{"id":11613,"date":"2021-02-07T19:48:49","date_gmt":"2021-02-07T19:48:49","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=11613"},"modified":"2023-03-10T11:54:18","modified_gmt":"2023-03-10T10:54:18","slug":"johannes-7-28-29-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-7-28-29-2\/","title":{"rendered":"Johannes 7, 28-29"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Heiliger Abend, 24. Dezember 2006<br \/>\nPredigt zu Johannes 7, 28-29, verfa\u00dft von Christoph Dinkel <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Der Predigttext f\u00fcr den heutigen Abend steht in Johannes 7 die Verse 28+29:<br \/>\n<em>Da rief Jesus, der im Tempel lehrte: Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. Aber nicht von mir selbst aus bin ich gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt. Ich aber kenne ihn; denn ich bin von ihm, und er hat mich gesandt.<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>In einem Brief an einen Kollegen hat sich der Soziologe Max Weber einmal als \u201ereligi\u00f6s unmusikalisch\u201c bezeichnet. Er sei weder antireligi\u00f6s noch irreligi\u00f6s, nur eben \u201ereligi\u00f6s absolut unmusikalisch\u201c. Webers Formulierung ist zu einer stehenden Wendung geworden. Viele haben sich seitdem in \u00e4hnlicher Weise als \u201ereligi\u00f6s unmusikalisch\u201c bezeichnet, in j\u00fcngere Zeit besonders prominent die Philosophen J\u00fcrgen Habermas und Richard Rortry. Religion, so unterstellt die Formulierung, ist eine Sache der Begabung, etwas, das man nicht lernen und sich nicht aneignen kann, Religion ist ein Gesp\u00fcr, das man eben hat oder nicht. In der Tat, der Glaube ist nicht jedermanns Ding, das hat schon der Apostel Paulus im zweiten Thessalonicherbrief festgestellt (2. Thessalonicher 3,2). Aber das hei\u00dft noch lange nicht, dass religi\u00f6se Unmusikalit\u00e4t ein unabwendbares Schicksal ist. Bei Kindern unternimmt man heute ja auch einiges, um selbst bescheidene musikalische Begabungen nach Kr\u00e4ften zu f\u00f6rdern. Kinder erhalten musikalische Fr\u00fcherziehung und werden zum Kinderchor geschickt. Und dort zeigt sich dann schnell, dass eigentlich kaum jemand v\u00f6llig unmusikalisch ist. Das l\u00e4sst hoffen, dass es sich auch bei der religi\u00f6sen Unmusikalit\u00e4t eher um einen Mangel an Bildung und \u00dcbung und eben nicht um Schicksal handelt.<\/p>\n<p>Jesus jedenfalls \u2013 in unserem Predigttext \u2013 sieht seine Zuh\u00f6rer keinesfalls als hoffnungslose F\u00e4lle an. Er spricht sie zwar als solche an, die Gott nicht kennen, aber er sieht durchaus Chancen, dass sich das \u00e4ndern k\u00f6nnte. Er selbst n\u00e4mlich, Jesus, kennt Gott sehr gut, denn der hat ihn zu den Menschen und in die Welt gesandt. Jesus beansprucht f\u00fcr sich mithin ein hohes Ma\u00df an religi\u00f6ser Musikalit\u00e4t, er sieht sich gleichsam mit einem \u201eabsoluten Geh\u00f6r\u201c f\u00fcr die Angelegenheiten des religi\u00f6sen Musikwesens ausgestattet \u2013 und wer wollte ihm dies absprechen?<\/p>\n<p>Wie aber zeigt sich eigentlich religi\u00f6se Musikalit\u00e4t? Woran w\u00e4re sie denn zu erkennen? Auch dazu gibt unser Predigttext Hinweise. In der Tat ist religi\u00f6se Musikalit\u00e4t \u00e4hnlich der musikalischen Musikalit\u00e4t eine Frage der genauen Wahrnehmung. Seinen Zuh\u00f6rern sagt Jesus: \u201eIhr kennt mich und wisst, woher ich bin.\u201c Aber wie Jesus das sagt, wird deutlich, dass seine Zuh\u00f6rer keinesfalls schon wirklich wissen, wer da vor ihnen steht. Sie denken sie kennen Jesus: Klar, das ist der religi\u00f6se Lehrer aus Nazareth, sein Vater war Zimmermann und hie\u00df Joseph, seine Mutter hei\u00dft Maria. Diese Fakten sind bekannt. Jesus geht es auch keinesfalls darum, sie in Abrede zu stellen. Ihm geht es vielmehr darum, dass seine Zuh\u00f6rer hinter diesen vordergr\u00fcndigen Tatsachen noch eine zweite Realit\u00e4t wahrnehmen, n\u00e4mlich, dass er von Gott gesandt ist und dass in dem, was er sagt und tut, Gott selbst in seinem Reden und Handeln zu erkennen ist. Jesus versucht seine Zuh\u00f6rer mithin sensibel zu machen f\u00fcr die verborgene Wirklichkeit Gottes, die hinter den puren Tatsachen liegt und die deshalb nur bei erh\u00f6hter Aufmerksamkeit wahrgenommen werden kann. Jesus gibt seinen Zuh\u00f6rern sozusagen einen kleinen religi\u00f6s-musikalischen Erziehungskurs.<\/p>\n<p>Schauen wir aus dem Blickwinkel religi\u00f6ser Musikalit\u00e4t auf die beiden Weihnachtsgeschichten der Bibel im Lukas- und im Matth\u00e4usevangelium, so f\u00e4llt auf, dass auch in ihnen die religi\u00f6s-musikalische Begabungen durchaus unterschiedlich verteilt sind. Maria und Elisabeth, die beiden Kusinen, sind wohl die religi\u00f6s musikalischsten von allen Beteiligten. Ihnen muss man nicht lange erkl\u00e4ren, was die Schwangerschaft Marias bedeutet. Sie wissen, dass das Kind in Marias Bauch zugleich Gottes Sohn ist. Joseph ist da schon schwerer von Begriff. Aber mit Hilfe nachhaltiger Lektionen durch einen Gottesboten wird auch er sensibel f\u00fcr das gro\u00dfe Ereignis und steht Maria und dem Jesuskind bei. Die Hirten auf dem Feld bei Bethlehem und die Weisen aus dem Morgenland scheinen in Punkto religi\u00f6ser Musikalit\u00e4t echte Naturbegabungen zu sein. Den Hirten gen\u00fcgt der Hinweis des Engels und den Weisen ein Stern am Himmel, um sich auf den Weg zu machen, den neugeborenen Gottessohn zu besuchen. Hirten wie Weise, das f\u00e4llt auf, sind Menschen, die viel Zeit zu ruhigem Beobachten haben. Sie sind sensibel f\u00fcr kleinste Ver\u00e4nderungen, andernfalls w\u00fcrden sie am Himmel nichts wahrnehmen oder drohende Gefahren f\u00fcr ihre Herde nicht rechtzeitig erkennen. Religi\u00f6s total unbegabt ist hingegen der K\u00f6nig Herodes. Er f\u00fcrchtet, das neugeborene Kind k\u00f6nne seinem Herrschaftsanspruch gef\u00e4hrlich werden und trachtet ihm deshalb nach dem Leben. Herodes spielt in der Weihnachtsgeschichte sozusagen die Rolle des religi\u00f6sen Banausen, der von Tuten und Blasen \u00fcberhaupt keine Ahnung hat.<\/p>\n<p>Wo aber w\u00fcrden wir uns auf der Skala religi\u00f6ser Musikalit\u00e4t einordnen? Als Banause w\u00fcrde sich hoffentlich niemand von uns sehen, schlie\u00dflich sind Sie und seid Ihr ja alle in die Kirche zum Heiligabendgottesdienst gekommen. Ans\u00e4tze f\u00fcr religi\u00f6se Musikalit\u00e4t sind also mindestens vorhanden. Bei vielen wird es \u00fcber Ans\u00e4tze sogar weit hinausgehen. Sicher sind sogar einige Hochbegabte in Sachen Religion unter uns, die Kinder zum Beispiel. Kinder, darauf hat Jesus schon hingewiesen, sind ihren Eltern in religi\u00f6sen Fragen oft weit voraus. Von ihrer Sensibilit\u00e4t f\u00fcr Gottes verborgene Welt k\u00f6nnten die meisten Erwachsenen viel lernen.<\/p>\n<p>Aber ob wir nun religi\u00f6s nur m\u00e4\u00dfig oder im Gegenteil hoch musikalisch sind \u2013 die Weihnachtsbotschaft ist f\u00fcr alle bestimmt. Weihnachten lehrt uns, auf die verborgene Welt Gottes zu achten. In einem \u00e4rmlichen Stall, abseits der Weltgeschichte kommt Gott als kleines Kind zur Welt. Die himmlische Macht setzt sich in Jesus den Gefahren und Risiken irdischen Lebens aus. Ein sterblicher Mensch wird zum Werkzeug und Boten Gottes. In all seinen Worten und in all seinen Taten steht Jesus f\u00fcr Gottes Liebe zu den Menschen ein. Durch Jesu Reden und Handeln hindurch erkennen wir den Sch\u00f6pfer unseres Lebens, der sich uns Menschen zuwendet und die Welt erneuern will. Diese Botschaft von Weihnachten ist nicht immer leicht zu glauben. Manches in unserem Leben spricht gegen sie. Oft wird die Botschaft von Gottes Liebe auch \u00fcbert\u00f6nt vom l\u00e4rmenden Trubel unseres Alltags, von all dem \u00c4rger und all den Freuden, denen wir t\u00e4glich ausgesetzt sind. Aber einmal im Jahr, wenigstens einmal im Jahr sch\u00fctteln wir ab, was uns f\u00fcr gew\u00f6hnlich gefangen nimmt. Wenigstens einmal im Jahr, wenigstens heute wollen wir uns auf unsere Begabung besinnen und unsere brachliegende religi\u00f6se Musikalit\u00e4t beleben. Mit Krippe und Baum, mit Geb\u00e4ck und Geschenken, mit Kerzen und Zimtgeruch wecken wir unsere Sinne auf und werden aufmerksam auf die Welt Gottes, die hinter den einfachen Tatsachen unserer Welt zu erkennen ist. Allen Einw\u00e4nden, allen Entt\u00e4uschungen und Zweifeln zum Trotz nehmen wir an Weihnachten die Botschaft wahr, dass Gott diese Welt mit ihrem Gl\u00fcck und ihrem Leid tr\u00e4gt, dass Gottes Sohn in Jesus zu uns gekommen ist und dass Gott uns Menschen liebt, ganz gleich, ob wir religi\u00f6s nun besonders musikalisch sind oder nicht. \u2013 Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>+++<br \/>\nZitatnachweis: \u201eIch bin zwar religi\u00f6s absolut unmusikalisch und habe weder Bed\u00fcrfnis noch F\u00e4higkeit, irgendwelche seelischen \u201aBauwerke\u2019 religi\u00f6sen Charakters in mir zu errichten&#8230;, aber ich bin nach genauer Pr\u00fcfung weder antireligi\u00f6s noch irreligi\u00f6s\u201c (Max Weber zit. nach: Volker Drehsen, Protestantische Religion und praktische Rationalit\u00e4t&#8230;, in: Wolfgang Steck (Hrsg.), Otto Baumgarten. Studien zu Leben und Werk (Schriften des Vereins f\u00fcr Schleswig-Holsteinische Kirchengeschichte II\/41), Neum\u00fcnster 1986, 197-235. 230, Anm. 42.)<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Christoph Dinkel<br \/>\nPfarrer<br \/>\nG\u00e4nsheidestra\u00dfe 29<br \/>\n70184 Stuttgart<br \/>\nE-Mail: <a href=\"mailto:dinkel@email.uni-kiel.de\">dinkel@email.uni-kiel.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heiliger Abend, 24. Dezember 2006 Predigt zu Johannes 7, 28-29, verfa\u00dft von Christoph Dinkel Der Predigttext f\u00fcr den heutigen Abend steht in Johannes 7 die Verse 28+29: Da rief Jesus, der im Tempel lehrte: Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. 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