{"id":11596,"date":"2021-02-07T19:48:50","date_gmt":"2021-02-07T19:48:50","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11596"},"modified":"2023-03-10T09:08:59","modified_gmt":"2023-03-10T08:08:59","slug":"johannes-1-19-23-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-1-19-23-2\/","title":{"rendered":"Johannes 1, 19-23"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3 align=\"left\"><b><span style=\"color: #000099;\">4. Sonntag im Advent \/ Heiliger Abend, 24. Dezember 2006<br \/>\nPredigt zu Johannes 1, 19-23, verfa\u00dft von Gottfried Brakemeier<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p align=\"left\">Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Noch ist nicht Weihnachten. Zwar f\u00e4llt der 4. Advent in diesem Jahr auf den Heiligen Abend, aber noch ist der Advent nicht zu Ende. Darauf weist der f\u00fcr die Predigt am heutigen Sonntag vorgesehene Text mit aller Deutlichkeit hin. Er spricht von Johannes dem T\u00e4ufer, und der geh\u00f6rt in den Advent. Die Kirche verehrt in ihm den Vorl\u00e4ufer, den Wegbereiter Christi, den Zeugen f\u00fcr das Licht, das mit Weihnachten in die Welt gekommen ist. Er predigt Busse und Einkehr, damit Weihnachten w\u00fcrdig gefeiert und und dem Kind in der Krippe der rechte Empfang bereitet wird. Er ist, nach seinen eigenen Worten, \u201cStimme eines Predigers in der W\u00fcste: \u2018Ebnet den Weg des Herrn\u2019, wie der Prophet Jesaja gesagt hat.\u201d<\/p>\n<p>Wer ist dieser Prediger? Offenbar hat es schon damals Zweifel an seiner Identit\u00e4t gegeben. Hier heisst es, dass man Priester und Leviten aus Jerusalem zu ihm gesandt hat, um ihn zu fragen: \u201cWer bist du?\u201d Johannes hatte Aufsehen erregt durch seine Taufe am Jordan und mehr noch durch seinen Angriff auf die Unbussfertigen vor allem unter den Einflussreichen im Land. \u201cSchlangenbrut\u201d hatte er sie gescholten, und so etwas h\u00f6rt man nicht gern. Das Reich Gottes sei nahe und mit ihm das Gericht \u00fcber alle, die Gottes Willen missachten. Nur eine entschiedene Umkehr, eine allgemeine Kehrtwende, wir w\u00fcrden sagen eine Neuorientierung der Gesellschaft k\u00f6nne die kommende Katastrophe abwenden. Das war der Kern seiner Predigt. Ob die Menschen klug genug sein w\u00fcrden, die n\u00f6tigen Ver\u00e4nderungen rechtzeitig in die Wege zu leiten?<\/p>\n<p>Es ist verst\u00e4ndlich, dass so ein Mensch Erwartungen weckt bei denen, die unter den Verh\u00e4ltnissen leiden. Wir wissen, dass Johannes J\u00fcnger gehabt hat und dass messianische Hoffnungen auf ihn gesetzt wurden. Er w\u00fcrde eine neue Heilszeit herbei f\u00fchren. Deshalb weiss er auch sofort, woher der Wind weht, als die Abgesandten aus Jerusalem ihn auszuhorchen beginnen. \u201cNein, ich bin nicht der Christus\u201d, sagt er, also kein Anw\u00e4rtner auf den Messias, kein politischer Reformer, kein Revolution\u00e4r. Genauso lehnt er es ab, als wiederkommender Elia betrachtet zu werden, der nach dem Zeugnis des Propheten Maleachi den grossen und schrecklichen Tag des Herrn einleiten wird. Er bringt \u00fcberhaupt nichts. Er ist nur Stimme der Umkehr: \u201cEbnet dem Herrn den Weg.\u201d Bringt euch selbst und eure Welt in Ordnung, damit, wenn Gott kommt, er nicht allzu heftig und allzu schmerzlich aufr\u00e4umen muss. Seid ihr bereit zur \u201cVerantwortung\u201d?<\/p>\n<p>Wir kennen die Versuchungsgeschichte Jesu. Die Evangelien berichten davon. Das hier ist die Versuchungsgeschichte des Johannes. \u201cBist du der Christus?\u201d Ja, warum eigentlich nicht? Johannes hat alles um als Messias gefeiert zu werden. Er hat Erfolg, er hat eine Gemeinde, die an ihn glaubt, er ist eine Ber\u00fchmtheit selbst bei seinen Gegnern. Und trotzdem weist er alle Ehrentitel von sich und begn\u00fcgt sich mit der bescheidenen Rolle eines Predigers in der W\u00fcste. Die Versuchung des Johannes hat etwas typisch Menschliches. Sie wiederholt sich in tausendfacher Form, nat\u00fcrlich unter anderen Vorzeichen und in anderer Sprache. Messias ist ein altert\u00fcmlicher Titel, mit dem sich heute niemand schm\u00fccken m\u00f6chte. Aber der Traum davon, die Welt m\u00f6ge an unserem Wesen genesen, der ist wohl bekannt. Wenn doch die anderen so w\u00e4ren wie wir. Dann s\u00e4he es anders aus in der Welt. Und: Sich in der Gewissheit zu wiegen, andere Menschen gerettet, zu ihrem Heil beigetragen, sie auf den rechten Weg gebracht zu haben, das ist ein gutes Gef\u00fchl. Auch heute ist es verlockend, sich zu einem Christus hochzustilisieren und sich als Heilsbringer, sei es im Kleinen sei es im Grossen, in der Religion, in der Politik oder auch nur im nahen Bekanntenkreis, beklatschen zu lassen. Wie weit das im einzelnen der Fall ist, kann ich nicht sagen. Aber faszinierend ist der Gedanke schon, dass man zu den grossen Wohlt\u00e4tern der Menschheit gez\u00e4hlt wird.<\/p>\n<p>So gesehen ist Johannes unglaublich naiv. Er nutzt seine Chance nicht. Er will keine Ehre, keine Macht, keine Privilegien. Das alles l\u00e4sst er sich entgehen. Er stellt sich ganz in den Dienst desjenigen, der nach ihm kommt und will nichts anderes sein als dessen Vorbote. Und dennoch, was wie fast unertr\u00e4gliche Bescheidenheit aussieht, ist in Wirklichkeit Weisheit. Johannes f\u00fchlt sich als Heilsbringer hoffnungslos \u00fcberfordert. Er weiss, dass er nicht halten kann, was man sich von ihm als angeblichem Messias verspricht. Das Heil kommt von Gott, und nur von ihm. \u201cTrost gibt der Himmel, von den Menschen erwartet man Beistand\u201d, so las ich es vor kurzem. Ein gescheites Wort. Es lohnt sich dar\u00fcber nachzudenken. Nein, man darf von Menschen nicht erwarten, was sie nicht geben k\u00f6nnen. Wer es trotzdem tut, wird auf die Nase fallen und um eine Entt\u00e4uschung reicher sein. Und wer sich anmasst, den anderen sein eigenes Heil aufzuzwingen, wird sie letztlich ins Ungl\u00fcck stossen. An geschichtlichen Beispielen fehlt es nicht. Selbsternannte Erl\u00f6ser haben die V\u00f6lker meistens ins Unheil gest\u00fcrzt und sind zu Verbrechern geworden. Johannes widersteht der Versuchung, selbst in die Rolle des Messias zu schl\u00fcpfen und die Welt mit seinem Licht zu begl\u00fccken. Johannes ist ein kluger Mensch.<\/p>\n<p>Soll das bedeuten, dass menschlicher Einsatz f\u00fcr eine bessere Welt unsinnig ist? Nichts w\u00e4re falscher als das. Johannes zeigt es auf seine Weise. Er ruft zur Umkehr, legt den Finger auf verdeckte Wunden, er mahnt und \u00f6ffnet den Leuten die Augen. Wenn etwas anders werden soll in dieser Welt, dann muss es so beginnen. \u201cGerechtigkeit, Friede und Bewahrung der Sch\u00f6pfung\u201d sind Zukunftsbedingungen der Menschheit. Und sie sind sehr wohl zu erf\u00fcllen. Viel Angst k\u00f6nnte abgebaut werden durch resoluten Einsatz von pr\u00e4ventiven Massnahmen. Aber es fehlt die Einsicht. Ein gewaltiger Reformstau steht einer besseren Welt entgegen. Das war schon zur Zeit des Johannes zu beklagen. Leider ist es heute nicht viel anders. Wer Menschen hilft, ihren Widerstand gegen Reformen, gegen Umkehr und Umdenken zu \u00fcberwinden, hat viel geleistet. Der hat den Weg des Herrn geebnet, das Kommen des Reiches Gottes vorbereitet, den Advent in rechter Weise genutzt.<\/p>\n<p>Aber die Massst\u00e4be zu setzen, das steht uns nicht zu. Das steht keinem zu. Das ist Gottes Sache. Er gibt die Richtung der Umkehr an und zeigt, worauf hin das Steuer ausgerichtet werden soll. Es geht eben nicht darum, irgend ein Reich aufzubauen, ein menschliches, eines nach unserem Geschmack und unserer Wahl. Genau das ist es, was Johannes der T\u00e4ufer verweigert, n\u00e4mlich sein eigenes messianisches Reich zu errichten indem er sich die Christusw\u00fcrde zulegt. Dann k\u00f6nnte genau so gut ein anderer kommen und von sich das gleiche behaupten. Und schon haben wir Krieg, richtige Kreuz\u00fcge gegeneinander, die den Hass s\u00e4en und unschuldige Opfer fordern auf beiden Seiten. Ich wiederhole: Johannes ist ein kluger Mensch. Er verzichtet darauf, die Welt nach eigenen Vorstellungen gestalten zu wollen. Er will nicht herrschen. Er vesteht sich als Diener der Welt Gottes, die in Gestalt des \u201cSt\u00e4rkeren\u201d, bald erscheinen wird. Johnannes bringt kein eigenes Licht, kein eigenes Heil. Er will nur Abglanz sein, so wie das Licht des Mondes Reflex der Sonne ist.<\/p>\n<p>Bedenkt man die so erfolgreich bestandene Versuchung des Johannes, kann man schliessen, dass der Advent auch und nicht zuletzt daf\u00fcr da ist, Illusionen zu zerst\u00f6ren. Das vierte Evangelium legt grossen Wert darauf, dass das wahre Licht nicht mit falschen Lichtern verwechselt wird. Es gilt das Reich Gottes von Menschenreichen klar zu unterscheiden. Kein Reich auf dieser Welt darf mit dem Reich Gottes verwechselt werden. Kein Mensch darf sich messianische W\u00fcrde zulegen. Der Christus, der ist nur einer. Vorboten hat er viele. Ich denke an die Propheten und Psalmendichter des Alten Testaments. Unter all diesen Gestalten nimmt Johannes der T\u00e4ufer einen besonderen Platz ein. Aber der Christus wird in Bethlehem geboren. Das ist die \u00dcberzeugung der Christenheit und Grund des Weihnachtsfestes.<\/p>\n<p>Worauf gr\u00fcndet diese Behauptung? Mit welchem Recht feiern wir Weihnachten? Hat es einer gewagt, sich doch den Messiastitel zuzulegen und sein eigenes Regiment zu errichten? Ist Jesus der Versuchung erlegen, der Johannes wiederstanden hat? Wer die Geschichte seiner Versuchung kennt, weiss, dass das nicht der Fall ist. Auch Jesus will nichts f\u00fcr sich selbst. Er hat keine messianische Partei gegr\u00fcndet, und wer darauf spekuliert, in einem zuk\u00fcnftigen jesuanischen Reich f\u00fcr die jetzigen Entbehrungen entsch\u00e4digt zu werden, wird schwer entt\u00e4uscht. Und doch unterscheidet sich Jesus von Johannes. Um es mit den Worten des vierten Evangelisten zu sagen: \u201cWir sahen seine Herrlichkeit.\u201d Mit keinem Anderen hat sich Gott derart eng verbunden wie mit Jesus von Nazareth. In ihm kommt Gott selbst zu Wort. In ihm tritt er in Erscheinung, und zwar nicht als der Richter, als der R\u00e4cher, als der Zornige, sondern zun\u00e4chst und vor allem als der liebende Gott. In ihm kommt Gottes Licht selbst in die Welt. Und wer das nicht glaubt? Johannes w\u00fcrde antworten: \u201cKomm, und sieh!\u201d<\/p>\n<p>Johannes, der Zeuge! Er selbst bringt kein Heil, aber er weiss, wo das Heil zu suchen ist. Er setzt sich ein f\u00fcr die Erneuerung der Menschen und der Welt, aber er weiss, dass all sein Bem\u00fchen nur Vorarbeit ist. Er ist ein grosser Prophet, und doch nur Stimme eines Predigers in der W\u00fcste. In all dem ist Johannes Vorbild der Kirche. Von ihm hat sie die Aufgabe geerbt, Zeuge zu sein f\u00fcr das was in Jesus von Nazareth sichtbar geworden ist. Auch Christen haben sich einzusetzen f\u00fcr eine bessere Welt und wissen doch, dass erst Weihnachten das Licht bringt, dass die Dunkeheit hell macht. Der Text f\u00fcr diesen letzten Sonntag im Advent will uns einladen, klug zu sein wie Johannes und den Weg zu ebnen f\u00fcr das Christkind.<\/p>\n<p align=\"left\">Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p class=\"Stil1\"><strong>Gottfried Brakemeier, Nova Petr\u00f3polis, RS <\/strong><br \/>\n<strong>Brasilien<\/strong><br \/>\n<strong><a href=\"mailto:gbrakemeier@gmx.net\">gbrakemeier@gmx.net <\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>4. 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