{"id":11601,"date":"2006-12-07T19:48:47","date_gmt":"2006-12-07T18:48:47","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11601"},"modified":"2025-04-08T15:23:50","modified_gmt":"2025-04-08T13:23:50","slug":"johannes-7-28-29-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-7-28-29-5\/","title":{"rendered":"Johannes 7, 28-29"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Heiliger Abend | 24. Dezember 2006 | \u00a0Johannes 7,28-29 | Monika Waldeck |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>\u201eAlle Jahre wieder, kommt das Christuskind&#8230;\u201c<\/p>\n<p>Wir feiern Weihnachten, alle Jahre wieder.<br \/>\nViele von uns begehen das Fest zu Hause in ihren Familien jedes Jahr gleich.<br \/>\nEs soll so sein wie immer, wie in der eigenen Kindheit, wie fr\u00fcher.<br \/>\nPl\u00e4tzchen backen, Weihnachtsbaum aufstellen, das Weihnachtsessen, der Kirchgang mit der Weihnachtsgeschichte.<\/p>\n<p>Auch hier in der Kirche ist alles wie letztes Jahr. Wir haben den Baum aufgestellt, ihn geschm\u00fcckt mit Strohsternen und Kerzen, wir h\u00f6ren das Weihnachtsevangelium und singen die alten Lieder.<br \/>\nAlle Jahre wieder wollen wir die Welt f\u00fcr einen Moment aus den Augen von Kindern sehen.<\/p>\n<p>Dass es oft nicht so harmonisch zugeht, wie wir es uns w\u00fcnschen, ist auch eine Erfahrung.<br \/>\nDa gibt es gerade bei jungen Paaren schon mal Stress um die Frage, wie genau denn der Ablauf des Festes sein soll, so wie bei ihr oder bei ihm fr\u00fcher.<br \/>\nDa wollen die Kinder etwas anderes als die Eltern, da muss man zu Weihnachtsfeiern, die man nicht mag und all der Rummel in der Stadt ist auch nicht jedermanns Sache.<\/p>\n<p>Und doch warten wir jedes Jahr neu auf dieses Fest mitten im Winter, in der dunklen Jahreszeit.<\/p>\n<p>Weihnachten ist eine Reise in die Urzeit der eigenen Lebensgeschichte, so hat es der Philosoph Ernst Bloch beschrieben, in die Kindheit, in ein Land der Sehnsucht, die wir auch gerade als erwachsene, vern\u00fcnftige, durch die Realit\u00e4t und Lebenserfahrung zurechtgestutzte Menschen erleben m\u00f6chten.<\/p>\n<p>Vieles ist alle Jahre gleich, aber nicht alles.<br \/>\nDa ist im letzten Jahr in einer Familie ein Kind geboren worden, es ist im Gottesdienst heute dabei.<br \/>\nJemand hat eine Arbeit gefunden, unerwartet und freut sich dar\u00fcber.<br \/>\nEin Mann hat sich keinen Weihnachtsbaum aufgestellt, er ist dazu nicht in der Stimmung, denn seine Frau ist vor einiger Zeit verstorben. Letztes Jahr haben sie noch zusammen gefeiert, jetzt ist er allein.<br \/>\nEine Frau hat vor einigen Monaten erfahren, dass sie eine schwere Krankheit hat. Sie fragt sich, wie oft sie noch Weihnachten feiern wird.<\/p>\n<p>Vieles ist alle Jahre gleich, aber nicht alles. Gerade an Weihnachten denken wir an das, was sich ver\u00e4ndert hat.<br \/>\nEs ist, als zeige gerade dieses Fest \u201ealle Jahre wieder\u201c die Entwicklungen unserer Lebensgeschichte.<\/p>\n<p>Das macht uns d\u00fcnnh\u00e4utiger als sonst. Weihnachten ist auch ein bedrohliches Fest, weil Sehnsucht, hochgesteckte Erwartung und Realit\u00e4t erbarmungslos aufeinandertreffen und Menschen wehrloser oder auch reizbarer als sonst machen kann.<br \/>\nEin Widerspruch gegen den Leistungs- und Erfolgszwang dr\u00fcckt sich Weihnachten aus, der Wunsch nach gegl\u00fcckten Beziehungen, nach dem Zulassen von Gef\u00fchlen und der Gefahr, dass sie einen \u00fcberfluten und aus Entt\u00e4uschung \u00fcber unerf\u00fcllte Erwartungen Einsamkeit und Wut erw\u00e4chst.<\/p>\n<p>So betrachtet, liebe Gemeinde, ist Weihnachten eine sehr sensible Angelegenheit.<br \/>\nEs ist ein spannungsvolles Fest.<br \/>\nViele ersehnen es so sehr wie sie es f\u00fcrchten. Es spiegelt die Spannung zwischen Aufbruch und R\u00fcckblick, Wiederholung und Ver\u00e4nderung, Erinnerung und Erwartung. Es geht um nichts weniger als die Frage nach dem Sinn und Ziel unseres Lebens.<br \/>\nDas ist f\u00fcr Christinnen und Christen die Frage nach Gott, der Herkunft und Lebensaufgabe seines Sohnes Jesus Christus.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber erz\u00e4hlt auch unser Predigttext, der beim ersten H\u00f6ren gar nicht weihnachtlich daherkommt.<br \/>\nHier begegnet uns Jesus als Erwachsener in einem Streitgespr\u00e4ch:<\/p>\n<p><strong>Jesus sprach gerade im Tempel. Er rief mit lauter Stimme:\u201c Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. Aber ich bin nicht im eigenen Auftrag gekommen. Aber der mich gesandt hat, ist ein Wahrhaftiger. Ihr kennt ihn nicht. Aber ich kenne ihn; denn ich komme von ihm und er hat mich gesandt.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Um die Frage danach, woher Jesus kommt, geht es hier. Um die Frage nach seiner Identit\u00e4t.<br \/>\nJesus macht deutlich, dass er ein wirklicher Mensch ist, der Sohn eines Zimmermannes, mit Heimat und Familie, ein Mensch mit Geschichte.<br \/>\nAber darin geht er nicht auf. Ein anderer verf\u00fcgt \u00fcber ihn, hat ihn gesandt, Gott, der Wahrhaftige.<br \/>\nEr geh\u00f6rt auch auf diese Seite, auf die Seite Gottes. Er lebt mit uns, aber er weist gleichzeitig \u00fcber unser Leben hinaus auf die Ewigkeit.<\/p>\n<p>Vielleicht ist es auch unsere Frage, denn in besonderer Weise besch\u00e4ftigen wir uns am Weihnachtsabend mit den Ver\u00e4nderungen und Umbr\u00fcchen unserer eigenen Lebensgeschichte und suchen nach dem, was Halt gibt und bleibt.<br \/>\n\u201eDa schleu\u00dft er wieder auf die T\u00fcr zum sch\u00f6nen Paradeis\u201c, so hei\u00dft es in dem sch\u00f6nen alten Weihnachtslied.<br \/>\nEr wendet sich uns zu, heute, jetzt.<\/p>\n<p>Und wir haben es bitter n\u00f6tig.<br \/>\nDenn unsere Welt ist auch in diesem Jahr nicht friedvoller geworden. Noch immer hungern mehr als 850 Mill. Menschen auf der Welt, sterben Kinder im Krieg und auf der Flucht, werden gnadenlos sexuell ausgebeutet. Noch immer.<br \/>\nDa ist es nicht selbstverst\u00e4ndlich, dass wir ein Dach \u00fcber dem Kopf haben, genug zu essen, Zugang zu Bildung und dass wir in einem freien Land leben.<br \/>\nDas Selbstverst\u00e4ndliche ist gar nicht so selbstverst\u00e4ndlich, diese Erfahrung machen auch bei uns viele Menschen jeden Tag.<br \/>\nDa w\u00fcnschen wir uns, dass es wenigstens einen Menschen gibt, mit dem wir unsere Freude und unsere Sorge teilen k\u00f6nnen, der uns liebt und der uns vertraut.<br \/>\nAuch das ist keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, denn die Einsamkeit ist gro\u00df in einer Zeit, die durch ein hohes Lebenstempo gro\u00dfe Anpassungsleistungen von Menschen verlangt.<\/p>\n<p>Unsere Fragen, Erinnerungen und Hoffnungen h\u00e4ngen zusammen mit der Geschichte vom Kind im Stall von Bethlehem, das dann der Mann aus Nazareth wurde, erwachsen wie wir.<br \/>\nEs ist, als w\u00e4ren unsere Fragen nach uns selbst in geheimnisvoller Weise an ihn gerichtet. Als bek\u00e4men wir Klarheit \u00fcber uns selbst, wenn wir wissen, wer er ist.<\/p>\n<p>Jesus sagt, er kommt von Gott, der hat ihn gesandt. Das verstanden seine damaligen Mitmenschen nicht.<br \/>\nAber wir, die wir heute hier seine Geburt feiern, wir wissen darum, denn mit Jesu Geburt setzt Gott etwas Neues in die Welt. Er will uns zeigen, dass er uns nahe ist, mit uns zu tun haben will. Er wird ein Mensch wie wir.<\/p>\n<p>Hannah Arendt, die gro\u00dfe Philosophin hat einmal gesagt, das Besondere am Menschen sei nicht seine Sterblichkeit, die gelte auch f\u00fcr Tiere und Pflanzen. Das Besondere sei die menschliche F\u00e4higkeit, etwas Neues beginnen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Mag sein, dass manche von uns der festlichen Stimmung in diesem Jahr misstrauen, weil wir wissen, wie br\u00fcchig sie sein kann.<br \/>\nMag sein, dass uns gerade zu Weihnachten traurig zumute ist, weil es so anders ist als fr\u00fcher.<br \/>\nMag sein, dass Gott uns fremd geworden ist und Glaube ein Fremdwort. Aber \u2013 er redet uns an.<\/p>\n<p>Er sagt uns am heutigen Abend: Ich komme vom Vater, in mir vereint sich G\u00f6ttliches und Menschliches. Der Gegensatz von Himmel und Erde ist in mir aufgehoben.<br \/>\nMein Wort will euch begleiten, meine Liebe euch umgeben. F\u00fcrchtet euch nicht, denn ich bin bei euch heute, aber auch an allen anderen Tagen eures Lebens, den sch\u00f6nen und den schweren.<br \/>\nDarum k\u00f6nnt ihr Menschen werden, die mutig und zuversichtlich in den Tag gehen, der morgen kommt.<br \/>\nAuch und besonders in diesem Jahr sei Friede mit Euch.<\/p>\n<p>Das feiert. Davon singt. Dar\u00fcber freut Euch.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Monika Waldeck<br \/>\nKlinikpfarrerin in Bad Sooden-Allendorf<br \/>\n<a href=\"mailto:waldeck.esg-wiz@ekkw.de\">waldeck.esg-wiz@ekkw.de <\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heiliger Abend | 24. Dezember 2006 | \u00a0Johannes 7,28-29 | Monika Waldeck | \u201eAlle Jahre wieder, kommt das Christuskind&#8230;\u201c Wir feiern Weihnachten, alle Jahre wieder. Viele von uns begehen das Fest zu Hause in ihren Familien jedes Jahr gleich. Es soll so sein wie immer, wie in der eigenen Kindheit, wie fr\u00fcher. 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