.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00dcbersetzung aus dem D\u00e4nischen: Dietrich Harbsmeier <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>3. Sonntag im Advent, 17. 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