{"id":11597,"date":"2021-02-07T19:48:49","date_gmt":"2021-02-07T19:48:49","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11597"},"modified":"2023-03-10T21:19:20","modified_gmt":"2023-03-10T20:19:20","slug":"johannes-7-28-29-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-7-28-29-3\/","title":{"rendered":"Johannes 7, 28-29"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Heiliger Abend, 24. Dezember 2006<br \/>\nPredigt zu Johannes 7, 28-29, verfa\u00dft von R\u00fcdiger Lux <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder Jesu,<\/p>\n<p>diese Anrede mag ihnen ein wenig plump vertraulich, fromm oder altv\u00e4terlich klingen. Aber wenn es einen Abend im Jahr gibt, an dem sie ihren Ort hat, dann ist es der Heilige Abend. Ein Abend der gro\u00dfen Worte?<\/p>\n<p align=\"center\">I<\/p>\n<p>Keine leeren Worte \u2013 <em>das Wort ward Fleisch\u2026<\/em>.<br \/>\nKeine gro\u00dfen Reden \u2013 ein kleines, zappelndes, greinendes Kind.<br \/>\nDas ist das Leben. Das ist Gott. Gott ist das Leben.<\/p>\n<p>Und das Kind, dessen Geburt wir in dieser Nacht feiern, ruft allen zu: <em>\u2026ich lebe, und ihr sollt auch leben<\/em>. Aber da war er schon herangewachsen als er das rief, der Knabe aus der Krippe von Bethlehem. Da hatte er bereits seine Erfahrungen mit dem Leben gemacht, mit Gott.<\/p>\n<p>Ich lebe und ihr sollt auch leben. Klang das nicht ein bisschen gro\u00dfspurig, ein wenig zu g\u00f6nnerhaft? Jesus \u2013 ein Lebemann? Es gab nicht wenige, die ihn daf\u00fcr hielten und mit dem Finger auf ihn zeigten: <em>Siehe, was ist dieser Mensch f\u00fcr ein Fresser und Weins\u00e4ufer, ein Freund der Z\u00f6llner und S\u00fcnder! <\/em><\/p>\n<p>Ja, was aus einem kleinen Kind nicht alles werden kann! Da hat man sich redlich M\u00fche gegeben mit seinen Spr\u00f6sslingen \u2013 und nun solch eine Pleite. Da haben sie sich krumm gelegt, Josef und Maria, haben ihn ern\u00e4hrt und gekleidet, ihm ein Dach \u00fcber dem Kopf gegeben, vielleicht gar gehofft, dass er die Schreinerwerkstatt des Vaters in Nazaret \u00fcbernahm, doch der Knabe dachte gar nicht daran. War er nicht ein Herumtreiber geworden? Einer, der mit seinen Freunden durch\u2019s Land zog, vom Mundraub lebte und gro\u00dfe Reden hielt? Kein fester Wohnsitz, keine feste Arbeit, keine Familie \u2013 so hatten sie sich das sicher nicht vorgestellt, Josef und Maria, damals in der Nacht von Bethlehem.<\/p>\n<p>Jesus &#8211; ein Sorgenkind? Hatten da G\u00fcte und Strenge gleicherma\u00dfen versagt? Der Maler Max Ernst hat solche Gedanken auf seine Weise in\u2019s humorvoll-provoziernde Bild gesetzt. Da ist Maria zu sehen, die Gottesmutter, die den Jesusknaben \u00fcbers Knie legt und ihm kr\u00e4ftig den Hintern versohlt. Geholfen hat\u2019s freilich nicht. Er ging seinen Weg, den er gehen musste.<\/p>\n<p>Vielleicht sitzt jetzt manch einer mitten unter uns, denkt an seine eigenen Sorgenkinder und seufzt im Stillen mit Wilhelm Busch:<\/p>\n<p>\u00bbAch was muss man oft von b\u00f6sen<br \/>\nKindern h\u00f6ren oder lesen!<br \/>\n\u2026<br \/>\n\u00c4pfel, Birnen, Zwetschen stehlen &#8211;<br \/>\nDas ist freilich angenehmer<br \/>\nUnd dazu auch viel bequemer,<br \/>\nAls in Kirche oder Schule<br \/>\nFestzusitzen auf dem Stuhle. &#8211;<br \/>\n&#8211; Aber wehe, wehe, wehe, &#8211;<br \/>\nWenn ich auf das Ende sehe!!\u00ab<\/p>\n<p>Ja, das Ende \u2013 das Ende dieses holden Knaben ist uns bekannt. Sein Weg f\u00fchrte von Bethlehem nach Golgatha, von der Krippe zum Kreuz. Jesus \u2013 ein Sorgenkind? Gerade die Sorgenkinder haben ihre Geheimnisse. Wir glauben sie zu kennen. Wir glauben zu wissen, wer sie sind und was sie sind. Da stehen die Urteile und Verurteilungen schnell fest: Lebemann, Leichtfu\u00df, Aufschneider, Versager! Und Jesus mitten drin.<\/p>\n<p align=\"center\">II<\/p>\n<p>Er begibt sich in\u2019s Festget\u00fcmmel von Jerusalem. Magisch hatte sie den jungen Mann vom Lande angezogen, die Hauptstadt der r\u00f6mischen Provinz. Da war die Festung Antonia mit ihren waffenstarrenden r\u00f6mischen Soldaten; da waren die pr\u00e4chtig ausgebauten Ladenstra\u00dfen mit ihren H\u00e4ndlern. Karawanen kamen aus den W\u00fcsten Arabiens, brachten Gold und Gew\u00fcrze, Weihrauch und Myrrhe; aus Griechenland wurden Luxusg\u00fcter importiert, edle H\u00f6lzer vom Libanon herangekarrt; dichtes Gedr\u00e4nge, Esel und Kamele, Feinb\u00e4cker und Schlachter an jeder Ecke; Gew\u00fcrzwein und Rauschtrank wurden feilgeboten und gute Gesch\u00e4fte gemacht; Fl\u00fcche und Gel\u00e4chter, Bettler, Gaukler und Musikanten \u2013 nicht viel anders als auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt.<\/p>\n<p>Und da war der Tempel des Herodes, ein pr\u00e4chtiger Monumentalbau, der alles bisher Gesehene in den Schatten stellte. Und Jesus mitten drin &#8211; als h\u00e4tte er gewusst, dass sich sein Geschick in den Mauern dieser Stadt erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>Merkw\u00fcrdig ist da nur, dass er sich nicht wie ein Fremder verh\u00e4lt. Vielmehr bewegt er sich in den Tempelh\u00f6fen als w\u00e4re er dort schon immer zu Hause gewesen. Nicht als sch\u00fcchterner J\u00fcngling vom Lande trat er auf, der Augen, Mund und Nase aufsperrte und Baukl\u00f6tzer staunte \u00fcber die reichen, vornehmen Hauptst\u00e4dter. Er dr\u00fcckte sich auch nicht unsicher und verlegen an die Seite, sondern wusste sich Geh\u00f6r zu verschaffen. Wer ihm schon einmal \u00fcber den Weg gelaufen war, war verwundert \u00fcber den jungen Mann.<\/p>\n<p>\u00bbDen kennen wir doch, das ist doch Jesus, der Sohn der Maria und des Josef aus Nazaret, der Herumtreiber. Was hat der denn hier das gro\u00dfe Wort zu f\u00fchren? Der spielt sich ja auf, als w\u00e4re er der Messias pers\u00f6nlich.\u00ab<\/p>\n<p align=\"center\">III<\/p>\n<p><em> Und Jesus rief laut im Tempel und lehrte.<br \/>\n<\/em>Jetzt h\u00e4lt er ihnen und an diesem Abend wohl auch uns seine Weihnachtspredigt:<\/p>\n<p><em> \u00bbIhr kennt mich und wisst woher ich bin. <\/em> Ihr wisst immer schon Bescheid. Eure Urteile stehen fest: \u201a<em>Was kann aus Nazaret schon Gutes kommen?\u2019 <\/em>Was soll aus dem denn schon werden, der keinen Bock hat auf Arbeit? Wie will die denn mit dem dritten Kind fertig werden, wenn ihr bereits die ersten beiden \u00fcber den Kopf gewachsen sind? Was soll man von dem feinen Pinkel schon anderes erwarten, der ja doch nur an seinen Profit denkt? Und die Politiker, das wei\u00df man doch: gro\u00dfe Reden, viel versprochen, wenig gehalten. Wehe, wehe, wehe, wenn ich an das Ende sehe!<\/p>\n<p>Ja, so denkt ihr, ihr und eure Urteile. Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. Wisst ihr das? Nichts wisst ihr! <em>Ich bin nicht von mir selbst aus gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt. Ich aber kenne ihn; denn ich bin von ihm, und er hat mich gesandt.\u00ab <\/em><\/p>\n<p>Was f\u00fcr eine merkw\u00fcrdige Weihnachtspredigt! Die H\u00f6rer im Tempel von Jerusalem hat sie offenbar so erregt, dass \u2013 wie gleich danach zu lesen ist &#8211; einige seine Verhaftung forderten. Was ist da nur aus dem anr\u00fchrenden Kind in der Krippe geworden, ein unwilliger, zorniger junger Mann? Einer, den keiner mehr versteht?<\/p>\n<p>Vor Jesus, dem Christus, schmilzt all unser Wissen dahin wie der Schnee in der Sonne. Hier begegnet ein Mensch, der mehr ist als seine Herkunft, sein Elternhaus, sein Beruf; mehr als seine Erfolge oder auch Pleiten. Hier hat sich keiner selbst zum Guru gemacht und auch nicht zum Verlierer. Er kommt nicht wie die Weihnachtsm\u00e4nner vom Arbeitsamt oder wie Opa aus Magdeburg. Dieser Mensch kommt aus der Wahrheit, aus Gott. Ja, er ist <em>der Weg, die Wahrheit und das Leben. <\/em><\/p>\n<p>Jesus, das Sorgenkind &#8211; der Sohn Gottes. Wer darf das von sich behaupten? Nur einer, der nichts f\u00fcr sich selber will. Nur einer, f\u00fcr den wir mehr sind als unsere Herkunft, unser Elternhaus, unser Beruf, unser Geldbeutel, unsere Erfolge. Nur einer, der den Vater nicht f\u00fcr sich gepachtet hat, sondern uns einl\u00e4dt, alle miteinander als Gottes Kinder, als seine Schwestern und Br\u00fcder zu leben.<\/p>\n<p>Deswegen hat die Christenheit und alle Welt guten Grund, sich zu freuen. Denn in dieser Nacht wurde nicht nur Gottes Sohn geboren, sondern Jesus, der unser aller Bruder ist. Du hast einen Bruder bekommen, dem mehr an dir liegt als an seinem eigenen Leben.<\/p>\n<p>Daher gilt es jetzt, still zu werden und in Gedanken an seine Krippe zu treten, um das Wunder des Lebens zu bestaunen, das da geschehen ist: <em>Das Wort ward Fleisch. <\/em>Und irgendwie kann man\u2019s heraush\u00f6ren aus dem Greinen des Kindes: <em>Ich lebe und ihr sollt auch leben.<\/em><\/p>\n<p>Und f\u00fcr jeden hat er da einen Platz an der Krippe, f\u00fcr die Hirten und die Weisen aus dem Morgenland. Da stehen auch die Lebem\u00e4nner ganz bescheiden im Hintergrund. Und die Aufschneider sparen sich ihre gro\u00dfen Worte, denn es ist ja noch so klein, das Kind, so schwach, die Wahrheit. Und die Verlierer strahlen als h\u00e4tten sie einen Sechser im Lotto gewonnen. Sie grummeln fast ein wenig stolz: unser Bruder! Und die \u00fcberforderte Mutter atmet tief durch: Ich schaffe das, ich will das Kind. Und die Sorgenkinder halten es behutsam im Arm und ermahnen sich: Vorsicht, nicht fallen lassen! Es ist ja so zerbrechlich, ein Menschenleben, das wissen wir doch.<\/p>\n<p>Und da stellen sie sich wie von selber ein, die vertrauten Worte, wie ein Chor, der aus der Ferne singt:<\/p>\n<p align=\"center\"><em> Ich steh an deiner Krippe hier,<br \/>\n<\/em><em>o Jesu, du mein Leben.<br \/>\n<\/em><em>Ich komme, bring und schenke dir,<br \/>\n<\/em><em>was du mir hast gegeben.<br \/>\n<\/em><em>Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn,<br \/>\n<\/em><em>Herz, Seel und Mut, nimm alles hin<br \/>\n<\/em><em>und lass dir\u2019s wohlgefallen. <\/em><\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p class=\"Stil1\"><strong>Prof.Dr. R\u00fcdiger Lux <\/strong><br \/>\n<strong>Finkenweg 4, <\/strong><br \/>\n<strong>04288 Leipzig-Holzhausen <\/strong><br \/>\n<strong><a href=\"mailto:lux@rz.uni-leipzig.de\"> lux@rz.uni-leipzig.de<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heiliger Abend, 24. Dezember 2006 Predigt zu Johannes 7, 28-29, verfa\u00dft von R\u00fcdiger Lux Liebe Schwestern und Br\u00fcder Jesu, diese Anrede mag ihnen ein wenig plump vertraulich, fromm oder altv\u00e4terlich klingen. Aber wenn es einen Abend im Jahr gibt, an dem sie ihren Ort hat, dann ist es der Heilige Abend. Ein Abend der gro\u00dfen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":14952,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[39,727,157,853,545,384,349,3,109,1397],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-11597","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-johannes","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-christvesper","category-kapitel-07-chapter-07","category-kasus","category-nt","category-predigten","category-ruediger-lux"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11597","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11597"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11597\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":17483,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11597\/revisions\/17483"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/14952"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11597"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11597"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11597"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=11597"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=11597"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=11597"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=11597"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}